Monchi, was hättest Du gesagt, wenn man Dir als Teenager prophezeit hätte, dass Du 15 Jahre später in der spannendsten Punk-Band Deutschlands singst?


Wer mir das damals erzählt hätte, dem hätte ich einen Vogel gezeigt. Mit 15 hat mich Musik überhaupt nicht interessiert. Und Punk noch weniger. Schon die Vorstellung, dass ich überhaupt in einer Band spielen würde, wäre für mich absurd gewesen. Wir haben ja auch den Songtext, dass es nicht mal ein Traum ist, den ich gerade lebe - weil ich so einen Traum niemals hatte.



Was war Eure Motivation, in einer Band zu spielen?


2008: „Unser Traum war es, raus aus Vorpommern zu kommen.“

Unser Traum war es, raus aus Vorpommern zu kommen. Unser Bassist Kai hat mich damals auf dem Schulhof angequatscht, ob ich in seiner Punk-Band spielen möchte. Wenn er mich damals gefragt hätte, ob ich HipHop machen will, hätte ich HipHop gemacht.



War es zwischendurch absehbar, dass der Traum in Erfüllung geht?


Wir sind jetzt seit zwölf Jahren unterwegs, wir sind oftmals zu sechst in einer Fünferkarre gefahren und haben gefühlt jedes AJZ in Deutschland gesehen, was auch toll ist. Was in der letzten Zeit mit uns passiert ist, war überhaupt nicht vorhersehbar - dass wir auf so großen Festivals spielen dürfen, dass unsere eigenen Tourneen ausverkauft sind, dass sich so viele Menschen mit uns beschäftigen, positiv wie negativ.



Was waren Deine bisherigen Höhepunkte?


Schwierig, etwas hervorzuheben. Für mich war es etwas ganz Besonderes, im Sommer vor Marteria im Ostseestadion zu spielen, wo ich von klein auf zu den Spielen von Hansa gegangen bin und sogar mal fünf Jahre Stadionverbot hatte. Dass wir jetzt als Support-Band der Hosen zweimal vor 45.000 in der Düsseldorfer Arena spielen, ist natürlich auch unglaublich. Aber allgemein sind die eigenen Touren natürlich immer das Beste. Es gab bisher keine einzige, auf die wir uns nicht wie kleine Kids gefreut haben. Ich wünsche übrigens jeder halbwegs coolen Band aus Mecklenburg-Vorpommern denselben Erfolg, den wir haben. Es gibt in dem Bundesland ja nicht nur uns, sondern auch viele andere geile Typen.



„Für mich war es etwas ganz Besonderes, im Sommer vor Marteria im Ostseestadion zu spielen”

Für die Broilers waren die Hosen als Band aus der eigenen Stadt ein wichtiger Einfluss. Wer hat Euch beeinflusst?


Wir waren immer beim Force Attack, dem größten Punk-Festival Deutschlands. Ich habe da als Teenager auch mal am Tresen gearbeitet. Dort gab es einige Bands, die wir hart gefeiert haben. Eine Punk-Band aus Rostock, die jeder von uns kennt, war Dritte Wahl. Das war damals unser Horizont: einmal als Vorband vor Dritte Wahl spielen im Mau-Club in Rostock vor 800 Leuten.



Was war denn Dein erstes richtiges Punk-Konzert?


Ich habe als Hansa-Fan einmal bei einem Freund in Papendorf, einem Dorf bei Rostock, übernachtet. Wir wollten am nächsten Morgen zum Auswärtsspiel in Wolfsburg fahren. Da hat er mich abends mit zu Terrorgruppe im Mau-Club genommen. Und dann hat ihr Sänger, MC Motherfucker, auf der Bühne eine Schwanz-Feuerwerksrakete abgeschossen. Das fand ich damals sehr interessant. Zuletzt waren Terrorgruppe mit uns auf Tour - als Support-Band. Verrückte Entwicklung.



Wird Euch die Bezeichnung „Punk-Band“ heute überhaupt noch gerecht?


Ich würde es eher so sagen: Wir sind einfach Feine Sahne Fischfilet. Dieses Schubladendenken mit verschiedenen Musikrichtungen gab es in den 1980ern oder 1990ern, heute gibt es andere Prioritäten. Wir haben in dieser Zeit ganz andere Probleme. Mir ist scheißegal, ob jemand Rap, Techno oder Electro hört. Wir sechs hören auch selbst die unterschiedlichste Mucke - von Punk-Rock über HipHop bis Klassik. Ich finde es genial, dass jetzt so viele verschiedene Leute zu unseren Konzerten kommen.



"Wir sind einfach Feine Sahne Fischfilet."

Foto Bastian Bochinski

Wie war das in den ersten Bandjahren?


Vor 100 oder 200 Leuten zu spielen, war auch super. Das war natürlich ein sehr eingeschworener Kreis. Jetzt dürfen wir vor 5500 grundverschiedenen Leuten in der Rostocker Stadthalle spielen, von ganz jung bis ganz alt, von Punk-Rocker bis Normalo. Das passt perfekt zu unserem Leben außerhalb der Band. Unsere Freundeskreise setzen sich auch aus unterschiedlichsten Menschen zusammen. Es kommt uns nur darauf an, dass das geile Leute sind und nicht, ob der Iro richtig steht.



Die konservative Presse bezeichnet Euch nichtsdestotrotz als Linksradikale...


Die konservative Presse zitiert immer, dass uns der Verfassungsschutz drei Jahre lang beobachtet hat. Dazu muss ich ja inzwischen gar nichts mehr zu sagen. Die Enthüllungen der vergangenen Monate haben gezeigt, was der Verfassungsschutz für eine Scheißbehörde ist. Wer das nicht verstanden hat, hat die Medien nicht verfolgt oder ist ein Idiot. Sollen die uns nennen, wie sie wollen. Wer uns kennt, weiß, wie wir sind, wofür wir stehen, was wir praktisch machen. Taten sagen da ganz einfach mehr als Worte. Zudem gibt es an den jetzigen Verhältnissen auch einfach Vieles scheiße zu finden, nennen wir nur die AfD, die Kriminalisierung von Seenotrettern etc. Und wenn irgendwelche Leute, ob nun Politiker, Presse oder Internettrolls, meinen gegen uns abmallen zu müssen… Sollen sie doch… Können sie wenigstens in den Momenten die Zeit nicht dafür nutzen, um Rassisten zu hofieren oder gegen andere Menschen zu hetzen. Wir liegen währenddessen sowieso an der Ostsee und lassen uns die Sonne aufn Döns scheinen.



Wie ist das damals bei Euch gelaufen mit dem Verfassungsschutz?


Wir waren schon sechs Jahre als Band unterwegs, hatten hunderte Konzerte gespielt, als wir plötzlich ins Visier genommen wurden. Damals wurden einzelne Textzeilen unseres neuen Albums aus dem Zusammenhang gerissen. Da wurde mit zweierlei Maß gemessen. Wenn beispielsweise Campino singt „Wir schießen 2, 3, 4 Bullen um“, grölt das auch jeder normale Konzertbesucher mit, ohne dass sich jemand darüber aufregt. Wir haben auch keinen Bock darauf, auf Unschuldslämmer zu machen. Aber wenn der Verfassungsschutzbericht, wie damals passiert, über uns mehr schreibt als über alle Nazibands aus Mecklenburg-Vorpommern zusammen, wenn die über uns mehr schreiben als über den NSU, welcher in Rostock Mehmet Turgut, ein paar Straßen von da, wo ich lebe, abgeknallt hat, dann weiß man ganz einfach, was das für eine Behörde ist und dass sie aufgelöst gehört.



Wie seid Ihr mit dieser Situation umgegangen?


"Schlussendlich haben wir dem Verfassungsschutz einmal einen Präsentkorb mit Essen, Trinken, Bockwürsten und unserer neuen CD rumgebracht"

Wir haben entschieden: Lass sie labern, wir ziehen unser Ding durch und dann kann uns jeder danach bewerten. Wenn dich solche Leute scheiße finden, ist das vielleicht auch eher ein Kompliment. Schlussendlich haben wir dem Verfassungsschutz einmal einen Präsentkorb mit Essen, Trinken, Bockwürsten und unserer neuen CD rumgebracht und uns für die Promo bedankt. Das war, denken wir, der bessere und gesündere Umgang. Wir haben auch keinen Bock, die ganze Zeit rumzuheulen… Apropos: Der Verfassungsschutz-Sprecher meinte dann noch, dass seine Tochter uns hart feiert. Wer mehr drüber wissen will, sollte mal auf Youtube „Feine Sahne Fischfilet Präsentkorb“ eingeben.

Wie erklärst Du Dir diese Fokussierung auf Euch?


Ich glaube, wir sind nur eine Projektionsfläche. Wir ziehen uns das gar nicht alles rein, was man aus uns macht. Man kommt sich aber manchmal vor wie ein Clown. Wenn man sich anschaut, was in Chemnitz passiert ist, wird es schwer mit Pazifismus. Es ist schön, wenn man sich eine pazifistische Einstellung gönnen kann - aber das ist ein Luxus der Nichtbetroffenen. Wenn irgendwelche Leute vor dir stehen und dich platt machen wollen, kann man sie nicht fragen, ob sie Zeit für eine kleine Debattierrunde haben. Wir wissen, wie es ist, wenn man auch mal ordentlich auf die Fresse bekommt.



Was Euch auszeichnet: Ihr gönnt Euch neben Eurer antifaschistischen Einstellung eine optimistische Attitüde.


Wir haben keinen Bock zu sagen: Die Welt geht unter. Es lohnt sich auch gar nicht, Zeit mit den Arschlöchern zu verschwenden. Wir konzentrieren uns lieber auf die geilen Leute, die es überall in der Gesellschaft noch gibt. Genau deswegen gehen wir in die kleinen Städte, deshalb gehen wir in die Dörfer. Weil wir das damals als Jugendliche gefeiert hätten, wenn das andere Bands für uns gemacht hätten.



Hast Du ein Beispiel für Euer Engagement?


Wir haben mit „Wasted in Jarmen“ ein jährliches Dorffest in Vorpommern ins Leben gerufen, um zu zeigen, dass bei uns noch nicht alles komplett im Arsch ist. 2018 sind 4000 Menschen gekommen. Das Fest war ausverkauft nach nur wenigen Wochen ohne große Werbung. Veranstaltet haben wir's zusammen mit der Feuerwehr und dem Fußballverein. Und die Pferdekutschen stammten vom Opa unseres Bassisten.



Als Frontmann, der auf der Bühne klare Ansagen macht, und durch die Doku „Wildes Herz“ bist Du etwas mehr im Blickfeld als die anderen. Wie seid Ihr in der Band organisiert?


Trailer „Wildes Herz“ (Hier bestellbar)

Feine Sahne Fischfilet sind nach wie vor wir sechs. Und jeder steckt da ganz viel von sich selbst rein. Ich könnte zum Beispiel auch gar keine Melodien schreiben, weil ich als einziger kein Instrument beherrsche. Wir ergänzen uns insgesamt sehr gut. Natürlich streiten wir uns auch mal, wenn wir länger auf Tournee sind. Aber wir sind Homies, und jeder von uns ist genauso wichtig wie der Andere. FSF sind wir sechs!



„Komplett im Arsch“ aus dem Jahr 2012 wurde Euer erster großer Hit und war im vergangenen Sommer eine der Festivalhymnen. War das abzusehen?


Wir haben das Stück schon jahrelang auf Konzerten gespielt, bevor wir es auf CD und als Video rausgehauen haben. Wenn dein Papa ein Lied mitsingt, obwohl es noch gar nicht veröffentlicht ist, checkst du, dass es ein gewisses Potential hat. Man kann das vorher normalerweise nicht einschätzen. Hier haben wir aber schon gehofft, dass das ein Hammer werden könnte.



"Wenn dein Papa ein Lied mitsingt, obwohl es noch gar nicht veröffentlicht ist, checkst du, dass es ein gewisses Potential hat."

Was wollt Ihr als Feine Sahne Fischfilet vermitteln?


Das Wichtigste ist, dass authentisch rüberkommt, dass wir Bock auf das haben, was wir machen und dass wir noch etwas zu erzählen haben. Es ist ja auch einfach nicht so, dass wir ständig über Politik singen. Ich finde nichts langweiliger als Bands, die die ganze Zeit von Politik labern. Politik ist nicht unser Leben. Wir haben auch sehr viele persönliche Geschichten, die wir zu Liedern verarbeitet haben.



Ihr habt mal gesagt: "Wir machen keine Kunst, Musik ist für uns ein Werkzeug."


Das war ein pathetisches Zitat, das wir vor acht, neun Jahren toll fanden. Heute würden wir das nicht mehr so sagen. In erster Linie sind wir eine Band und finden es super, neue Lieder zu schreiben. Unser gemeinsames Ziel ist es, uns als Band weiterzuentwickeln. Wir sind megastolz darauf, dass unser aktuelles Album so eingeschlagen ist, gerade auch in muskalischer Hinsicht. 



Was war bei der Entstehung von „Sturm & Dreck“ anders als bei den vorherigen Alben?


Was für uns besonders wichtig war: Wir haben uns nach zehn Jahren endlich einen eigenen Proberaum gebaut. Vorher haben wir immer in irgendwelchen Kellern geprobt. Jetzt haben wir uns mit der Hilfe unserer Papas etwas Eigenes eingerichtet. So konnten wir uns bei den Proben zum ersten Mal etwas mehr Zeit nehmen.



Was ist Euch besonders wichtig, wenn Ihr neue Stücke schreibt?


Wenn ich Musik höre, höre ich immer zuerst auf die Texte. Das ist aber bei den anderen aus der Band anders, die hören immer zuerst auf die Musik. Glaube ich jedenfalls. Diese unterschiedlichen Herangehensweisen machen die Zusammenarbeit vielleicht so besonders. Aber das Wichtigste ist, denke ich, dass man einfach auch Geschichten erzählt, die man selber fühlt bzw. erlebt hat. Wenn ich merke, dass eine Band etwas fühlt, dann ist es mir auch egal, ob da mal jemand den Ton nicht trifft... Vllt. auch aus Eigenschutz.



Ihr werdet inzwischen von JKP gemanagt, der Plattenfirma der Hosen. Wie hast Du die Hosen zum ersten Mal wahrgenommen?


Ich habe sie natürlich als Jugendlicher im Fernsehen gesehen. Und ich kannte auch einige Alben von ihnen. Sie waren immer eine präsente Band für mich, ohne dass ich jetzt der allergrößte Fan war. Als ich sie dann als Musiker kennengelernt habe, habe ich sofort gemerkt, was für geile Typen sie sind.



Was sind Eure Themen mit den Hosen?


Unsere Freunde können sich manchmal schlecht reinversetzen, was die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit für Folgen hat, wenn du beispielsweise Morddrohungen von irgendwelchen Freaks bekommst. Ganz einfach, weil es fernab ihrer Lebensrealität ist. Das kann ich sehr gut nachvollziehen und da möchte ich auch nicht rumjammern und sie mit so Luxusproblemchen vollquatschen. Es gibt aber verschiedene Personen, die so etwas schon tausendmal erlebt haben, die man ansprechen kann. In diesem Zusammenhang waren ganz besonders Campino und die Hosen bisher immer ein verlässlicher Part. Wenn ich gesagt habe: „Digger, können wir mal eine Runde labern?“, haben die nicht einmal nein gesagt.



„Digger, können wir mal eine Runde labern?“

Die Hosen haben 1992 „Sascha“ veröffentlicht als Protest gegen die fremdenfeindlichen Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen. Du selbst warst damals erst fünf Jahre alt. Habt Ihr da mal drüber gesprochen?


Man spricht immer wieder mal drüber. Im Zuge von Chemnitz kam das Thema auch nochmal hoch. In Rostock-Lichtenhagen wurden die Flüchtlingsheime ja über mehrere Tage angegriffen und schlussendlich angezündet! Viele Freunde von mir, die damals schon in Rostock gelebt haben, haben zu mir gesagt: Wir hätten nicht gedacht, dass das Thema Fremdenfeindlichkeit nochmal so krass zurück kommt.



Welche Parallelen zwischen 1992 und 2018 habt Ihr im Gespräch mit den Hosen festgestellt?


Wir haben jetzt nach Chemnitz zahlreiche Morddrohungen und ähnliches bekommen. Die Hosen haben uns erzählt, dass das 1992 bei ihnen ähnlich war. Einziger Unterschied: Die Hosen haben ihre Morddrohungen per Briefpost bekommen, was vielleicht noch räudiger war als heute die Bedrohung über das Internet.



Es gab auch Buttersäure-Anschläge auf Euren Proberaum. Kein Grund, irgendetwas zu ändern?


Wir kennen das schon seit Ewigkeiten, dass Faschos uns angreifen. Aber wir haben jetzt eine Öffentlichkeit, die viele andere Leute nicht haben. Wir sechs haben viel Glück gehabt in unserem Leben. Um uns herum wissen wir tolle Freunde. Dass wir in der Öffentlichkeit stehen, ist Fluch und Segen zugleich. Ich fände es aber erbärmlich, uns als Opfer darzustellen.



"Wir hätten nicht gedacht, dass das Thema Fremdenfeindlichkeit nochmal so krass zurück kommt.

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Foto Bastian Bochinski

Wie sieht es ansonsten in Mecklenburg-Vorpommern aus?


Es gibt so viele Leute in den Dörfern und Kleinstädten, die angegriffen werden. Da interessiert es kein Schwein, wenn die Scheiben eingeworfen werden. Flüchtlinge, Homosexuelle, Antifaschisten und Nicht-Rechte werden platt gemacht, ohne dass irgendjemand Notiz davon nimmt. Da brauchen wir als bundesweit bekannte Band nun wirklich nicht rumheulen.



Trotzdem: Woher nehmt Ihr den Mut, immer wieder Eure Gesichter hinzuhalten?


Wir haben gerade so viele tolle Momente, wir spielen vor so vielen Leuten, wir können von der Musik leben - ich könnte es jetzt nicht mit mir vereinbaren zu sagen: Es ist alles so schwer für uns. Trotzdem muss man über viele Sachen reden. Und da ist die Musik für uns ein wichtiger Kanal, auf dem wir die Sachen verarbeiten. Daraus schöpfen wir Kraft und schaffen Platz für die schönen Momente.



Hast Du ein musikalisches Beispiel, wo Ihr Erlebtes verarbeitet habt?


Es gibt auf unserer neuen Platte das Lied „Angst frisst Seele auf“. Der Hintergrund ist, dass eine sehr gute Freundin von uns schon mehrmals von Neonazis bedroht und angegriffen wurde. Und - dass eine Neonazi-Band ein Lied über sie geschrieben hat. Das Lied trägt sogar ihren Namen! Es wird beschrieben, wie sie abgeschlachtet wird, weil sie im NSU-Landtagsausschuss sitzt.



Woran kann man am besten merken, dass Ihr eigentlich eine ganz normale Band seid?


Wenn wir zum Beispiel bei „Rock am Ring“ sind und alles umsonst ist, besaufen wir uns sehr gerne mal richtig und denken nicht darüber nach, ob die Welt so schlecht ist. Und wir nehmen blaue Säcke mit, um Zigarettenpackungen für unsere Homies zuhause abzustauben. Voll normal halt.



Wie war es für Euch auf Tour mit den Hosen?


Es war sehr cool, wie du von ihnen hinter der Bühne als Support-Band behandelt wirst. Wir haben dann auch recht schnell zusammen Tischtennis gespielt, und ich durfte die Jungs abziehen... Natürlich nicht immer, wir wollen ja auch, dass sie uns noch öfters einladen ;) Beeindruckend war es auf vielen verschiedenen Ebenen, angefangen mit der Crew. Man merkt, dass das etwas Gewachsenes ist, dass da Leute seit Jahren dabei sind, die sich teilweise blind verstehen. Wir sechs haben schon ganz genau überlegt, was wir uns von ihnen abschauen können. Wenn wir jetzt bei unserer eigenen Tour die Support-Bands persönlich ansagen, dann liegt das daran, dass wir das bei den Hosen gesehen haben.



Foto Bastian Bochinski

Das war nicht Dein einziger Kontakt mit den Hosen. Campino hat Eure Aktion „Noch nicht komplett im Arsch“ unterstützt.


Zwei, drei Wochen vor den Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern haben wir ein Konzert mit Marteria veranstaltet. In Anklam, einem Ort in Vorpommern, an dem es eine sehr verfestigte Nazi-Szene gibt. Und dann hat Campino sich spontan bereit erklärt, auch noch vorbeizukommen.



Wie war er an dem Konzert beteiligt?


Er hat sich mit in die Pressekonferenz gesetzt und das Konzert mit uns mitgespielt, und das, obwohl er gesundheitlich angeschlagen war und schon beim Ankommen einfach megascheiße aussah. Ich meine, der ist danach sogar für mehrere Tage in ein Krankenhaus... Wenn mir dann irgendein Pisser erzählen will, dass er das nur aus Promo-Gründen gemacht hat, kann ich nur lachen. Campino hat das gemacht, weil er unsere Aktion cool fand. Er hat es wirklich nicht nötig, in ein kleines Kaff nach Vorpommern zu kommen. Und da geht es nicht darum, die Hosen wie Groupies abzufeiern, sondern man kann ganz einfach auch bei einigen Sachen eine andere Meinung haben oder sich mal streiten. Aber eins ist Fakt, und das ist es auch, was wir sechs an den Hosen schätzen. Sie müssen so etwas nicht mehr machen, aber sie machen es trotzdem. 



August 2016 Anklam mit Marteria und Campino: „Wir feiern es hammerhart, so etwas in Mecklenburg-Vorpommern zu reißen mit all den tollen Leuten, die es hier gibt.

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Foto Bastian Bochinski

Marteria hat damals gesagt, das Konzert vor 2000 Menschen sei einer der Höhepunkte seiner Musikerkarriere gewesen.


Normal, war ja auch einfach geil. Solange uns ein paar Leute hören, werden wir dieses Privileg ausnutzen. Wir feiern es hammerhart, so etwas in Mecklenburg-Vorpommern zu reißen mit all den tollen Leuten, die es hier gibt.



Wie kam die Teilnahme der Hosen am #wirsindmehr-Konzert in Chemnitz zustande, das Kraftklub und Ihr zusammen organisiert habt?


Ich habe Campi nachts geschrieben: „Digger, können wir uns kurz wegen Chemnitz treffen? Wir haben das was vor mit ein paar Bands." Morgens um neun habe ich dann bei ihm am Tisch gesessen. Und nachmittags um drei kam die Nachricht: Wir sind dabei!

Was hatte das Konzert für eine Wirkung?


In nur vier Tagen haben wir 65.000 Leute mobilisiert, die sich daran hochgezogen haben - das allein war schon eine echte Ansage. Ein starkes Zeichen, nachdem die Nazis schon schwadroniert hatten, dass ihnen die Straße gehört. Ich stehe in Kontakt zum Bündnis Chemnitz Nazifrei, das die Proteste organisiert hat. Die haben mir erzählt, dass es ein paar Tage später ein öffentliches Treffen gab für Menschen, die etwas gegen die Nazis machen wollten. Und plötzlich standen da 400 Leute, die helfen wollten angestachelt vom Konzert. Ein Hammer! Sie mussten noch ein zweites Treffen organisieren, weil einfach zu viele da waren.



Was habt Ihr von den Konzertbesuchern gehört?


Uns haben sehr viele Leute angesprochen, die sich wegen des Konzerts den Arsch abgefreut haben. Sie haben die Geste auch richtig verstanden. Für sie lag der Sinn darin, dass es ihnen Kraft gegeben hat. Kein einziger Künstler hat gedacht, dass er mit dem Konzert die Welt rettet. Dass ein Konzert nicht auf einmal alles verändert, wussten wir. Unser Gedanke war: Es kann vielleicht ein Anfang sein. Und es haben uns hinterher wirklich sehr viele Leute angeschrieben, wie toll es für sie war.



Foto Bastian Bochinski

Du bist dafür bekannt, dass Du Dich gerne aus erster Hand über Missstände informierst. Wo warst Du zuletzt?


Ich war gerade erst mit der Initiative „Mare Liberum“ auf Lesbos in Griechenland. Das ist einer der ersten Hotspots in Europa, an denen Flüchtlinge ankommen. 2015 sind hunderttausende Leute von der türkischen auf die griechische Seite gelangt und hunderte ertrunken. Wenn die Flüchtlinge heute ankommen, werden sie in ein Lager gesteckt. Und genau dieses Lager habe ich mir angeschaut.



Wie war die Situation vor Ort?


In dem Lager ist eigentlich Platz für 2500 Menschen. Zurzeit sind dort aber 9100. Und die Leute werden wie Scheiße behandelt - das ist Fakt. Ihre Perspektive lautet: Wenn sie nicht ertrinken, werden sie eingesperrt. Als ich nach dem Besuch nach Hause gekommen bin, war vieles für mich noch klarer. Ich bin dankbar für das Glück, dass ich auf diesem Fleckchen Erde geboren wurde. Im vollen Bewusstsein, dass ich nichts dafür getan habe. Allgemein denkt man über das, was in Deutschland über Flüchtlinge verbreitet wird, nochmal ganz anders, wenn du so etwas gesehen hast. Es geht dabei leider auch viel zu selten um die Menschen!



Wie kann man sich denn am besten über solche Themen informieren?


Einfach unsere Kanäle verfolgen: Facebook und Instagram. Dort stellen wir immer die Initiativen vor, die wir unterstützenswert finden.

Deine Empfehlung?


Der erste Schritt ist immer: kein Arschloch zu sein. Ist man selber ja auch oft genug und man macht nicht alles richtig, aber auch mal drüber nachdenken, was man für ein Glück hatte, hilft vielleicht schon mal weiter... Ob dann jemand auf eine Demo geht, einen Sprachkurs gibt oder mit Obdachlosen arbeitet, ist eigentlich egal. Das muss jeder für sich selbst wissen. Da möchte ich nicht mit erhobenem Zeigefinger Empfehlungen aussprechen.



Du bist Fan von Hansa Rostock, deren Fans besonders in der Fanszene des FC St. Pauli kritisch gesehen werden. Hat man es dort als linker Fan nicht etwas schwierig?


Wenn man erstmal Fan eines Fußballklubs ist, wechselt man ihn nicht. Meine Eltern haben mich immer mit zu Hansa mitgenommen - deshalb bin ich Hansa-Fan. Wenn man sich als links definiert, muss man nicht St. Pauli-Fan werden. Lächerlich sind die vorherrschenden Ost-Klischees, dass alle Hansa-Fans Nazis sind. Neben ein paar Idioten gibt es auch viele tolle Leute. Wenn ich nicht auf Tour bin und Zeit habe hinzugehen, bin ich immer da. Ich freue mich, wenn Hansa gewinnt und irgendwann mal wieder aufsteigt.



Und dann geht es irgendwann auch wieder gegen Fortuna Düsseldorf?


Oder wieder gegen den FC Barcelona. Hansa im Europapokal, das wäre nochmal ein Traum von mir.



„Hansa im Europapokal, das wäre nochmal ein Traum von mir.
“

Wie oft bist Du überhaupt noch in Mecklenburg-Vorpommern?


Für mich ist es nach längerer Zeit gerade mal wieder so, dass ich für fünf Tage am Stück nach Hause komme. Ich bin eigentlich das ganze Jahr mit der Band unterwegs gewesen. Für mich gibt es gerade nichts Schöneres, als die letzten Tage am Ostseestrand zu liegen. Ich muss mich nicht die ganze Zeit mit den politischen Problemen dieser Zeit auseinander setzen. Wir sind wirklich keine Polit-Nerds, die tagtäglich darüber philosophieren.



Mal darüber nachgedacht, was Du gemacht hättest, wenn Du nicht bei Feine Sahne Fischfilet gelandet wärest?


Als Kind wollte ich Journalist werden. Unser Bassist und ich sind aber in der Oberstufe nie zu den Fächern gegangen, die wir scheiße fanden. Wir mochten unsere Schule, aber wir haben Fehlstunden angehäuft. Wir mussten vier Monate vor dem Abi runter, weil wir viele Arbeiten nicht mehr mitgeschrieben hatten. Kein Abitur, nicht studiert... Professor wäre ich vielleicht nicht mehr geworden. Wir haben mit FSF alles auf eine Karte gesetzt, und das ist geil so.



Was war der Knackpunkt?


Audiolith, unsere Plattenfirma, wollte 2012 unser neues Album rausbringen. Da haben wir gesagt: Lass es uns mal versuchen, wie weit es mit uns geht. Ich hätte damals eine Lehre als Veranstaltungskaufmann machen können. Das habe ich dann aber geknickt. Dafür hätte ich am Wochenende arbeiten müssen. Wir haben letztlich Glück gehabt, dass es so gelaufen ist. Dass wir von der Musik leben können, ist erst seit zwei, drei Jahren so. Und wir waren auch schon vorher über 40 Wochenenden im Jahr unterwegs.



Zum Jahresabschluss geht es unter anderem noch dreimal nach Düsseldorf: zweimal in die Arena, einmal in die Mitsubishi Electric Halle. Was erwartet Ihr vom Saisonfinale der Hosen?


Feine Sahne Fischfilet in Düsseldorf (Tickets »)

Dass wir verdammt nochmal geil abreißen und die Hosen dann richtig betonieren. Und wir freuen uns auf eine herausragende After-Show-Party. Wir haben ja auch schon vergangenen Winter mit ihnen in Düsseldorf im ISS Dome gespielt, und da war die Party mit den engsten Freunden schon sehr gut. Ich hoffe, dass wir uns am letzten Abend alle extrem weghauen.