Das Buch „Am Anfang war der Lärm“ beginnt mit einem Telefonat zwischen Campino und Angela Merkel. Wann hast Du davon erfahren?

Ich hatte mitbekommen, dass Volker Kauder bei der CDU-Wahlparty „Tage wie diese“ mitgesungen hat. Ich erzählte Campino davon, und der sagte zu mir:

„Ehrlich gesagt, das war noch krasser – die Merkel hat mich hinterher auch noch angerufen.“

Warum genau hast Du das Telefonat an den Anfang gestellt?

Wenn Volker Kauder, also der Unions-Fraktionsvorsitzende, „Tage wie diese“ singt, vereint das in einer Situation alles, was mich als Journalist an den Toten Hosen interessiert: das große Glück des Erfolgs einerseits und die Probleme, die daraus entstehen können andererseits. Ich wollte wissen: Welche Fragen an die Identität stellt die Entwicklung der Band an jeden einzelnen Musiker? Darüber hinaus ist es auch ein perfekter Beginn für Leute, die nicht die allergrößten Hosen-Fans sind.

Kannst Du das bitte genauer erklären.

Schlagabtausch zwischen Campino und der damaligen Bundesministerin für Frauen und Jugend Angela Merkel für den "Spiegel", 1994

Foto Josef Heinrich Darchinger

Wenn einen die Kanzlerin anruft, hat das eine gesamtgesellschaftliche Relevanz. Wir reden hier dann nicht mehr über irgendeine Band, die irgendwie erfolgreich ist und ziemlich viele Platten verkauft. Wir reden über eine Band, die in diesem Land inzwischen eine solche Bedeutung hat, dass die Bundeskanzlerin es für nötig hält anzurufen. Ihr war zu Ohren gekommen, dass die Band es nicht so glücklich war, dass „Tage wie diese“ bei der CDU-Wahlparty lief.

Du schreibst nicht ständig Bücher über die Toten Hosen, sondern bist eigentlich als Kulturredakteur für den Spiegel tätig. Was haben Deine Kollegen gesagt, als Du ihnen erzählt hast, woran Du gerade arbeitest?

Ich verkehre schon in einer Welt, in der die meisten Menschen keine Hardcore-Fans der Toten Hosen sind. In der Kulturredaktion einer Zeitschrift wie dem Spiegel gibt man sich eher etwas cooler. Und auch bei Partys in Berlin-Mitte wirke ich wahrscheinlich nicht besonders hip, wenn ich mich als Fan der Toten Hosen zu erkennen gebe. Dass aber ein Buch über sie ziemlich guten Stoff bietet, und die einzelnen Bandmitglieder interessante Figuren dafür sind, das hat jeder meiner Spiegel-Kollegen auf Anhieb verstanden.

Mittendrin statt nur dabei: Philipp als Gast beim warm machen zum SO36 Konzert 2009

Keine sonstigen Einwände?

Sie haben mich gefragt, ob ich auch schreiben muss, dass die Musik gut ist. Ich habe ihnen gesagt: Ich werde Euch im Buch erklären, warum es fantastisch ist, was die Toten Hosen machen. Mal davon abgesehen, finde ich die Musik wirklich groß.

Entstanden ist die Idee, dass Du das Buch schreiben könntest, weil Du 2008 eine Geschichte über Campino geschrieben hast, für den Spiegel. Titel: Der Marathon-Mann. Wann habt Ihr zum ersten Mal über die Biographie geredet?

Das war tatsächlich erst Ende 2013, also vor nicht einmal zwölf Monaten. Da hat mich die Band gefragt, ob ich ihnen einmal aufschreiben könnte, wie ich mir ein solches Buch vorstellen würde. Meine wichtigste Überlegung war, dass man eine über 30-jährige Geschichte nicht chronologisch erzählen kann. Wenn man 1978 im Ratinger Hof angefangen und sich von Tour zu Tour gehangelt hätte, wäre es schnell langweilig geworden. Über einen so langen Zeitraum bekommt man einfach keinen richtigen Spannungsbogen hin.

Was macht ein gutes Buch aus?

Egal ob Buch oder ein Film: Eine gute Geschichte braucht Konflikte. Dadurch entsteht Spannung. Ich habe den Hosen vorher angekündigt, dass ich ihre Konflikte suchen werde.

Was hast Du sonst noch vorgeschlagen?

Die Toten Hosen bieten so viele interessante Einzelaspekte. Ich war sofort der Meinung, dass man ihr Schaffen nach übergeordneten Themen sortieren muss. Es gibt tatsächlich einzelne Kapitel im Buch, die man ganz alleine lesen kann, ohne das vorherige zu kennen. Man gleitet irgendwie quer durch die Zeiten, und es ergibt sich trotzdem ein Gesamtbild. Wichtig war mir auch, dass alles von heute aus betrachtet wird. Der Erzähler sollte immer wieder auftauchen und klar machen, dass er diese Geschichte im Jahr 2014 erzählt.

Es ist auch sonst nicht das typische Buch geworden, wie man das von anderen Musikern kennt. Warum?

Ich wollte die Geschichte nicht einfach nur erzählen, sondern sie interpretieren, deuten und beurteilen. Ich habe der Band gesagt: Es kann sein, dass meine Sicht auf die Toten Hosen nicht immer der entspricht, die Ihr von Euch selbst habt. Oder dass Ihr auch mal sagt: Spinnt der Typ? Ich wollte unbedingt vorab klären, ob sie das aushalten können. Ich glaube, es ist gerade das, was so ein Buch interessant machen kann.

Wie ist das später in der Wirklichkeit abgelaufen?

Genauso wie besprochen. Sie mussten viel aushalten und haben das ertragen. Diskussionen waren aber natürlich zugelassen. Wir haben noch bis kurz vor Drucklegung viele Themen hart diskutiert. Und es war ein besonderer Spaß, mit Campino zu diskutieren. Er war dabei immer straight und ehrlich. Man könnte auch sagen: Er hat mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg gehalten. Damit kann ich aber besser umgehen, als wenn jemand zuerst alles super findet und dann hinterher unglücklich ist.

Düsseldorf, 2013

Foto Gregor Fischer

Wie habt Ihr Euch geeinigt, wenn es doch mal eine Meinungsverschiedenheit gab?

Kurz vor Schluss hat mir Campino eine E-Mail geschrieben:

„Philipp, warum diskutierst Du das noch? Du hast doch selbst im Buch geschrieben, dass bei den Toten Hosen immer viel diskutiert wird und sich am Ende immer Campino durchsetzt.“

Wir haben also bei unseren kleineren Streitigkeiten nie den Humor verloren.

Mit welcher Zielsetzung bist Du für Dich an das Buch herangegangen?

Ich habe mir die ARD-Dokumentation von Erik Friedler angesehen und war erstaunt, wie großartig die geworden ist. Der wesentliche Grund war, dass ihm die Band weitgehend freie Hand gelassen hatte. Die Hosen hatten ihm einfach vertraut und sich auf das Experiment eingelassen. In der Hinsicht war der Film mein Vorbild für das Buch.

Trailer der ARD Dokumentation „Nichts als die Wahrheit“ von Erik Friedler

Was war die größte Schwierigkeit, als Ihr dann losgelegt habt?

Immer, wenn es um das Verhältnis untereinander ging, wurde mir etwas mulmig. Für mich war es phasenweise fast etwas unangenehm, so tief in diese Gruppendynamik und Intimsphäre vorzudringen. Die Fragen, die ich stellen musste, waren: Wie verstehen die Hosen sich untereinander? Wer ist genervt von wem? Und wer hat vielleicht doch ein Problem mit Campinos Führungsrolle? Ich habe manchmal gedacht:

Klar, ich muss jetzt dieses Buch schreiben, aber eigentlich steht es mir nicht zu, in diese seelischen Grenzbereiche einzudringen.

Was sagst Du rückblickend: Wie ist Dir das Psychogramm der Hosen gelungen?

Für mich ist es eins der interessantesten Kapitel im Buch. Das Thema war bei meinen stundenlangen Einzelgesprächen auch immer präsent. Noch stärker war die Wirkung, als ich der Band später meine Interpretation vorgelesen habe. Das war mir richtig unangenehm, von den Problemen zu erzählen, die Breiti mit Campino hatte, während beide daneben saßen. Als ich Campino ins Gesicht schaute, habe ich gesehen, dass er kurz davor war zu sagen: „Sag mal, Breiti, was erzählst Du denn da?“

Und, hat einer etwas gesagt?

Ich hatte in diesen Momenten wirklich Angst, so etwas wie Zwietracht zu säen. Ich wäre davon angefasster gewesen, aber die Bandmitglieder sind damit cool und extrem uneitel umgegangen. Sie fanden es irgendwie richtig, dass das genauso erzählt wird. Der Einzige, der öfter mal um Harmonie bemüht war, war Kuddel. Der hat dann gesagt: „War doch alles nicht so schlimm.“

„War doch alles nicht so schlimm.“

Foto Carla Meurer

Sex, Drugs & Rock'n'Roll. Wie viel Skandal-Potential hat das Buch?

Ich interviewe ja für den Spiegel häufiger Musiker, die auch mal mit Drogen in Berührung gekommen sind, James Hetfield von Metallica zum Beispiel oder Billy Idol. Mit mir hat aber vorher noch nie jemand so offen darüber gesprochen wie die Hosen. Speziell Kuddel war sehr ehrlich, auch wenn er eigentlich nicht glücklich war, dass das jetzt nochmal so ausführlich beschrieben wird. Skandal-Potential sehe ich da aber weniger. Dass eine Band irgendwann mit Drogen in Berührung kommt, ist relativ erwartbar.

Warum taucht dieses Thema trotzdem in dem Buch auf?

Weil mir die Ausmaße nicht bewusst waren. Und weil wir endlich mal die Frage beantwortet haben: Warum habt Ihr die genommen? Wie ist es dazu gekommen? Und wann fingen die Probleme an? Ich kenne wirklich keine Biographie, in der eine Band so ausführlich darüber redet. Keith Richards spricht natürlich auch viel über Drogen, das Thema wird aber nicht problematisiert.

Bergfest auf der Tour "Opium für's Volk", 1996

Foto Patrick Orth

Wie lautet das Fazit bei den Hosen?

Die Band sagt, dass es anfangs ein großer Spaß war, zum Beispiel die Zeit, als aus Speed Koks wurde. Andi war der Meinung, dass im Buch unbedingt drin stehen muss, dass die Band das Thema jahrelang nicht als Problem gesehen hat. Trotzdem überwiegt im Buch der andere Teil, also die Zeit, als die Existenz der Band deswegen ernsthaft bedroht war.

Warum hast Du das genauso aufgeschrieben?

Die Zeit, in der es schwierig wurde, war für mich viel interessanter. Wie viele Seiten kannst du darüber schreiben, dass ein paar Musiker Drogen nehmen und dabei total viel Spaß haben? Das wird schnell uninteressant. Musiker, die Drogen nehmen und deshalb ihre Konzerte nicht mehr hinkriegen und sich streiten, fand ich viel spannender. Ich war außerdem immer bestrebt, etwas aufzuschreiben, was in der Form über die Hosen noch nicht so bekannt ist.

Ein weiteres großes Thema war damals der Alkohol. Interessant fürs Buch?

Sehr. Es war bei den Hosen immer mehr als ein lustiges Exzess-Saufen, das hatte ja fast schon einen konzeptionellen Gedanken.

Die Provokation, der Widerstand, das Subversive der Toten Hosen bestand darin, verlogene Konventionen der westdeutschen Gesellschaft in den achtziger Jahren zu umarmen und dadurch zu demaskieren.

Im Club Versuchsfeld, von links nach rechts: Kuddel, Hamburg 1982

In den der Zeit wurde überall viel getrunken, auch unter Politikern, aber es wurde darüber nicht geredet. Die Hosen haben dasselbe gemacht wie alle anderen, haben es aber so abgefeiert, dass sie das jedem Gelegenheitstrinker unter die Nase gerieben haben.

Du tauchst im Buch ja auch als „Ich“-Erzähler auf. Wie hast Du die Hosen früher wahrgenommen?

Mich haben die Hosen in den achtziger Jahren geflasht wie bis heute kaum eine andere Band. Ich erlebte mit den Hosen in dieser Zeit einige der wichtigsten Momente meiner musikalischen Biographie. Die frühen Konzerte waren eine Offenbarung, so etwas kannte ich vorher nicht. Es war eine so gute Show mit einem so guten Gestus – faszinierend. Ich bin als 14-Jähriger aus einem Konzert rausgegangen und habe gedacht: Ich will diese Typen mal kennenlernen.

Wann hast Du das in die Tat umgesetzt?

1988 spielten die Hosen im Theater in Bonn, wo ich meine Kindheit verbracht habe, „Clockwork Orange“. Ich konnte das zuerst gar nicht glauben, dass man da jetzt einfach hingehen konnte und die Toten Hosen sehen würde. Ich habe mir drei Vorstellungen angeschaut, einmal mit meiner Oma, die ein Abo hatte, und zweimal alleine. Beim dritten Mal habe ich mir überlegt, dass die Hosen irgendwann aus dem Theater raus kommen müssten. Ich habe dann draußen auf sie gewartet.

Und dann kamen Sie?

Ja, mit Bierdosen in der Hand. Ich habe dann Campino angesprochen, der zu der Zeit orange Haare hatte, und ihn gefragt, ob wir ein gemeinsames Foto machen könnten. Er hat mir außerdem die „Damenwahl“-LP unterschrieben. Und dann sagten Campino und Andi zu meiner großen Überraschung: „Wir gehen eine Pizza essen, kommst Du mit?“ Ich fand das unglaublich. Wir sind dann tatsächlich noch Pizza essen gegangen, irgendwo in der tristen Innenstadt von Bad Godesberg.

Wann hast Du sie wieder getroffen?

1992 habe ich sie auch noch für die Schülerzeitung interviewt. Damals waren die Toten Hosen schon eine Nummer-Eins-Band, und trotzdem habe ich als 17-jähriger Schülerzeitungsredakteur ein Interview mit Andi bekommen. Ich habe ihn einfach angequatscht bei der großen Demonstration im Bonner Hofgarten gegen den neuen Asylbeschluss. Grönemeyer und die Toten Hosen spielten, und ich hatte mich als Helfer angemeldet, um Zugang zu den Künstlern zu kriegen.

Wie ging es nach 1992 weiter mit den Hosen und Dir?

Ich habe sie für verschiedene Magazine interviewt, für die ich zwischenzeitlich gearbeitet habe. Dann habe ich 2008 mit Patrick Orth über eine Geschichte für den Spiegel verhandelt. Es ging darum, Campino einen Monat lang ständig zu begleiten, um ein wirklich gutes Porträt schreiben zu können. Mit der Band, ohne die Band. Da habe ich mir ein bisschen einen Jugendtraum erfüllt. In der Zeit haben wir uns etwas angefreundet, und danach ist der Kontakt nicht mehr abgebrochen. Ich habe dann auch noch ein Porträt über seinen Bruder Mike geschrieben, der als Insolvenzverwalter den deutschen Ableger der Lehman-Bank retten muss – auch ein toller Typ.

Was hat Dich beeinflusst, über Musik zu schreiben, Musiker zu interviewen?

Es war nicht mein Plan, Musikjournalist zu werden, eher ein großes Hobby. In den neunziger Jahren ist dann aber ein Pop-Feuilleton entstanden, in dem man Pop-Musik plötzlich mit den Mitteln der Literaturkritik behandelt hat. Eine Konzertkritik wurde genauso viel wert wie eine Oper von Giuseppe Verdi oder ein Roman von Thomas Mann. So bin ich da dann reingerutscht. Heute bin ich beim Spiegel für alle Bereiche der Kultur zuständig, nicht nur für Musik.

Mit Paul McCartney

Deine beeindruckendsten Gesprächspartner?

Am meisten bedeuteten mir die Zusammentreffen mit den großen amerikanischen Schriftstellern, Richard Ford, Don DeLillo, auch Jonathan Franzen. Und dann natürlich Paul McCartney und Ringo Starr für eine Beatles-Titelstory. Ringo Starr kam mich in Los Angeles besuchen. Ich wohnte in einem Low-Budget-Hotel und dort fuhr Dienstagsmorgens um 11 Uhr ein fliederfarbener Mercedes Cabrio vor. In dem Wagen: der Ex-Beatle und seine Frau, das Bond-Girl Barbara Bach. Sie kamen in die schrottige Hotelhalle reingelaufen, und er stellte sie mit den Worten vor: „This is my wife Barbara. She was a Bond girl, you know?“

“Irgendwie hatte Hetfield aber plötzlich Bock, über alle seine Probleme zu sprechen“

Im Buch erzählst Du auch von einem besonderen Interview mit James Hetfield.

Das sollte zuerst ein ganz normales Promo-Interview werden. Metallica hatten gerade einen Film veröffentlicht. Normalerweise ist da dann nicht viel zu erwarten. Irgendwie hatte Hetfield aber plötzlich Bock, über alle seine Probleme zu sprechen – über seine Drogenleiden, seinen Alkoholismus, seine Gewaltausbrüche, sein Unglücklichsein. Es war plötzlich wie bei einer Sitzung der Anonymen Alkoholiker, wo man sich zu seinen Schwächen ganz ehrlich bekennen muss. Er sprach zu mir wie zu seinem Therapeuten und hörte gar nicht mehr auf, von seiner Jugend zu erzählen. Sicher einer meiner journalistischen Höhepunkte. Der zitternde und wackelnde Ozzy Osbourne war auch eine interessante Begegnung.

Das Buch beginnt also mit der Bundeskanzlerin und dann kommt ein Thema, über das die Band vorher noch nie gesprochen hat. Der Teil über die Eltern und ihre Jugendzeit ist recht ausführlich geraten. Warum?

Face to Face

Mein Hoffnung war, dass man anhand der Geschichte der Toten Hosen eine kleine Geschichte der Nachkriegsrepublik erzählen kann – von 1945 bis heute. Vieles von dem, was die Toten Hosen gemacht haben, hatte indirekt mit dem 2. Weltkrieg zu tun. Wie ihre Eltern waren und welche Gegenreaktionen das bei ihnen auslöste. Sie hatten den Krieg noch miterlebt. Es stellte sich für mich die Frage, welche Traumata weitergegeben wurden und was das für die Toten Hosen bedeutete.

Wie würdest Du die Eltern der Hosen einordnen?

Sie gehörten zu jener Generation, die nach dem Krieg versuchte, alles richtiger zu machen als die Nazi-Generation. Sie waren traumatisiert vom Krieg und begannen die neue Bundesrepublik aufzubauen. Es sollte ein zurückhaltendes, schüchternes, demokratisches Land werden. In Wahrheit war es bis in die siebziger Jahre hinein aber auch ein sehr biederes Land. Obwohl die Eltern dieser Generation nur Gutes wollten, haben sie eine Atmosphäre geschaffen, die für junge Leute schwer auszuhalten war, gerade auch in einem Vorort wie Mettmann.

Dort, vor den Toren von Düsseldorf, sind Campino und Andi aufgewachsen.

Sie haben dort dann zwangsläufig irgendwann angefangen zu rebellieren. Und das haben die Eltern überhaupt nicht verstanden. Sie hatten nicht das Gefühl, klassische Scheißeltern zu sein. Es war eine andere Situation als zwischen den 68ern und deren Nazi-Eltern. Sie hatten eigentlich alles richtig gemacht, aber ein Land geschaffen, das eine gewisse Enge und Muffigkeit hatte, in der sich die jüngere Generation nicht mehr wohl fühlte.

Mit welchen Folgen?

Die Toten Hosen wurden keine direkt politisch rebellierende Band. Sie sagten nicht wie Slime: Weg mit dem Scheißsystem. Sie haben weniger das Politische thematisiert, sondern die Lebensumstände aufgegriffen. Eine der Leitfragen war: Wie benimmt man sich eigentlich in diesem Land? Ich behaupte: Der Protest der Toten Hosen richtete sich immer gegen die Art und Weise, wie in diesem Land gelebt wird.

Welchen Einfluss hatten die verschiedenen Elternhäuser ganz konkret auf die Band?

Breiti spricht ganz offen darüber, er sagt im Buch sinngemäß: „So wie ich das von zu Hause kannte, dass man sich zusammenreißt und nicht alle Gefühle raus lässt – das habe ich in dieser Band wiedergefunden.“ Die Toten Hosen haben sich nie gegenseitig gefragt, wie der Bandkumpel gerade mit seiner Mutter klarkommt. Alle haben komischerweise genau das, was sie von zu Hause kannten, auch in dieser Band gesucht und gefunden.

Hast Du noch ein Beispiel dafür?

Campino hat in der Band die Großfamilie gesehen, die er von zu Hause kannte. Bei aller Nerverei, bei allen Konflikten, hat er genau das in der Band auch gesucht. Deswegen haben die Toten Hosen auch bis heute diesen stark familiären Zusammenhalt. Man war drei Monate miteinander auf Tour und fährt dann noch zusammen in den Urlaub – das gibt's wirklich bei keiner anderen Band.

Die Entstehung des letzten Studioalbums beschreibst Du in allen Einzelheiten. Was erzählt die Zeit vor der Fertigstellung über die Hosen?

Das war das Thema das mich am meisten interessiert hat. Ich wollte einmal erzählen, warum es so schwierig ist, eine gute Platte zu machen. Das Besondere an dem Kapitel ist, dass man wirklich hinter die Kulissen einer Band schaut. Ich hätte niemals erwartet, dass dieses Erfolgsalbum den Hosen vorher solche Schwierigkeiten bereitet hat. Die Zeit, bevor die Platte 2012 erschien, muss wirklich grauenhaft gewesen sein für die Band. Campino war über eine ziemlich lange Zeit deprimiert. Man durfte ihn damals auch gar nicht auf die neue Platte ansprechen.

Was waren Deine Quellen, um die Entstehung nachzuerzählen?

Ich habe lange mit Vincent Sorg gesprochen, dem Produzenten. Dann hat Campino seine Tagebucheinträge aus dieser Zeit mitgebracht. Die lesen sich erschütternd, sinngemäß: „Hier geht gar nichts mehr. Ich werde mir echt überlegen, ob ich das nochmal mache.“ So eine Phase kennt vermutlich jede Band, aber in dieser Form ist das wohl eher selten. So ein hohes Maß an Selbstzweifeln! Möglicherweise hat genau dieses Nie-zufrieden-sein das Werk besonders gut gemacht. Ein typischer Satz von Campino ist: Jetzt holen wir nochmal fünf Prozent raus. Dieser unbändige Wille ist schon beeindruckend und die Disziplin, die das erfordert.

Etwas Werkstattgespräch: Wie lange hast Du an dem Buch gearbeitet?

Die Interviews habe ich im von Januar bis Mai 2104 geführt. Parallel habe ich ab Februar schon geschrieben. Fertig war ich Ende September. Es war bewusst ein enger Zeitplan, um mich der Sache 100 Prozent widmen zu können. Beim Spiegel habe ich mir fünf Monate frei genommen. Der Plan war, das Buch wie im Rausch runterzuschreiben, und das hat auch ganz gut geklappt.

Wo hast Du Dich mit den unterschiedlichen Zeitzeugen getroffen?

Immer, wo es gerade passte. Mit der Band meistens in Düsseldorf, mit Campino auch viel in Berlin, mit Kuddel in der schönen Eifel Wichtig war es, in Holland mit Familie Lax zu sprechen – den Eltern von dem Mädchen, das beim 1000. Konzert gestorben ist. Immer wenn ich drei Kapitel geschrieben hatte, habe ich mich mit der ganzen Band getroffen und durfte ihnen meine Texte vorlesen.

Wo hast Du diese Lesungen abgehalten?

Das haben wir häufiger bei Vincent Sorg im Münsterland gemacht. Tagsüber haben die Hosen Musik gemacht, ab 18 Uhr saßen wir auf diesem Bauernhof am großen Tisch zusammen, und ich habe den Märchenonkel gegeben. Wenn jemand meinte, dass etwas falsch war, wurde der Finger gehoben.

Dein schwierigster Moment beim Schreiben?

Zum Ende hin gab es immer mehr Diskussionen, aber auf einer sportlichen Ebene. Diese Auseinandersetzungen haben niemandem wirklich Spaß gemacht, waren aber nötig, um zu einem guten Ergebnis zu kommen. Ich hatte in einer der ersten Sessions gesagt: Das Buch kann nur gut werden, wenn Ihr zwischendurch richtig genervt seid von mir und bereut, dass Ihr das Projekt mit mir gemacht habt. Wenn alles immer nur dufte ist, wird es ein schlechtes Buch.

Wie wichtig waren Campinos Tagebücher?

Ich habe Campino immer angekündigt, zu welchen Jahren ich ihn interviewen will. Er hat sich dann ein wenig vorbereitet und die Tagebücher aus der Zeit herausgesucht. Je nachdem waren es drei, vier oder fünf schwarze Kladden, die er vor sich liegen hatte. Dann hat er mir die relevanten Stellen vorgelesen, etwa so Sachen wie: „Da waren wir im Studio im Münsterland, da habe ich die Panikattacke bekommen.“

Welchen Wert haben seine schriftlichen Erinnerungen?

Die Tagebücher sind beeindruckend und waren für das Buch total wichtig. Sie sind sehr gut geschrieben, haben einen tollen Tonfall. Das Wichtigste bei Tagebüchern ist, dass man eine Stimme für sich selbst findet, die authentisch ist, aber doch ein bisschen anders als sonst. Campino ist in diesen Tagebüchern sich selbst gegenüber sehr ehrlich. Und natürlich müssen die irgendwann veröffentlicht werden, ist doch klar. Titel: „Tagebücher Andreas Frege 1981-2019“.

Wie oft haben sich die anderen anders erinnert, als es in den Tagebüchern stand?

Selbst Campino hat sich manchmal anders erinnert, als es in seinem Tagebuch stand. Erinnerungen ans eigene Leben sind oft relativ unzuverlässig, das ist normal. Ich habe so viele Geschichten in unterschiedlichen Versionen gehört, dass ich es nicht mehr zählen konnte. Interessant ist, dass wenn es darum ging, auf welcher Tour, in welchem Jahr etwas stattgefunden hat, ich immer zu hören bekam: „Keine Ahnung, da musst Du Breiti fragen.“ Und er wusste dann auch meistens die richtige Zahl.

Gruppenbild mit Philipp Oehmke

Wer hatte die Idee, nach Metzkausen zu fahren, wo Campino aufgewachsen ist?

Ich habe versucht, das Eltern-Kapitel anzufangen, und es hat nicht so richtig funktioniert. Dann habe ich Campino angerufen und ihm gesagt: „Ich muss dringend mit Dir nach Mettmann fahren. Kannst Du das irgendwie in den nächsten Tagen einrichten?“ Er konnte zum Glück gerade, und Andi hatte auch noch Zeit.

Wie war's?

Es war ein wunderschöner Frühlingstag. Wir sind aus Düsseldorf rausgebraust, durchs Neandertal bei Trini Trimpop vorbei, dann nach Mettmann rein. Wir haben uns beide Elternhäuser angeschaut und das Einkaufszentrum, in dem der Friseur vom ZK-Cover war. Sie haben mir ihre Schulen gezeigt. Es war einer der Höhepunkte meiner Recherchen.

Wie war's bei Kuddel auf dem Land?

Zu Kuddel in die Eifel zu fahren, hat mir immer sehr viel Spaß gemacht. Er wohnt ja irgendwo mitten auf einem Feld. Bei ihm war die Bewirtung am besten. Kuddel kann super kochen. Es war dann meistens so, dass wir in der Küche standen. Irgendwie war es eine sehr gechillte Atmosphäre draußen auf dem Land. Wir hatten immer genug Zeit, um zu reden, es störte einen keiner – außer den vielen Tieren, die mit Kuddel und seiner Familie dort wohnen.

Wo wollten die Band-Mitglieder die Interviews führen?

Breiti wollte das immer im Büro der Plattenfirma machen. Dort herrscht eine konzentrierte Arbeitsatmosphäre, da ist es nicht gemütlich. Er hat mir aber immer zwei Käsebrötchen mitgebracht von seinem Lieblingsbäcker. Wir haben geredet, waren fertig und sind nach Hause gegangen. Campino habe ich dort getroffen, wo es gerade für ihn einzurichten zu war, Andi immer ganz gemütlich in seinem Haus in Düsseldorf – und bei Vom fanden die Treffen in seiner Kellerbar statt. Er hat die Interviews eher wie eine kleine Party gesehen. Das genaue Gegenteil von Breiti.

War Vom ein Glücksfall für Dich, weil niemand die anderen Hosen so gut charakterisieren konnte wie er?

Ein totaler Glücksfall, was ich aber erst später begriffen habe. Das war gar nicht meine Absicht, als ich mit den Interviews angefangen habe. Im normalen Gespräch hat er die anderen sehr gut kommentiert, hatte hinterher aber ein paar Sorgen, dass er vielleicht zu weit gegangen ist. Ob jemand sauer ist auf ihn. Das Gegenteil war der Fall. Die anderen vier Hosen fanden die Vom-Passagen genau richtig, also: dass sich jemand über ihre Eigenarten wundert.

Was ist damit genau gemeint?

Wenn man so lange in einer Gruppe zusammen ist, entwickelt man gewisse Schrullen, die auf Außenstehende irritierend wirken können. Es ist ja auch eher selten, dass man eine so zusammengewachsene Gruppe hat. Es gibt viele aus dem Umfeld der Band, die sagen, dass das schon manchmal etwas komisch wirkt. Weil ja auch niemand reinkommt in diesen verschworenen Haufen. Es gibt viele assoziierte Mitarbeiter und Freunde, die ihnen wichtig sind und mit denen sie sich austauschen, aber am Ende kommt in dieser Vierer-Gang niemand rein.

Diese vier Menschen werden auch nie auseinander zu dividieren sein.

Was hat Dich am meisten überrascht?

Das Maß an Disziplin, Professionalität und harter Arbeit, das hinter dem Erfolg steckt. Wie ernst alles genommen wird, wie gut es funktioniert und mit welchem Einsatz sie das betreiben. Darum geht's ja auch in den Liedern, das ist ihre Lebensphilosophie. Wenn man etwas macht, dann macht man es mit 100 Prozent. Wir lassen nicht nach, machen „Full Power“, auch bei kleinsten Kleinigkeiten.

Du schreibst, eines von Campinos Lieblingsthemen sei: „Glück ist niemals festzuhalten“.

Es geht bei ihm immer um eine Bilanzierung, darum, dass man im Leben nichts umsonst bekommt. Am Ende wird immer ein Strich drunter gemacht, und für alles, was man bekommen hat, wird man auch bezahlen.

Ibiza, 2013

Foto Paul Ripke

Das ist ein Thema, das sich durch viele seiner Stücke zieht: Bilanzierung – und Vergänglichkeit. Glück fliegt einem nicht einfach zu. Das Lustige ist, dass viele Freunde und Verwandte von Campino gerade sagen, dass er ein Glückskind ist, dem vieles zugeflogen ist.

Was meinst Du: Ist er ein Glückskind?

Er hat diese Art, Menschen zu begeistern, zu fangen und zu beeindrucken. Seine Geschwister sagen: Weil er diese Gabe besitzt, hatte er nie in seinem Leben ernsthafte Probleme. Weil das so ist, hat er womöglich das Gefühl, ihm stehe das alles nicht zu. Daher kommt der protestantische Gedanke: Du musst für das, was Du bekommst, hart arbeiten. Es ist deine verdammte Pflicht. Wenn du das nicht tust, wird das Glück vergehen. Es ist in fast allen Bereichen so, dass Campino das Maximum von sich fordert, um das Glück vor sich selbst rechtfertigen zu können. Das Problem ist: Wenn man von sich ständig das Maximum fordert, geht man automatisch immer wieder durch Phasen der Unzufriedenheit..

Wie weit reicht das Thema in den Bandalltag rein?

Campino denkt: Das große Glück, dass ich mit der Band habe, das gibt´s nicht umsonst. Deshalb muss ich alles tun, um das zu rechtfertigen. Dazu gehört auch, den Fans zurückzuschreiben, sich um alles zu kümmern, drei Stunden Sport am Tag in Vorbereitung auf die Konzerte zu machen. In jeder Beziehung das Beste zu geben, damit mir das Glück erhalten bleibt. Es gibt andere Musiker, die sagen: Ich bin halt ein Genie, was wollt Ihr? Diese Haltung haben die Toten Hosen überhaupt nicht.

Was sind die anderen Themen seiner Lieder?

Es gibt auch noch die Liedfamilie „Steh auf, wenn Du am Boden bist“, das man nicht der beste und nicht der schönste sein muss, und dass man auch nicht gewinnen muss. Egal wie die Umstände sind: Man geht aufrecht und mit Haltung durch die schweren Zeiten und die Niederlagen, besteht quasi schwierige Situationen durch mentale Stärke.

Musstest Du nochmal alle alten Platten durchhören, bevor Du angefangen hast zu schreiben?

Ich habe Platten, die ich von vorne bis hinten auswendig kann, und es gibt welche die musste ich komplett neu hören. In den nuller Jahren hatte ich ein Hosen-Loch, weil ich zu der Zeit in den USA gelebt habe. Ich bin dann erst Ende der nuller Jahre wieder eingestiegen. Die Platte, die alle immer so toll fanden – „Auswärtsspiel“ – die kannte ich gar nicht richtig. Alle redeten immer von dieser tollen Platte, und ich habe mich gefragt: Wovon reden die eigentlich? Mittlerweile kenne ich sie gut und halte sie für eine der besten Hosen-Platten.

Was sind Deine drei Hosen-Lieblingsstücke?

Ich bin so ein typischer nostalgischer Fan. Mir bedeuten die Lieder am meisten, die ich damals in den achtziger Jahren gehört habe: „Wort zum Sonntag“, „Liebeslied“ und „Reisefieber“. Es gibt natürlich genug spätere Lieder, die mindestens genauso gut sind. Mit denen habe ich aber nicht so eine emotionale Verbindung wie mit diesen alten Stücken. Ich finde aber „Tage wie diese“ auch fantastisch.

Du hast mit Kuddel drüber gesprochen: Wie sieht denn jetzt ein typischer Hosen-Song aus?

Kuddel sagt: Die Akkorde und Sequenzen, die man aneinander hängen kann – das ist endlich. Es gibt ein paar tausend große Hits der Musikgeschichte, die auf demselben Prinzip aufbauen. Das kann es also nicht sein. Was es ausmacht, sind die Details: die kleinen Brücken, hier nochmal ein krummer Akkord. So wird ein banaler Song zu einem Weltklasse-Song. Und dann gibt‘s natürlich den berühmten Hosen-Hobel.

Wie offensiv werden die typischen Hosen-Elemente eingesetzt?

Interessant ist der schmale Grat, auf dem sie wandeln, zwischen „Wir wollen wie die Toten Hosen klingen, wir wollen nicht experimentieren und etwas völlig Neues machen“ und der panischen Angst, sich zu wiederholen. Bei „Ballast der Republik“ gab es ein traumatisierendes Erlebnis, das ich auch im Buch beschrieben habe.

Bitte einmal in Kurzform: Was ist da passiert?

Campino wachte morgens auf und sagte „Mir ist über Nacht ein Song eingefallen. Kommt alle her, lasst uns den sofort einspielen! Ich habe schon die Melodie und weiß genau, wie es gehen muss.“ Und dann spielten sie den Song ein und stellten fest, dass es exakt derselbe war, den sie abends zuvor aufgenommen hatten. Ein Schreckensmoment. Gleichzeitig sind sie inzwischen aber selbstbewusst genug, um zu sagen: Es ist nichts falsch, an diesen typischen Hosen-Chören, die häufig im Refrain kommen.

Was sollte denn daran falsch sein?

Eine Zeit lang gab es in der Band eine Tendenz in die Richtung, dass sie so etwas nicht mehr wollten. Inzwischen hat sich die Meinung durchgesetzt: Das ist super, wir sollten uns nicht dafür schämen. Dazu beigetragen haben bestimmt auch Tobi Kuhn und Vincent Sorg, die immer wieder gesagt haben: Das könnt nur Ihr, macht das ruhig.

Du beschreibst im Buch die Entstehung von „Altes Fieber“.

Vince hat gesagt: „Lass uns ‚Hier kommt Alex’ nochmal machen, das war einer Eurer größten Songs.“ Die Hosen meinten: Okay, aber wie geht denn das? Dann hat Vince, der ein musikalisches Genie ist, dieses Stück komplett auseinander gebaut. Er hat gesagt: Ich baue mal wie bei einem Haus die Wände raus und zeige Euch, aus wie vielen Bestandteilen das Stück besteht, und dann machen wir sowas ähnliches. Entstanden ist am Ende „Altes Fieber“, das aber eigentlich gar nicht wie „Hier kommt Alex“ klingt.

Würdest Du sagen: Mit dem Buch erscheinen die Hosen ab sofort in einem anderen Licht?

Der Effekt ist durch die Doku von Erik Friedler ja auch schon etwas eingetreten. Ich könnte mir vorstellen, dass die Leute, die sie noch aus den frühen Tagen kennen, nach der Lektüre sagen: Wow, das ist erstens eine große Leistung, die sie vollbracht haben, und es ist zweitens eine hoch interessante deutsche Geschichte, für die diese Band steht.

Du bist ja vom Fach: Wie schätzt Du die Wirkung ein?

Ich glaube, dass das Phänomen Tote Hosen erkannt wird, was nicht heißt, dass jetzt jeder die Musik gut finden muss. Es ist aber ganz klar, dass wir dieses Buch nicht nur für die Hardcore-Fans geschrieben haben. Ich habe die Hoffnung, dass die Geschichte auch für Menschen aus anderen kulturellen Umfeldern interessant ist. Relevant genug ist sie auf jeden Fall.

Wie ist denn die aktuelle Wahrnehmung der Hosen?

Gerade in den letzten zwei Jahren werden sie nochmal aus einer anderen Perspektive betrachtet. Vielleicht haben ihre Konzerte in der Tonhalle dazu beigetragen, für die sie auch die Josef-Neuberger-Medaille bekommen haben. Zum ersten Mal sind sie von den Feuilletons bejubelt worden. Das hat in der Wahrnehmung nochmal Einiges verändert. Ihre Leistung wird inzwischen ganz anders anerkannt. Einerseits haben sie durch „Tage wie diese“ eine Popularisierung erfahren, andererseits haben sie durch die Konzerte „Willkommen in Deutschland“ den Respekt von Menschen erspielt, die mit den Toten Hosen sonst gar nicht viel am Hut haben.

Keiner kann es im Moment besser einschätzen als Du: Was machen die Hosen in zehn Jahren?

Tja, in zehn Jahren ist Campino 62. Meine Prognose wäre: Es gibt sie immer noch. Sie werden ihr Programm ein bisschen angepasst haben. Die nächste Platte und die nächste Tour kommen ja jetzt sowieso noch. Da ist dann in drei, vier Jahren wieder alles vorbei. Dann werden sie noch eine Platte machen. Und dann sind wir auch schon im Jahr 2024.

Wie wird die Band in der Zukunft aussehen?

Es werden andere Tote Hosen sein, zwangsläufig. Die Art von Konzerten, die sie bislang gespielt haben, ist dann nicht mehr möglich. Das wird im Buch ja auch schon etwas angedeutet. Du kannst mit 62 nicht mehr so Vollgas geben wie mit 52, da ist selbst Campino ein natürliches Ende gesetzt. Eine gute Show wird schon immer noch möglich sein, aber du musst etwas runter vom Gas.

Buchbesprechung

Hat sich die Band mit dieser Tatsache schon arrangiert?

Die Toten Hosen sagen: Die Konzerte, das ist unsere DNA. Bei ihnen hieß es lange: Vollgas, ohne Rücksicht auf irgendwelche Verluste.

Da wird man einen Weg finden müssen, um das auf der Bühne auszugleichen. Aber wenn man sich das „Unplugged“ aus dem Burgtheater anguckt, sieht man ja, dass es auch so funktionieren kann.

Dass sich die Band morgen auflöst, schließt Du aus?

Dafür hängen sie alle viel zu sehr an diesen Live-Momenten, als dass sie das leichtfertig aufgeben würden. Campino hat jetzt auch endgültig entschieden, so mein Eindruck, dass die Ausflüge in die Theater- und Filmwelt schöne Erfahrungen waren, aber dass seine Heimat die Toten Hosen sind. Da fühlt er sich am wohlsten, nicht bei diesen Psychos im Theater. Er hat mir mal gesagt, das ist gar nicht im Buch gelandet:

„Nach meiner Zeit als Schauspieler wusste ich wieder, wie gerne ich mit den vier anderen Hosen arbeite.“

Campino