Als Du 25 Jahre alt warst, hattest Du einen Nummer-Eins-Hit in Japan. Wie kam es im Jahr 2000 dazu?

Es war letztlich ganz einfach: Unsere deutsche Plattenfirma V2 besaß ein weltweites Netzwerk und hat die Platte meiner Band Miles auch dort veröffentlicht. In Japan wurde das Stück „Perfect World“ plötzlich zum Radiohit. Das Lustige an der Geschichte ist, dass mich bei V2 damals Patrick Orth unter Vertrag genommen hat, der heutige Chef der Hosen-Plattenfirma JKP.

Was passiert, wenn man in Japan plötzlich in den Charts ist?

Wir sind für eine Woche rüber gefahren, haben ein paar Konzerte gespielt. Da sind tatsächlich 300 bis 400 Menschen gekommen. Für mich war es etwas Besonderes, weil ich als Kind ein halbes Jahr in Japan gewohnt hatte und zum ersten Mal wieder dort war.

Ich habe in Kyoto Laufen gelernt, weil mein Vater dort im Kloster gearbeitet hat.

Du bist in Deiner Jugend sowieso ganz schön in der Welt herumgekommen. Woran lag das?

Mein Vater war Sinologe (Chinawissenschaftler, d.Red.). Deshalb haben wir in meiner Kindheit drei Jahre in England gewohnt, dann in Japan und, als ich ein Teenager war, auch mal für ein Jahr in China. Wir sind immer viel gereist, wovon ich immer noch zehre. In anderen Ländern unterwegs zu sein, ist etwas, was man nur in bestimmten Phasen des Lebens machen kann. Ich bin überzeugt, dass es ist die beste Bildung ist, die man kriegen kann.

Wie ging es mit Miles nach „Perfect World“ weiter?

Der Erfolg in Japan war letztlich auf die eine Platte beschränkt. Die zweite wurde dort zwar auch noch veröffentlicht, aber das war eher das letzte Aufbäumen. Damals war es als deutsche Band, die Gitarrenmusik mit englischen Texten machte, hierzulande noch viel schwieriger als heute. Der Nährboden für solche Musik ist erst später entstanden.

Miles existierte von 1992 bis 2003. Wo konnte man als Indierock-Band aus Würzburg in dieser Zeit spielen?

Wir hatten in Deutschland vor allem tolle Festivalauftritte. Wir haben beim Hurricane gespielt oder auch beim Pukkelkpop in Holland.

Was war Euer Band-Höhepunkt?

Für uns persönlich war es die Deutschland-Tour, auf der wir die Flaming Lips supportet haben. Wir haben sie wiedergesehen, als wir 1999 das „South by Southwest“-Festival in Austin spielten. Ein unvergesslicher Tag. Da standen wir mit allen unseren Helden auf der Bühne: Flaming Lips, Mercury Rev, Sparklehorse und Grandaddy. Das ist ja der Grund, warum man anfängt, in einer Band zu spielen: weil man Musik liebt und weil man Helden hat. Und wenn man dann mit denen zusammen spielen darf und feststellt, dass das wirklich gute Typen sind, dann kann man sagen: Klassenziel erreicht.

Du arbeitest heute als Komponist, schreibst Filmmusik und trittst als Live-Musiker auf. Wie bist Du als Jugendlicher zur Musik gekommen?

Ich fand es immer gut, wie Michael J. Fox in „Zurück in die Zukunft“ das Solo spielt.

Tobi Kuhn

Als ich 13 Jahre alt war, habe ich eine E-Gitarre von meinen Eltern geschenkt bekommen. Egal ob Gitarre oder Klavier – irgendwie lief das bei mir weitestgehend autodidaktisch. Ich sehe das rückblickend als Vorteil, dass ich nicht so viel Unterricht hatte. Das Technische war anfangs zwar noch nicht ganz ausgereift, aber man hat einen ganz anderen Umgang mit Melodien gelernt.

Wenn man Deine musikalischen Fähigkeiten auf eine Spezialität reduzieren würde, wäre das Dein erstklassiges Gespür für eingängige Melodien, richtig?

Ich glaube schon, dass man das so sagen kann: Melodien und das Gespür für die Dramaturgie eines Songs. Ich bin gut darin zu sehen, wo etwas zu viel ist und wo etwas zu wenig. Andere Leute können gut kochen oder mit Matheformeln umgehen. Bei mir ist es so: Wenn ich ein Lied höre, sehe ich sofort ein Bild vor mir, und sehe, wo ich etwas ändern, hinzufügen oder wo ich ein wenig weniger Farbe benützen würde.

Die Hosen überreichen Tobias Gold Awards für seine Hilfe bei „Tage wie diese” und „Ballast der Republik“.

Du hast Udo Lindenberg co-produziert, die Unplugged-Platte der Sportfreunde Stiller als musikalischer Leiter betreut und produzierst die Platten von Thees Uhlmann und spielst in seiner Band. Was macht Dir am meisten Freude?

Das Schönste ist immer der Moment, wenn ein Lied gerade fertig eingesungen ist. Das erzeugt ein wunderschönes Gefühl, so dass man sich unbesiegbar fühlt. Oder auch der Moment im Proberaum, wenn man ein tolles Lied zum ersten Mal durchgespielt hat. Konzerte sind für Musiker vergleichbar mit dem „Ernte einfahren“. Wenn du auf der Bühne stehst, merkst du, welche Wirkung eine Platte hat, was sie den Leuten bedeutet.

Wann ist Dir das zuletzt passiert?

Bei der ersten Platte von Thees Uhlmann haben viele Menschen erzählt, wie wichtig ihnen die Lieder sind. Man hat gesehen, dass so etwas auch in Zeiten, in denen alle jammern, möglich ist. Wenn ein Künstler es mit seiner Musik auf den Punkt bringt und etwas zu sagen hat, dann sind die Leute immer noch sehr glücklich, dass es so etwas gibt.

Wenn Du nicht mit Thees Uhlmann arbeitest, hilfst Du schon mal anderen Bands. Wie sind die Hosen auf Dich aufmerksam geworden?

Campino und Andi habe ich mal zufällig bei einer Überraschungs-Geburtstagsfeier von Wim Wenders kennen gelernt. Ich habe dort damals ein Monta-Stück gespielt. Irgendwann danach hat mich Patrick Orth angerufen und zum Mittagessen eingeladen, und dann hat Campino mir sechs, sieben neue Stücke vorgespielt. Zwei Wochen später stand ich in ihrem Proberaum und habe ihnen erzählt, was mir dazu einfällt. Und dann haben wir angefangen zu arbeiten...

Wie war der Stand der Dinge beim neuen Studioalbum, als Du im Herbst 2011 dazu kamst?

Wenn man als Band lange an einer neuen Platte arbeitet, verliert man manchmal den Überblick. Oft ist dann an manchen Stellen einfach irgendetwas zu viel, egal ob das jetzt ein Gitarrensolo ist oder ein Refrain. Mein Job ist es dann, diese Sachen zu vereinfachen – genauso war es auch bei den Hosen. Es war schon sehr viel Gutes da. Bei manchen Stücken haben wir mehr und bei manchen weniger geändert.

Wie unterschied sich Dein Job von dem, was Du regelmäßig für Thees Uhlmann machst?

Thees kommt oft mit einem Gitarrenriff oder einer Klavierbasis und dann bauen wir daraus den Song. Wir schreiben die Musik also zusammen. Und was seine Texte angeht, bin ich so etwas wie ein Lektor. Ich arrangiere am Computer, mache die Vorproduktion, und wir gehen zusammen ins Studio. Es gibt in dieser Phase überhaupt keine Band, sondern es passiert alles zwischen uns beiden.

Du hast besonders intensiv mit Kuddel und Campino gearbeitet. War das nicht schwierig, mit einem so zusammen geschweißten Duo zu kommunizieren?

Die ganze Band ist wie eine Familie. Es geht ein wenig zu wie in einer guten Ehe.

Jeder hat seine Position, was ich total gut finde. Das gibt es in Deutschland ja selten, dass Bands seit 30 Jahren Musik machen und immer noch eine solche Gemeinschaft bilden. Das ist wirklich phänomenal. Ich bin mit ihnen einfach ganz normal umgegangen. Wenn ich mit anderen Leuten Musik mache, denke ich nicht weiter darüber nach, wer das ist. Ich höre ganz einfach das Lied und überlege mir, was man verbessern kann.

Was hast Du vorgeschlagen?

Es ist ja oft so, dass auf Strophe/Refrain und wieder Strophe/Refrain ein Teil folgt, der anders ist. Bei den Hosen sind oft genau diese Extrateile toll. Da habe ich dann schon mal gesagt: Ey, nehmt den doch einfach als Refrain! Campino, Kuddel und ich haben das dann immer erstmal im Kleinen angetestet und, wenn es uns gefallen hat, am Nachmittag mit der Band ausprobiert. Wir haben einfach immer ein wenig rumgewürfelt.

Was hast Du sonst noch eingebracht?

Ich habe auch mal vorgeschlagen, dass bei einem Stück Kuddel doch vielleicht mal Klavier spielen könnte. Oder wir haben darüber gesprochen, ob man ein Lied schneller oder langsamer macht. Oder ganz einfach: wie man es spielt. Ob die Gitarren durch spielen oder nur stellenweise zum Einsatz kommen. Die Unendlichkeit bezwingen. Man könnte natürlich auch das ganze Leben nur an einer Platte arbeiten. (lacht)

Auf welche Stücke hattest Du am meisten Einfluss?

Es waren ja zwei Platten, an denen wir gearbeitet haben – das eigentliche Studioalbum und die Scheibe mit den Coverversionen. Bei manchen Stücken haben wir mehr gemacht, bei manchen weniger. „Das ist der Moment“ war sicher ein Lied, bei dem wir viel verändert haben. Und mit „Tage wie diese“ waren wir auch etwas länger beschäftigt...

Welchen Platz hat Produzent Vincent Sorg bei der Feinarbeit gehabt?

Ich war oft bei Vincent Sorg in Münster im Studio. Wenn die Band nicht da war, haben wir immer viel zusammen überlegt. Das war eine sehr positive, gute Zusammenarbeit.

„Tage wie diese“ wurde zum größten Hit der Bandgeschichte. War es vorauszusehen, dass die erste Single so einschlagen wird?

Als mir Campino das Riff in seiner Wohnung vorgespielt hat, wusste ich, dass das der Song ist, der die Band ins Radio bringt. Mein erster Gedanke war: „Das ist die Single!“. Das Riff war einerseits total „Hosen“, andererseits absolut Radio. Aber: Hits passieren einfach, solche Sachen kann man nicht planen.

Was macht dieses Stück aus?

Das Stück hat eine leichte U2-Affinität, eine Ruhe-vor-dem Sturm-Atmosphäre vor dem ersten Refrain. Dennoch hat es die nötige Hymnenhaftigkeit und Kraft. Speziell wenn es dann zum Refrain geht, merkt man die ganze Energie. Aber alles andere ist irgendwie passiert. „Jetzt schreiben wir mal einen Hit“, funktioniert auch bei großen Bands nicht.

Dein komischstes Erlebnis mit dem Stück?

Als mein Sohn Jakob eines Tages aus der Schule kam und „Tage wie diese“ gesungen hat, war das schon etwas strange. Es ist einfach ein Lied, das alle erreicht, es ist verrückt. Die Eltern meiner Freundin waren neulich in Heilbronn beim Konzert, als wir mit Thees vor den Hosen gespielt haben. Wir haben uns den Auftritt der Hosen zusammen angeschaut, und exakt bei „Tage wie diese“ haben sie begonnen mitzusingen.

”Mein Fehler war damals, dass ich nur leichte Chucks anhatte.”

Wie hattest Du die Hosen vor Eurer Zusammenarbeit wahrgenommen?

Ich habe als Teenager immer die Live-Platte „Bis zum bitteren Ende“ gehört. Zu Zeiten von „Auf dem Kreuzzug ins Glück“ bin ich in Würzburg in der Carl-Diem-Halle auch bei einem Konzert gewesen. Mein Fehler war damals, dass ich nur leichte Chucks anhatte. Das Konzert ging los – und gleich beim ersten Stück habe ich einen Schuh verloren. Da musste ich mich schnellstmöglich nach hinten stürzen, weil um mich herum ein riesiger Pogo losbrach und mir alle ständig auf den Fuß traten.

Wie wichtig waren die Hosen damals für die fränkische Jugend?

Es ging immer um die Frage: Welcher Religionsgemeinschaft gehörst Du an – Hosen oder Ärzte? Ich war in jedem Fall immer mehr Hosen- als Ärzte-Fan.

Wie würdest Du die musikalische Entwicklung einordnen?

Die Hosen hatten immer Hits: „1000 gute Gründe“ oder „Wünsch Dir was“. Bis in die späten Neunziger haben sie immer solche Stücke rausgehauen. Und dann hat mir irgendwann der letzte Funke an Melodie gefehlt. Die Hosen können sehr gute Melodien schreiben, aber es ist irgendwie immer weniger geworden. Und das fand ich aus der Ferne immer etwas schade.

Ihr habt jetzt mit Thees Uhlmann & Band mehrfach vor den Hosen in den großen Stadien gespielt. Wie war´s?

Wir haben schon einige größere Festivalauftritte gehabt, aber das ist nochmal etwas anderes. Hier kommen die Menschen ausschließlich nur wegen der Hosen. Da muss man sich die Wahrnehmung etwas erkämpfen und schon mal sagen: „Hallo, hier sind wir!“ Thees hat das auf seine Art und Weise sehr gut gemacht. Die Kulisse ist jedes Mal phänomenal, und das genieße ich auch.

Du hast auch das Bonusalbum „Die Geister, die wir riefen“ arrangiert, auf dem die Hosen ihre deutschen Lieblingsstücke covern. Welche deutschen Bands magst Du selbst am liebsten?

Ich bin Fan von Falco gewesen, das rote Album war wichtig für mich. Kraftwerk mag ich auch. Das Lied, das ich bei den Coverversionen ganz toll fand, war „Das Model“.

Tobias Kuhn, der als Studiomusiker und Arrangeur an der Entstehung von „Ballast der Republik“ beteiligt war

Hast Du denn irgendwann bewusst das Ziel verfolgt, Komponist zu werden?

Nein, im Gegenteil. Ich wollte nach dem Ende von Miles sogar mal aufhören mit der Musik und habe tatsächlich ein Semester Medizin studiert. Zuvor war ich im Zivildienst Rettungswagen gefahren. Dann habe ich aber mein Solo-Projekt Monta gegründet, und Wim Wenders hat mich gefragt, ob ich Musik für einen seiner Filme machen kann. Ich glaube immer noch, ich wäre ein guter Arzt, aber ein schlechter Medizinstudent.

Wann warst Du Dir sicher, dass Musiker ein Beruf mit Zukunft sein könnte?

Es hat ungefähr 15 Jahre gedauert, bis ich sagen konnte: Ich kann von der Musik leben.

Wie sieht heute ein typisches Tobi-Kuhn-Jahr aus?

Letztes Jahr war ich mit Martin & James, einem schottischen Pop-Duo, für ein paar Monate in Los Angeles. Wir haben die ganze Platte dort geschrieben und produziert. Vorher hatte ich mit Thees Uhlmann angefangen, an seinem zweiten Soloalbum zu arbeiten. In diesem Frühjahr waren wir wieder drei Monate zusammen und haben es aufgenommen. Und zwischendurch habe ich Filmmusik geschrieben für die TNT-Serie „Add a Friend“.

Wie sieht ein ganz normaler Tag aus?

Ich gehe Morgens um halb zehn ins Studio – und das dauert dann immer bis sieben, halb acht. Ich gehe wirklich jeden Tag voller Freude „in die Arbeit“. Es ist für mich immer das Schönste, morgens den Rechner anzumachen, und das Lied anzuhören, an dem man am Tag zuvor gearbeitet hat.

Mit Deinem Soloprojekt Monta hast Du auch schon zwei Platten veröffentlicht und warst 2008 auch auf dem Soundtrack von „Palermo Shooting“ vertreten. Wie kam es zur Mitarbeit am Wenders-Film?

Wim Wenders fand meine Musik gut und hat gefragt, ob ich zwei Songs schreiben könnte. Ich habe dann einige Filmaufnahmen geschickt bekommen, damit ich wusste, worum es überhaupt geht. In all diesen Szenen ist Campino, der die Hauptrolle spielte, durch Palermo gelaufen. Dann habe ich dazu ein Lied geschrieben. Ich habe also sozusagen schon einmal für ihn gearbeitet – lange, bevor ich ihn kennengelernt habe.

Wie hat Dir der Film, der 2008 in den Kinos lief, gefallen?

Ich habe „Palermo Shooting“ immer als Kunstfilm empfunden – mit unterschiedlichsten Metaebenen. Ich mochte die Bilder, und ich fand, Campino hat sich gut gemacht an der Seite von Dennis Hopper.

Mit Deinem Soloprojekt bist Du ein totaler Kritikerliebling. Die „Sunday Times“ aus London kürte das Debütalbum „Where Circles Begin“ zum „Album der Woche“. Wie geht's weiter mit Monta?

Ich habe lange nichts gemacht, hatte aber neulich das Gefühl, dass die Zeit wieder reif ist. Mein aktueller Plan ist, dass ich im Herbst eine neue Platte aufnehme. Und das wäre auch das Wichtigste. Es geht bei Monta ausdrücklich nicht ums Livespielen.

Ich genieße es total, dass ich bei Thees Uhlmann & Band als Live-Musiker im Hintergrund bleiben kann. Ich bin einfach nicht derjenige, der gerne vorne steht.

Tobi Kuhn