Herzlichen Glückwunsch erstmal, Du bist mit Deiner neuen Platte „Zum Glück in die Zukunft II“ gerade auf Platz eins der deutschen Album-Charts gelandet. Wie habt Ihr das gefeiert?

Das Label hat uns in ein gutes Berliner Restaurant eingeladen, wo man sonst eher George Clooney trifft. Für mich hat sich der Besuch nicht so gelohnt, weil ich gerade meinen Tourvorbereitungsmonat hatte. Entschlackung und Entgiftung verträgt sich nicht so gut mit einer Siegesfeier. Wenn ich mich auf eine Tour vorbereite, trinke und rauche ich vier Wochen nicht. Es war schon eine Herausforderung. Als die anderen mit Champagner angestoßen habe, saß ich da mit meinem alkoholfreien Bier.

Welche Bedeutung hat die Platzierung für Dich?

Es ist im HipHop grundsätzlich nicht so ungewöhnlich, dass es sehr viele treue Fans gibt, die das Album direkt in der ersten Woche kaufen. Danach kann man auch ganz schnell wieder abstürzen. Von daher bilde ich mir nicht allzu viel auf diese Platzierung ein. Dass wir im Herbst 2012 mit „Lila Wolken“ Platz eins der Single-Charts erreicht haben, war eindeutig der größere Erfolg. Vor mir hatten das in Deutschland erst zwei andere deutsche HipHop-Acts geschafft: die Fanta Vier und Adel Tawil.

Foto Paul Ripke

Wann hast Du gemerkt, dass „Lila Wolken“ Dein „Tage wie diese“ werden könnte?

Wir haben schon früh gesehen, dass der Song bei YouTube hunderttausende Klicks bekam. Und das war noch nicht einmal das offizielle Video, sondern eine gerippte Version aus dem Radio! Wir begriffen, dass sich die Leute das Stück immer wieder anhörten. „Tage wie diese“ kam als Fußball-Song zu einem günstigen Zeitpunkt. Zwischen Saisonende und EM kochten die Emotionen sowieso hoch. Wir haben mit unserem Text sozusagen den Himmel gekauft. Wenn die Leute in Deutschland abends rötliche Wolken sehen, denken sie seitdem immer an dieses Lied. Dass wir bis heute eine halbe Million Singles verkauft haben, ist natürlich ein total krasser Erfolg.

Du kommst aus Rostock, lebst heute in Berlin. Entdeckt hat Dich der Hamburger Jan Delay. Wie seid Ihr zusammen gekommen?

Als ich noch ein kleiner Junge aus Rostock war, bin ich erstmal von den lokalen HipHop-Leuten entdeckt worden. Als ich 16 war, haben die gesagt: „Okay, komm mit auf unsere kleinen Gigs.“ Zu dem Zeitpunkt hatte ich gerade eine Platte rausgebracht, Underground-mäßig, mit 1000 Euro Budget. Es war eine sehr geldlose Zeit. Ich musste von ein paar Euro in der Woche leben. Und dann kam eine MySpace-Nachricht von Jan Delay: „Willst Du mein Tour-Support sein?“ Ich saß gerade bei meiner Mutter zu Hause, und sie war die erste, der ich das erzählt habe:

„Du, Mom, Jan Delay hat mir gerade eine Nachricht geschickt.“ Er war tatsächlich der Erste, der mich als Künstler richtig gefördert hat, weil er mir die Möglichkeit gab, vor ein paar tausend Leuten zu spielen.

Was hat das ausgemacht?

Das war ein sehr wichtiger Schritt, weil man von diesem Zeitpunkt auch außerhalb meiner Heimatstadt auf mich aufmerksam wurde. So kam ich zum Beispiel auch mit Volker Mietke ins Gespräch, damals noch bei Universal, später bei Four Music. Er hat mich bei einem Jan-Delay-Konzert das erste Mal überhaupt live gesehen und mich später bei Four Music unter Vertrag genommen, dem Label der Fanta Vier.

Wie hast Du Deinen Platz in der deutschen HipHop-Szene gefunden?

Ich habe zunächst mit meinem Marsimoto-Projekt angefangen. Marsimoto ist: hochgepitchte Stimme und Quatschmusik, eher so Garagenjazzmucke. Ich mag es einfach schon immer, wenn Outsider verrückte Sounds machen und als Independent-Platten veröffentlichen, die vierzig Mal verkauft werden. Es gibt da zum Beispiel das Elektro-Label Warp Records aus London mit einem Underground-Künstler wie Gonjasufi.

Campino mit Marteria, 2013

Foto Paul Ripke

Wer hat Dich sonst musikalisch am meisten beeinflusst?

Die Engländer hatten immer großen Einfluss auf mich: Fatboy Slim, Prodigy, Tricky, oder Goldie. Für mich war besonders faszinierend, dass sie jedes Jahr eine neue Musikrichtung erfunden haben. Drum’nBass, DubStep, Garage, Two Step und so weiter. Sie haben die Musik immer wieder neu für sich entdeckt und irgendwelche Genre-Grenzen ignoriert. Ein großer Einfluss für mich war auch Björk.

Dein musikalischer Horizont entspricht nicht dem eines klassischen HipHop-Musikers.

Meine Musik war für mich nie einfach nur HipHop. Ich war natürlich ein großer Fan von Public Enemy und Run DMC, hatte aber auch immer eine Platte von Pearl Jam, Kraftwerk oder eben Björk zu Hause. Für mich gab es keine Grenzen zwischen den verschiedenen Lagern, sondern immer nur gute und schlechte Musik.

Was bedeutet HipHop dann für Dich?

HipHop war immer mein Sprachrohr. Erstens, weil ich nicht richtig singen kann und zweitens, weil man damit klare Bilder erzeugen kann. HipHop ist bis heute die Basis meines künstlerischen Schaffens. Es war immer nur die Frage, welcher andere Musikstil dazu kommt. Gerade weil ich, was Musik angeht, so offen bin, war dann auch so etwas wie die Zusammenarbeit mit den Hosen möglich.

Wie hast Du die Hosen kennengelernt?

Ich bin bei einem Festival in Berlin aufgetreten, plötzlich stand Campino vor mir. Wir hatten vorher noch nie miteinander gesprochen oder telefoniert. Er stand einfach plötzlich da und sagte: „Hallo, ich bin Campino.“ Und ich antwortete: „Hallo, ich bin Marten, und ich weiß, wer Du bist!“ Er hat mir dann erzählt, dass er gerade ein paar Probleme mit seinen Texten hat und etwas Inspiration braucht. Und dass er auf mich gekommen ist, weil ihm meine Platte sehr gut gefällt.

Wie hast Du reagiert?

Für mich war es erst einmal ein tolles Lob. Ich habe so viele Jahre erfolglos gekämpft und freue mich einfach, dass ich langsam entdeckt und anerkannt werde. Die Hosen sind für mich nicht einfach irgendeine Band, sondern deutsches Kulturgut, genau wie die Ärzte, Kraftwerk, Rammstein, Lindenberg oder Grönemeyer. Das sind alles deutsche Institutionen, bei denen jeder drei, vier Lieder hat, mit denen er ganz tolle oder ganz schlechte Ereignisse in seinem Leben verbindet.

Dein Lieblingslied von den Hosen?

„Hier kommt Alex“ ist für mich immer noch einer der zehn besten deutschen Texte aller Zeiten. Da ist bis heute kein Song aus dem Genre dran gekommen.

Und das Stück ist auch 2014 immer noch brandaktuell. „Alex“ ist mein großes Hosen-Lied, das ich damals monatelang gehört habe. Dadurch bin ich zum Hosen-Fan geworden.

Foto Paul Ripke

Wie ging es nach dem Festival-Treffen weiter mit Campino?

Er kam ein paar Tage später bei mir in der Wohnung vorbei. Wir wollten erst einmal schauen, wie wir uns verstehen. Ich bin einfach kein Songwriter, der für Geld irgendetwas anderes schreibt. Ich habe so etwas immer nur aus einer Freundschaft heraus gemacht. Komischerweise war es von Anfang an total angenehm mit ihm. Man könnte auch sagen: Wir haben uns schnell verbrüdert.

Wie funktioniert so ein gemeinsames Schreiben?

Wir haben viel gelacht, Rotwein getrunken und dabei sehr viel geschrieben. Dann sind wir zusammen nach Liverpool geflogen, um uns das Spiel Liverpool gegen Manchester City anzuschauen. Liverpool hat 2:1 gewonnen, und wir haben die ganze Nacht durchgefeiert. Ich erinnere mich an ziemlich viel dunkles Bier in den Pubs.

Und auf dem Hinflug im Flieger haben wir „Ballast der Republik“ geschrieben, den ganzen Song in anderthalb Stunden.

Wie seid Ihr auf dieses Stück, das die Platte entscheidend geprägt hat, gekommen?

„Ballast der Republik“ war ein alter Marsimoto-Song, den ich schon immer mal fertigmachen wollte. Ich habe Campino dann erklärt, worum es in dem Stück geht. Er hat eine Woche lang überlegt und zu mir gesagt: „Marten, das passt perfekt.“ Ich bin irgendwie ganz gut darin, mir irgendwelche Wortspiele auszudenken, die auch als Plattentitel taugen. Und bei einem Bild wie „Ballast der Republik“ sieht man ja das ganze Artwork direkt vor sich.

Wie habt Ihr aus Deiner Idee einen fertigen Song gemacht?

Wir saßen im „Marché“ am Flughafen in Schönefeld und haben dort angefangen und im Flieger weitergemacht. Wir haben einfach Spaß gehabt und deshalb sehr schnell geschrieben. Das war nicht nur bei diesem Song so. Ich glaube, wir haben insgesamt zwölf Stücke zusammen fertig geschrieben, manchmal habe ich auch nur ein paar Wörter beigesteuert. Ich hatte in dieser Phase nur mit Campino zu tun, die Band habe ich erst später kennen gelernt. Er ist dann mit den Texten zu seinen Jungs gefahren und hat ihnen das gezeigt.

Im Endeffekt sind sechs Stücke, die Du mit Campino geschrieben hast, auf der Platte gelandet, zudem ein weiteres auf einer Single-B-Seite.

Wenn ich zurückschaue, war es unglaublich, dass das alles in drei Wochen über die Bühne ging. Durch den Spaß, den wir miteinander hatten, konnte sich Campino locker machen. Was man nicht vergessen darf: Er ist nicht nur ein sehr guter Sänger, sondern auch ein sehr guter Texter. Er hat mir halt einige seiner Fragmente gezeigt und gesagt: „Ich weiß gerade nicht genau, was ich damit machen soll.“

Ihr seid also nicht bei Null gestartet?

Ich hatte tatsächlich zuerst befürchtet, dass er noch gar nichts hat und einfach zu mir sagt: „So, jetzt mach mal.“ In Wahrheit hatte er schon unfassbar viel Material angesammelt. Er ist einfach ein Typ, der sich sehr viele Gedanken macht. Selbst wenn ich jetzt bei einigen Stücken als Texter erwähnt werde, gibt es keinen Song auf der Platte, den er nicht hundertprozentig mit beeinflusst hätte.

Foto Paul Ripke

Was war Dein erster Eindruck, als Du seine Gedanken gelesen hast?

Ich habe seine Texte gelesen, und das Material war bereits unheimlich stark – große Tiefe, unfassbare Reime und gute Bilder. Das Einzige, was ich anschließend gemacht habe, war mit meinem Kopf daran zu gehen und seinen Vibe aufzufangen. Ich bin halt ein paar Jahre jünger und habe ein paar Bilder aus meiner Perspektive dazu getan. Aber noch einmal: Campino hat das Songschreiben total drauf, eigentlich braucht der mich dafür nicht.

Wann hast Du zum ersten Mal ein fertiges Stück gehört?

Ich habe dann erst einmal an meiner eigenen Platte gearbeitet, und Campino erst in Argentinien wieder gesehen. Erst dort habe ich auch erfahren, welche Songs es letztendlich auf die Platte geschafft hatten. Das Größte war, dass ich die Stücke in Argentinien live gesehen habe – und dann auch noch mit „Ballast der Republik“ als Opener. Ich hatte sofort wieder alle Bilder vor Augen: Flugzeug, Liverpool. Dosenbier. Ich wusste vorher auch gar nicht, welchen endgültigen Titel die Songs bekommen hatten.

Was hat Dich überrascht?

„Gott macht den besten Kaffee/Und niemand spuckt mir rein“

Besonders gefreut hat es mich, dass es die Zeilen „Gott macht den besten Kaffee/Und niemand spuckt mir rein“ auf die Platte geschafft haben. Ich finde es super, dass die Band souverän genug war, sich ein paar lustige Texte zu erlauben.

Warum?

Es steht ihnen auch deshalb so gut, weil diese Typen einfach auch privat einen guten Humor haben. Es muss doch nicht immer überall der Stempel der absoluten Ernsthaftigkeit drauf, auch wenn man natürlich will, dass die eigene Musik langlebig ist. Man muss auch mal die Eier haben, so etwas zuzulassen.

Wenn man solche Zeilen liest, kann man Marteria also am ehesten heraushören?

Klar, dass solche Wortspiele klassische Elemente aus dem HipHop sind. Was ich grundsätzlich hasse, sind Floskeln und Belanglosigkeiten.

Das Wichtigste aber ist, dass Texte ehrlich sind, zum Beispiel wie bei „Zwei Drittel Liebe“, das komplett autobiographisch ist.

Campino und ich haben uns eben auch über irgendwelche Geschichten von ihm von früher unterhalten und dann Songs daraus gemacht.

Ist das bei Dir ähnlich, wenn Du Texte schreibst?

Ja, eindeutig. Großen Themen, wie zum Beispiel der Tod, tuen weh. Große Songs können aber nur aus Schmerzen entstehen. Wenn du die ganze Scheiße nicht selbst erlebt hast, kannst du auch nicht darüber schreiben. Es dauert immer ein, zwei Jahre, bis du so etwas verarbeitet hast. Dann kannst du aber immer noch einen guten Text darüber machen, egal ob über dein Kind oder deine Heimatstadt. Pathos ist da fehl am Platze. Du musst „Herz“ und „Blut“ erreichen, ohne diese beiden Begriffe zu verwenden.

Foto Paul Ripke

Was hat die „Reisegruppe Rostock“ in Argentinien erlebt, außer dass Du die Uraufführung der "Ballast der Republik"-Songs miterlebt hast?

Ich bin mit Paul Ripke, MC Lücke von „Radio 1“ und meinem Manager Chris Berndt runtergeflogen. Natürlich kann ich seitdem in Deutschland kein Rindfleisch mehr essen. Was man herausheben muss, ist das große Herz, das Campino gezeigt hat. Er hat uns den roten Teppich ausgerollt und war praktisch die ganze Zeit für uns da. Die ganze Band und die Crew haben sich liebevoll um uns gekümmert. Da kann man als jüngerer Musiker sehr viel lernen. Bei den Hosen ist es üblich, dass man jedem Menschen gegenüber loyal ist, egal ob er beim Aufbau hilft, fürs Licht zuständig ist oder die Security macht.

Wie denkst Du über die Hosen als Band, die schon so lange unterwegs ist?

Das Schwierige ist wahrscheinlich, 30 Jahre miteinander Musik zu machen, ohne sich die Kehle durchzuschneiden. Sie schaffen das mit ihrem nicht abgehobenen Verhalten und absoluter Loyalität jedem Einzelnen gegenüber. Ich habe mir das bei den Hosen sehr genau angeschaut. Man muss echt mal sagen, wie toll die ganzen Leute sind, egal ob Jochen, Kiki, Birger oder Patrick. Ich träume davon, auch dreißig Jahre lang Musik machen zu können, idealerweise auch in einem so familiären Umfeld. Die Hosen werden vermutlich sogar auf 40 oder 50 Jahre kommen, bis zum bitteren Ende halt (lacht).

Es gibt jetzt auch ein Rückspiel: Campino singt auf Deiner Platte bei einem Stück mit. Worum geht´s in dem Text zu „Die Nacht ist mit mir“?

Es ist ein Stück darüber, wie man sich zerstört. Ich war fünf Jahre Single. Da sitzt du zuhause, wohnst in Kreuzberg – und gehst dann raus. Die ganzen Fallen und Versuchungen habe ich kennengelernt: Drogen, Alkohol, Frauen. Morgens wachst du auf, der ganze Tag ist scheiße und abends gehst du doch wieder los. Es hat natürlich auch Bock gemacht, rauszugehen und sich wegzuschießen. Und man geht ja auch nicht nur Saufen, weil man etwas verdrängen will. Es macht auch einfach Spaß. Gleichzeitig macht es dich aber kaputt.

Wieso hast Du Dir für dieses Stück Campino ausgesucht?

Mit wem, kann man so ein Stück besser singen als mit Campino? (lacht) Er hat das Gefühl auch schon erlebt. Auf meiner letzten Platte habe ich Stücke mit Peter Fox und Jan Delay gesungen. Da war die Auswahl etwas schwieriger, welcher Text passen könnte. Bei Campino war dieser Text der erste, den ich ihm gegeben habe, und er hat sofort zugesagt, weil er sich hineinversetzen konnte.

Wie hat Eure erste Zusammenarbeit im Studio funktioniert?

Campino kommt bei dem Stück erst am Ende ins Spiel, ist eher eine zusätzliche Klangfarbe und bringt noch etwas Power rein. Mir ging es genau um dieses Run-DMC-Aerosmith-Feeling, das man von „Walk This Way“ kennt. Ich kann es auch nicht verstehen, dass auf Rock-Festivals keine HipHopper spielen sollen und umgekehrt. Ich würde auch jederzeit bei einem Reggae-Festival auftreten.

Foto Paul Ripke

Mit welchen Musikern arbeitest Du sonst regelmäßig?

Ich produziere meine Sachen schon seit Jahren mit Yasha, Miss Platnum und der ganzen Seeed-Bande. Das ist meine Familie. Wir haben denselben Live-Mischer wie Jan Delay oder Seeed. Mit Arnim und Torsten von den Beatsteaks bin ich sehr gut befreundet. Dann gibt´s noch meine Chemnitzer von Kraftklub, die ich sehr mag. Ossis wie ich und eine super eingespielte Band. Und dann sind da noch die neuen Jungs aus der HipHop-Ecke.

Wen zählst Du dazu?

Als ich angefangen habe, bin ich immer zusammen mit Casper und den Orsons gebucht worden und dann haben wir vor 30, 40 Leuten gespielt, in Braunschweig in der Schwimmhalle oder in Würzburg in der Posthalle. Das ging eine ziemlich lange Zeit so. Wir haben uns, wenn wir gemeinsam auf Tour waren, immer gefragt: Wann checken die Leute endlich, dass wir geile Musik machen? Natürlich habe ich zu Casper deshalb bis heute eine besondere Verbindung.

Wie ist es eigentlich mit anderen HipHop-Genres?

Ich mag auch Gangsterrapper. Wer aus einer bestimmten Ecke der Gesellschaft kommt, macht natürlich auch keine Musik für Petra, 39, aus Paderborn. Wenn ich aus der Scheiße komme, ist es legitim, einen Straßenrap darüber zu machen. Was ich nicht mag, ist, wenn ein Typ aus Villingen-Schwenningen kommt, der gerade Abitur gemacht hat, und dann einen auf dicke Hose macht. Wichtig ist immer, dass es authentisch rüberkommt. Sido mag ich zum Beispiel auch sehr gerne.

Wie wichtig ist Paul Ripke, Dein künstlerischer Leiter, inzwischen für Dich?

Ich habe mit ihm mehr erlebt als mit jedem anderen Menschen auf der Welt. Schon bevor wir jetzt für die neue Platte einmal um die Welt geflogen sind, waren wir zusammen auf Hawaii, in Island oder in Argentinien. Wir haben uns irgendwie gefunden in der Wahnsinnigkeit der Sache.

Wenn etwas unmöglich scheint, kriegen wir das zusammen trotzdem hin.

Marteria über Paul Ripke

Hast Du ein Beispiel dafür?

Wir waren einmal in Madrid bei der Vorstellung der neuen Kollektion von Cristiano Ronaldo. Da war die ganze Weltpresse geladen, aus jedem Land ein Journalist. Jedem war versprochen worden, dass er zwei Sätze mit Cristiano Ronaldo sprechen kann. Der große Fußballstar kam also an, ich sagte: „Hey, I am Marteria from Rostock. We are a good team in the 3rd division..“ Während wir fünf Minuten miteinander über Fußball und Musik sprachen, habe ich nur Fäuste in den Rücken bekommen. Er hat dann noch drei Minuten seine Kollektion gezeigt und ist dann wieder gegangen. Deshalb war ich dann in jedem Beitrag neben Cristian Ronaldo zu sehen, von Aserbaidschan über Brasilien bis in die Ukraine. So etwas kriegen nur Paul und ich hin, aber das kann natürlich auch mal schief gehen...

Wo ist es schief gegangen?

Ich bin einmal mit einem Jeep über die Hawaii-Insel gefahren, auf der „Fluch der Karibik“ gedreht wurde. Paul hat auf der Motorhaube gefilmt und ist beim Filmen heruntergefallen. Es war erst einmal riesiges Glück, dass ich ihn nicht überfahren habe. Er lag dann aber da: Blut am Kopf, erst ohnmächtig, dann verwirrt. Er sprach eine Zeit lang nur noch Englisch und dachte, in Hamburg zu sein. Ich brauchte dann drei Stunden, bis ich ein Krankenhaus gefunden hatte. So etwas passiert, wenn man alles will. Es war wirklich knapp, aber nur mit vollem Einsatz bekommt man auch gute Bilder hin.

Wofür schätzt Du Paul Ripke als Fotografen?

Es war schon beeindruckend, wie Paul in Argentinien bei den Hosen mitten im Moshpit stand. Die besten Bilder kriegst du dort, wo es brennt. Auf unserer Weltreise entstanden die besten Fotos auch in einer Favela in Brasilien oder in einem Dorf in Uganda. Bilder macht man nicht aus dem Pool des Hilton-Hotels heraus. Wir gehen grundsätzlich dorthin, wo wir uns wohlfühlen und wo es wehtut.

Welche Gemeinsamkeit habt Ihr mit Campino entdeckt?

In Uganda haben wir zu Silvester einen Rapper getroffen. Der sagte zu uns: „I know one guy from Germany: Campino. Der hat in den 80ern mal hier bei uns im Slum gepennt.“ Campino hatte da wohl mal alleine übernachtet, in einer heißen Phase. Das verbindet Campino, Paul und mich auch ein bisschen, dass wir manchmal mit dem Kopf durch die Wand gehen, um am Ende ganz tolle Momente zu haben. Wir fürchten uns nicht vor irgendwelchen Sachen. Wenn alle sagen, dass man etwas nicht machen darf, sagen wir: Jetzt will ich es erst recht mit eigenen Augen sehen.

Foto Paul Ripke

Was Euch auch verbindet, ist die Jagd nach Länderpunkten. Wer führt: Campino, Paul oder Du?

Ich liege mit 45 ganz weit hinten. Schließlich bin ich Ossi, durfte sieben Jahre lang nur nach Tschechien und Polen. Paul Ripke ist als Fotograf sowieso nicht zu einzuholen. Er hat so ungefähr 350.000 Flugmeilen im Jahr und insgesamt knapp 80 Länderpunkte, was wirklich sehr viel ist, wenn man von insgesamt 196 Ländern ausgeht. Nur jemand wie Farin Urlaub, der das Herumreisen seit Jahren ganz krass betreibt, hat 130. Campino und die Hosen werden auch nicht schlecht da stehen, waren ja zuletzt auch noch in ganz vielen Ländern in Mittelamerika und Zentralasien unterwegs.

Wohin geht Deine nächste Reise?

Auf die Seychellen. Meine Freundin ist ein großer Flughunde-Fan, und die werden wir uns nach der Tour mal anschauen. Mit Paul fahre ich dann anschließend nach Jordanien.

Du gehst jetzt erst einmal auf große Deutschland-Tour. Was ist bei Deinen Shows ähnlich wie bei einem Hosen-Konzert?

Wir performen beide sehr publikumsnah, erzählen wenig Quatsch, sind sehr leidenschaftlich, lassen uns von unseren Emotionen treiben. Man könnte auch sagen: Zungenkuss für alle. In die Leute fliegen, Distanz geht gar nicht. Was wir machen, ist ein sehr volksnahes Konzert. Und ich glaube, überall wird Pyro gezündet, das verbindet uns. Wir haben wie die Hosen sehr emotionale Fans, sind während des Gigs eine Familie.

Was ist anders?

Die Hosen haben vielleicht doch noch ein paar mehr Gitarren, wir ein paar mehr ruhigere Momente. Ich mag es, wenn das Programm eine Mischung ist aus den Todes-Moshpit-Momenten und solchen, in denen man zuhören muss. Es wird außerdem schön abwechslungsreich, weil auch Marsimoto wieder zum Einsatz kommt.

Eine weitere Gemeinsamkeit, die wir klären müssen: Du bist Sponsor von einem Fußballklub. Wer zum Teufel sind die Rostocker Robben?

Ich habe auch noch eine Bandenwerbung bei Hansa in der 3. Liga, aber die Robben sind mein Team – Deutscher Meister im Beachsoccer und Champions-League-Teilnehmer. Da geht’s bald in Italien gegen internationale Teams wie Spartak Moskau und AS Rom. Wenn ich mal in Rostock bin, spiele ich natürlich auch mit. Ansonsten bezahle ich einfach nur die Trikots, wie man das als Sponsor so macht.

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Ein opulentes Buch mit knapp 600 Fotos auf 464 Seiten, das die gemeinsamen Abenteuer des Fotografen Paul Ripke und der Band aus 4 Jahren dokumentiert.