Wie bist Du im Rock'n'Roll-Zirkus gelandet?

Ich komme eigentlich aus dem schönen Hochsauerland und habe dort eine Karriere als Skispringer begonnen. Da das aber nicht genug Geld versprach, habe ich mir beim örtlichen Sargbauer eine Holzgitarre ausfräsen lassen.

Dann habe ich mich vor den Spiegel gestellt und habe Gitarre gespielt. Mit 15 Jahren hatte ich Mitte der 70er Jahre meine ersten Bands, die illustre Namen trugen wie "Auferstehung" und "Golgatha".

Welche Musikrichtung habt Ihr bevorzugt?

Das waren Schülerbands. Die Musikrichtung war noch undefinierbar. Während meiner Lehre spielte ich dann Akustik-Gitarre im "United THC Ensemble", mit einem Kollegen an den Bongos. Das war voll hippiemäßig. Danach bin ich in den Schwarzwald gezogen, weil wir dort ein Bauernhaus hatten. Es drohte dann aber die Bundeswehr – und deshalb bin ich 1981 nach Berlin gegangen.

Noppa, Kiki und Kathleen

Hast Du in Berlin weiter Musik gemacht?

Ich habe in Berlin in diversen Bands wie "Ghoul", "Agent Orange", "Angelus" und "Pearl Harbour" gespielt. In unserem Dunstkreis verkehrten auch die Musiker von Jingo De Lunch. Und bei denen setzte gerade der erste Erfolg ein, weshalb sie jemanden brauchten, der mit auf Tour fährt. Ich habe mich dann unterwegs um deren Gitarren gekümmert. Irgendwann habe ich dann dabei Kiki kennengelernt – und dann bin ich über Kikis Besetzungscouch zu den Hosen gekommen.

Bist Du bis zu diesem Zeitpunkt auch mit anderen Bands als Jingo De Lunch unterwegs gewesen?

Eigentlich hatte ich nach den Jingos die Schnauze voll davon, mit Musikern in der Gegend rumzureisen. Dann bekam ich aber die Möglichkeit, zweimal mit den Krupps nach Amerika zu fahren. Das war eine sehr nette Zeit. Die Konzerte fanden in einer Größenordnung zwischen Steakhäusern und 600er-Läden statt, später auch in Hallen bis zu 3000 Leuten. Dann bekam ich 1997 plötzlich einen Anruf von den Hosen.

Zu der Zeit habe ich gerade in einer Schlosserei gearbeitet, ging im Büro ans Telefon und wurde gefragt: "Nächste Woche Argentinien – bist Du dabei?"

Noppa und Andi

Wie waren Deine ersten Eindrücke von den Hosen?

Ich kannte die Hosen schon von der "Reich & Sexy"-Tour, bei der Jingo De Lunch dabei gewesen war. Ich hatte das Gefühl, dass ich in eine total gut funktionierende Bande reinkam, in der sich keiner beweisen musste. Es gab einfach nicht die Reibereien, die bei anderen Bands an der Tagesordnung sind. Wir sind nach Buenos Aires, Rosario und nach Lima gefahren. Das war natürlich sehr abenteuerlich, aber auch nicht abenteuerlicher als die besetzten Buden, die ich aus Deutschland kannte. Ich komme ja eigentlich eher aus dieser ganz kleinen Popelnummer, bin es gewohnt, dass aus der Wand zwei Leitungen rausgucken, an die man den Strom anlegt. Da konnte mich dann in Südamerika nichts mehr schocken.

Wann hast Du realisiert, auf welche Größenordnung Du Dich eingelassen hattest?

Das kam erst bei den Shows in den großen Hallen. Da musste ich erst mal lernen, wann ich überhaupt dran bin. Dass man keinen Krach machen darf, wenn Crewmitglieder unter Decke hängen, wusste ich nicht. Da bin ich dann schon mal angeschrieen worden:

"Bist Du wahnsinnig? Die klettern da oben rum und können sich wegen Dir nicht verständigen."

Und ich habe mich immer verlaufen in diesen Hallen, was mir aber manchmal auch heute noch passiert.

In welcher Halle fühlst Du Dich am wohlsten?

Die Halle, die mich immer wieder umhaut, ist die Westfalenhalle in Dortmund, auch weil ich da früher immer zu Led Zeppelin und zu Udo Lindenberg hingefahren bin. Im Endeffekt sehe ich von einer Halle aber immer nur irgendwelche betonierte Einfahrten und irgendwelche Bühnen, die überall gleich sind. Für einen Musiker ist das anders, der kann Unterschiede einfacher festmachen, weil er die Atmosphäre auf der Bühne ganz anders aufnimmt.

Wie bist Du Backline-Chef der Hosen geworden?

Das ist natürlich auch nur über die Besetzungscouch von Kiki gegangen. Ich habe mich da ohne Ende eingeschleimt, bis ich vor der "Auswärtsspiel"-Tour zum Backline-Chef befördert wurde Und seitdem führe ich natürlich ein strenges Regiment (lacht).

Meine Aufgaben sind: Ganz lange schlafen, dann gucken, ob alle meine Arbeit mitgemacht haben - und wenn nicht, die Leute zusammenscheißen. Und Geld zählen natürlich auch!

Hast Du eine besondere Arbeitskleidung?

Die normale Arbeitskleidung sind Bademantel und Schlappen – und dann wird man natürlich auch noch manchmal genötigt, sich als Frau zu verkleiden, zuletzt zum Beispiel in Rottweil. Eigentlich heiße ich ja auch King Noppa, deshalb kommt dann auch ab und zu die Krone dazu.

Was waren Deine weitesten Reisen mit den Hosen?

Ich war mittlerweile in Argentinien, Peru, Kuba – und in Paraguay. In Asuncion haben wir in einer Wellblechhalle gespielt, bei 35 bis 40 Grad. Da hat es drinnen gekocht vor Hitze! Und als wir reinkamen, haben wir gesehen, dass die gerade einen Backstageraum aus Dachlatten und Presspappe zusammenzimmerten. Dabei hatten sie das Ganze mit Lindan angestrichen, was bei der Hitze natürlich herrlich ausdünstete. Das war dann fast schon wieder lustig, obwohl es eigentlich eher traurig war, weil nebenan direkt die Slums lagen.

Was war Dein bester "Magical-Mystery"-Gig?

Osnabrück war eine ganz große Nummer. Das kannte ich in der Form auch noch gar nicht. Da kommt man also in eine Wohnung rein und hinterher wird der 50-jährige Hausherr auf Händen durch die Gegend getragen – und leert Schnaps über den Köpfen aus. Das fand ich schon sehr lustig. Die ganze Familie war klasse. Es war für mich beeindruckend zu sehen, dass auch ältere Menschen an so einer Sache Spaß haben können. Ich kannte aus meiner Jugendzeit nur so ein kleinbürgerliches Dorfmilieu.

Was war für Dich das Besondere an der "Auswärtsspiel"-Tour?

Die Tour lief für mich bislang entspannter als die vorherigen, weil beim Equipment endlich mal alles stimmte. Hinzu kommt, dass ich die neue Platte wesentlich besser finde als das "Unsterblich"-Album. Für mich ist das ganz wichtig, dass die Musik stimmt. Ich könnte nie für Leute arbeiten, die scheiß Musik spielen. Das ist für mich ein ganz wichtiger Punkt. Von der aktuellen Platte finde ich das Stück "Rottweil" richtig geil, leider haben sie das so gut wie nie gespielt.

Künstlername: King Noppa

Zwischendurch haben die Hosen auch noch bei einem großen Festival in Polen gespielt...

Das war der Hammer! Ich habe noch nie so viele Menschen auf einem Haufen gesehen, da waren mindestens 250.000 Leute. Das war eigentlich gar nicht mehr zu überblicken. Und was ich das Beste daran fand, war, dass es einen unglaublichen Mix an Leuten gab. Das ging vom Familienvati bis zu den wüstesten Punks. Und dementsprechend war auch die Musikmischung, vom Feuerwerksblasorchester bis hin zu absoluten Death-Metal-Brüdern und den Hosen. Das fand ich total cool. Der Hintergrund für das polnische Woodstock war, dass vorher landesweit für einen sozialen Zweck gesammelt worden war – und als Dankeschön dann dieses kostenlose Festival stattfand.

Wie hast Du die Last-Minute-Tour erlebt?

Die Tour war äußerst anstrengend: Voms Geburtstag, wenig Schlaf, dünne Luft auf der Zugspitze und Equipment umladen auf hoher See. Es hat aber trotzdem Spaß gemacht.

Das Konzert auf der Zugspitze war das beste, das ich bisher von den Hosen gesehen habe. Die haben ohne Setlist einfach drauflos gespielt, ohne jede Nervosität – und Campino hat gesprüht vor Entertainment. Nur diese dünne Luft da oben, die war gar nichts für mich.

Ich bin den ganzen Tag nur so rumgeeiert und war hinterher froh, wieder unten zu sein.

Es ging dann weiter nach Rottweil zum "Only-Women-Gig".

Normalerweise hört man vor einem Hosen-Konzert ja immer die Fußballgesänge der Jungs. Das ist in Rottweil komplett ausgefallen, was uns schon mal sehr irritierte. Dann hörte man halt auch bei jedem Applaus nur Frauenstimmen, was auch irgendwie komisch war. Nur mein Neffe, der eigentlich absoluter Hosen-Fan ist, hat das nicht verstanden. Er ist dann auch nicht zum Konzert gekommen, dabei hätte er sich nur verkleiden müssen, dann wäre er reingekommen.

Wie bist Du mit der Nordsee klargekommen?

In Sylt habe ich die Strandparty ausgelassen, weil wir am nächsten Morgen bereits um 5:15 Uhr den Zug nehmen mussten. Wir sind dann mit dem Auto nach Büsum gefahren und haben dort in letzter Minute hektisch das Equipment auf einen Katamaran geschmissen. Damit war es aber nicht getan, wir mussten dann auf See alles noch mal auf ein kleines Boot umladen. Helgoland hat mir aber sehr gut gefallen, die Insulaner waren alle total entspannt. Zum Schluss vom Konzert musste ich dann aber noch mal auf die Bühne, weil Campino massive Probleme mit seinem Mikro hatte.

Nur habe ich dabei völlig übersehen, dass ich mittlerweile einen Turban aus Klopapier trug, weil ich hinter der Bühne mit Vom ein paar Späße gemacht hatte. Ich glaube, da habe ich wirklich eine super Figur abgegeben.

Scot Free

Hast Du zur Zeit auch wieder eine eigene Band?

Die eine, Scot Free, tragen wir gerade zu Grabe. Wir haben einfach viel zu wenig Zeit, um uns richtig darum zu kümmern. Es gibt aber auch noch ein Nebenprojekt von uns, die "Meganeger". Mit denen spielen wir ausschließlich Stücke von Turbonegro und sind auch auf dem Tribute-Sampler "Alpha Motherfuckers" vertreten. Ansonsten betreibe ich in Berlin noch die kleine Firma "Highway Tiger". Da vermieten wir kleine Busse speziell an Bands.

Was fällt Dein Fazit nach fünf Jahren auf Tour mit den Hosen aus?

Hast Du schon mal in einer indischen Teppichknüpffabrik gearbeitet, wo kleine Kinder ausgebeutet werden? So läuft das auch bei den Hosen. Ich möchte das mal als Manchesterkapitalismus bezeichnen, aber das wird ja ohnehin zensiert (lacht).