Male gelten als die erste deutsche Punk-Band. Wie alt warst Du bei Eurem ersten Auftritt im März 1977?

Ich war 16 und ging noch zur Schule. Die anderen Bandmitglieder waren sogar noch ein, zwei Jahre jünger als ich. Wir haben bei einem Schulkonzert hier in Düsseldorf dann auch gleich mal eine Deutschland-Fahne verbrannt. Wir hatten ja ein Anliegen, das war ja nicht nur die Musik. Wir wollten die Leute wachrütteln und zeigen, dass wir gegen den Staat sind. Das wurde dann immerhin so ernst genommen, dass der Hausmeister mit zwei Eimern Wasser in die Aula geflitzt kam, weil er den Parkettboden retten wollte (lacht).

Wie habt Ihr Euch damals für den Auftritt angezogen?

Wir sind in der Anfangsphase eigentlich immer in alten, zerlumpten Jeans rumgelaufen - sahen also wie eine Mixtour aus erster Ramones-LP und Sex Pistols aus. Die Musik haben wir allerdings nicht den Engländern oder Amerikanern nachempfunden.

Zu der Zeit kannten wir noch keine einzige Punk-Platte, weil man die nirgendwo kaufen konnte. Erst im Herbst 1977 kamen dann auch hier die ersten Scheiben in die Läden...

Male 1978 im Ratinger Hof

Wie viel Publikum kam zu den ersten Punk-Konzerten in Düsseldorf?

Eigentlich haben da am Anfang nur Bands für andere Bands gespielt. Da war kaum mal jemand, der nicht irgendwie selbst in die Sache involviert war. Wer nicht in einer Band war, hat eben ein Fanzine herausgegeben oder Konzerte organisiert. Ein Publikum wie heute, das willig ist, einer Punk-Band zuzuhören, gab es einfach nicht. Und außerhalb der Szene gab es nur Anfeindungen. Die Normalos haben dich gehasst! Die ersten eineinhalb Jahre waren ein einziges Spießrutenlaufen. Es war absolut unmöglich, mit aufgestellten Haaren einfach mal so in die Altstadt zu gehen. Da haben wir auch schon mal Prügel kassiert – und die Opas haben uns immer hinterher gerufen: "Unter Adolf wärst Du vergast worden!"

Wovon wart Ihr zu der Zeit musikalisch beeinflusst?

Bis 1976 haben wir Sachen von den Rolling Stones und The Who nachgespielt, ziemlich hart und roh. Ab Ende 1976 war es dann aber wirklich Male. Da hatten wir auch noch bis Anfang 1978 ausschließlich englische Texte. Im Frühjahr 1978 hat man gemerkt, dass da auch Leute aus dem angrenzenden Umland hinzukamen, aus Solingen oder Kamp-Lintfort. Ab Frühjahr 1978 kamen dann Bands wie Charley's Girls und S.Y.P.H. hinzu. Die Hosen-Ecke kam erst später, Ende 1978.

Campino erinnert sich daran, dass er bei Euch im Proberaum zum ersten Mal ein Mikrophon in der Hand hatte...

Das war zu der Zeit, als wir im Keller vom "Rock On" geprobt haben, dem legendären Plattenladen auf der Schadowstraße. Das war so eine Art Lagerraum für die Platten, und wir hatten da ständig irgendwelche Zuschauer. Campino war auch öfter da, und wir haben dann wohl auch öfter mal unser Stück "Ampelstadt" oder "We Are The Chaos Brothers" von den Lurkers zusammen gesungen. Und das haben wir später auch live so beibehalten, wenn wir mit ZK auf Tour waren.

Wir haben uns ja mit ZK eine zeitlang den Proberaum geteilt. Die anderen Bands dort haben uns Punk-Kids natürlich gehasst. Die machten alle traditionellen Rock...

Euer erstes Konzert außerhalb der Stadtgrenzen fand im August 1978 in Berlin statt...

Das war bei der Eröffnung des SO36 in Kreuzberg. Dann haben wir 1979 zweimal in der Markthalle in Hamburg gespielt, was auf den legendären "Into The Future"-Samplern dokumentiert wurde. Und zwischendurch sind wir auch mal mit ZK in Bremen und Cloppenburg aufgetreten. Das waren aber immer Einzeltermine; ganze Touren, wie sie heutzutage üblich sind, waren damals einfach noch nicht möglich. Du wusstest, dass sich in der Stadt ein paar Leute für deine Musik interessieren...

Male auf der Bühne bei der Eröffnung des SO36

Warum habt Ihr Euch ZK als Support-Band ausgesucht?

Unser Schlagzeuger Claus war mit Isi befreundet, und der hat mir irgendwann erzählt, dass er da jetzt so einen Sänger hätte mit einer englischen Mutter, der eine Band namens ZK gründen wollte. Isi und Campino hingen dann auch immer zusammen im Ratinger Hof ab, bis sie sich langsam zu einer richtigen Band entwickelten.

Wie ZK am Anfang gespielt haben – das weiß Campino bestimmt auch noch selbst – das war schon granaten-schlecht. Da konnte einfach keiner spielen.

Beim ersten ZK-Gig musste unser Schlagzeuger ja sogar noch aushelfen. Und Campino hat immer am Mikrophon vorbei gesungen, weil er so viel Action gemacht hat (lacht).

Wie hat sich der frühe Campino sonst so auf der Bühne präsentiert?

Der hat immer viel Spökes gemacht und wusste schon damals, wie er die Leute kriegt. Ich hatte mit ihm nach dem Konzert in Bremen mal eine interessante Unterhaltung. Da hatten wir vor einem totalen Proll-Publikum gespielt, das einfach am Wochenende mal die Sau rauslassen wollte. Da waren viele Poser-Punks aus der Schnauzbart-Fraktion dabei, und wir sind auf der Bühne ständig angerotzt worden. Da ist mir damals zum ersten Mal der Kragen geplatzt, aber Campino hat ganz anders reagiert. Er hat nämlich zu mir gesagt: "Das ist auch unser Publikum, die musst Du genauso akzeptieren!" Er hatte offenbar damals schon sein Ziel vor Augen. Campino hatte Größeres vor, während ich nicht so aufgeschlossen war und nur Musik für Leute machen wollte, die ich gut fand.

Wie hast Du die Entwicklung der Punk-Szene nach der Auflösung von Male gesehen?

Die Hosen sind einfach länger dran geblieben. Und Anfang der 80er ist eben auch das Volk drauf eingestiegen. Die Hosen haben mich damals ja auch immer so ein bisschen als Verräter abgestempelt, weil ich mich aus der Punk-Szene zurückgezogen habe. Das habe ich aber nur gemacht, weil die Revolution kommerzialisiert wurde. Punk bin ich noch im Herzen.

Dass dann ausgerechnet mir hinterher Kommerz vorgeworfen wurde, als ich die "Stahlwerksinfonie" mit den Krupps rausgebracht habe, habe ich nie verstanden. Ich habe einfach weiter Lärm gemacht, nur auf eine andere Art und Weise.

Die Krupps 1994

Was hat Dich an der Entwicklung Anfang der 80er genau gestört?

Die Leute sind nur noch in die Läden gerannt und haben sich "die Mode" gekauft. Und es kam auf der Ratinger Straße auch ein immer größeres Proll-Publikum hinzu. Die dachten: Punk ist Autos umschmeißen und Leute verkloppen. Und das war einfach nicht mehr meine Welt. Ich konnte die Gewalt nicht akzeptieren, und auch nicht die Tatsache, dass viele Leute einfach ohne Grund mitgemacht haben. Da spielten sich fast nur noch bierselige Saufarien ab, was für einen Anti-Alkoholiker wie mich zusätzlich schwierig nachzuvollziehen war.

Die Hosen haben 1982 auf der B-Seite ihrer ersten Single das Stück "Jürgen Englers Party" veröffentlicht. Weißt Du, was der Hintergrund für diesen Text war?

Campino hat mir letztens gestanden, dass er wohl zu der Zeit auf meine Freundin scharf war (lacht). Man hat wohl auch gedacht, ich würde jetzt Kommerz machen. Dabei konnte man mit dem Lärm, den ich mit den Krupps anfangs gemacht habe, überhaupt kein Geld verdienen. Ich wollte einfach raus aus der Punk-Szene. Mein Schlüsselerlebnis hatte ich 1980, als wir mit Male vor The Clash in der Philipshalle gespielt haben.

Ich hatte Punk bis zu dem Zeitpunkt eigentlich immer so verstanden, dass man gegen Superstartum ist. Und allein, dass Punk-Bands jetzt plötzlich in der Philipshalle spielten, machte mich irgendwie stutzig.

Wie habt Ihr das Konzert mit Euren Helden in der großen Halle erlebt?

Wir waren bereits am Nachmittag da und dachten, dass wir irgendwann den Soundcheck machen würden. Dann kamen The Clash aber erst um 17 Uhr in die Halle und spielten erstmal eine Stunde lang Fußball. Dann machten sie eine Dreiviertelstunde lang Soundcheck, spielten Chuck-Berry-Nummern wie "Johnny B. Good" oder "Bye-bye, Johnny" – und dann wurden auch schon die Hallentüren geöffnet und das Publikum strömte herein.

Eine noch härtere Nummer brachte der Soundmann, der zu uns kam und unsere Gage forderte, damit wir am Abend Sound und Licht hätten. Daraufhin haben wir ihn auf die Hälfte runtergehandelt und bekamen dann auch nur die Hälfte: keine Monitore. Ich wette, dass uns Pink Floyd besser behandelt hätten, wenn wir mit denen aufgetreten wären. Mit Punk-Rock hatte das auf jeden Fall nichts mehr zu tun.

Hattest Du schon zu dieser Zeit Verbindungen zur Metal-Szene?

Ich habe traditionellen Heavy Metal nie gemocht, und tue das auch heute noch nicht. Was mich aber Mitte der 80er fasziniert hat, war, dass sich Metal mit Punk und Hardcore gekreuzt hat. Bands wie Suicidal Tendencies oder Crumbsuckers fand ich sehr interessant. Und natürlich habe ich zu dieser Zeit auch mal ein bisschen Slayer gehört. Und das hat gut geknallt und war von dem traditionellen Metal schon Lichtjahre entfernt.

Die Krupps fügten dann erfolgreich die Verschmelzung von Elektronik und Metal hinzu...

Mein Ziel mit den Krupps war: Wir sind eine Elektronikband und wollen auf das Cover einer Metal-Gazette kommen! Da haben wir dann einige Jahre dran gearbeitet, sind aber immer unberechenbar geblieben. Wir haben bis heute insgesamt vier Alben in den deutschen Charts gehabt, zwei davon sogar in den Top-20, aber wir haben auch in Amerika und eigentlich in ganz Europa gut verkauft. 1996 waren wir mit dem Album "III-Odyssey Of The Mind" bis auf Holland eigentlich überall in den Charts.

Wo haben Euch Eure Touren hin verschlagen?

Wir haben teilweise acht Monate am Stück getourt, Europa rauf und runter, und wir haben viel in Amerika gespielt. Wir waren allerdings immer eine Großstadt-Band. Wenn wir in Berlin oder Köln gespielt haben, waren die Hallen wie Huxleys Neue Welt ausverkauft. Wenn wir aber nach Saarbrücken gekommen sind, konnte das aber auch schon mal etwas anders aussehen. Das ist bei den Hosen wohl ganz anders. Die könnten auch in Dörfern wie Neumarkt spielen, und die Halle wäre trotzdem voll wie immer.

Warum kam es Anfang der 90er Jahre zu einer kurzen Reunion von Male?

Rüdiger Thomas von Teenage Rebel Records wollte die alten Sachen wiederveröffentlichen, und da habe ich mich noch mal einen Nachmittag hingesetzt und noch ein paar neue Stücke geschrieben. 1991 erschien als Produkt dieser Zeit auch noch die Single "Die Toten Hosen ihre Party". Da haben wir mit etwas Verspätung zurückgeschlagen (lacht). Das war aber überhaupt nicht ernst gemeint, eher so ein Spaß-Projekt. Das Single-Cover war ja auch von den Hosen abgekupfert. Zu der Zeit habe ich Campino auch mal bei einem Judas-Priest-Konzert wiedergetroffen und feststellen können, dass da trotz "Jürgen Englers Party" keine Feindschaft zwischen uns herrschte. Das war ja auch alles Kinderkram, aber irgendwie auch ganz lustig.

Male 2003

Wie war Dein Kontakt zu den Hosen von da an?

Wir haben öfter mal Interviews zusammen gegeben, und die Hosen haben mich Mitte der 90er auch mal aus ihrer Radioshow bei Radio Fritz angerufen. Von dem Aufstieg der Hosen habe ich aber so gut wie gar nichts mit bekommen. Ich lebe seit Mitte der 90er Jahre überwiegend in den USA – und habe die Hosen im Dezember 2002 in Oberhausen erst zum vierten Mal live gesehen. Das erste Mal war, glaube ich, 1982 irgendwo in Düsseldorf, dann habe ich sie im Limelight in New York beim "New Music Seminar" gesehen und zusammen mit den Stones im Müngersdorfer Stadion in Köln. Wir haben aber leider mit den Krupps nie auf einem Festival mit den Hosen gespielt.

Wie kam es zu Deinem Auftritt mit den Hosen bei der Show in Oberhausen?

Irgendjemand hat den Hosen davon erzählt, dass wir mit Male wieder auftreten, zum Beispiel als Support-Band von den Fehlfarben. Darauf haben uns die Hosen zu ihrem Konzert in Oberhausen eingeladen.

Ich habe dann noch vorher mit Campino ausgemacht, dass ich meine Gitarre mitbringe, und er meinte, dass wir "First Time" von den Boys spielen können. Und dann bin ich bei der Zugabe auf die Bühne und dann haben wir mal wieder zusammen gerockt.

Von dem Stück gab es übrigens auch mal eine deutsche Version von Male, die "Chaos in den Straßen" hieß. Vielleicht hat sich Campino ja deshalb dieses Stück ausgesucht, weil wir es früher mal im Proberaum gespielt haben.

Wie hat Dir das Konzert ansonsten gefallen?

Die Texte, die auf die emotionale Seite zielen, finde ich sehr gut, zum Beispiel Campinos Stück über seine Mutter. Mir haben insgesamt die Stücke am besten gefallen, bei denen Campino Englisch gesungen hat. Und die Version von "Cokane" von Dillinger fand ich richtig super. Die bierselige Karnevals- und Fußballstimmung ist nicht mein Ding.

Campino hat mir bei der Gelegenheit übrigens seinen alten "I drink milk"-Badge geschenkt. Ganz früher war er im Ratinger Hof ja auch mal Anti-Alkoholiker wie ich...

Wie geht es jetzt weiter mit Male und den Krupps?

Erstmal geht es mit Male weiter, weil das für mich ein wichtiges Bindeglied zwischen den Krupps und meinem Projekt DKay.com geworden ist. Wir arbeiten gerade an einem neuen Album, das "Deutscher Herbst" heißen soll. Ich denke, dass es nach wie vor wichtig ist, seine Meinung kund zu tun, wie ich das mit meinen Anti-Rechts-Statements bei den Krupps getan habe. Ich habe auch immer meine Meinung gegen die Onkelz vertreten, die mit ihrem alten Namen immer noch Geld verdienen. Wenn sie sich geändert haben, müssten sie sich ja in "Gute Onkelz" umbenennen. Male hatte ja nie platte Texte wie "Scheiß Bullenstaat", sondern wir waren immer etwas subtiler und ironisch. Und eigentlich war es ja bei den Krupps auch nicht viel anders:

Wichtig war mir immer, etwas Neues zu kreieren, mit politischen Texten und harter Musik, die nicht für jedermann geeignet war. Das ist mein Leben.