Wie bist Du das erste Mal mit Musik in Kontakt gekommen?

Ich bin von Musik besessen, seitdem ich zwölf Jahre war. Ich habe mir die mittlerweile legendäre John-Peel-Show mit einem Finger auf dem Aufnahmeknopf meines Kassettenrekorders angehört und hunderte von Mixtapes aufgenommen. Und ich habe mit 14 Jahren angefangen, Schlagzeug zu spielen, und bin dadurch nur noch besessener geworden. Ich habe in Bands gespielt, bis ich 19 war, eine Sehnenscheidentzündung in den Handgelenken bekam und aufhören musste. Ich denke aber nicht, dass dem Rock'n'Roll dadurch etwas verloren gegangen ist! (lacht) Meine Lieblingsbands hatten eigentlich immer irgendwas mit Gitarren zu tun: Fugazi, Sonic Youth, Dinosaur Jr, Hendrix, Ramones, Jeff Buckley oder die Chili Peppers.

Wie wird man mit einer solchen Biographie dann einer der bekanntesten Live-Musik-Regisseure im Musikgeschäft?

Ich glaube nicht, dass es den einen Weg gibt, wie man Live-Musik-Regisseur wird. Ich habe Freunde, die genau dasselbe machen wie ich, aber sehr unterschiedliche Hintergründe haben. Einige waren Herausgeber von Zeitschriften, einige von ihnen haben bei Festivals an Monitoren geschnitten und einer hat vorher in einer Bank gearbeitet! Ich habe immer schon Kameras und Bands geliebt, so war es wohl ein ganz gewöhnlicher Lauf der Dinge. Ich habe vor ungefähr zehn Jahren angefangen, als Laufbursche bei MTV zu arbeiten. Für gewöhnlich hing ich einfach in den Studios rum und schaute mir alles an, welche Band dort auch immer spielte.

Welches einschneidende Erlebnis hattest Du dabei?

Eines Tages beobachtete ich einen Typen namens Hamish Hamilton, der bei den Beastie Boys Regie führte. Die Energie, die er schuf, und die Kraft, die er ihrem Auftritt hinzufügte, führten mir zum ersten vor Augen, dass Musik-Regie viel mehr ist als nur eine Dokumentation des Ereignisses.

Wenn du es gut machst, kannst du einer Performance wirklich noch etwas hinzufügen. Ich entschied mich damals, dass es das ist, was ich in Zukunft tun wollte. Von da an nutzte ich jede Möglichkeit, die sich mir bot, um Live-Musik zu filmen – bis ich schließlich zusammen mit Zane Lowe (jetzt bei "Radio 1") eine MTV-Sendung namens "brand:new" entwickelte. Wir schlossen eine Menge Freundschaften mit Bands und begannen die gelegentlichen Gigs mit DVC-Kameras aufzunehmen. Und darauf wurde "MTV international" aufmerksam.

Wie hat die Hauptzentrale von MTV reagiert?

Sie hatten damals einen Newcomer-Regisseur-Tag, an dem sie jedem, der es probieren wollte, zwei Stunden im Studio mit einer Band ermöglichten und einen halben Tag, um das Material zu schneiden. Irgendwie passierte es, dass sie meine Ergebnisse mochten. Und im typischen MTV-Stil riefen sie mich bereits eine Woche später an und beauftragten mich, Live-Regie bei Linkin Park in Mailand zu führen.

Ich hatte schreckliche Angst, aber in der Minute, in der sie auf die Bühne kamen, griff alles ineinander und fühlte sich ganz natürlich an. Ich habe nie mehr zurückgeschaut. Entweder liebst du das Arbeiten unter starkem Druck oder nicht. Ich liebe es.

Paul Shyvers, Besprechung mit Andi, Berlin Waldbühne, 2009

Foto Enno Kapitza

Wie kam es, dass sich Deine Karriere von da an so erfolgreich entwickelte?

Ich habe wirklich keine Ahnung, warum sich meine Karriere so entwickelt hat. Was möglicherweise wichtig war, ist, dass ich niemals einen Kompromiss eingegangen bin, wenn es um meine Ideen ging. Ich filme eine Band auf die Weise, wie ich sie filmen will, selbst wenn sonst niemand glaubt, dass es eine gute Idee ist. Es ist ja irgendwie auch eine Kunstform und wenn du nicht an deine eigenen Ideen glaubst, dann verschwendest du deine Zeit. Das Besondere an dem, was ich mache, ist, dass jede Konzertaufzeichnung mein eigener Werbeclip ist. Wenn du irgendwas filmst, landet es im Fernsehen. Und wenn die Leute das mögen, was sie sehen, rufen sie dich an. Ganz einfach.

Wie bereitest Du Dich auf eine Konzertaufzeichnung vor?

Ich lebe wenigstens zwei Wochen mit der Musik. Ich wohne in England draußen auf dem Land, so packe ich die Songs auf meinen Walkman und gehe damit in den Wald. Das ordnet meine Gedanken und hinterher weiß ich, was ich zu tun habe. Musik ist für mich immer schon genauso eine Seh- wie Hör-Geschichte gewesen.

Gute Musik erzeugt Bilder. Mein Job ist es lediglich, diese Bilder zu übersetzen und zu entwickeln.

Außerdem treffe ich die Bands aus zwei Gründen sehr gerne selbst. Der erste ist, dass ich ein 35 Jahre altes Kind bin und so die Möglichkeit habe, Rockstars zu treffen - wer würde das nicht machen wollen? Der zweite ist, dass es mir hilft, eine Idee zu entwickeln, wie ich die einzelnen Bandmitglieder filmen werde, wenn ich die unterschiedlichen Persönlichkeiten im Kopf habe. Die Band muss mir sowieso vertrauen, so dass es das Beste ist, wenn wir vorher Freunde werden. Und dabei ist eigentlich immer eine gemeinsame Grundlage, dass wir alle eine Leidenschaft für die Musik haben. Ich habe auch keine Probleme mit deutschen Texten. Es ist ganz einfach: jemand übersetzt sie vorher für mich ins Englische

Was ist Deine Hauptarbeit am Konzerttag selbst?

Meine Arbeit während des Konzerts ist sehr intensiv. Der bei weitem schwierigste Teil meines Jobs ist es, die Bilder in meinem Kopf für andere Leute zu übersetzen. Das ist der Grund, warum ich immer dasselbe Team dabei habe - von den Kameras bis zum Lichtdesigner, von der PA bis zum Bildregisseur. Ohne diese Menschen würde es nicht funktionieren. Ich habe also immer erstmal eine Idee, wie eine Band gefilmt werden sollte. Die erste Sache ist dann, den Schauplatz des Konzertes zu sehen und auszuarbeiten, wo ich meine Kameras aufbauen werde. Abhängig vom Budget und der Hallengröße sind das zwischen sieben und 15 Stück. Dann entscheide ich, welche Linsen ich benötige, um die Bilder hinzukriegen, die ich brauche. Und dann muss ich alles natürlich auch noch ausleuchten, so dass ich mich mit meinem Lichtdesigner hinsetze und einen Plan erarbeite.

Was gilt es, bei den Kameras zu beachten?

Wir müssen herausfinden, welche Spezialeffekte wir mit der Kamera erzielen wollen. Soll es wie mit einer alten Super8-Kamera aussehen oder frisch und "Hi-Def"? Ich bin der Meinung, dass das vor dem Filmen entschieden werden muss. Solche Sachen hinterher zu entscheiden, ist ein Zeichen von Unprofessionalität und lässt das Ganze hinterher wie einen Kompromiss wirken. Tagsüber hat alles sehr viel mit Kommunikation zu tun. Meine Einweisung der Kameraleute vor der Show ist immer sehr lebendig, was aber notwendig ist, damit es hinterher genauso aussieht, wie ich das möchte.

Wie erlebst Du das eigentliche Konzert?

Das Konzert an sich passiert einfach.

Wenn erstmal alles an seinem Platz ist, wird mein Job ganz einfach – ich lasse mich einfach mitreißen. Der einzige Weg, damit es funktioniert, ist, sich selbst zu verlieren.

Also versuche und tue ich das. Ich sage immer, dass es das Nächste zum in-einer-Band-sein ist, dass du erleben kannst – ohne in einer Band zu sein. Ich höre den Ton von der Bühne im meinem Truck sehr laut und drehe einfach durch. Ich spreche die ganze Zeit mit allen Kameras über Bildausschnitte, Bewegungen etc. Wir arbeiten im absoluten Gleichklang und es ist immer ziemlich schnell vorbei.

Und nach dem Konzert beginnt die aufwändige Schneidearbeit in Deinem Studio in London.

Das Schneiden läuft entspannter ab. Wenn du weißt, dass die Aufnahmen gut geworden sind, wirst du nur damit konfrontiert, dass du so viel aus dem Abend machst wie du nur kannst. Wenn du die besondere Stimmung erfasst hast, ist das Schneiden immer relativ einfach.

Du hast schon mit Bands wie Coldplay, Red Hot Chili Peppers oder Strokes gearbeitet. Wie hast Du die Hosen kennen gelernt?

Der Kontakt zu den Hosen kam zustande, weil ich 2004 für das Filmen von "Rock am Ring" zuständig war.

Natürlich hatte ich mir zur Vorbereitung die wichtigsten Platten von ihnen angehört, aber ich hatte keine Ahnung, was ich von ihrer Live-Show zu erwarten hatte. Und es hat mich komplett umgehauen!

Diese totale Bindung zum Publikum und wahnsinnige Energie - und dazu bringen sie das immer sehr ehrlich und total unprätentiös rüber. Das ist es, was ich an der Band mag, und ich vermute, dass das auch das ist, was all ihre Fans mögen. Wie immer, wenn ich gefragt werde, ob ich eine Live-DVD machen will, fühlte ich mich sehr, sehr geschmeichelt.

Hattest Du vorher überhaupt schon mal von den Hosen gehört?

Ehrlich gesagt wusste ich sehr wenig über die Hosen, bevor ich sie gefilmt habe. Ich erzähle meinen englischen Freunden jetzt immer, dass es sich um die größte Band handelt, von der sie niemals gehört haben. Wie ich vorher schon sagte, glaube ich, dass die Hosen so populär sind, weil es da eine Ehrlichkeit, Leidenschaft und Integrität hinsichtlich der Dinge gibt, die sie tun. Und das ist eine sehr erfolgreiche Formel.

Du hast mittlerweile vier wichtige Konzerte der Hosen aufgenommen: "Rock am Ring" 2004 und 2005 sowie zuletzt "Unplugged" und "Heimspiel". Was war die bislang schwierigste Aufgabe?

Die Unplugged-Show in Wien war bis jetzt die größte Herausforderung für die Band und mich. Die Band machte etwas komplett Anderes als sonst, die Dreharbeiten waren technisch kompliziert und wir haben es schon lange Zeit im Voraus geplant. Wenn du diese drei Schwierigkeitsgrade zusammennimmst, ist klar, dass du sehr, sehr hart arbeiten musst, um nah bei der Originalidee zu bleiben. Das ist aber auch der Grund, warum mich das Unplugged-Konzert noch für lange Zeit begleiten wird. Es ist genau dasselbe, ob du deinen Urlaub in Indien oder auf den Malediven verbringst. Indien wird dich immer mehr Mühe kosten, aber es wird dir auch mehr geben.

Welche Elemente gehören zu einem perfekten Hosen-Konzert?

Wenn man ein Konzert aufnimmt, geht es dabei nicht um irgendwelche Einlagen, aber augenscheinlich habe ich den die Bühne erkletternden Campino bisher nie verpasst. Aber das ist nicht das Wesentliche eines Konzerts! Ich denke vorher darüber nach, als wäre ich als Fan bei diesem Konzert dabei. Der Trick ist es, die Stimmung einzufangen, die Verbindung zwischen Band und Publikum und die Verbindung untereinander in der Band. Als Fan möchte ich auf einer Konzert-DVD zwei Sachen sehen: Ich möchte sehen, wie groß das Spektakel gewesen ist und ich möchte Zugang zur Bühne haben, um all das zu erfassen, was ich aus dem Publikumsbereich nicht sehen kann. Ich habe ehrlich gesagt noch kein Hosen-Konzert erlebt, das nicht unglaublich war - aber genauso wie beim Filmen ist es auch auf der Bühne nicht ein einzelnes Element, das das Konzert zu einem herausragenden macht. Es ist die Verbindung zum Publikum und das Gefühl von Intimität, das die Hosen herstellen, wo immer sie auch sind.

Was war für Dich das Besondere am Unplugged-Konzert im Wiener Burgtheater?

Ich denke, dass die größte Herausforderung beim Unplugged-Konzert war, dass niemand von uns wusste, wie es ausgehen würde.

„Unplugged”, Wien 2005

Foto Donata Wenders

Wir alle wussten, was wir wollten, aber wir wussten nicht, ob es auch passieren wird. Die Band wusste, wie sie klingen wollte, aber sie wussten nicht mit Sicherheit, ob das auch klappen würde. Ich wusste, wie ich es aussehen lassen wollte, aber bis das alles erstmal gefilmt ist... Wenn erst einmal alles gefilmt ist, kannst du nicht zurück und sagen: "Ich habe diese großartige Idee gehabt, warum machen wir nicht?" So haben wir uns alle mit etwas Unbekanntem befasst. Das Beste daran war für mich, dass wir etwas von Grund auf erfunden haben, wir haben aus gar nichts etwas gemacht. Das gibt dir 100 Prozent Kreativität und ist sehr selten.

Wie lief die Zusammenarbeit mit den Hosen?

Die Hosen sind sehr cool, wenn es darum geht, wie ein Konzert aussehen soll. Sie lassen mich meine Ideen haben und vertrauen mir grundsätzlich bei allem, was ich so anschleppe. Das ist auch die einzige Art, wie ich arbeiten kann.

Ich sage Andi nicht, wie er Bass zu spielen hat, er sagt mir nicht, wo ich meine Kameras hinzustellen habe!

Ich weiß, dass er seine Sachen im Griff hat, und er weiß, dass ich meine im Griff habe. Es gab nur eine Sache, bei der wir uns nicht einigen konnten, aber dazu muss man Campi fragen – und wenn man es tut, sagt ihm bitte, dass ich Recht hatte (lacht).

Nachdem das deutsche Kapitel für Dich erstmal abgeschlossen ist: Gibt es irgendeine internationale Band, mit Du noch nicht gearbeitet hast, aber gerne einmal würdest?

Ich bin so dankbar, dass ich mit diesem Job meinen Lebensunterhalt bestreiten kann. Und so lange die Leute das mögen, was ich mache, werde ich das auch genauso weiterführen. In die Zukunft geschaut, kann ich nur sagen: Ich bin nicht sonderlich ambitioniert. Ich möchte ganz einfach mit jedermann arbeiten!