Die "Auswärtsspiel"-Tour beginnt richtig am 18. April in Saarbrücken in der Saarlandhalle - seit wann bist Du als Tourleiter startbereit?

Die Produktion und die Crew standen bereits Anfang des Jahres fest, das heißt wir wussten, welche Leute auf Tour arbeiten werden, mit welchen Firmen wir den Ton, das Licht und die Hintergrundvideos machen würden. In den letzten Monaten ging es nur noch um Feinabstimmungen. Und das dauert auch bis zum letzten Tag vor Tourbeginn an. Selbst auf Tour werden immer noch irgendwelche Sachen umgeschmissen und Kleinigkeiten verändert.

Wann beginnen die ersten Vorbereitungen für solch eine große Tour?

Für eine große Hallentour muss man die ersten Schritte 14 Monate vor dem ersten Konzerttag machen.

Der erste Schritt ist es zu überlegen, in welchen Hallen man spielen will. Gerade in den großen Hallen muss man die freien Termine so früh abfragen, denn die Frankfurter Festhalle oder Münchner Olympiahalle haben oft schon Sportveranstaltungen gebucht, irgendwelche Tennisturniere, die dann für zwei Wochen die Halle belegen. Oder auch Fernsehsendungen wie "Wetten, dass...", die genauso lang planen und die Halle auch sehr, sehr lang brauchen.

Was ist auf der "Auswärtsspiel"-Tour die weiteste Distanz, die überwunden werden muss?

Auf der aktuellen Tour haben wir eine Strecke von Kiel nach Köln. Das ist schon fast an der Grenze des Machbaren. Denn wir haben fünf Trailer auf der Tour und fünf Busse mit der Crew. Die müssen dann über Nacht von Kiel nach Köln fahren. Weitere Strecken als das sind eigentlich nicht möglich. Wenn da unterwegs was schief läuft, dann könnte es mit dem Soundcheck schon eng werden.

Wo stammst Du ursprünglich her?

Ich komme aus Ostwestfalen, aus einem Kaff namens Bünde, das liegt in der Nähe von Bielefeld. Da habe ich die ersten 16 Jahre meines Lebens ausgehalten, bevor ich 1981 nach Berlin abgehauen bin.

Ich bin zwei Jahre lang in diesem Kaff der einzige Punk gewesen, habe auf der Straße oder im Zug öfter mal auf die Schnauze gekriegt, was eine zeitlang okay war.

Irgendwann hat diese Auseinandersetzung mit Allem und Jedem jedoch tierisch an den Nerven gezehrt. Dazu kam Stress in der Schule, Ärger mit meinen Eltern, unter anderem weil wir ein Haus besetzt haben – und dann war es einfach an der Zeit für mich, nach Berlin zu gehen. Dort bin ich dann auch wieder 16 Jahre geblieben, bevor ich nach Hamburg gegangen bin.

Wo hast Du Deine ersten Konzerte gesehen?

In Herford gab es die Scala, ein ziemlich guter Laden in der Nähe von Bielefeld. Dort haben ich bei einem ZK-Konzert auch zum ersten Mal Campino getroffen. Das war ein Festival, da standen sie damals noch als "2K" auf dem Plakat drauf. Die Scala war damals ein sehr guter Laden, in dem viele Konzerte stattgefunden haben: Dead Kennedys, The Cure, Dexy's Midnight Runners und Stiff Little Fingers. Und außerdem gab es in Bielefeld die Waldemarstraße, das besetzte Haus und etwas später das AJZ. Da konnte man dann auch in Bielefeld etliche Punk-Konzerte sehen. Ich hatte auch selbst eine Band namens V8G, benannt nach dem V8-Gemüsesaft von Aldi. Es ist aber nie zu einem Auftritt gekommen.

Leider musste ich feststellen, dass ich selbst für einen Bassisten in einer Punk-Band den Rhythmus nicht gut genug halten konnte.

Wie ist es Dir in den ersten Jahren in Berlin ergangen?

Ich war auch schon vorher ein paar Mal in Berlin gewesen, hatte da Freunde und war mir sicher, dass wenn ich von Bünde abhaue, nicht in das nächstgrößere Provinznest gehen wollte. Da wollte ich dann schon direkt nach Berlin! Ein halbes Jahr habe ich mich dort erstmal mit kleinen Jobs über Wasser gehalten. Auf Konzerte bin ich tatsächlich nur gegangen, wenn ich vorher genug zusammengeschnorrt hatte. Aber das klappte damals ganz gut. Die Eintrittspreise waren bei den deutschen Punk-Konzerten nicht so hoch. Dann habe ich irgendwann wieder mit der Schule angefangen, habe mein Abitur zu Ende gemacht und nebenher bei einer Autovermietung gejobbt. Ich habe Autos geputzt, bin also eigentlich gelernter Wagenpfleger (lacht).

Wie bist Du an Deinen ersten Job bei den Hosen gekommen?

Das lief etwas Hand in Hand. Beim zweiten Hosen-Konzert aller Zeiten, beim "Tanz in den Mai" im SO36 in Berlin, habe ich Kasse gemacht.

Der "wahre Heino", der das Konzert organisiert hatte, kommt nämlich aus demselben Kaff wie ich.

Ich kannte Kuddel und Campino schon ein bisschen aus den ZK-Zeiten. Und seitdem bin ich öfter als Fan zu ihren Konzerten hingefahren. Parallel mietete Jochen Hülder die Wagen für die Tour der Einstürzenden Neubauten und der Hosen zufällig bei der Autovermietung, bei der ich arbeitete.

Ende 1983 bei einem Konzert in Jöllenbeck hat mich Jochen dann mal wieder durch ein Fenster in den Backstage-Bereich reingezogen, damit ich nicht bezahlen musste. Und an dem Abend hat er mich gefragt, ob ich die Jungs nicht fahren will, wenn ich eh immer da bin. Ostern 1984 bin ich dann die erste Tour gefahren, den ersten Teil der "Unter falscher Flagge"-Tour.

Wie liefen solche frühen Hosen-Konzerte ab?

Ich weiß nur noch, dass es in der Regel ein großes Chaos war. Zum Ende des Konzertes gab es immer wüsteste Beschimpfungen Campinos gegen den Rest der Band - nun gut, das hat sich nicht so sehr geändert bis heute (lacht). Kuddel musste sich schon einiges anhören damals, weil er als einziger in der Band etwas mehr Leibesfülle hatte. Das waren teilweise schon sehr schmerzhafte Sachen. Ich weiß nicht, ob das Kuddel immer so viel Spaß gemacht hat. Damals lief es so, dass Band und Crew mit dem Zweinullsiebener gefahren sind, die Backline hinten drin, und es wurde immer über kleine pieselige Hausanlagen gespielt. Bei meiner ersten Tour waren nur Bollock, Mufti und ich als Crew dabei. Und es wurde zu dieser Zeit auch immer privat gepennt. Es gab nie Hotelzimmer. Zum Teil musste man auch im Wagen schlafen, weil irgendwelche zugesagten Privatzimmer dann doch nicht vorhanden waren.

Da wurde dann immer gelost, wer im Wagen schlafen musste. Ich musste immer im Wagen schlafen...

Wie bist Du dann zum freiberuflichen Tourleiter aufgestiegen?

Am Anfang bin ich nur gefahren, dann habe ich bei den Hosen auch Backliner gemacht und irgendwann bin ich dann für Jäcki Eldorado zweimal als Tourleiter eingesprungen. Dann fragten mich irgendwann auch andere Veranstalter, ob ich nicht Tourleiter für sie machen wollte. Das war dann meist auch für irgendwelche kleinen Punk-Bands wie The Adicts, Peter And The Test Tube Babies oder die Newtown Neurotics, was auch alles in allem meiner Leber sehr geschadet hat. Ein großer Unterschied zu heutigen Hosen-Touren ist, dass viel verantwortungsloser mit der Sache umgegangen wurde, ich eingeschlossen. Es wurde jeden Abend gefeiert. Und auch damals hat Campino schon mal seine Stimme verloren. Da wusste man aber, da warten jetzt "nur" 200 Leute. Das tat natürlich auch sehr weh, war aber doch eine andere Geschichte. Wenn er heute wegen Feierns die Stimme verlieren würde, und am nächsten Tag ist dann die Dortmunder Westfalenhalle ausverkauft, das geht einfach nicht mehr. Und dann wird man automatisch verantwortungsvoller. Deshalb muss man sich jetzt auf Tour genau ausgucken, wann man feiert. Aber es klappt nicht immer so, wie man es plant...

Eine der Touren dieser Zeit brachten Dich auch mit den Ramones zusammen, die durchaus große Helden für Dich waren?

"Punk-Rock" ging für mich los mit englischem Punk-Rock. Ich habe die Ramones zur selben Zeit entdeckt wie die Sex Pistols oder The Clash, aber identifiziert habe ich mich immer mit dem englischen Punk-Rock, weil der eine gesellschaftspolitische Aussage hatte. Bei den Ramones war es in erster Linie die Musik. Nur im Laufe der Jahre haben die Ramones nunmal so viele klasse Platten aufgenommen, dass die konstant immer wichtig waren. Meine ersten beiden Tätowierungen waren aus dem Ramones-Inner-Sleeve. Ich glaube, das sagt schon ziemlich viel...

Wie lief die Tour?

Ich hatte die seit 1981 eigentlich jedes Jahr auf Tour gesehen. Wenn die nicht nach Deutschland gekommen sind, dann bin ich nach London gefahren, um sie mir da anzugucken. Dann habe ich 1989 als Produktionsleiter selbst die Tour gemacht. Und das war eine ziemlich bittere Erfahrung. Das waren meine ganz großen Helden, doch leider hat sich herausgestellt, dass da zwei Leute in der Band waren, mit denen ich kein Bier trinken gehen würde. Joey und C. Jay waren total nette Typen. Den Gitarristen interessierte aber nur Baseball und Geldverdienen - und das war weit entfernt von dem, was ich mir unter meinen Helden vorgestellt hatte.

Woran hast Du zu dieser Zeit gemerkt, dass die Hosen "größer" wurden?

Nach der "Horrorschau"-Platte gab es eine deutliche Zäsur. Die Hallen wurden größer, und es gab eine richtige Hysterie. Man kam auf einmal aus dem etwas kleineren Kreis der Punk-Fans heraus und zog auch andere Leute. Das war auch die erste Tour, die ich komplett als Tourleiter machte. Für mich war es der große Schritt vom Backliner zum Tourleiter, der zwar auch nicht unwichtig ist, aber als Tourleiter hatte ich plötzlich eine ganz andere Verantwortung. Backline ist ja das, was auf der Bühne steht. Das sind die Gitarrenverstärker, die Boxen und die Instrumente der Band. Das sind die Sachen, die die Band auch im Proberaum stehen hat. Und der Backliner ist derjenige, der die Sachen aufbaut, die Gitarren stimmt, sich ums Schlagzeug kümmert. Das haben Bollock und ich bis 1987 zusammen gemacht. Als Tourleiter kümmert man sich eigentlich um alle Belange der Band. Und man ist auch für die Abrechnung der Konzerte zuständig.

Wie lief denn die erste Zusammenarbeit mit den Veranstaltern?

Zu der Zeit gab es noch genug Veranstalter, die versucht haben, uns zu bescheißen. Wir haben dann manchmal auch Leute erwischt. Das war dann eine Phase, in der sich rausstellte, mit wem man weiter zusammenarbeiten wollte. Wer war okay, wer versuchte einen abzuzocken? Seit den frühen Neunzigern haben wir jetzt in Deutschland, Österreich und der Schweiz tatsächlich die Veranstalter, mit denen wir bis heute zusammenarbeiten, die mit uns gewachsen sind. Die kamen zu einem großen Teil auch aus der Punk-Ecke, hatten vorher kleine Club-Gigs veranstaltet und machen heute auch andere große Veranstaltungen. Da schreiben wir Loyalität sehr groß. Wenn wir über Jahre sehr gut mit jemandem zusammengearbeitet haben, dann wechseln wir nicht zu einem anderen Veranstalter, nur weil der mehr Geld bietet. Das haben wir irgendwann mal mit der Band besprochen, dass wir diesen Weg beschreiten wollen, und das klappt auch ziemlich gut.

Ihr hattet Euch für die Veranstalter bei der "Reich & Sexy"-Tour 1994 einen speziellen Passus ausgedacht...

Wir hatten mal bei einer unserer legendären Weihnachtsfeiern die Idee, dass wir in unsere Verträge reinschreiben, dass der Veranstalter am Abend des Konzertes eine Groucho-Marx-Maske anziehen muss.

Also eine Brille, eine große Knollennase und einen Schnurbart. Ich habe das dann irgendwann tatsächlich in die Verträge mit reingeschrieben, dass beide Vertragspartner bei der Abrechnung diese Groucho-Marx-Brillen tragen müssen. Natürlich hat jeder Veranstalter diese Verträge unterschrieben, weil er ja die Hosen-Tour machen wollte. Und wir haben dann auch nach jedem Konzert Beweisfotos davon gemacht.

Weißt Du, wie viele Hallen und Konzertorte Du über die Jahre kennengelernt hast?

Nein, aber ich kenne sie alle (lacht). In Deutschland ist es einerseits arbeitserleichternd, dass man immer weiß, wo was ist. Es ist aber auch immer wieder erfrischend, woanders hinzukommen, ein paar neue Hallen zu sehen. Ich mache Hallen auch nicht daran fest, wie man darin arbeiten kann, wie das viele Crew-Leute tun. Ich gucke mir die Konzerte aus Publikumssicht an, und das ist ausschlaggebend für eine Halle. Die Band kann sich nicht sehen und daher nicht wissen, wie es für das Publikum ist. Da muss schon mal irgendeiner von vorne reingucken.

Ich finde, dass nach wie vor die Dortmunder Westfalenhalle sehr, sehr weit vorne ist, was die großen Hallen angeht. Und sehr gut war auch immer die Berliner Deutschlandhalle.

Zur Tourvorbereitung gehört auch immer eine Art Fanzine für die Band und die Crew dazu?

Das Itinerary ist einfach ein kleines Buch mit allen wichtigen und nützlichen Informationen rund um die Tour. Damit Kuddel abends auch weiß, in welches Hotel er wieder muss. Und die Crew weiß, in welche Halle sie am nächsten Tag fahren muss. Da versucht man vorher, möglichst viele Informationen zusammenzustellen – und möglichst die richtigen Telefonnummern reinzuschreiben. Das klappt in 99 Prozent der Fälle aber nicht (lacht). Wenn wir die Zeit haben, versuchen wir auch immer ein paar lustige Sachen unterzubringen. Das sind Karikaturen und Zeitungsausschnitte, die irgendwie zur Tour passen und über die Leute unseres Humors lachen können. Man macht das ja ausschließlich für die Crew und die Band.

Hat die Band eigentlich irgendwelche Sonderwünsche im Reader für den Veranstalter?

Frische Walderdbeeren. Sonst geht Breiti nicht auf die Bühne (lacht).

Die Band ist total genervt, wenn sie von der Bühne kommt – und in der Zwischenzeit hat irgendeine Garderobenfrau aufgeräumt. Das ist, glaube ich, das Schlimmste, was man ihnen antun kann. Dann ist der Abend gelaufen.

Natürlich entwickelt jeder kleine Marotten, aber das Angenehme an den Hosen ist, dass die Band sehr auf dem Teppich geblieben ist. Und das wissen die meisten Leute in der Crew auch. Und deshalb macht es auch so einen Spaß, mit der Band zu arbeiten. Ich kenne da ganz andere Bands und Marotten, gerade auch von Bands, die noch nicht so lange dabei sind. Es macht einen großen Teil des Spaßes aus, dass diese Band eben nicht solche Sonderwünsche wie Walderdbeeren hat. Auf Tour ist es für die Hosen das Wichtigste, die Show zu spielen. Eine Show abzusagen, nur weil irgendwo im Ausland die PA Schrott ist und das Licht überhaupt nicht geht, das kommt nicht in Frage. Man versucht immer das Beste draus zu machen.

Der größte Einschnitt in Deinem Berufsleben war die Gründung von Kikis kleinem Tourneeservice (KKT)?

1989 haben mich die Hosen gefragt, ob ich die Touren nicht auch veranstalten will. Ich war da ziemlich froh drüber. Denn in den Jahren zuvor war ich immer mindestens neun Monate unterwegs gewesen, und nur drei Monate zu Hause in Berlin. Dadurch gingen dann auch alle persönlichen Beziehungen flöten, nicht nur Freundin, sondern auch Freunde. Du kannst nicht erwarten, wenn Du immer unterwegs bist und dann mal wieder ein Wochenende in der Stadt, dass dann alle sagen: "Ja, super, Kiki ist wieder da. Lass uns mal ausgehen!" Ich würde das heutzutage auch nicht mehr wollen, andauernd nur auf Tour zu gehen. Die 90er-Tour habe ich noch zusammen mit Frank Schreiber von Solingen aus gemacht und in Düsseldorf gewohnt. Danach habe ich KKT in Berlin gegründet.

Wie viele Leute arbeiten heute bei KKT in Hamburg?

Wir sind zu zweit, Fräulein Casi und ich. Am Anfang haben wir nur die Hosen gemacht. Relativ schnell dann aber auch eine Abwärts-Tour organisiert und eine mit Jingo De Lunch. Es hat sich erst in den letzten Jahren so entwickelt, dass wir mehr Sachen machen, wobei wir es aber auch schon wieder versuchen, das zu begrenzen. Wir machen nur Bands, auf die wir Beide wirklich Bock haben, oder wo irgendeine persönliche Beziehung zu der Band da ist. Living End, Backyard Babies oder auch Mouse On Mars, was musikalisch nicht zu dem Rest der Bands passt. Ich finde die live aber sehr klasse und mag die Typen halt gerne. Und das ist der Hauptansatzpunkt. Und 1999 auf der Warped-Tour haben mich die Ärzte dann gefragt, ob ich auch deren Touren machen will. Und das hat dann auch ziemlich gut geklappt.

Worin unterscheiden sich Hosen und Ärzte voneinander?

Der Hauptunterschied für mich ist, dass die Hosen seit fast zwanzig Jahren enge Freunde von mir sind. Bei den Ärzten hatte ich immer eine Freundschaft zu Bela, aber sicherlich nicht so eng. Wir hatten vereinbart, das jetzt mal eine Tour lang auszuprobieren. Mir hat es sehr viel Spaß gemacht, und ich gehe davon aus, dass wir weiter zusammenarbeiten werden.

Manchmal passiert es ja, dass sich Sachen überschneiden, aber ich werde schon darauf achten, dass die Hosen und Ärzte nicht am selben Tag in derselben Stadt spielen. Das wäre auch den Fans, die eine große Schnittmenge bilden, gegenüber unfair.

Und das ist sicherlich auch ein Nebeneffekt, dass ich das jetzt steuern und die Bands drauf hinweisen kann. Ein großer Unterschied ist, dass ich bei den Hosen als Tourleiter immer dabei bin, während KKT bei den Ärzten eine Tourleiterin anstellt. Ich schaue dann nur am Anfang mal vorbei und versuche bei wichtigen Konzerten da zu sein.

Der Tourabschluss fand auf Sylt statt...

Westerland war deswegen eine besondere Herausforderung, weil es auf der Insel gar keine Infrastruktur für so große Konzerte gibt. Und dementsprechend auch gar keinen Veranstalter. Wir mussten also alles an Logistik und Leuten selbst dahin schaffen. Das bedeutete für mich jede Menge Vorbereitungsarbeit, viel mehr als bei normalen Hallenkonzerten. Wenn ich bei einem Konzert in der Philipshalle mit dem Veranstalter zusammenarbeite, sind das klare Sachen, was da passiert. Es gab etliche Gespräche mit dem Ordnungsamt und der Polizei, weil die dachten, dass der Vandalismus über die Insel hereinbricht. Um sicherzustellen, dass nach dem Konzert nicht 5.000 Fans vom Flughafen nach Westerland einfallen, mussten wir eine After-Show-Party machen, von wo aus die Leute per Shuttle-Service direkt zurück zum Bahnhof transportiert wurden. Das war eine der Auflagen. Und deshalb haben die Ärzte auch noch dreieinhalb Stunden nach dem Konzert unten in der Halle Platten aufgelegt.

Besonders spannend dürfte die Vorbereitung für Konzerte in Ländern sein, in denen die Hosen noch nie zuvor gespielt habt...

In Südamerika klappt das auch nie (lacht). Da kann man sich zwar vorher drum kümmern. Das ist dann aber doch eine Überraschung, wenn dann am Abend etwas da steht. In Argentinien haben wir mittlerweile einen professionellen Veranstalter, weil die Hosen dort ja ziemlich groß sind. Der koordiniert auch den Rest von Südamerika so ein bisschen für uns, wenn wir noch woanders hinfahren wollen. Die ersten Jahre war das immer sehr abenteuerlich, was da an PA und an Licht stand, aber auch damit konnte man eine Show machen.

Wie seid Ihr zum ersten Gastspiel in Argentinien gekommen?

Das war 1992, da gab es einen Fan aus Karlsruhe, bei dem die Hosen irgendwann auch schon mal Magical-Mystery-mäßig gespielt hatten. Der hat bei der Deutschen Bank gearbeitet und wollte sich nach New York versetzen lassen. Da hat man ihm aber Südamerika angeboten, und er ist dann im Juli in Sommerklamotten nach Buenos Aires runtergeflogen und als er ausstieg, hat es geschneit. Der Typ hat uns über einen längeren Zeitraum mit Faxen bombardiert: "Kommt runter!" Ich habe den für einen Spinner gehalten und ihm irgendwann geschrieben: "Schick uns die Flugtickets und wir kommen." Dann hat er die zehn Flugtickets für Band und Crew tatsächlich geschickt, und wir sind runtergeflogen. Der hat da wirklich eine sehr gute Arbeit geleistet. Wir waren beim ersten Mal eine Woche in Buenos Aires, und da gab es echt schon Fans. Schon damals belagerten Tag und Nacht irgendwelche Irokesen-Punks das Hotel. Dann haben die Hosen dort auch noch eine super Show gespielt, und seitdem hat es sich immer weiter ausgebaut.

Du warst gerade auch mit der Köln-Düsseldorfer Elektroband Mouse On Mars auf Südamerika-Tour – in welchen Ländern?

In Argentinien, Uruguay, Chile und Kolumbien. Das war wieder mal extrem interessant, wobei ich durch Reisen mit den Hosen eigentlich alle Städte kannte, bis auf die in Kolumbien. Bogota mit acht Millionen Einwohnern und Medellin mit vier Millionen sind super Städte. Das ist immer sehr intensiv, da passiert schon ziemlich viel auf den Straßen. Ich arbeite hart daran, dass wir im Herbst auch da hinkönnen

Was ist der Unterschied, wenn Du mit Mouse On Mars oder mit den Hosen dort unten auf Tour bist?

Die Leute, die man mit den Hosen in Südamerika trifft, sind eher auch partywillige Menschen. Mit den "Mäusen" ist das eher eine künstlerbezogene Schiene. Da wird man in irgendwelche Galerien eingeladen. Und das ist natürlich ein ganz anderes Publikum, das zu den Konzerten kommt, und auch andere Leute, die da backstage rumhängen. Beides hat seine Reize und macht Spaß. Wobei ich auch sagen muss, dass ich mit den beiden Bandmitgliedern von Mouse On Mars sehr gut klargekomme.

Wie wichtig ist denn die menschliche Seite einer Band?

Ich war von 1986 bis 1990 als Tourleiter mit etlichen amerikanischen und englischen Bands unterwegs. Und irgendwann merkt man, dass es eigentlich völlig egal ist, was die für eine Musik spielen. Die Musik hört man eh nur eine Stunde am Tag. Wichtig ist, ob die Typen in Ordnung sind. Da kann man dann selbst mit Leuten, die nicht Deine Musik machen, Spaß haben. Und andere Bands, die man zuvor von der Musik her vom Fan-Standpunkt aus betrachtet hat, stellen sich leider als komplette Arschlöcher heraus.

Wie lief das Konzert im Frühjahr 2001 in Kuba aus der Sicht des Tourleiters?

In Kuba war es die Vollkatastrophe. Das war der real existierende Sozialismus. Es ging hauptsächlich um die Backline, die uns zugesagt worden war. Aber als wir ankamen, stand da überhaupt nichts da.

Da mussten wir auch wirklich mal mit einer Absage drohen, denn sonst hätte sich da gar nichts bewegt.

Selbst die Gitarrenboxen mit denen das Konzert dann stattgefunden hat, waren nicht die, die wir gebraucht hätten. Und es klang auch echt scheiße. Kuddels Gitarre klang mehr so nach einer Schülerband, wobei das Konzert bis zum Abbruch auch wieder in Ordnung war.

Wie hast Du Kuba sonst erlebt?

Man hat schon gemerkt, dass da letztendlich ein Militärregime regiert, was für die Bevölkerung aber wahrscheinlich noch besser ist als das, was nach Castro kommen wird. Denn dann sitzt die Mafia wieder da. Die alten Leute auf Kuba schätzen das auch alle richtig ein, dass es letztlich unter Batista noch schlimmer war als jetzt. Die ganzen Jungen wollen einfach nur Hamburger und Dollars. Als wir nach dem Konzert mit dem Bus zurück zum Hotel fahren wollten, saßen und standen da auch ein paar Fans mit im Bus. Da hat sich der Fahrer geweigert, loszufahren, weil nicht alle auf Sitzplätzen saßen. Und unsere Betreuerin, in dem Fall ein typischer alter Parteikader, hat sich auf seine Seite geschlagen.

Wie waren die Konzerte zuletzt in Osteuropa?

Das waren klasse Shows, auch gerade von der Publikumsresonanz her. Das war sicherlich nicht das letzte Mal, dass wir dahin gefahren sind. Man kriegt da mittlerweile auch überall eine vernünftige PA. Ich habe den "wilden Osten" noch kennengelernt, das war 1985 bei der "Disco in Moskau"-Tour durch Ungarn und Polen. Wir sind über Österreich reingefahren und uns war vorher von unserer Konzertagentur gesagt worden, dass das alles nicht offiziell wäre und wir das bloß nicht erwähnen sollten, dass wir wegen Konzerten einreisen wollten. Und wir hatten damals wirklich alle knallbunte Haare, bis auf Campino, der sie gerade schwarz gefärbt hatte. Wir kamen dann an einem Mini-Grenzübergang von Österreich nach Ungarn rein und die haben uns nur ausgelacht:

"So, wie Ihr ausseht, kommt Ihr hier nicht rein!"

Wie habt Ihr das Problem an der Grenze gelöst?

Campino hatte dann die Idee, dass wir uns alle die Haare schwarz färben sollten. Und so sind wir dann zu einem Provinzfriseurladen gefahren. Weil die Haare aber alle vorher blondiert waren, wurde das dann bei uns so ein komisches braun-schwarz-grau. Wir sahen so scheiße aus.

Wir sind von LKW-Fahrern ausgelacht worden, so scheiße sahen wir da aus!

Natürlich waren wir alle schlecht gelaunt, sind aber letztlich alle ins Land gekommen. Den ersten Gig haben wir aber verpasst, weil das Ganze einen halben Tag gedauert hat. Dann haben wir aber unseren Veranstalter getroffen, der uns sagte: "Warum habt Ihr nicht einfach an der Grenze gesagt, dass Ihr die Toten Hosen seid? Ihr wart hier offiziell eingeladen." Wir hätten den Typen von unserer Konzertagentur am liebsten sofort umgebracht.

Was habt Ihr auf der Tour sonst noch erlebt?

In Ungarn haben wir bei super Wetter im Herbst an wirklich verrückten Orten gespielt. Einmal hat in einem Jazz-Club an der Uni zum Beispiel das gesamte Publikum auf dem Boden gesessen. Die Band hat sich dann auch irgendwann auf der Bühne hingesetzt und so weitergespielt. Nach fünf Konzerten in Ungarn sind wir dann in den kalten Herbst nach Danzig hochgefahren. Ich glaube, ich bin da 30 Stunden durchgefahren. Dann kamen wir nachts an und haben in einer Jugendherberge mit den unvermeidlichen Etagenbetten geschlafen.

Und Faust, der schon die ganze Zeit nichts zu essen bekommen hatte und deshalb sehr schlecht gelaunt war, kam mit seinem Kopfkissen aus seinem Zimmer raus – und da war ein fetter 'Grüner' drauf. Da hat er dann den Satz geprägt: „Ob das noch Punk ist...?“ Wir meinten schon, aber es wollte dann doch keiner mit Faust tauschen.