Das Jahr 1983

Als Loser des Jahres 1983 liege ich ständig daneben – vor allen Dingen in drei Angelegenheiten: Ich nehme an, dass meine Beziehung zu Isabel über den Sommer hinaus anhält. Gleichzeitig gebe ich Helmut Kohl keine Chance, denn ich halte ihn für einen Irrtum der Geschichte. Er bleibt dann 16 Jahre im Amt. Dann die Einführung der CD. Auch so ein Blödsinn. Ich glaube kaum, dass sich dieser Quatsch durchsetzt. Heute ist die CD immer noch da.

Opel-Gang, 1983

Mit der Bundestagswahl am 6. März 1983 wird die so genannte geistig-moralische Wende eingeleitet. Irgendwie hat das viel mit der CD zu tun. Die Compact Disc symbolisiert damals für mich das Regime der Technokraten, also der CDU, die gegen die Friedensbewegung gewonnen hat. Damals laufen überall noch Schallplatten. Nur nicht bei Thomas. Er geht auf meine Schule, spielt Schach, ist gut in Naturwissenschaften und Mitglied der Schüler Union, ein richtiger Arsch also. Er ist ein natürlicher Feind und geradezu prädestiniert für den Besitz eines CD-Players. Wir finden das silbrige Ding, das er mit Handschuhen aus seiner Hülle knackt, sehr obskur. Damals kostet eine CD knapp 40 Mark. Thomas führt uns seinen ersten Silberling vor, natürlich einen von den schrecklichen Dire Straits. Er lacht uns Skeptiker aus und prophezeit das Ende des Vinyls innerhalb von zehn Jahren. Ich halte ihn für einen Spinner. Rap drängt aus New York in die kleinen Plattenläden der Düsseldorfer Altstadt. Meine erste Rap- Maxi kommt dann aber komischerweise nicht aus den USA, sondern aus Düsseldorf-Flingern. Die Toten Hosen haben zu dieser Zeit unter dem Pseudonym The Incredible TH-Scratchers mit dem Rapper Freddy Love (aka Fab Five Freddy) eine bis heute hörbare Version Ihres Partyhits „Eisgekühlter Bommerlunder“ unter dem Titel „Hip-Hop-Bommi-Bop“ aufgenommen.

Und schließlich Isabel. Ich glaube fest an die Endlosigkeit unserer Liebe. Im Sommer bittet sie mich, ihr ein paar Platten auf Kassette zu überspielen, die sie sich geliehen hat. Es sind: ”The Sky‘s Gone Out“ von Bauhaus, ”Three Imaginery Boys“ von The Cure und „Opel-Gang“ von den Toten Hosen. Wenig später ist sie mit dem Typen zusammen, der ihr die Platten geliehen hat. Und ich Depp habe sie ihr auch noch aufgenommen. Was für eine Niederlage.

Jan Weiler, 2007

Das Cover zu Opelgang ist für mich eins Eurer schönsten. Warum habt Ihr eigentlich kein Bandfoto gemacht?

Breiti – Das ist doch ein Bandfoto.

Aber man erkennt niemanden.

Breiti – Da sind alle drauf zu sehen. Campi kann man doch gut erkennen.

Kuddel – Campi kann man nicht erkennen.

Breiti – Doch! Und hier, im Fenster, das ist doch Dein Arsch, Kuddel.

Kuddel – Ja stimmt, wenn man genau hinsieht … das ist mein Arsch.

Campino – Das mit den Händen vorm Gesicht bin ich. Auch die Gesichter der anderen sind nicht zu erkennen. Dieses Visagenverdecken war so ein Prinzip unserer ersten Fotos. Wir haben es aber nicht lange durchgehalten.

Breiti – Ich liege unter dem Wagen.

Wo kam die Kiste her?

Breiti – Die Karre war bei uns im Gebrauch, deswegen ist die da drauf, die war nicht etwa vom Schrottplatz. Wir haben sie für das Foto ein bisschen auseinander gebaut.

Wo war das?

Campino – In Düsseldorf Flingern.

Breiti – Bei Trini um die Ecke.

Trini – Der Wagen hat einen Riesenunfall verursacht auf der Autobahn.

Wie kam das?

Trini – Der ist einfach stehengeblieben und hinten sind die LKWs reingefahren. Er hat einfach den Geist aufgegeben, ist gestorben. Und wie diese LKW-Fahrer so sind, die achten ja auf nichts beim Onanieren, sind sie der Reihe nach drauf gefahren. Ich glaube, das war ein Schaden von 1,5 Millionen DM, eine Riesensumme.

Wo war das?

Trini – Auf der A46 zwischen Düsseldorf und Wuppertal, bei Hahn.

Und wer saß drin?

Trini – Ein Freund von Jochen. Es ist ihm nichts passiert. War die Karre nachher kaputt? Ich weiß es nicht mehr, vielleicht haben wir sie deswegen nicht mehr benutzt.

Trini, wie alt warst Du da? Du warst ja älter als die anderen, oder?

Trini – Ja. Das war 1982. Dann war ich echt 31. Nicht zu fassen. Da hast Du mir jetzt schön den Tag verdorben. Eigentlich hast Du mir gerade sogar die letzten dreißig Jahre verdorben.

Back Cover mit Andi's Handschrift

Wer hat sich das Logo mit dem Hosen-H ausgedacht?

Andi – Den Schriftzug habe ich gemacht, das ganze Geschriebene ist meine Handschrift. Das habe ich genau für eine Platte durchgehalten.

Breiti – Er ist ja Legastheniker, wir wollten ihm die Schreiberei nicht weiter zumuten.

Bist Du wirklich Legastheniker?

Andi – Ja, bin ich, anerkannt. Danach sind meine Noten nach oben gegangen, speziell meine Deutschnote war dann sehr gut, denn Rechtschreibfehler durften nicht mehr bewertet werden, nur der Inhalt.

Breiti – Ich glaube, das ist nur eine billige Ausrede.

Andi, Du hattest damals nur zwei Saiten auf dem Bass, richtig?

Andi – Ja, ich habe dieses Instrument weder richtig verstanden noch beherrscht. Ich hatte den Ehrgeiz, dass auf die Dauer noch zwei hinzukommen sollten. Aber das war am Anfang nicht wichtig, das war ja das schöne am Punk. Man musste nicht Musiker sein, um sich auf eine Bühne stellen zu können und Musik zu machen. Außerdem hatten wir ja noch Kuddel, der wusste wie es geht.

Breiti, wie groß war der Druck bei der Aufnahme von Opel-Gang für Dich als Anfänger?

Breiti – Für mich war das eine komfortable Situation, weil ich genug Zeit hatte, mich da rein zu finden und viele Sachen zu lernen. Das ist wie beim Fußball: Wenn du mit Leuten spielst, die besser sind als du, dann wirst du auch besser.

Campino – Ich habe übrigens auf der Platte auch auf dem einen oder anderen Stück Schlagzeug gespielt.

Warum nicht Trini?

Andi – Jeder hat das gemacht, was er am besten konnte.

Campino – Das führte dazu, dass Kuddel auf der Platte ungefähr 80 Prozent aller Instrumente gespielt hat.

Und was hat Trini gemacht?

Campino – Strammer Max. Darin war er super.

Andi – Strammer Max konnte Trini wirklich gut.

Kuddel – Die Pasta war auch nicht schlecht.

Campino – Er hat auch auf zwei, drei Stücken Schlagzeug gespielt, aber vor allen Dingen hat er Frühstück gemacht. Er war von uns der beste Koch. Kuddel hat den Bass und die Gitarre gespielt. Er war in jedem Instrument besser als jeder andere von uns. Keine Ahnung, warum er nicht auch nochgesungen hat.

Andi Ich glaube, das ist ein Vorteil, den diese Band immer hatte. Wir haben sehr unterschiedliche Charaktere und auch grundverschiedene Interessen und Fähigkeiten. Und es ging ja nicht nur um Musik.

Sondern?

Andi – Ein Konzert konnte sich zum Beispiel völlig chaotisch entwickeln und trotzdem großartig sein. Manchmal dauerten die nicht einmal eine halbe Stunde, aber wir hatten unseren Spaß. Ich kann mich erinnern, wie wir mal in Berlin im „Risiko“ gespielt haben. Wir hatten damals noch Walter dabei, der gar nicht eingestöpselt war.

Das war Walter November?

Andi – Ja genau, der hieß Walter Hartung, nannte sich aber Walter November. Eine Hommage an Gene October, den Sänger von Chelsea, das war sein großer Held. Kuddel hat versucht, ihm an der Gitarre was beizubringen, da war aber Hopfen und Malz verloren. Walter hatte null Taktgefühl, da ging gar nix. Da haben wir ihn halt ausgestöpselt.

Warum hat er überhaupt auf der Bühne gestanden, wenn er gar nicht spielte?

Andi – Weil er einfach gut aussah.

Campino – Er war hoch motiviert, aber womöglich der unmusikalischste Mensch, dem ich bis heute begenet bin.

Trini – Okay, der konnte kein Instrument spielen, das ist alles. Von seinem Ohr her war der hochmusikalisch. Und von seinem Auftreten her war er der Popstar schlechthin. Der konnte nur kein Instrument spielen. Schade.

Campino Er sah am besten aus und war der größte Poser. Er wäre von uns allen der einzige gewesen, der das Rennen mit Sid Vicious hätte aufnehmen können.

Andi – Walter rannte jedenfalls los auf dieser Bühne in diesem Miniladen in Berlin. Sein Gitarrenkabel hatten wir am Verstärker befestigt, aber nicht eingesteckt. Und nach fünf oder zehn Minuten riss er dadurch beim Nach-Vorne-Laufen den Verstärker um und mähte die gesamte Backline nieder. Er merkte das gar nicht, denn da er nicht eingestöpselt war, veränderte sich für ihn gar nichts. Es war nur noch Chaos auf der Bühne und Schrott. Trotzdem war’s aber ein super Gig, weil der Abend sich gut anfühlte. Die Anlage damals gehörte übrigens den Einstürzenden Neubauten.

Ging auf jedem Konzert alles kaputt?

Campino Nicht alles, aber die Beanspruchung war enorm. Mensch und Material wurden nicht geschont. Die Konzerte dauerten selten länger als eine halbe Stunde.

Warum?

Campino Weil Walter dann entweder ins Schlagzeug hopste oder den Gitarrenverstärker umschmiss. Dann kam da nix mehr raus und das Konzert war zu Ende. Trini Ja, das waren lustige Tage damals. Und es war nicht nur Walter, das hat uns ja auch Spaß gemacht.

Auf Opel-Gang ist Walter November aber nicht mehr dabei, oder?

Campino – Nein, er hat die Band über Nacht verlassen und sich den Zeugen Jehovas angeschlossen. Für die hat er dann eine zeitlang den „Wachturm“ auf der Straße verkauft. Ein herber Verlust für das Musikbusiness. Nach seinem Weggang wurde alles bei uns ein bisschen aufgeräumter. Breiti war schon eine Weile vor dem Album zu uns gekommen, um das Soundloch zu stopfen, dass dadurch entstand, dass Walter zwar eine Gitarre um hatte, aber nicht zu hören war. Breiti saß in der Schule zwei Plätze neben mir, und ich wusste, dass er schon mal eine Gitarre in der Hand gehalten hatte.

Wie habt Ihr die Produktion Eures Debütalbums in Erinnerung?

Andi – Damals war das natürlich eine Riesensensation für uns, dass wir überhaupt eine Platte aufnehmen konnten.

Breiti – Wir mussten überhaupt erst mal lernen, wie das geht, ein Album aufnehmen.

Andi – Es gab nur wenige Menschen in unserem Umfeld, die sich damit auskannten.

Kuddel – Da lag zum Beispiel auch immer ein Stimmgerät rum, das wir nie benutzt haben. Wir haben die Instrumente erst angefangen zu stimmen, als die Aufnahmen schon so gut wie fertig waren.

Andi – Ich habe diese Studio-Sessions nur noch schemenhaft im Kopf, das war so chaotisch. Wir haben in Bochum Langendreer aufgenommen, allerdings nur Nachts und am Wochenende, da war das Studio billiger. Wir wussten nie, ob und wann wir das Geld für den nächsten Studiotag zusammen bekamen.

Wie habt Ihr es trotzdem geschafft?

Andi – Das musst Du Jochen fragen. Er hat sich darum gekümmert.

Jochen Hülder war von Anfang an Euer Manager. Warum hat der an Euch geglaubt?

Andi – Weil auch er ein Voll-Chaot war. Wir waren eine Ansammlung talent- und glückloser Desperdos. Trotzdem glaubte Jochen wohl, dass daraus was werden könnte. Und wenn nicht, so hätte er zumindest jede Menge Spaß. Einen Masterplan gab es jedenfalls nie, auch wenn im Nachhinein immer wieder versucht wird, uns einen solchen zu unterstellen. Wäre ja auch genial gewesen …

Produzent war schon damals Jon Caffery. Wie seid Ihr an den gekommen?

Campino – Er hatte schon für die Einstürzenden Neubauten gearbeitet und als Tontechniker bei der einen oder anderen Sex Pistols-Single. Wir hatten gute Verbindungen zu den Neubauten, die haben uns öfter geholfen. Sie haben sich nicht einmal aufgeregt, als der Verstärker damals in Berlin abgeraucht ist. Das war nicht selbstverständlich. Andere sind uns ganz spießig hinterhergefahren und wollten 150 Mark für ein kaputtes Mikro, aber die Neubauten waren da verständnisvoller.

Andi – Jedenfalls wurde Jon damals für die Aufnahmen entweder aus Frankfurt oder aus London eingeflogen, was nicht einfach war, da er meistens die Flieger verpasste. Kuddel – Und dann hat er ständig mit der Bedienungsanleitung auf den Knien den Chef von diesem Studio angerufen, weil er nicht wusste, wie das Pult funktionierte. Breiti – Es gab Tage, da haben Campino und ich versucht, vormittags unsere Abiturarbeit zu schreiben. Dann sind wir nachmittags ins Studio gefahren und abends war aber noch ein Konzert in Bremen.

Einige Fragen zu den Liedern: Wer hat Euch damals inspiriert? Wo kamen die Songideen her?

Breiti – Es gab Millionen Songs, die wir gut fanden. Hauptsächlich kamen die aus der englischen Punkszene, unbestreitbar unser Haupteinfluss. Ich denke da an The Clash, The Lurkers, Sham 69, The Damned, UK Subs usw. Auch aus den USA kam einiges hinzu, z.B. The Ramones und Johnny Thunders. Wegen all denen haben wir überhaupt angefangen, Musik zu machen und natürlich wollten wir so was Ähnliches erreichen.

Was ist das für ein merkwürdiger Beginn bei „Modestadt Düsseldorf?“

Kuddel Peter Bursch lässt grüßen. Ich glaube, da war ich gerade auf Seite 14 bei seinem Übungsbuch. Ich fand, das klang gar nicht schlecht, das könnten wir als Intro nehmen.

„Bis zum bitteren Ende“ klingt beinahe wie ein Volkslied, so sehr hat sich das verselbständigt.

Campino – Man muss das im Kontext sehen. Wir waren damals zwanzig, Kuddel sogar erst 18. Und wir haben davon gesungen, dass wir nichts anderes mit dem Tag vorhatten, als ihn wegzuwerfen und uns zu betrinken. Sauflieder waren damals aber im Punk und in der Rockmusik noch nicht so angesagt. Wir waren die ersten, die das gemacht haben, und es hat viele Menschen schockiert.

Habt Ihr denn tatsächlich von morgens bis abends gesoffen?

Campino Natürlich nicht immer, aber es war schon ein lustiges Abenteuerfeeling, morgens um elf zum Kiosk zu gehen und eine Pulle Jägermeister zu kaufen. Um 13 Uhr waren wir dann völlig dicht und sprangen in der Bruchstraße um unsere Anlage herum. Um 14 Uhr war die Party zuende, weil wir eingeschlafen sind.

Man musste dann aber noch Hausaufgaben machen.

Campino(lacht) Andi war schon fertig mit der Schule, Trini sowieso. Kuddel stand vor dem Abbruch seiner Schulkarriere. Die Freundin von unserem Manager Jochen war Lehrerin, sie gab ihm Nachhilfe, aber es hat nichts genutzt. Einmal haben wir ein Konzert in Bayern gespielt, in Kirchweidach. Und Andi hat Kuddel anschließend noch von dort nach Düsseldorf in die Schule gebracht, weil er eine Klausur schreiben musste. Rückblickend betrachtet verschwendete Zeit, denn Kuddel hat ein paar Wochen später alles hingeschmissen.

Konntet ihr damals schon von der Musik leben?

Andi – Natürlich nicht, und es hat extrem lange gedauert, bis wir von der Musik allein die Miete bezahlen konnten.

Wie lange genau?

Andi – Bestimmt fünf oder sechs Jahre. Um uns über Wasser zu halten, sind wir halt plakatieren gegangen oder haben irgendwie für andere Roadie gemacht, im Ratinger Hof oder in der Uni-Mensa, wenn Jochen dort irgendein anderes Konzert veranstaltet hat.

Richtige HiWi-Jobs.

Andi – Man hat, wenn man so jung ist, eine gesunde Naivität. Vernunft wäre für die Band das Ende gewesen. Einmal kamen wir von einer Tour zurück und die gesamte Anlage war im Arsch. Wir mussten sie bezahlen und hatten dadurch ein Riesenminus gemacht. Da kamst du schon ins Grübeln.

Breiti – Gedanken hast du dir natürlich gemacht, als alle anderen aus deiner Stufe studiert haben. Selbst wenn die öfter ihr Studienfach wechselten und auch keinen Plan hatten. Dann überlegte ich immer, ob es noch irgendetwas anderes gäbe, das mich interessieren würde. Aber da war nichts! Außerdem dachte ich immer: Ich lerne hier ganz viel, was andere in zehn Jahren Uni nicht mitkriegen.

War einem das so bewusst?

Breiti – Wir haben uns von Anfang an alles selbst beigebracht, nicht nur Musik. Vom Cover bis zum Vertrieb haben wir uns gekümmert, weil es sonst niemand getan hätte. Eine harte Prüfung, aber später konnte uns keiner mehr irgendeine Scheiße erzählen – wir wussten genau, wie es geht.

Könnte man sagen, dass Ihr, weil nicht alle wahnsinnig große Instrumentalisten waren, vor allem ein gutes soziales Gebilde seid?

Breiti – Ich glaube, die Qualität der Band ist völlig unabhängig von den musikalischen Fähigkeiten seiner Mitglieder. Die meisten Bands, die ich kenne, sind früher oder später auseinander gegangen wegen irgendwelchen Eifersüchteleien. Es ist ein großer Vorteil von uns gewesen, dass die Band jederzeit wichtiger war als alles andere, inklusive der jeweiligen Freundinnen, die da herumschwirrten. Auch finanzielle Dinge waren nie ein großes Streitthema.

Warum nicht? Das ist doch eigentlich das Streitthema Nummer eins. Es heißt: Geld verdirbt die Freundschaft.

Breiti – Aber es gab keins. Außerdem haben wir von vornherein gesagt: Geld haben wir eh nicht, aber was kommt, wird einfach durch alle geteilt. Und es ging eben nie darum, wer jetzt tatsächlich dieses oder jenes Lied geschrieben hat, das war und ist völlig egal.

Das kann sich natürlich irgendwann auch mal drehen, und dann sagt einer: Ich sehe das nicht mehr ein. Ich komponiere hier die meisten Stücke, ich will jetzt mehr Geld haben.

Breiti – Das kann passieren, aber es ist nicht passiert. Es besteht nach wie vor ein Grundkonsens, ein ganz intensives Zusammengehörigkeitsgefühl. Es ist nicht so wie bei anderen Bands, wo nach sieben oder acht Jahren jeder seine eigene Garderobe hat. Ich nenne jetzt keine Namen. Wir können immer noch zusammen irgendwo hinfahren oder uns zufällig treffen und eine gute Zeit haben. Bei vielen anderen Bands ist das nach einer gewissen Zeit total ausgeschlossen.

Ein abschließendes Urteil zu Opel-Gang.

Andi – Die hat uns beinahe Kopf und Kragen gekostet, die Platte.

Wieso?

Andi – Wir hatten unsere eigene Plattenfirma, die hieß Totenkopf. Und der Vertrieb war in Köln, bei Eigelstein. Die sind einfach Bankrott gegangen und wir hatten die Presskosten am Hals.

Breiti – Von den ersten zwanzigtausend verkauften Platten haben wir deshalb keinen Pfennig gesehen.

Andi – Wir waren im Grunde sofort nach dem Pressen der LP pleite und mussten zu EMI wechseln.

Breiti – Wir haben echt alles dafür getan, Geld zu sparen. Damals hatten wir ein Büro auf der Kölner Straße im 4. Stock, das waren zwei Zimmer, in denen Jochen auch noch gewohnt hat, wenn er mal wieder bei seiner Freundin rausgeflogen ist. Wir haben damals vom Presswerk tausende von LPs abgeholt, …

Andi – … und zwar mit dem Auto, das Du auf dem Cover siehst …

Breiti – … das war im Sommer. Und ein Karton mit 120 LPs ist echt schwer, wenn du den bei 30 Grad in den 4. Stock tragen musst. Dann haben wir die Textblätter, die von der Druckerei kamen, in die Plattencover gesteckt.

Das hätten die doch auch im Presswerk machen können.

Andi – Aber das hätte zusätzlich ein paar Mark gekostet. Dann alles wieder in die Kiste, runterschleppen ins Auto. Damals haben wir die teilweise auch noch selber verkauft. Wir sind zum Beispiel mit den Kartons in der Schule rumgelaufen und haben versucht, sie ahnungslosen Mitschülern anzudrehen. Klassischer Eigenvertrieb.

Campino – Ja. Aber Trinis Rechnung war trotzdem aufgegangen.

Was war das für eine Rechnung?

Campino – Wir haben also bei der EMI pressen lassen. Trini, der große Rechenfuchs, erklärte uns, dass es billiger sei, wenn wir nicht eintausend Stück, sondern gleich fünftausend Singles pressen lassen würden. Pro Stück gerechnet stimmte das ja auch.

Trini – Das soll ich gesagt haben?

Campino – Außerdem glaubte er, dass die EMI dadurch auf uns aufmerksam würde.

Und?

Campino – Er hatte Recht. Die sind bei diesen Zahlen tatsächlich hellhörig geworden und haben gedacht, dass wir wahrscheinlich unheimlich gut verkaufen würden, dabei stapelten sich die ganzen Kartons bei uns zuhause und in unserem Büro. Kein Mensch wollte den Mist haben, außer unseren Verwandten vielleicht.

Über 50.000 Menschen haben in den vergangenen Monaten unsere Kampagne gegen das Zocken mit Nahrungsmitteln unterschrieben.

Oxfam steht für sinnvolle Entwicklungsarbeit

Breiti im Gespräch mit Sabine Gernemann von Oxfam und Nicole Viusa von Pro Asyl