Wie bist Du aus dem Westerwald nach Düsseldorf gekommen?

1980 bin ich bei meinen Eltern raus – und in die einzige Kommune im Westerwald gezogen. In dieser Zeit war ich gerade mitten in meiner Ausbildung zum Kaufmann und dort damit der einzige, der einer "regelmäßigen" Arbeit nachging. Jedenfalls solange, bis mir ein langhaariger Anarchist das Buch "Lieber gesund feiern als krank schuften" in die Hand drückte... Es war eine dufte Zeit, alles ziemlich entspannt, unser Hund hieß Afghan und wir waren alle sehr aktiv an der "Sexfront". 1981 wurde das Haus abgerissen. Ein Freund hat dann eine Ausbildung als "Erzieher" in Düsseldorf angefangen und hörte von dem Gerücht, dass es auf einer gewissen Kiefernstraße preiswerten, sehr preiswerten Wohnraum geben sollte.

Wie war die politische Situation auf der Kiefernstraße Anfang der 80er?

Es war total politisch! Am besten hat das damals mein Vater ausgedrückt, als er sagte, er würde mich auf der Kiefernstraße niemals besuchen, weil ich da nur mit Kommunisten, Kriminellen, Schwulen und Drogenabhängigen zusammen lebe. Im Prinzip musste ich meinem Dad da recht geben, nur, dass er die afrikanischen Asylanten, Antiimperialisten, Lesben, Anarchisten, Alkoholiker, Müslis, Punks etc. eigentlich auch noch hätte erwähnen müssen.

Anfang der 80er Jahre: Peter als langhaariger Haschrebell

Das war es, was die Kiefernstraße in den ersten Jahren für mich ausmachte: Vielfalt und Autonomie.

Was war der Peter Stahlhofen dieser Zeit für ein Mensch?

Zu dieser Zeit wurde ich zum "schwarzen Peter". "Schwarz", weil meine Haare damals schwarz waren, aber auch, weil das die Farbe der Anarchismus ist, für mich damals wie heute die Alternative zum Kommunismus und Kapitalismus. Und auf der kleinen Insel Kiefernstraße herrschte Anarchie. Ich fand das großartig, genau das, was ich mit knapp 20 Jahren gesucht hatte. Als Landei war das hier für mich ein Dschungel, mein "Kiefernjungle". Was mich etwas irritierte, war, dass die Punks schon mal "blöder Kiffer" zu mir sagten. In der Szene war zu der Zeit eher Alk als "bewusstseinserweiternde Drogen" angesagt. Ich habe als "umherschweifender Haschrebell" dann ziemlich mit mir gekämpft, ob ich mich nun von meinen langen Haaren und von meinem Recht auf einen nichtalkoholischen Rausch trennen soll. Und ich habe mich dann für "Haare ab" entschieden.

Wann hast Du Deine Kneipe auf der Kiefernstraße aufgemacht?

Zu dem Zeitpunkt war ich so Anfang 20. Den Laden haben wir mit vier bis fünf Leuten geschmissen. Wichtig war uns, dass wir unser Leben autonom, also weitgehend selbst bestimmt gestalteten. Der Laden war dafür gut. Wir hatten ein Auto, frei essen, trinken - und was man sonst noch benötigt. Und die Arbeitszeiten waren ziemlich flexibel. Name und Motto lauteten: "Nix Da! - Revolutionär und Billig", und genauso war es dann auch. Unsere "Volxküche" war billig und manchmal auch lecker, und unser Bier war das preiswerteste der Stadt.

Wie kam es dazu, dass damals auch die Hosen im "Nix da!" gespielt haben?

Das muss so 1984/85 gewesen sein. Wir hatten in dem Laden immer wieder Veranstaltungen, meine Lieblingsband waren zu der Zeit "Die Sklaven" aus Düsseldorf-Benrath. Meistens kamen Bands zu uns und fragten, ob sie auftreten können. Als Gage gab es immer die Abendkasse, ein paar Kisten Bier und lecker Essen aus der hauseigenen Volxküche. Ich kam nach Düsseldorf in der Zeit, als sich ZK gerade auflösten. Alle hier fanden die ziemlich klasse und deshalb waren die Hosen schon kurz nach der Gründung eine feste Größe in Düsseldorf und insbesondere auch auf der besetzten Kiefernstraße. Eine aus unserem Team kannte einen Autoschrauber, der die ollen Kisten von den Hosen reparierte, und der hat uns den Kontakt gemacht.

Mitte der 80er: Graffiti auf der Düsseldorfer Kiefernstraße

Wie lief denn so ein Kiefernstraßen-Konzert damals ab?

Ich selber war da bei den Hosen nicht weiter aktiv, außer dass ich an dem Abend Thekendienst hatte, jede Menge Spaß und einen erstklassigen Umsatz. Die Hosen haben wie alle Bands die Abendkasse bekommen und Freibier, viel Freibier. Man muss sich das so vorstellen: ein kleiner Laden, Kapazität: 100 Leute, brechend voll, tiefe Decken, Boller-Kohlenofen, eine Toilette für Jungs und Mädels zusammen, die Anlage voll Schrott.

Ich weiß aber noch, dass es das erste Konzert meines Lebens war, bei dem es so richtig abging. So etwas hatte ich bis dahin noch nicht erlebt. Das war "My Generation", nicht die Hippiekacke von früher, das war real, mitten im Leben.

Du hast selbst Musik gemacht. Wieso hast Du Dir die Trompete als Dein Instrument ausgesucht?

Tja, die hat mir einer geschenkt. Campi war da schlauer, der hat das Ding schnell beiseite gelegt und ist Sänger geworden. Für die spätere Karriere kein ganz so schlechter Schachzug (lacht). Ich jedenfalls liebte meine Trompete und habe jeden Tag stundenlang geübt, dachte auch, dass ich gut bin – und meine Nachbarn dachten: "Jetzt dreht der Schwarze total ab!" Meine erste Band hieß "Maggie goes to Holloway". Einer von den Jungs kam aus London und hasste Maggie Thatcher – und Holloway ist der größte Frauenknast in London. Wir waren eigentlich so eine Art Kiefernstraßencombo, das heißt: wir wurden immer mit der berühmt-berüchtigten Straße verbunden und haben darüber auch relativ viel lokale Presse bekommen.

Es gab Mitte der 80er Jahre einen unbestrittenen Höhepunkt in Eurer Bandgeschichte.

Irgendjemand hat uns für den Kulturpreis der Landeshauptstadt Düsseldorf vorgeschlagen. Ich weiß zwar bis heute nicht wieso, aber wir haben den ersten Preis bekommen. Normalerweise geht der an irgendwelche Klassikfreaks oder Jazzgrößen. Anyhow, der damalige Bürgermeister musste uns empfangen und den Preis, einen Barscheck über ein paar tausend Mark, übergeben. Und wir durften der Presse dann mitteilen, dass wir von der Kohle einen Bandbus kaufen und mit dem Rest eine fette Freibier-Party auf der Kiefernstraße machen.

Super, die Stadt bezahlt das Bier für ihre eigenen Hausbesetzer. That's Punk-Rock.

Düsseldorfer Kulturpreis für "Maggie goes to Holloway": Oberbürgermeister Klaus Bungert (rechts) und Bandmitglied Peter

Und Du hast Dich mit dem damaligen US-Vize-Präsidenten George Bush angelegt...

Der alte Schorsch, damals noch Vize-Präsident unter Ronald Reagan, kam 1983 nach Krefeld. Die Herren fanden, dass sie mal wieder so richtig aufrüsten sollten, damit die NATO dem Russen zeigt, wo der Hammer und die Sichel tatsächlich hängen. Und Krefeld liegt so nah an Düsseldorf, dass es sich anbot, da mal hinzufahren und etwas Bambule zu machen. Wir waren ein loser Haufen von Leuten und hatten uns an dem Tag für die "Haschrebellen-Guerillataktik" entschieden: Kleine, unkontrollierte Aktionen, die den Gegner ärgern und uns Spaß bereiten. Am Nachmittag hatte ich dann keinen Bock mehr und wollte mich zum Hauptbahnhof durchschlagen. Bis zum Bahnhof bin ich auch gekommen. Aber auf einmal war da ein tierischer Aufruhr und ein paar fette Limousinen rasten vorbei. Ich dachte mir, das schau ich mir an. Ein Fehler, wie ich heute weiß! Denn plötzlich war ich von Einheiten der regierenden Staatsmacht eingekesselt und habe ziemlich eins aufs Maul bekommen: Verhaftung, Sammellager und Anzeige.

Welche Konsequenzen hatte die Festnahme noch für Dich?

In den darauf folgenden Tagen war Krefeld das Medienthema Nummer eins, weil ein paar "Chaoten" die gepanzerte Limo vom Presi mit ihren bloßen Händen angegriffen hatten.

Ich habe mir da wenig Gedanken zu gemacht, weil es natürlich bescheuert ist, mit Fäusten auf ein gepanzertes Fahrzeug zu schlagen. Ein paar Tage später wurde dann aber die Kiefernstraße abgesperrt, weil sie einen Typen mit Haftbefehl suchten - und der Typ war ich. Die Vorwürfe hießen: Schwerer Landfriedensbruch, Körperverletzung, Widerstand gegen Polizeibeamte und Angriff auf das Fahrzeug vom Presi.

Wie hast Du darauf reagiert?

Ich konnte meiner Festnahme entgehen, weil die Deppen einfach meinen Nachbarn, der mir ein ganz klein wenig ähnelte, festgenommen haben. Der Gute hat dann auch noch eins aufs Maul bekommen, als er den Bullen seinen Ausweis zeigen wollte, um zu beweisen, dass er nicht ich ist.

Ich habe mich dann erstmal vom Acker gemacht und von außen beobachtet, wie sich das entwickelte, nämlich beschissen. Denn alle, die in Zusammenhang mit Krefeld verhaftet worden waren, wurden innerhalb kürzester Zeit zu zwei bis drei Jahren Knast verurteilt.

Ich habe mich ab da in Richard Kimble umbenannt und für ein Jahr abgesetzt. Als sich nach einem Jahr die Lage etwas beruhigt hatte, hab ich mich dann gestellt, drei Monate abgesessen und bin dann auf Bewährung entlassen worden. Ganz hart hat mich dann im Nachhinein noch betroffen gemacht, dass unser deutsches Heer mich nicht einstellen wollte, weil ich "eine Gefahr für die Sicherheit der BRD" darstelle...

Wann hat Dich dann das große Reisefieber gepackt?

Das war, nachdem ich auf Bewährung aus der Kiste entlassen worden bin. Die drei Monate Knast haben mir gereicht, aber Bewährung ist halt, gerade in dem Umfeld, in dem ich lebe, immer eine heikle Angelegenheit. Um kein Risiko einzugehen, habe ich dann beschlossen für längere Zeit zu verreisen. Asien hatte mich schon immer gereizt, mein Traum war es, nach und durch Indien zu reisen. Ich habe mich aber noch nicht getraut und mit Thailand, Sumatra, Malaysia etc. begonnen.

Beliebter Zeitvertreib in Indien: Backgammon mit Breiti

Danach hast Du erstmal für einige Zeit in der T-Shirt-Druckerei der Hosen gearbeitet...

Ich bin aus Asien zurückgekommen und war total abgebrannt. Trotz der bescheidenen Grundkosten, die ich zu der Zeit hatte (einer der Vorteile, ein Haus zu besetzen), musste Kohle ran. Meine Mitbewohnerin und gute Freundin Susi Hertsch arbeitete zu der Zeit schon als Merchandiserin für die Hosen. Von ihr hab ich den Tipp bekommen, dass es da eine Druckerei gibt, die die Hosen-Shirts druckt. Und dass der Typ, der die leitete, sicher Hilfe gebrauchen könne. Ich hab mich dann dort einfach aufgedrängt. Mein erster Arbeitstag begann gegen 10 Uhr morgens - und die Kollegen waren breit und zufrieden. Ziemlich praktisch war auch, dass ich es nicht weit hatte, weil der Laden fünf Minuten von meiner Straße entfernt lag. Ich kannte zu der Zeit die Hosen, die mich aber nicht. Ich hab da gaaanzz von unten angefangen, mit bücken und T-Shirts in Kisten packen, um genau zu sein.

Du hast Mitte der 90er auch zwei Jahre lang für die Plattenfirma der Hosen gearbeitet?

Das war nach der "Opium fürs Volk". Vom Musikgeschäft hatte ich im Prinzip keine Ahnung, aber Jochen Hülder, der Manager der Hosen, meinte: "Du hast doch in einer Band gespielt und mit denen eine Platte veröffentlicht. Den Rest bring ich Dir bei." Es war also eigentlich weniger meine berufliche Qualifikation, sondern eher das Ding, dass Jochen und die Band dachten, ich sei der richtige Typ. Ich selber wollte ja nie fest als Angestellter arbeiten - als Anarchist versucht man das nach Möglichkeit zu vermeiden - da ich aber eine Familie gegründet hatte und 35 Jahre alt war, dachte ich mir, ich sollte es mal mit regelmäßiger Arbeit, Sozialversicherung etc versuchen. Das Angebot von JKP kam da also genau richtig. Letztendlich habe ich es dann immerhin zwei Jahre geschafft - aber so einen alten Sack kann man dann doch nicht an einen anderen Haken hängen. Mein Fazit lautet heute: Hat Spaß gemacht, war super interessant, aber ich bin total ungeeignet, um in einer Firmenstruktur zu arbeiten.

"Du hast doch in einer Band gespielt und mit denen eine Platte veröffentlicht. Den Rest bring ich Dir bei."

Jochen Hülder zu Peter Stahlhofen

Was waren die Höhepunkte Deiner Tätigkeit?

Ich bin etwas stolz, dass ich an zwei besonderen Projekten mitarbeiten durfte. Zum einen an der Single "Pushed Again" und dem dazu gehörigen Video-Clip und vor allem "Alles ist eins", meinem Lieblingsstück neben "Nichts bleibt für die Ewigkeit", "Ülüsü" und "Reisefieber". Und dann wurden mir, als altem Straßenkämpfer, die Vorbereitungen für die Ahaus-Aktion übertragen. Ich habe den Kontakt mit den Leuten in Ahaus hergestellt und zusammen mit meiner Kollegin Marlene die gesamte Logistik organisiert. Die einzige Ansage der Band lautete: Die Bürgerinitiative vor Ort soll alles entscheiden, was wir machen. Wir waren auf jeden Fall super ausgerüstet. Genauer möchte ich da aber nicht drauf eingehen...

Was machst Du heute?

Ich bin verantwortlich für die Produktion des Merchandises auf Tour. Der Job hat sich einfach angeboten, irgendwie habe ich seit 15 Jahren mit Herrn und Frau Baumwolle zu tun, und es macht schon Freude, wenn ich noch heute auf Konzerten "Ficken Bumsen Blasen"- oder "Horrorshow"-Shirts sehe, die ich vor fast 15 Jahren selber gedruckt und verpackt habe. Mit dem Design etc. hab ich weniger zu tun, das ergibt sich oft aus der Gestaltung des Covers oder einzelner Stücke.

Die Hosen in "Ficken Bumsen Blasen" - Shirts

Foto Fryderyk Gabowicz

Zuletzt fand ich das Tour-Shirt vom zweiten Teil der "Auswärtsspiel"-Tour klasse – und die blaue Coachjacke trage ich schon seit Jahren. Gründe, weshalb ich den Job auch nach all den Jahren immer wieder gerne mache, sind, dass er zum einen immer nur temporär zu Touren stattfindet.

Und dann liege ich mit der Band völlig auf einer Linie, indem wir versuchen, immer eine qualitätsmäßig gute Ware zu einem fairen Preis anzubieten.

Du hast Dich aber nicht nur für Punk-Rock interessiert, als Manager der Köln-Düsseldorfer Band Mouse On Mars bist Du auch im Elektronik-Bereich vertreten...

Ich fand, dieses Projekt Köln-Düsseldorf gab es so noch nicht, außer bei der Schifffahrt, und wollte einfach mit dazu beitragen, Spannungen hier in der Region abzubauen (lacht). Andi Thoma von Mouse On Mars kenne ich schon seit über 15 Jahren, wir waren sogar mal mit unseren alten Bands gemeinsam auf Tour in Prag. So hat sich während meiner Zeit bei JKP ergeben, dass wir wieder in Kontakt gekommen sind. Mouse On Mars sind als deutsche Band auf einmal ziemlich in Großbritannien, in den USA und in Japan durchgestartet. In so einem Stadium ist es wichtig, dass man Leute um sich hat, denen man vertrauen kann, und die sich um die ganzen administrativen Dinge kümmern, die dann anfallen: Verträge, Abrechnungen prüfen usw. Jochen Hülder kennt Andi Thoma noch länger als ich. Da zu dieser Zeit abzusehen war, dass ich meinen Job bei JKP aufgebe, haben wir überlegt, ob ich mich nicht um Mouse On Mars als Manager kümmern soll.

Hat es für Dich jemals einen Unterschied gemacht, dass die Band aus einem anderen Genre stammt?

Ich habe diese Entscheidung bis heute noch keine Sekunde bereut. Mit den Jungs zu arbeiten macht Spaß, und wir verbinden Freundschaft und Geschäft ziemlich gut miteinander. Obwohl die Musik völlig anders ist, gibt es einige Parallelen zu den Hosen. Ich habe auch keinen schriftlichen Vertrag mit Mouse On Mars: Vertrauen und gemeinsame Entscheidungen sind die Basis unserer Zusammenarbeit. Die Chemie und das Gefühl müssen stimmen, sonst geht da nichts. Und so ist das bei mir seit geraumer Zeit auch mit der Musik.

Buddha, Buddha, Hey: "Oh, it's a...Peter!"

Was ist für Dich "gute Musik"?

Gute Musik ist für mich die, bei der was ankommt. Und in den frühen 80ern war das bei mir der Punk-Rock, das war einfach mein Lebensgefühl. Heute kann ich alles hören, wichtig ist, ob bei mir ankommt, dass der oder die Künstler wirklich was rüberbringen. Das kann ein John Lee Hoocker sein, der nur "Hey hey hey" singt, eine Maria Callas, der Countryjunkie Calvin Russel, ein tibetanischer Mönchschor oder die Hosen mit einem Stück wie "Pushed Again".

Wo bist Du mit Mouse On Mars überall rumgekommen?

Ich war mit der Band in Tokio und Istanbul - und vor zwei Jahren in New York. Ich habe gedacht, die lassen mich nach den Vorfällen in Krefeld überhaupt nicht ins Land. Doch als ich in New York landete, fielen auf einmal alle Computer aus. Das war im August 2001 und plötzlich stand ich in Amerika und wohnte mit den Jungs in einem Hotel Ecke Broadway.

Seit zehn Jahren bist Du nun regelmäßig in Indien. Was fasziniert Dich so an diesem Land?

Ich bin mit meiner Familie vor circa zehn Jahren das erste Mal nach Indien geflogen. Ich bin angekommen und mir war klar: Das ist es, Du wirst nirgendwo anders mehr hin fahren.

Wenn Du das erste Mal in dieses Land reist, gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder Du hasst es und versuchst, so schnell wie möglich zu fliehen und kommst nie wieder – oder Du verliebst Dich in dieses Land und die Menschen und kommst immer wieder.

Dieser Subkontinent fasziniert mich, weil Du dort alle Facetten des Lebens erleben kannst. Es gibt kein Land, in dem Du solche Gegensätze hast, den Himalaja im Norden und der Dschungel im Süden, Hindus, Jains, Moslems und Sikhs, Arm und Reich. Ich bin davon überzeugt, dass Du Jahre durch Indien reisen kannst und doch immer wieder überrascht wirst.

Wo lebst Du?

Meine Familie und ich leben in "Indien Light", in Goa, haben einen Garten, in dem sogar ein Mangobaum steht. Goa war bis Mitte der 60er Jahre eine portugiesische Kolonie. In Deutschland kennt man das eher als Hippie-Paradies und Drogen-Mekka, was auch nicht so ganz falsch ist. Es hat aber halt auch noch tausende von anderen Facetten. Zum Beispiel hat da eine durchgeknallte deutsche Familie das erste Geburtshaus Indiens gegründet - und der einzige Mann, der da arbeitet, jobbt auch für Die Toten Hosen und Mouse On Mars...

Was ist ein Geburtshaus?

Die meisten Frauen gehen zum Kinderkriegen ins Krankenhaus, obwohl das ja gar keine Krankheit ist. Bei uns kommen die Frauen, um Ihr Kind wie in einer Hausgeburt zu kriegen, und gehen danach wieder. Wir kennen diese Frauen meistens schon sechs Monate vorher, während man im Krankenhaus vorher nie weiß, wer die Hebamme sein wird, wer gerade Schicht hat. In Indien kommt ansonsten ein Großteil der Kinder per Kaiserschnitt zur Welt. Wir sind die Ersten, die jetzt dort auch Wassergeburten anbieten. Ich sehe unsere Hebammen irgendwie auch als Künstler und kümmere mich um sie wie um meine Bands.

Reiseleiter & Band: Mit den Hosen auf Royal Enfield Bullets quer durch Indien

Du bist auch schon mal mit den Hosen auf Motorrädern durch Indien gefahren. Wer hatte die Idee zu dieser Tour?

Ich habe den Hosen jahrelang erzählt: "Hey Jungs, Ihr müsst unbedingt mal nach Indien kommen, das ist Punk-Rock, real and everywhere." Und die Antwort war immer: "Lass mich mit Deiner Hippiekacke in Ruhe!" Ich glaube, es war 1998, ich arbeitete noch bei JKP, als Campi zu mir ins Büro kam und sagte, dass die Band überlegen würde, mal gemeinsam nach Indien zu fahren - und ob ich mir vorstellen könnte, den Reiseleiter zu machen. Ich dachte, der nimmt mich auf den Arm und gleich kommt wieder die Nummer mit der Hippiegeschichte. Deshalb habe ich das erstmal gar nicht ernst genommen und einfach nur mal so zugesagt. Doch dann wurde das auf einmal richtig real. Und damit begann der allerbeste Teil meiner Karriere bei JKP. Das war noch viel besser, als die Ahaus-Aktion vorzubereiten. Ich wurde Reiseleiter der Hosen in Indien und das Ganze während meiner Arbeitszeit.

Was waren Eure ersten gemeinsamen Eindrücke in Indien?

Als wir in Bombay ankamen, dachte die Band wohl erstmal: "Schock - auf was haben wir uns hier eingelassen?" Und als ich dann aus dem Taxi Hosen-Aufkleber an schreiende Kids verteilte, war Wölli schon so weit, mich in die Klapse einweisen zu lassen. Aber so ist Indien: Geben und nehmen, Augen zu und durch – und schauen, dass Du den Rhythmus findest und das indische Schwimmen erlernst. Wir haben uns ein paar Motorräder geliehen und sind nach Hampi gefahren, ein Ort, der mitten in Karnataka liegt. Ein paar Fotos der Reise sind auch in dem neuen Hosen-Bildband zu sehen. Wir haben in einem Tibetanischen Kloster gewohnt und im Dschungel übernachtet. In Varanasi sind wir zum Sonnenaufgang über den Ganges gerudert und neben uns schwammen Leichen, weil Varanasi für die Hindus ein heiliger Ort ist. Wer in Varanasi stirbt und verbrannt wird, kann das Rad des Lebens direkt überwinden, wird also nicht mehr in den Kreislauf der Wiedergeburt eintreten.

Wer ist Euch in Indien sonst noch über den Weg gelaufen?

Die beste Anekdote ist die: Campi hatte vorher in einem Interview gesagt, dass die Band für ein paar Wochen nach Indien fährt und erwähnte, dass man sich ja an einem bestimmten Tag am Hauptbahnhof in Bombay treffen könnte. Na ja, irgendwie hatte niemand von uns diesen Termin noch auf dem Schirm, und wir waren alle ziemlich überrascht, als wir in Goa auf dem Markt eine Punkerin aus dem Schwabenland trafen, die uns herzlich aber bestimmt anpupte:

"Wieso wart Ihr nicht am verabredeten Tag am Hauptbahnhof in Bombay? Ich habe da den ganzen Tag auf Euch gewartet." Diese Frau ist tatsächlich nach Bombay geflogen und wollte dort die Hosen treffen. Ich denke die Band hat das Missgeschick wieder gut gemacht, denn wir hatten mit ihr noch einen schönen Tag bei unserem nächsten Bombay-Aufenthalt.

Die neue Heimat: Das Geburtshaus in Goa

Nach 22 Jahren auf der Kiefernstraße wirst Du dort jetzt Deine Zelte abbrechen und komplett nach Goa übersiedeln. Wirst Du weiterhin von dort aus für die Hosen arbeiten?

Es ist schon ein seltsames Gefühl. 22 Jahre. Ich denke, ich werde in meinem Leben nirgends mehr solange an einem Ort wohnen. Auf der anderen Seite war es Zeit für mich zu gehen. Ich habe immer die richtige Alternative zur Kiefernstraße gesucht. Ich brauche das Gefühl, autonom zu sein. Der Gedanke, einen Vermieter zu haben, würde mich zum Beispiel irre machen. Und Indien ist mein Traum, ein Wunschtraum, und genau jetzt ist die Zeit, in der meine Wünsche wahr werden! Ich bin mit einer Frau verheiratet, die einen Beruf im Sinne von Berufung hat. Mit ihr zusammen habe ich das erste Geburtshaus in Indien gegründet. Unsere Kinder gehen dort auf die Schule und die meisten meiner Freunde leben dort. Ich habe einen Internetanschluss und arbeite von meinem Schreibtisch in Goa aus für Mouse On Mars – und zur nächsten Hosen-Tour setzte ich mich in den Flieger und fahre entspannt und mit Freude zum Arbeiten nach Düsseldorf.

Wo siehst Du Dich in zehn Jahren?

In zehn Jahren fange ich wieder an zu kiffen und werde mit meiner Frau für längere Zeit im Himalaja, in Ladakh und Rajastan sein. Meine Kinder werden uns jeden Monat ein paar Euros schicken und wenn sich die Kohle dann dem bitteren Ende zuneigt, werden die Hosen anrufen und sagen: "Komm mit uns, verschwende Deine Zeit!"