Paul, was ist anders, wenn Du mit Musikern arbeitest?

Der Inhalt ist ein anderer. Für mich ist es dann oft schwierig, den Mittelweg zwischen Fan und Nicht-Fan zu finden. Die Hosen sind für mich vor allem als Live-Band interessant. Was bei ihnen auf Tour abgeht, finde ich absolut faszinierend. Musiker sind grundsätzlich etwas schwieriger einzufangen, weil sie irgendwann ihre Platte gemacht haben und dann in ihrem Trott drin stecken. Man muss sich als Fotograf mit etwas auseinandersetzen, was sie vor zwei Jahren gemacht haben. Politiker zum Beispiel müssen viel öfter auf neue Themen reagieren.

Noch etwas, was Du über Musiker gelernt hast?

Musiker trinken auf jeden Fall auch etwas mehr. Da muss man als Fotograf abends auch mal am Glas performen.

Trinken als vertrauensbildende Maßnahme?

Absolut. Wenn mich ein 21-jähriger Fotograf nach einem Tipp fragt, sage ich immer: Das Foto von Campino, wie er auf Ibiza auf einer Klippe steht, das kann jeder machen. Selbst wenn du nur ein iPhone zur Hand hast, wird das ein super Foto. Das Entscheidende ist aber: Wie komme ich dorthin, dass ich dieses Foto machen kann? Man muss sich mit den Künstlern am Ende gut verstehen. Und bei mir war das bei den Hosen mit Campino zum Glück vom Start weg eine klare Sache.

Wohin hat Dich der vertrauensvolle Umgang getragen?

“Ich darf inzwischen bei den Hosen machen, wie, was und wann ich will.“

Ich habe auch sehr viele Nacktbilder von Campino in meinem Privatarchiv. Man ist als Tourfotograf halt auch regelmäßig dabei, wenn er sich irgendwo umzieht. Natürlich werde ich diese Fotos nie benutzen, aber die Motive zeigen, dass er es einfach gewohnt ist, dass ich in seiner Nähe bin, ja, dass er es fast schon vergisst. Nur so können am Ende besondere Bilder entstehen.

Du bist gerade einer der angesagtesten Werbe- und Musikfotografen in Deutschland. Wie bist Du überhaupt zum Fotografieren gekommen?

Mein Vater war Allgemeinarzt in Heidelberg. Und wie so viele andere Allgemeinärzte auch hat er sich das Wartezimmer mit tollen Fotos voll gehängt. Fotografie war sein großes Hobby. Wir hatten zu Hause immer sehr viele Kameras, und so habe ich schon recht früh angefangen zu knipsen, verstärkt mit elf, zwölf Jahren beim Skaten. Ehrlich gesagt war ich zum richtigen Skaten einfach zu schlecht, und so war meine Rolle relativ schnell klar. Ich wurde der Fototyp.

Wie kamst Du vom Skaten zur Musik und Musikfotografie?

Nach dem Skaten kam der HipHop. Innnerhalb dieser Szene war es wichtiger, über HipHop Bescheid zu wissen, als bereits ein großer Foto-Experte zu sein. Es war letztlich wie in der Punk-Szene, in der die Hosen aufgewachsen sind. Jeder hat das gemacht, was er konnte. Der eine hat ein Fanzine geschrieben, der andere fotografiert. Die Künstler hätten sich andere professionelle Fotografen leisten können, aber es war allen wichtig, dass wir alles selbst machten. Ich habe also einfach weiter fotografiert. Dass es technisch noch unter aller Kanone war, hat zu der Zeit nichts ausgemacht.

Wie wichtig ist die Musik heute für Deine Fotos?

Total wichtig. Ich habe früher auch selbst aufgelegt, aber Musik zu fotografieren war schon immer ein großes Thema. Ich mache inzwischen ja auch Werbung, was immer etwas unehrlich und verlogen ist. Doch durch das Geld, das ich damit verdiene, kann ich meine Musik-Jobs lockerer angehen. Bei den Hosen habe ich auch einfach erstmal fotografiert, ohne irgendetwas Finanzielles abzusprechen. Dann haben die Hosen mich irgendwann angesprochen, dass sie mir jetzt auch mal etwas Geld geben wollten. Das war mir in meiner Branche vorher noch nie passiert, dass die Gegenseite mit dem Thema angefangen hat.

Du warst also Skater, Hobby-Fotograf, DJ – und womit hast Du anfangs Geld verdient?

Ich habe mal aus Spaß gesagt: „Dönerfleisch haben wir irgendwann auch mal verkauft.“ Seitdem steht das in meinem Wikipedia-Eintrag. Das stimmt aber natürlich nicht. Was ich sagen wollte: Ich habe schon ganz viele verschiedene Sachen gemacht, um mich durchzuschlagen, von Web-Design bis Bewegtbild.

Jetzt hast Du die größte Hosen-Tour aller Zeiten dokumentiert. Wie hast Du die Hosen eigentlich kennengelernt?

Mein bester Kumpel Marteria hat an den Texten des letzten Studioalbums mit geschrieben. Unser großes Glück war es, dass ihn die Hosen anschließend eingeladen haben, mit nach Argentinien zu kommen. Er hat sie dann gefragt, ob er seinen Film- und Fotokumpel mitnehmen kann. Und das war auch gar kein Problem. Dann sind wir einfach mit runtergeflogen. Ich bin überzeugt davon, dass man keinen besseren Start haben kann mit den Hosen, als sie nach Argentinien zu begleiten, weil sie dort besonders eng miteinander sind.

Was war sonst noch anders als bei der großen Stadiontour in Deutschland?

Es gab keine Trucks und keine Hundertschaften, die uns begleiteten. Wir sind stundenlang mit Bussen übers Land gefahren. So habe ich die Hosen und ihre Stammcrew ziemlich gut kennengelernt. Es waren insgesamt vielleicht 40 Leute, jeder hatte seine Familie dabei. Marteria und ich waren gefühlt so etwas wie Campinos Familie. (lacht) Man könnte auch scherzhaft sagen: Wir waren die jungen Kumpels, denen er imponieren wollte. Und das ist ihm auch ziemlich gut gelungen.

Was ist Dir im Gedächtnis geblieben?

Ich fand es extrem beeindruckend, wie die Roadies gearbeitet haben. Schließlich ist das in Argentinien nicht so einfach wie in Deutschland, wo in jedem Jugendclub die richtigen Kabel liegen. Das Beeindruckendste war aber, als ich feststellte, dass sich im Umfeld der Hosen alle immer deinen Namen und dein Gesicht merken. Das habe ich noch bei keiner anderen Band erlebt. Die Mitarbeiter haben ein echtes Interesse an dem, was du bei den Konzerten tust, egal ob das der Soundmann, Security oder Busfahrer ist. Ich glaube schon, dass es sehr schwierig ist, in diese verschworene Gruppe reinzukommen. Wenn man aber drin ist, dann sind alle unglaublich herzlich und verlässlich.

Ein Beispiel?

Als ich meine Mutter zum Konzert nach Mannheim mitgebracht habe, sind alle zu ihr hingegangen und haben sich vorgestellt. Da war ich echt stolz, dass alle wussten, was ich auf der Tour mache. Nicht nur die Band, mit der man sowieso im Gespräch ist, sondern alle Mitarbeiter. Das ist überhaupt nicht selbstverständlich. Wenn man mit HipHop-Typen unterwegs ist, kiffen die die ganze Zeit und wollen nie irgendjemanden kennenlernen.

Das Hosen-Prinzip ist ein anderes?

Ich glaube, dass der Umgang miteinander viel über das Erfolgsgeheimnis der Hosen erzählt. Ich bin überzeugt: Wenn sie keine Punkband gegründet hätten, sondern eine Dönerbude aufgemacht hätten, wären sie auch erfolgreich geworden. Ganz einfach, weil sie sich tatsächlich um ihre Leute kümmern.

Wie hast Du es als eingebetteter Fotograf erlebt, wie die Hosen selbst miteinander umgehen?

Was mich am meisten begeistert ist, wieviel Respekt sie voreinander haben. Es gab ganz viele Situationen, in denen ich längst gesagt hätte: „Alter, halt die Klappe!“ Bei mir würde da bestimmt auch mal so ein Satz herauskommen wie: „Ohne mich wärst Du gar nichts.“ Wenn sich aber die Hosen untereinander kabbeln, bleiben alle immer ganz ruhig. Und es dauert dann auch nicht lange, bis wieder alles stimmt, und man sich wieder aufeinander verlässt.

Was glaubst Du, warum ist das bei dieser Band auch nach über 25 Jahren noch so?

Sie stellen einfach keine Fragen mehr, ob es anders sein könnte. Sie haben sich abgefunden, dass es so ist. Für mich ist es absolut begeisternd, dass sie noch zusammen zum Fußball gehen. Oder wenn Campino im Hamburg ist und Andi zufällig auch vorbeikommt, dann telefonieren die und treffen sich – völlig privat, ganz ohne Konzert.

Das gibt´s bei anderen Bands dieser Größenordnung eher selten?

Ja, das ist wirklich der große Unterschied: Die Hosen sind nach wie vor saugut miteinander befreundet und interessieren sich füreinander. Wenn ich mich mit Campino unterhalte, sprechen wir auch über Kuddel.

Was an Deinen Bildern auffällt, ist, dass Du nicht nur die Band aus nächster Nähe zeigst, sondern das ganze Universum der Hosen abbildest.

Ich habe so eine klare, enge Gemeinschaft wie bei den Hosen auf Tour noch nie gesehen. Die elf Menschen im inneren Kern inklusive des Managers – das ist schon faszinierend.

Was treibt die Hosen noch an?

Ganz klar: die Fans.

Man hat in Düsseldorf richtig gemerkt, wie es sie ankotzte, dass sie wegen des DVD-Drehs einen Graben akzeptieren mussten und nicht noch näher dran waren. Sie lieben alle – den Moment. Die Platte ist letztlich egal, so etwas haben sie schon zigmal gemacht, aber das Live-Ereignis ist es. Die Hosen sind hungrige Menschen, die immer wieder Bestätigung brauchen. Sie sagen natürlich: „Wir halten jetzt diesen Moment fest. Wer weiß, ob es noch einmal so wird?“ Aber sie werden ganz bestimmt noch sehr lange spielen, wenn sie können, weil sie einfach für die Bühne gemacht sind.

Gab es nicht auch bei den Hosen mal einen Tag, an dem sie keine Lust hatten?

Nein, das habe ich während der anderthalb Jahre wirklich nie gehört. Die Hosen sterben immer und jederzeit für den Moment, auf die Bühne gehen zu dürfen. In der Stunde davor siehst du in ihren Augen, wie der Bock immer größer wird, live zu spielen – ganz egal ob es 500 oder 50.000 Zuschauer waren. Wenn man mich fragt, spielen die noch 100 Jahre weiter.

Wie sind die Jobs innerhalb der Band verteilt?

Es ist krass, wie sich Andi und Breiti des Visuellen annehmen und sich bis ins Detail darum kümmern. Wenn Andi bei einem Stadionkonzert durch die Gegend läuft, kann er dir die Namen von allen 450 Leuten sagen, die als Mitarbeiter beteiligt sind: von den Merchstand-Verkäufern über den Kameramann im entferntesten Winkel bis zu den Sicherheitsleuten in Block 18.

Wer gibt Dir Dein Briefing?

Das ist vollkommen unterschiedlich. Manchmal ruft mich Andi an, manchmal auch Campino. manchmal mache ich auch einfach alles alleine. Die ganzen Tourfilmchen habe ich einfach so gedreht, ohne irgendetwas abzusprechen. Wir hatten vorher nicht mehr als ein grobes Konzept. Was genau passieren sollte, haben wir uns immer erst vor Ort ausgedacht, zum Beispiel als Campino die ganze Crew auf dem Hof hat antreten lassen. Die Filme lebten von der Spontanität.

Wie bist Du mit dem Ergebnis zufrieden gewesen?

Mir hat es sehr gefallen, nochmal einen anderen Vibe reinzubringen. Worauf ich stolz bin, ist, dass ich das Tourleben abgebildet habe, wie es bei den Hosen wirklich ist. Ich glaube, es kommt zumindest ansatzweise rüber, wie ehrlich und cool alle Musiker und Mitarbeiter sind. Bei anderen Bands gehen die Künstler vor der Show anderthalb Stunden backstage, und keiner sonst darf in diesen Bereich. Bei den Hosen treffen sich alle nicht zuletzt ständig beim Catering.

Du hast nicht nur Fotos und Filmchen gemacht, sondern auch den Videoclip zu „Das ist der Moment“ gedreht. Zuvor hattest Du schon einige Clips für Marteria verantwortet und eine Live-DVD für Jan Delay. Wie war Deine Idee zu diesem Stück?

Ich hatte ursprünglich vor, Campino mit seinem Sohn zu zeigen, was er aber nicht wollte. Dann haben wir auf drei Erzählebenen verschiedene Menschen porträtiert, wie sie die Vorfreude auf ein Konzert erleben. Mit dabei sind zum Beispiel auch die Kinder von JKP-Geschäftsführer Patrick Orth. Und wir haben in Dortmund sogar noch extra neue Live-Bilder gedreht. Wir hatten für den Clip anfangs drei Drehtage eingeplant, am Ende waren es 17.

Paul mit Campino und Marteria.

Bevor Du bei den Hosen an Bord gegangen bist, hat man Dich tatsächlich häufig als Kumpel von Marteria wahrgenommen. Wie ist die intensive Zusammenarbeit mit ihm zustande gekommen?

Was viele gar nicht wissen: Wir kennen uns eigentlich erst seit vier Jahren. Ich machte damals eine Internet-Serie, die „Life of Paul“ hieß, und habe dafür Musik von ihm benutzt. Das fand er irgendwie cool und hat das bei sich gepostet. Kurz darauf haben wir uns auf einem Festival zufällig an der Bar getroffen. Der Abend endete, glaube ich, Arm in Arm und mit Zungenkuss (lacht).

Du bist seit zwei Jahren der „Künstlerische Leiter“ von Marteria. Was heißt das genau?

Ich dränge mich bei ihm audiovisuell sehr in den Vordergrund. Damit etwas Neues entsteht, bin ich auch bereit zu kämpfen. Als es beim ersten großen Album „Zum Glück in die Zukunft“ tausend verschiedene Meinungen gab, habe ich mir irgendwann einfach das Produktionsbudget geschnappt und bin mit Marteria nach Andalusien gefahren. Statt lange zu reden, haben wir einfach etwas gemacht, und dabei sind dann die Bilder entstanden, die für die nächste Zeit gültig waren. Für die neue Platte „Zum Glück in die Zukunft II“ sind wir dann einmal komplett um die Welt geflogen.

Du bist inzwischen Marterias bester Kumpel, warst zuletzt ganz nah dran an Campino. Was verbindet die beiden Sänger?

Sie sind sehr ähnliche Menschen, lieben sich wirklich von ganzem Herzen. Am Ende verstehe ich mich wohl auch deshalb so gut mit Campino, weil wir alle vom gleichen Schlag sind, ganz krasse Suchttiere, stark beeinflussbar. Wenn Campino mir sagen würde, dass es besser wäre, ein Konzert nackt zu filmen, würde er mich dazu kriegen. Und ich wüsste genau, wo ich ihn anpieksen muss, damit er einen Salto von der Bühne macht. Marteria und Campino haben ganz ähnliche politische und ideologische Einstellungen. Und nicht zu vergessen: Sie feiern beide auch sehr gerne.

Was Euch drei ebenfalls verbindet, ist die Liebe zum Fußball. Zu wem hältst Du?

Ich war als Heidelberger früher für den 1. FC Kaiserslautern, dann als zugereister Hamburger für den FC St. Pauli. Ich bin sogar auswärts bei den Ultras mitgefahren. Inzwischen kann ich mich mit dem Klub aber nicht mehr so identifizieren. Man unterscheidet sich gar nicht mehr so sehr von Paderborn, Hoffenheim und Bielefeld. Wegen meiner Kumpels habe ich plötzlich Sympathien für Hansa Rostock und Fortuna Düsseldorf. Eine grundlegende Einstellung ist allerdings, dass ich nach wie vor sehr gegen den HSV bin.

Wie weit geht Deine Fußballleidenschaft?

Die Stadionatmosphäre fasziniert mich. Wir waren auch in Buenos Aires im Stadion bei den Boca Juniors gegen Independiente. Weil wir unbedingt in den Gästeblock wollten, mussten wir durch 18 Polizeikontrollen. Ich habe mir gerade auch einen meiner großen Fußballträume als Fotograf erfüllt. Als die deutsche Nationalmannschaft die neuen Trikots für die WM 2014 bekam, war ich derjenige, der sie einmal komplett durchfotografiert hat.

Knapp zusammengefasst: Du bist also bis auf weiteres auf kleinen und großen Bühnen unterwegs...

Ich nenne das Maximierung der Ereignisdichte: so viel wie möglich, so kurz wie möglich. Wenn ich einen Job abgeschlossen habe, liegt es mir fern, die Fotos ein paar Monate lang nachzubearbeiten. Ich bearbeite meine Bilder genau einmal, und dann bin ich unterwegs zum nächsten Job.

"Maximierung der Ereignisdichte"

So gut vernetzt wie Du inzwischen bist: Wann bist Du zuletzt irgendwo nicht reingekommen?

Das war in kurzen Hosen vor einer Bar in New York. In Deutschland kennt man inzwischen immer jemanden, der einem Zugang verschafft. Zur Not gebe ich mich als Marteria aus, das klappt auch immer sehr gut. (lacht)

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Ein opulentes Buch mit knapp 600 Fotos auf 464 Seiten, das die gemeinsamen Abenteuer des Fotografen Paul Ripke und der Band aus 4 Jahren dokumentiert.