Über 15 Jahre gab Wölli für die Toten Hosen als Schlagzeuger den Takt an, jetzt greift er als Sänger noch einmal an und hat mit „Das ist noch nicht alles“ soeben sein erstes Soloalbum veröffentlicht. Schließlich ist es beim Rock'n'Roll wie beim Fußball: Keiner sitzt gerne auf der Bank, alle wollen auf den Rasen, spielen und Tore schießen. Zu seinem Comeback haben wir unser Ehren- und Familienmitglied interviewt – viel Spaß.

Wölli, seit langer Zeit warst du wieder im Studio und hast eine Platte eingespielt. Wie sind die Aufnahmen gelaufen und wie fing alles an?

Wie man hört, richtig gut (lacht). Die Sache hat sich langsam in den letzten Jahren entwickelt. Nach meinem Verkehrsunfall und dem daraus resultierenden Ausscheiden bei den Hosen habe ich mich erst mal lange um die Förderung junger Bands gekümmert. Aber den ganzen Tag mit dem Arsch auf dem Schreibtischstuhl kleben, ist dann doch nicht so mein Ding. Ich bringe immer gerne den Vergleich mit Fußball und Rock’n’Roll: Keiner sitzt gerne auf der Bank, alle wollen auf den Rasen, Tore schießen und spielen – und so war es auch bei mir!

Angefangen hat alles, als ich mit ein paar Jungs spaßeshalber den Vicky Leandros Song „Ich liebe das Leben“ gecovert habe und nachher alle begeistert von meiner Stimme waren. So kam dann eins zum anderen.

Zuerst habe ich noch gesagt „Mach die Stimme nicht so laut, man hört ja alles“, aber nach und nach stieg mein Selbstvertrauen und inzwischen finde ich, dass ich eine richtig geile Stimme habe. (lacht)

Willi & die Band des Jahres, 2011

Wölli & die Band des Jahres – welchen Background hat deine Band?

Ganz ursprünglich hieß das Ding „Goldene Zeiten Orchester“ und die eigentliche Idee war, mit den verschiedensten Musikern aus dem Bandpool meines Labels und Musikverlags, Lieder einzuspielen. Ich habe dann einfach in die Runde gefragt „Hör mal, ich habe einen Song, der geht ein bisschen in die Richtung, hast Du nicht Bock, hier Gitarre, Schlagzeug oder sonst was zu spielen?“ – deswegen hieß das auch „Orchester“ und nicht „Band“, weil es ziemlich offen war und immer neue Musiker dazukamen. Allerdings wurde der Aufwand irgendwann zu groß. Wenn Du mit 20 Musikern zusammenarbeitest, musst Du jeden Tag drei, vier Stunden im Proberaum verbringen. Außerdem hatte sich inzwischen auch eine Stammformation herauskristallisiert, das war dann für mich die „Band des Jahres“... und ich muss sagen, ich bin wirklich stolz und glücklich, dass ich als Anfänger vor dem Mikro, so eine tolle Band im Rücken habe. Das macht richtig Spaß. Gigi (Gitarre) und Tim (Bass) waren vorher zum Beispiel bei „Stigma“, die hier in der Ecke immer ganz gut für Schlagzeilen gesorgt haben – also, alles keine Neulinge auf der Bühne.

Neben deiner Band waren auch die Toten Hosen bei einigen Aufnahmen dabei. Was war das für ein Gefühl nach all den Jahren, wieder mit Deiner „alten Familie“ im Studio zu stehen?

Wölli & Die Band des Jahres (feat. Campino) - »Alles nochmal von vorn«

Das war richtig geil. Als die Hosen gerade im Studio waren, lud mich Campino übers Wochenende ein, um mit mir die Texte zu überarbeiten und die Single „Alles nochmal von vorn“ einzusingen.

Campino hat mir wirklich sehr geholfen und die Platte richtig rund gemacht. Ich wäre aber auch dumm, wenn ich die Erfahrung eines so guten Entertainers, Sängers und Texters nicht nutzen würde. Bei der Single waren dann Kuddel, Andi und Breiti auch am Start – also für mich war das Gefühl ganz schnell wieder da, als würden wir zusammen eine neue Platte aufnehmen. Es war, als wäre die Zeit stehengeblieben und nachdem wir fertig waren, wusste ich auch, das muss was werden, das wird richtig gut. Ich glaube auch, dass die Jungs ein bisschen stolz auf mich sind, dass der alte Mann, der früher „nur“ die Felle bearbeitet hat, noch mal um die Ecke kommt und eigene Songs schreibt. Ich bin den Jungs wirklich dankbar, dass sie sich da noch mal mit eingeklinkt haben – das war ein ganz tolles Erlebnis für mich.

Der Kontakt ist über die ganzen Jahre nie abgebrochen, ihr seid alle nach wie vor befreundet und auch im Studio lief alles wie geschmiert - eine Familie fürs Leben?

Ich werde natürlich häufig gefragt „Wie ist das denn jetzt 10 Jahre nach den Hosen?“ und muss mich einfach immer wiederholen: Wenn ich zurückdenke, habe ich mit den Hosen die 15 schönsten Jahre meines Lebens verbracht. Wir sind von ganz unten nach ganz oben durchgestartet und waren teilweise 300 Tage im Jahr zusammen. Ich hab’ mit den Jungs die ganze Welt bereist. Wir haben wirklich was geschaffen, wir waren keine Castingband, die über Nacht nach oben geschossen ist, sondern haben uns alles Jahr für Jahr erarbeitet. Wir sind zusammen durch dick und dünn gegangen, haben uns mit Skinheads geprügelt und keiner ist weggelaufen.

So etwas hält fürs Leben. Ich war in den letzten 10 Jahren bei allen Konzerten im Umkreis von 200 Kilometern. Ich hab’ mir 2009 sogar fünfmal den ISS Dome zu Weihnachten reingezogen. Ich bin stolz darauf, wenn ich die Band besuche und sehe, wie die immer noch auf der Bühne abgeht.

Ich möchte an dieser Stelle noch mal meinen Platz in unserer Gemeinschaftsgruft anmelden, darauf bestehe ich weiter. Wenn ich ein paar Meter Erde über mir habe, dann bitte da, wo auch die Jungs später irgendwann liegen werden!

Du hast jetzt schon etwas aus deiner Zeit mit den Hosen erzählt, gibt es auch aktuelle Anekdoten, zum Beispiel aus dem Studio, die Du erzählen kannst?

Die Studiozeit war ein bisschen kurz, da konnte sich nicht so viel entwickeln. Aber schön war die Arbeit am Text von „Two Drunken Drummers“. Wir fanden alle die erste Strophe noch nicht gut und hatten überhaupt keine Idee, was wir damit machen sollten. Da ergab dann ein Wort das andere und wir haben nur noch gelacht. Doch, ich muss sagen, so viel Spaß habe ich auch nicht während der ganzen Hosen-Zeit gehabt. Das war schon ziemlich einmalig.

Dreharbeiten zum Film "Langer Samstag", 1992

Hast Du spezielle Erwartungen an das Album, die erfüllt werden müssten? Gibt es einen gewissen Erfolgsdruck oder kannst Du das eher locker sehen?

Ich sehe das ganz locker, aber ich will auf die 1, ist doch klar (lacht). Den dazugehörigen Song „Nummer 1“ gibt es sogar direkt auf dem Album - damit ist alles geschrieben, gesagt und besungen. Natürlich habe ich den Anspruch nicht unter den Erwartungen der Plattenfirma zu liegen und möchte ein erfolgreiches Album abliefern. An Verkaufszahlen und Chartpositionen hänge ich mich allerdings nicht auf, das ist eine andere Geschichte, aber zumindest ein Achtungserfolg sollte drin sein. ...und die Kritiken, die ich bisher gelesen habe, zeigen, dass wir auf dem richtigen Weg sind.

Kann man sagen, dass Du Dir mit der Platte einen kleinen Traum erfüllt hast?

Ein Traum ist so eine Sache, da versucht man über Jahre oder Jahrzehnte hinzukommen. Dass ich mich unbedingt noch mal zeigen und als Texter, Komponist und Sänger beweisen wollte, war eigentlich nicht mein Traum, sondern hat sich eher so ergeben. Mein Wunsch war es, genug Material für ein komplettes Album zusammenzubekommen, das hat sich entwickelt und erfüllt. Der Traum kam während des Träumens sozusagen.

Willi & die Band des Jahres – Das ist noch nicht alles, 2011

Ein paar Jährchen hast Du schon auf dem Buckel, aber Altersmüdigkeit kennst Du anscheinend gar nicht. Hat Dich der Rock’n’Roll jung gehalten?

Ich glaube schon. 1986 kam der Ruf hier vom Rhein nach Berlin „Haste nicht Bock?“ und ich war damals schon 36, die anderen gerade mal Anfang 20. Über die ganzen Jahre war es auch kaum möglich, sich einen eigenen Freundeskreis aufzubauen, meine Freunde waren die der Hosen. Und mit meinem Label „Goldene Zeiten“ habe ich auch immer mit jungen Bands gearbeitet.

Ich hatte ständig mit Leuten zu tun, die im Schnitt 20 bis 30 Jahre jünger waren. Ich glaube auch, dass ich dem Umstand vielleicht ein bisschen meine Spontanität und Mobilität verdanke.

Ich konnte gar nicht rosten und dann habe ich natürlich noch meine beiden Söhne, Alex (21) und Joey (14), die mich ganz gut auf Trab halten. Ich verstehe nach wie vor die Sprache der Kids heutzutage und komme da einigermaßen mit. Auf der anderen Seite muss ich mir nichts vormachen: Mit 61 füllt sich so nach und nach das Ersatzteillager zusehends (lacht).

Wie sieht denn gerade im Hinblick auf die doch schon relativ ausgedehnte Tour im Herbst Dein Trainingsprogramm aus?

Ich trainiere schon seit längerem wieder regelmäßig und habe in einem Jahr über 17 Kilo abgenommen. Ich würde gerne auf mein altes Kampfgewicht von 82,5 kommen. Meiner „Band des Jahres“ habe ich versprochen, dass ich zur Tour auf jeden Fall unter 90 Kilo wiege. Heute Morgen nach Krankengymnastik und Radfahren lag ich bei 93,2. Diese 3,2 Kilo gehen auch noch runter (lacht). Da sehe ich kein Problem, das Einzige, vor dem ich echt ein bisschen Bammel habe, ist das Singen. Ich habe noch nie als Sänger auf der Bühne gestanden. Es gab zwar mal so ein, zwei Gastrollen, das war es aber auch. Die ersten zwölf Tage sind zwei Blöcke à fünf Shows hintereinander, ob meine Stimme das mitmacht? Die ganzen Songs stehen jetzt, es macht tierisch Spaß und ballert im Proberaum wie Sau. Wir fangen gerade an „Blockproben“ zu machen, sprich fünf Tage hintereinander abends zur gleichen Zeit, so wie es bei der Clubtour sein wird. Dann werde ich schon sehen, ob meine Stimme hält, ansonsten müssen wir rechtzeitig Maßnahmen ergreifen. Mittlerweile bin ich aber guter Dinge und sicher, dass ich durchhalten werde – auf jeden Fall!

Hast Du bereits neue Pläne, arbeitest Du vielleicht parallel schon wieder an neuen Songs oder konzentrierst Du dich jetzt erst mal nur auf das Album und die anstehende Tour?

Da ich das Ganze zum ersten Mal gemacht habe und die Songs auch nicht innerhalb von wenigen Monaten im Studio entstanden sind, sondern alles gut zwei Jahre gedauert hat, habe ich viel Zeit gehabt und ich weiß jetzt schon, was ich hätte besser machen können. Ich finde, dass das Album wirklich sehr vielseitig und unterhaltsam geworden ist, ich lass mich auch nicht auf einen bestimmten Stil festlegen, aber das heißt nicht, dass das nächste Album wieder genauso kunterbunt sein wird. Ich habe schon ein paar Songs im Kopf und auch Themen, über die ich gerne singen bzw. erst mal schreiben würde, aber zurzeit liegt der Schwerpunkt ganz klar auf dem aktuellen Album und der Tour.

Das habe ich bei den Hosen gelernt –

Es werden keine Pläne für die nächsten drei, vier, fünf Jahre gemacht. Allerdings: Ich bin Anfänger mit Potenzial und denke, da wird noch viel gehen (lacht).

Breiti, Andi, Campino, Kuddel, Wölli – 1987

Foto Fryderyk Gabowicz

Du bist leidenschaftlicher Musiker, aber was machst Du privat, wenn Du nicht im Studio sitzt, Bands förderst und Dir keine Songs ausdenkst. Gibt es Sachen, die Du abseits der Musik gerne machst?

Was ich die letzten Jahre über wirklich geliebt habe, sind die Reisen mit meinem Wohnmobil. Ich hab’ mir da mal ein ziemlich langes Ding gebraucht gekauft und bin damit zum Beispiel schon die ganze italienische Rivieraküste abgefahren, die französische bis runter nach Spanien, Barcelona, Tarragona und so weiter. Mit so einem Teil tuckerst Du herum, das ist wie Therapie. Ich hab’s natürlich auch ein bisschen ausgebaut: großer Flachbildfernseher, Playstation und einer ordentlichen Musikanlage – für das Unterhaltungsprogramm ist gesorgt.

Übrigens, mein Snarebruder Vom hat auch so ein Gefährt und ist oft mit seiner Familie unterwegs. Der Junge ist total begeistert und macht, glaube ich, sogar Wintercamping! Vielleicht ist es so ein Schlagzeugerding, um wieder runterzukommen. Ich müsste mich da noch mal bei ein paar anderen Kollegen umhören...

Vom und Wölli, Lissabon 1999

Gibt’s ein Album, dass Du auf Reisen mit dem Wohnmobil immer dabei hast?

Die letzten Jahre hatte ich immer mein eigenes Zeug dabei, weil ich da am besten hören konnte, wo’s noch fehlt. Natürlich habe ich auch ein großes Sortiment an CDs im Gepäck. Zuletzt lief das aktuelle Foo Fighters Album rauf und runter. Das ist großartig. Aber dann kommt wieder irgendwas anderes. Ich bin kein Fan von einem speziellen Einzelkünstler oder einer Band. Das wechselt laufend; alle zwei Monate habe ich wieder einen neuen Favoriten.

Das ist ja auch das schöne an der Musik: Man muss sich nicht festlegen!

Du hast viel mit Newcomern gearbeitet. Welche Tipps kannst Du Bands geben, die professionell Musik machen möchten?

Worauf ich bei der Auswahl immer geachtet habe: Es spielte keine Rolle, in welcher Qualität das Demo abgegeben wurde, sondern ob ich etwas Eigenes spüren konnte. Ich gebe Bands, die so klingen wie ihre Vorbilder, keine Chance mehr. Früher hab’ ich auch gesagt: „Spielen, spielen, spielen – sich den Arsch aus der Hose spielen!“ Das wäre verlogen, wenn ich so eine Scheiße heute noch erzählen würde, denn es ist immer schwieriger, irgendwo zu spielen – in allen Städten sterben die Clubs und diese „Pay-to-Play“-Geschichte nimmt immer mehr zu: Bands müssen dem Veranstalter 50 Karten abkaufen, die sie an ihre Fans weiterverkaufen können, aber wenn nicht, dann bringt die Band noch Geld zu ihrem Gig mit. Dann Geschichten wie die GEMA, mit der ich mich seit Jahrzehnten auf Kriegsfuß befinde, u.a. weil Clubs nach ihren Quadratmetern abgerechnet werden und nicht wie viel Publikum da war.

Natürlich, live zu spielen, das schleift, das macht Dich professionell, das bringt’s wirklich. Aber das kann man heute jungen Bands nicht mehr einfach so als Tipp mitgeben, denn es funktioniert kaum. Versuch doch mal als Düsseldorfer Band in Gladbach, Essen, Dortmund oder Köln zu spielen. Die haben auch ihre lokale Szene, ihre lokalen Bands, da ist es hart, einen Fuß in die Tür zu kriegen.

Wölli und die Jungs, 1986

Wölli im Tor der Hosen, 1991

Machen wir mal einen Sprung zu deinen Anfängen: Wie bist Du damals zur Musik gekommen?

Erstmal weil ich die absolute Kehrtwende vollzogen habe. Ich kann mich noch erinnern, mein Großvater hat Geige gespielt und meine Mutter ein bisschen Klavier. Ich denke nur mit Grauen an diese Hausmusikabende, das war wirklich grauenhaft. Da war ich erst einmal richtig anti Musik.

Ich bin Jahrgang 50 und hab’ ungefähr mit 10 über meine ältere Schwester bewusst die erste Musik gehört. Da waren Elvis, Chuck Berry, Bill Haley und solche Sachen angesagt und dann später auch Soul von Aretha Franklin und Otis Redding und Co., dann mit 13 die Beatles und Rolling Stones. Als ich 1968 nach Berlin ging, waren es „Ton, Steine, Scherben“ mit „Macht kaputt, was Euch kaputt macht“. Das war die Musik der unzufriedenen Generation. Anschließend kamen die Hippiejahre mit den Haaren bis zum Arsch, Marihuana hab’ ich geraucht wie blöde und auf allen möglichen Instrumenten rumgetrommelt und rumgezupft. Zu dem Zeitpunkt hatte ich das Glück, dass da ein paar phantastische Musiker um mich rum waren und mich mitgezogen haben. Ich konnte zwar kein richtiges Instrument spielen, hatte aber ein ganz gutes Rythmusgefühl und hab’ bei Folkbands viel Percussion gemacht, Congas, Bongos und so weiter.

Mein erstes Schlagzeug habe ich mir tatsächlich erst mit 25/26 geleistet. Das kann ich hier noch weitergeben:

Es ist nie zu spät!

Was bedeutet Dir heutzutage Musik?

Es ist mein Leben! Mehr kann ich dazu nicht sagen. Ich könnte nie aufhören. Wahrscheinlich werde ich mal genauso enden wie mein Opa, den ich für seine Scheißgeige gehasst habe. Irgendwie ist er ja auch bekloppt: Der hatte einen Schlaganfall und konnte die Hände gar nicht mehr richtig bewegen, aber hörte nicht auf, Geige zu spielen. Ich verspreche jetzt und hier, ich werde meine Kinder und meine Umgebung nicht auf diese Art quälen!