Wann hast Du als gebürtiger Düsseldorfer zum ersten Mal von den Toten Hosen gehört?

Vor langer, langer Zeit fand ich eine Single auf dem Tisch in meinem Zimmer: „Hip Hop Bommi Bop“. Ich schätze, dass ich damals zwölf, 13 Jahre alt war. Es stellte sich heraus, dass die Jungs ein Konzert in Berlin geplant hatten und dafür Bierdeckel brauchten, die sie als Eintrittskarten verwenden wollten.

Die Bierdeckel haben sie natürlich von meinem Vater bekommen und dafür gab es im Gegenzug diese Single. Und das ist jetzt fast 25 Jahre her…

Wie hat sich der Kontakt über die Jahre entwickelt?

Ich habe nach der Bierdeckel-Geschichte ein Konzert in Düsseldorf besucht. Später war ich auch mal alleine in der Münchner Olympiahalle, als ich Ende der 80er Jahre wegen Lehre und Studium in München wohnte. Was ich immer besonders schön fand, waren die kleinen Auslandskonzerte in der Gegend, zum Beispiel in Salzburg. Und bei den Heimfahrten von München nach Düsseldorf brauchte ich im Auto natürlich immer Musik, die einen etwas länger wach hielt…

Welche Aktionen hast Du seitdem zusammen mit der Band durchgezogen?

Wir haben die eine oder andere Bewirtung für die Hosen gemacht, zum Beispiel zum 1000. Konzert im Rheinstadion oder für das Bandzelt bei „Rock am Ring“. Im Laufe der Jahre gab es immer wieder mal Berührungspunkte. Dass Heike Makatsch ihre erste Reportage für ihren Musiksender aus dem Uerige gemacht hat, hatte sich Andrea Berzen aus dem Büro der Hosen ausgedacht. Es war für mich immer eine Herzensangelegenheit, weil wir in dieser Stadt nun mal nur sehr wenige Exportschlager haben. Vielleicht haben wir außer den Hosen sogar gar keinen…

Mindestens einen weiteren gibt es natürlich: Was ist das Besondere am Düsseldorfer Altbier?

Altbier hat entgegen der landläufigen Meinung nichts mit altem Bier zu tun. Stattdessen stammt der Name von der Braumethode „nach alter Art“.

Das heißt übersetzt, dass man beim Altbier die Obergärung pflegt. Bei dieser althergebrachten Methode läuft die Gärung bei 20 Grad Celsius ab. Die untergärigen Biersorten wie das Pils konnte man dagegen erst im großen Stil brauen, als Carl von Linde 1875 die Kühlmaschine erfunden hatte, weil diese Gärung zwischen vier und sechs Grad abläuft. Ein ordentliches Bier ist aber sowieso immer obergärig. Sogar Kölsch zählt dazu – wenn man es in die Bier-Kategorie einordnen will. Das ist ja Geschmackssache (lacht).

Um das ein für allemal zu klären: Was sind die größten Unterschiede zwischen Düsseldorf und Köln?

Die Düsseldorfer machen zwar ihre Witze über die Kölner. Es ist ihnen aber nicht so ernst damit. Ich habe oft den Eindruck, dass es anders herum viel ernster genommen wird. Es wurmt die Kölner natürlich, dass wir Landeshauptstadt sind. Und man versucht dann immer, uns in die Schickimicki-Schublade zu stecken. Den letzten Herzinfarkt haben die Kölner bekommen, als wir festgestellt haben, dass der Vater von Willy Millowitsch bei uns im Haus geboren worden ist. „Der kölsche Jong“ ist also irgendwann mal aus Düsseldorf nach Köln gekommen. Und außerdem haben sie in dieser komischen Stadt auch nur Bands wie BAP, Höhner und Brings…

Was macht das Wesen der Hausbrauerei Uerige in der Düsseldorfer Altstadt aus?

Seit dem Jahr 1862 wird bei uns Altbier auf engstem Raum gebraut. Wir verwenden heute modernste Technologie, wo es notwendig ist. Im Sudhaus haben wir zum Beispiel eine Steuerung, mit der man auch Kernkraftwerke steuern könnte. Aber ansonsten ist alles sehr handwerklich. Bei uns kann man den ganzen Prozess noch von Anfang bis zum Ende sehen, und zwar die traditionelle Methode mit Kühlschiff und Berieselungskühler. In den großen Brauereien sieht man das nur noch hinter Schaugläsern. Und deshalb landen unsere Auszubildenden auch Jahr für Jahr bei allen Wettbewerben auf den vorderen Plätzen.

Wie unterscheidet sich das Uerige Alt von anderen Düsseldorfer Altbiersorten?

Ich hoffe, in erster Linie durch die Qualität. Wir sind sehr orthodox, was die Braumethode und die Auswahl der Rohstoffe angeht. Und wir verstehen uns ausdrücklich als Lebensmittelbetrieb; da muss man sorgfältigst arbeiten, nicht nur von der Hygiene her. Der Hopfen ist das beste Beispiel dafür. Wir verwenden nur Doldenhopfen, keine Hopfenpellets und keinen Hopfenextrakt. Zurzeit gibt es fünf verschiedene Uerige: das klassische Uerige Alt, Uerige Sticke, Uerige Nicht Filtriert, Ueriges Weizen und Uerige Doppel Sticke ausschließlich U.S. Export.

Wo überall auf der Welt kann man überhaupt Uerige kaufen?

Wir exportieren in die Staaten, zum Beispiel nach New York und Los Angeles. Dort gibt es die so genannten Sticke-Warriors. Das sind Heimbrauer, die auch zweimal im Jahr aus den USA zu uns rüber kommen. Nur für Amerika stellen wir einmal im Jahr ein Doppel-Sticke mit 8,5 Prozent her. Das hat dann schon ordentlich Umdrehungen! So etwas gibt es bei keiner anderen Brauerei.

Wie beschreibt der Fachmann den besonderen Geschmack des Uerige?

Der durchschnittliche Uerige-Trinker schätzt an unserem Bier das Herbe. Oder anders gesagt: Ich habe noch kein Bier kennen gelernt, das einen größeren Bitterstoffgehalt besitzt. Sogar das bekannte herbe Jever hat ungefähr 40 Prozent weniger Bittereinheiten als wir, wobei unser Altbier überhaupt nicht bitter schmeckt. Was auch noch in diesen Kontext gehört: Die Farbe des Bieres wird immer durch die Farbe des Malzes bestimmt. Wir verwenden ausschließlich sogenanntes Pilsener Malz (helles Malz), Karamellmalz und Röstmalz. In der richtigen Zusammensetzung sorgen sie für die charakteristische dunkle Farbe.

Welche Spezialitäten stehen im Uerige außer dem Altbier auf der Speisekarte?

Wir haben Mettbrötchen, „Flöns“, also Blutwurst, und eine ganz spezielle Leberwurst, die es nur bei uns gibt. Was der Künstlerstammtisch besonders liebt, sind die Bockwürstchen mit Kartoffelsalat. Das Küchenangebot setzt also auf „bierbegleitende Speisen“. Ich möchte aus dem Uerige kein Restaurant machen. Wer etwas essen möchte, kann das vorbestellen. Was man bei uns aber niemals kriegen wird, ist Kartoffelsalat mit Mayonnaise. Da sind wir fundamentalistisch.

Das Uerige Stammhaus in der Düsseldorfer Altstadt.

Warum wird im Uerige eigentlich kein Schnaps ausgeschenkt?

Das ist eine alte Geschichte eines Vor-vor-Vorgängers. Der hatte immer Probleme mit der Abrechnung des Schnapses. Und deshalb hat er ihn irgendwann aus dem Sortiment genommen. Dazu hat er eine sehr ordentliche Formulierung gewählt, die wir bis heute auf Schildern aushängen haben:

„Schnapsgenuß während des Bierkonsums ist hier untersagt (es stört Ihre Gesundheit und mein Geschäft)“

Der Wirt

Das Unternehmen zählt heute immerhin hundert Mitarbeiter. Wenn man die Braulandschaft betrachtet, ist das aber natürlich nicht allzu viel?

Wir sind ein kleiner Betrieb. Und wir werden auch nicht groß werden, so lange ich etwas zu sagen habe. Wir werden immer in der Düsseldorfer Altstadt bleiben, und zwar als komplette Brauerei. Wir lagern auch die Abfüllung nicht aus und schicken die an die holländische Grenze oder nach Köln. Ich habe keinen besonderen Drang zum Größenwahn. Das ist so ähnlich wie bei den Hosen: Wenn Andi mir erzählt, dass die Hosen auf eins sind, und mir erklärt, dass sie Glück gehabt hätten, weil Robbie Williams seine Platte erst eine Woche später veröffentlicht hat, ist das mit Größenverhältnissen von uns vergleichbar.

Wir sehen: Qualität hat nichts mit Menge zu tun.

Wo in den Gerstensaft-Charts ist denn das Uerige angesiedelt?

Der Engländer Michael Jackson gilt seit einigen Jahren als einer der profiliertesten Bier- und Whisky-Kenner weltweit. Er hat ein Ranking der verschiedenen Biersorten erstellt – und dabei haben wir das Prädikat „world-classic“ erhalten: super-klasse. Eine solche Auszeichnung von einem Kenner verliehen zu bekommen, das ist eine Bestätigung, über die ich mich sehr gefreut habe. Eine andere schöne Geschichte handelt vom ältesten Düsseldorfer, der 102 Jahre alt geworden ist, und immer gesagt hat, dass das daran lag, weil er regelmäßig Uerige getrunken hat.

Wie lautet Eure Strategie, um Euch gegen die Branchenriesen behaupten zu können?

Wir machen öfter mal unkonventionelle Sachen, bei denen alle unsere Mitbewerber nur mit dem Kopf schütteln. Vor zwei Jahren haben wir zum Beispiel eine eigene Flasche entworfen, mit Designer und Techniker. Das ist eine nur für das Uerige speziell entwickelte 0,33-Liter-Flasche, die von der Flaschenform absolut nicht gängig ist. Jede andere Brauerei greift auf bestehende Formate zurück und klebt dann einfach ihr Etikett drauf, was natürlich viel billiger ist. Zuletzt haben wir sogar noch Blindenschrift in unsere Flasche integriert. Wer die Flasche heute abtastet und die Braille-Schrift beherrscht, für den steht da jetzt: „Uerige Alt“.

Für das Design der Flasche zeichnete der Künstler und Beuys-Schüler Ulli Maier verantwortlich, ungewöhnlich für eine Hausbrauerei…

Ulli Maier ist seit vielen Jahren Stammgast bei uns. Es gibt bei uns auch einmal im Monat einen Künstlerstammtisch, zu dem auch Andi von den Hosen regelmäßig kommt.

Der Uerige soll ein Treffpunkt für alle sozialen Schichten bleiben: vom Professor bis zum Handwerker.

Der WDR-Moderator Manni Breuckmann ist zum Beispiel seit mindestens hundert Jahren Stammgast. Der wird vielleicht mal kurz auf dem Weg zum Klo angequatscht, aber die Menschen werden hier noch als Menschen angesehen, und nicht als Prominente. Nur wenn die Jungs von Tokio Hotel vorbei kämen, würde wohl auch hier Ausnahmezustand herrschen. Aber die dürfen ja noch kein Bier trinken (lacht).

Immerhin hat es die kleine Hausbrauerei auch schon in das Programm von MTV geschafft…

Die Hosen haben für ihre TV-Serie „Friss oder stirb“ eine Führung durch das Uerige gemacht. Das ergänzte sich ganz gut zu den „Bildern aus NRW“ vom WDR oder zu irgendeiner ZDF-Reportage. Es müsste eigentlich jedem BWLer die Tränen in die Augen treiben, dass wir keine klar definierte Zielgruppe haben. Uns ist es egal, wer unser Bier trinkt, denn wir sind keine BWLer, sondern Bierbrauer. Hauptsache, die Qualität stimmt. Wir brauchen auch keine speziellen Konzepte, um uns den Nachwuchs ins Haus zu holen.

Die Jugend ist alt genug, um selbst zu entscheiden, wo sie ihr Bier trinken will.

Wer waren in den letzten Jahren Eure überraschendsten Gäste?

Durch die DVD-Box von „Friss oder stirb“ hat man den Uerige offenbar auch in Südamerika kennen gelernt. Jedenfalls stand bei uns im letzten Herbst plötzlich ein Pärchen aus Argentinien in der Gaststube. Und als mein Vater durch den Laden gelaufen ist, haben sie ihn sofort angesprochen: „Dich haben wir gesehen; Du bist mit den Hosen rumgelaufen.“

Zufällig feierte Andi ausgerechnet an diesem Abend einen Geburtstag bei uns – und dann haben wir ihn kurzerhand zu den beiden Fans rübergeholt. Die konnten das gar nicht glauben! Das war das Größte, was ihnen jemals passiert ist; die haben wirklich Tränen in den Augen gehabt.

Was schätzt Du selbst an den Hosen?

Was ich besonders an ihnen mag, ist ihre menschliche Bodenständigkeit. Die haben auch keine Probleme, mal ein paar Minuten mit ihren Fans zu quatschen. Das läuft alles völlig unproblematisch und ohne Starallüren. Es ist ihre größte Leistung, dass sie trotz ihrer Popularität so normal geblieben sind. Ich würde mir nie ein Bild von einem Künstler ins Zimmer hängen, den ich nicht kenne und schätze. Und genauso geht es mir mit ihrer Musik.

Zu Karneval wird in der Düsseldorfer Altstadt wieder Ausnahmezustand herrschen. Wie meistert Ihr das im Uerige?

Karneval ist hier in der Gegend die fünfte Jahreszeit, Altweiber der umsatzstärkste Tag des Jahres. Das bedeutet in jedem Jahr wieder eine große Herausforderung, der wir uns aber sehr gerne stellen, auch wenn das Spektakel eine Belastung für Mensch und Material ist. Es ist zu fortgeschrittener Stunde halt immer etwas schwierig, den Überblick zu behalten…

1998 sind die Hosen beim Rosenmontagszug mitgefahren. Wie hast Du das erlebt?

Das war eine großartige Aktion, auch weil der Zug immer genau bei uns vorbei führt. Für die Berufskarnevalisten war es bestimmt der Super-GAU, aber für die Straßenkarnevalisten, die Fans und für mich war es der beste Karneval, den wie je hatten. Da ist endlich mal dieses verdammte Protokoll durchbrochen worden! Wer meint, dass der organisierte Karneval immer lustig ist, der täuscht sich. Der Sitzungskarneval scheint häufig eher diktatorisch angehaucht. Hermann Schmitz, damals der Initiator dieser Aktion, ist jetzt aber wieder im Vorstand des Karnevalskomitees. Da wird sich bestimmt auch in den nächsten Jahren mal wieder etwas Unkonventionelles ergeben.

Welches Bild gibt die Düsseldorfer Altstadt im Jahr 2007 ab?

Die Altstadt ist immer noch wunderschön, aber sie kann an Wochenenden auch ziemlich anstrengend sein, vor allem in den Abendstunden. Ich bin aber grundsätzlich ein Freund der Vielfalt, selbst wenn ich nicht alle Kneipen toll finde. In den Top-100-Charts ist ja auch nicht nur gute Musik angesiedelt. Es gibt bestimmte Läden, die dem Niveau der Altstadt gut tun und andere eben nicht. Man muss sich dann halt die Fleckchen suchen, wo man es auch am Freitag und Samstag aushalten kann. Früher in München hat sogar mal jemand bewundernd zu mir gesagt: „Was bei uns beim Oktoberfest los ist, ist bei Euch in der Altstadt jede Woche los.“

Was sollte man sich als Tourist in der Altstadt unbedingt ansehen?

Zur erweiterten Einzugsgebiet der Altstadt gehören auch noch die Rheinuferpromenade, das Carsch-Haus, der Carlsplatz, das Museum K21 und die Deutsche Oper am Rhein. Man sollte die Altstadt also nicht auf die Kurze Straße und den Ballermann reduzieren. Sonntagmorgens um 10 Uhr ist es in der Altstadt ruhiger als in München-Schwabing.