Seit dem ersten Album ist Dein Name untrennbar mit den Toten Hosen verbunden. Dabei bist Du jedoch der Mensch, von dem man vielleicht am wenigsten gehört hat...

Ja, ich bin der klassische Experte, der sich im Hintergrund aufhält.

Wo kommst Du her, und wie kam es dazu, dass Du angefangen hast in Deutschland zu arbeiten?

Geboren wurde ich in Dorset, an der Südküste Englands, aber schon kurz danach bin ich nach London gezogen und ab meinem sechsten Lebensjahr aufgewachsen. Mit 23 kam ich das erste Mal nach Deutschland, blieb ein Jahr dort und ging danach wieder zurück nach England. Das war 1983. Als ich dann hier eine Freundin hatte, zog ich 1988 endgültig hierher. Mit dem Arbeiten habe ich in London begonnen, als die Punk-Bewegung gerade anfing zu existieren. Ich arbeitete viel mit Punk und Reggae. Kurze Zeit später wurde Punk von New Wave abgelöst, und ich stieg langsam die Studioleiter empor. Ich fing an mit Bands die bei Factory Records waren zu arbeiten – Joy Division und die ganzen Sachen aus Manchester. Die Phase nach New Wave hieß New Romantic, interessierte mich jedoch nicht im geringsten. Als Teenager hatte ich immer großes Interesse an deutschen Underground-Bands gehabt, experimentellen Sachen wie Can, den frühen Kraftwerk und der deutschen Elektronik-Szene. Ich wollte sehen, was so in Deutschland abgeht. Das war ungefähr zu der Zeit, als die Neue Deutsche Welle gerade anfing. Also dachte ich, dass es interessant sein könnte, in Deutschland zu arbeiten. Mir wurde ein Job in einem Studio in Frankfurt angeboten, leider wurde ich hierbei mit leeren Versprechungen geködert. Mir wurde gesagt, ich würde mit der neuen Musik zu tun haben. Ich arbeitete dort dann aber für ein Jahr und habe ausschließlich drei Alben mit amerikanischen Bands gemacht, die mich nicht im geringsten interessierten!!! Ich plante zurück nach London zu ziehen, als ich eine Hamburger Band namens Abwärts kennenlernte. Wir verstanden uns sehr gut, also fing ich an mit Ihnen zu arbeiten. Mufti und Mark Chung waren auch bei den Einstürzende Neubauten, und so kam auch mit denen eine Zusammenarbeit zustande.

Hier lernte ich schließlich auch Jochen Hülder kennen, der zu dieser Zeit auch mit den Neubauten arbeitete. Er fragte mich, ob ich nicht Lust hätte, auch mit den Hosen zusammen zu arbeiten.Die Dinge geschahen in rascher Folge, auf einmal arbeitete ich mit drei der zur damaligen Zeit besten deutschen Bands.

Stimmt es, dass Du etwas mit der Band Malaria zu tun hattest?

Nein, ich habe nie wirklich etwas mit Ihnen gemacht, außer als sie damals mit den Neubauten und Birthday Party in London gespielt haben. Eigentlich habe ich Jochen hier das erste Mal getroffen.

Welche Londoner Punk-Bands fandest Du besonders gut?

Die Pistols werden immer meine Lieblingsband sein, und The Clash. Live habe ich diese Bands jedoch nicht sehr oft gesehen. Komischerweise war mein brennendes Bestreben – seit ich 12 Jahre alt war – in Studios zu arbeiten und Platten aufzunehmen. In die wunderbare Welt der Studios wurde ich durch den Freund meiner älteren Schwester geführt. Schon 1972/73 hatte er ein 4-Spur-Studio und machte dort hauptsächlich elektronischen Sound.

Wann bist Du dann das erste Mal mit den Hosen in Kontakt gekommen?

Ich fuhr nach Berlin ins Loft, um sie zu sehen, und es war ein Albtraum (lacht). Es war wirklich unterhaltsam, von der Bühne kam unglaublich viel Energie rüber. Campi hatte sehr viel Charisma, und die Show war aufregend. Als wir darauf die "Opel Gang"-LP aufgenommen haben, konnten wir nur am Wochenende arbeiten, weil einige der Jungs noch zur Schule gingen. Ich fuhr damals jeden Freitag Abend von Frankfurt nach Düsseldorf. Der Typ, dem das Studio gehörte, hat Trini und Jochen nicht wirklich getraut. Er dachte mit Sicherheit, er würde von dieser Punk-Band abgezogen.

Opel-Gang, 1983

Ich glaube, wir haben an der "Opel-Gang" insgesamt nicht länger als zehn Tage gearbeitet, aber man sollte Breiti fragen, er ist der Statistiker in der Band. Es ist schon so lange her...

Wie seid Ihr beim Arbeiten miteinander klargekommen?

Eigentlich war da gar keine Zeit, überhaupt etwas aufzubauen. Wir trafen uns in Berlin, und das nächste Mal sahen wir uns schon im Studio. Wir mussten die Platte so schnell es ging aufnehmen. Ich habe ihnen meine Vorgehensweise erklärt, aber aufgrund der Zeitnot, war auch dies sehr schwierig. Über all die Jahre haben sie sehr, sehr hart an ihrem musikalischen Können gearbeitet. Die "Opel-Gang" war da nur der Anfang, das dürfte alles sagen (lacht).

Sie hatten immer die Ambition, sich selbst zu verbessern, was wohl einer der Gründe dafür ist, dass Sie noch immer Musik machen.

Viele Leute denken: Wir haben es geschafft, und dann lehnen sie sich zurück und denken: das war's! Die Hosen hingegen arbeiten jeden einzelnen Tag.

Hast Du zum damaligen Zeitpunkt erwartet, dass sie einmal groß rauskommen?

Nachdem das Album fertig war, hatte ich ungefähr ein Jahr lang keinen wirklichen Kontakt mehr zu ihnen. Es war eine schöne Überraschung, als Jochen dann eines Tages anrief und fragte, ob ich nicht das nächste Album produzieren wolle. Es ist sehr ungewöhnlich, dass ein Produzent so viele Platten einer einzigen Band aufnimmt, aber in dieser Beziehung hatten wir immer ein sehr gutes Verhältnis. Als wir das zweite Album aufnahmen lernte ich die Jungs dann auch viel besser kennen. Ich habe immer bei Trini gewohnt, als ich nach Düsseldorf gekommen bin. Breiti und Andi wohnten, wie Campi auch, direkt um die Ecke.

Wo habt Ihr das zweite Album aufgenommen?

Das war in Köln bei Mascot, das Studio existiert heute jedoch nicht mehr. Die erste Platte haben wir in Bochum-Langendreer aufgenommen. Danach ging ich zurück nach England, kam aber immer wieder nach Deutschland zurück. Obwohl ich in London wohnte, verbrachte ich ungefähr neun Monate im Jahr in Deutschland. Außerdem fing ich auch an, mit den Neubauten live zu arbeiten, und das war eine sehr interessante Sache.

Hast Du jemals mit den Hosen live gearbeitet?

Wenn ich mich recht entsinne, war es das erste Mal, als wir die Live-Platte aufgenommen haben. Danach habe ich ein paar Touren für sie gemacht. Manchmal sogar noch heute, wenn es sich interessant anhört - oder wenn sie fühlen, dass sie mich wirklich brauchen, dann bin ich für sie da.

Hast Du am Anfang hauptsächlich mit Trini gearbeitet?

Nein, nicht wirklich. Trini war zwar immer mit auf Tour, als er aufgehört hatte zu trommeln und kam zum Zuhören zum Mischpult. Faust hatte den Sound jedoch schon immer gemacht, und dann haben wir beide es irgendwann zusammen gemacht, aber das mit Faust ist eine andere Geschichte... (lacht).

Ab wann hattet Ihr für die Produktion mehr Zeit und Geld zur Verfügung?

Wahrscheinlich hatten wir schon bei der zweiten Platte mehr Zeit. Nachdem die erste Platte fertig war, hatte jeder eine Vorstellung davon, wie man effektiver arbeitet. Ich denke, es war für die damalige Zeit ein entspanntes Arbeiten. Dann nahmen wir die dritte Platte "Damenwahl" auf, welche in meinen Augen wohl das schwächste Album der Hosen ist. Ich denke, es liegt daran, dass wir mehr Zeit hatten, als nötig gewesen wäre. Die Leute haben mehr über die technische Perfektion als über den Spirit nachgedacht. An "Die Roten Rosen" habe ich dann nicht mitgewirkt, da ich zu der Zeit einen Remix von "Hip Hop Bommi Bop" gemacht habe. Mit "Alex" bin ich wieder in eine Produktion geraten, in der wir Dinge immer wieder versucht haben, wenn sie beim ersten Mal nicht funktioniert haben. Es war sehr interessant, weil wir in Berlin angefangen haben, ein paar Songs aufzunehmen und dann am Ende festgestellt haben, dass wir hier offensichtlich kein neues Album aufgenommen hatten. Dann haben sie mit dem Theater-Projekt "Clockwork Orange" angefangen, für welches einige großartige Songs geschrieben wurden. Ich habe ihren Sound im Theater gemischt. Eines Abends habe ich sie während des Soundchecks aufgenommen, lediglich mit einigen einfachen dynamischen Mikrophonen und einem professionellen Walkman. Für die kleine PA, die es dort nur gab, kam eine wirklich gute Aufnahme heraus.

Ich entschloss mich dazu, ein 24-Spur-Aufnahmegerät zu besorgen und schloss es an die Stage-Box. Der Sound kam direkt von der Bühne in die Maschine. Eines Abends, als das Theaterstück vorbei war, nahmen wir auf diese Weise noch einmal vier Songs für die "Horrorschau"-LP auf.

Das Ganze geschah wieder ohne Mischpult, und wir hatten nicht die Möglichkeit, die Aufnahmen noch einmal anzuhören. Wir sahen lediglich den Ausschlag, der aus der Stage-Box kam und nahmen ein paar sehr gute Backing-Tracks auf. Es wäre großartig, eine solche Sache noch einmal zu machen.

Es folgte die Doppel-LP "Kreuzzug ins Glück"...

Es ist ein sehr unterhaltsames Album, und obwohl es ein Doppelalbum ist, kann ich mich nicht daran erinnern wie etwa an "Opium", welches viel mehr Arbeit bereitete. "Kreuzzug" war nicht als Doppel-LP geplant, aber es gab viele Songs, die in der Vergangenheit nicht veröffentlicht worden waren. Dazu zählte zum Beispiel die Country- und Western-Version von "Liebespieler", obwohl ich mich nicht daran erinnern kann, warum wir den Song überhaupt aufgenommen haben. Ich finde diese Version auf jeden Fall sehr gut gelungen!

"Hip Hop Bommi Bop" ist auch auf der Scheibe.

Ja, da darf man mich nicht fragen wieso, aber dieser Remix von mir kam erst etliche Jahre später raus.

Hattest Du das vorher geheim gehalten?

Nein, sie haben mich darum gebeten, es zu machen.

Dann kam ein ganz spezielles Projekt unter dem Namen "Learning English" - mit alten Punk-Helden der Hosen...

Das Album bedeutete eine Menge Arbeit, weil wir einen Großteil davon in London aufgenommen haben, auch die meisten der Backing-Tracks haben wir in London gemacht. Während wir die Backing-Tracks aufnahmen, kamen die verschiedenen Musiker und verbrachten mit uns ein wenig Zeit, um dann schließlich die Vocals einzusingen. Danach ging es zurück nach Deutschland, um die Gitarren noch einmal neu einzuspielen. Ich kann nicht sagen warum, aber mir kommt es so vor, als sei es ein Riesenberg Arbeit gewesen, die Platte zu machen. Dann sind Campi und ich nach Amerika geflogen, um den Song mit Joey Ramone aufzunehmen. Wenig später waren wir in Rio und haben die Sache mit Ronald Biggs gemacht. Es war alles sehr interessant, jedoch wurde die ganze Geschichte über eine längere Zeitperiode durchgezogen, so dass sie nur sehr langsam, nach und nach fertig wurde. Manchmal ist es schöner, eine Sache anzufangen, bei der ein Ende abzusehen ist.

Carnival in Rio, mit Ronnie Biggs im Studio, 1991

Welche Künstler haben Dich am meisten beeindruckt?

Komischerweise hinterließ Tim (T.V. Smith) den größten Eindruck bei mir. Wir nahmen "Baby, I'm born to lose" von Johnny Thunders auf, und Tim weigerte sich, das Wort "Baby" zu singen. Er sagte: "In meinem gesamten Leben habe ich noch nie das Wort 'Baby' gesungen, und ich werde damit bestimmt nicht heute anfangen. Stattdessen werde ich 'Maybe' singen." Ich fand das sehr clever. Dann ist da noch Captain Sensible von The Damned, ein weiterer sehr cleverer Bursche und ein sehr guter Musiker. Er ist zwar chaotisch, weiß aber immer was er macht. Außerdem sind da noch John Plain und Matt von den Boys, mit denen ich über all die Jahre an vielen Sachen gearbeitet habe.

Wie war es mit Johnny Thunders?

Das war ganz schön krass. Als er in dem Studio in der Nähe von Köln erschien sah er nicht besonders gut aus. Tatsächlich war er so krank, dass er nicht in der Lage war, seine Gitarre selbst zu stimmen.

Ich erinnere mich an Kommentare wie: "Der Junge lebt nicht mehr lange", und schon zwei oder drei Tage später starb Johnny. Diese Erfahrung machte ich auch mit Ian Curtis, dem Sänger von Joy Division. Zwei Wochen nach den Aufnahmen für "Closer" erhängte er sich.

Mit Thunders waren wir nur für wenige Stunden zusammen im Studio, aber wenn Du ein Album mit jemandem machst, dann lernst Du ihn wirklich sehr, sehr gut kennen. Es ist eine sehr intensive Zeit in einer relativ kurzen Zeitspanne, die im normalen Leben einige Jahre dauern würde, bis man jemanden so gut kennt. Ein Album aufzunehmen dauert hingegen nur zwei bis drei Monate. Es ist verrückt, dass solche Dinge passieren.

Hast Du Rockstars kennengelernt, die Du deshalb nicht mochtest, weil sie sich wie Rockstars verhalten haben?

Ich habe herausgefunden, dass die meisten sehr guten Musiker Menschen sind, mit denen man in der Regel sehr gut klarkommt. Ich erinnere mich noch an die Zeit, als ich von einem beschissenen 16-Spur-Studio in Soho, in welchem ich die ganzen Punk-Sachen aufnahm, zum Pink-Floyd-Studio wechselte, welches im Vergleich dazu High-Tech war. Eine der ersten Sessions die ich machte, war mit Jack Bruce, Jeff Beck und dem Drummer Cozy Powell – alles Ikonen der siebziger Jahre. Bevor wir anfingen, war ich wirklich sehr aufgeregt. So habe ich mich noch nie zuvor gefühlt, denn bei den Punks hatte ich mit Leuten meiner eigenen Generation zusammen gearbeitet. Auch die Arbeit mit den Rastas war wiederum anders gewesen, da ich erst ihr Vertrauen erlangen musste, um ihnen zu zeigen, dass ein 17-jähriger weißer Junge auch Reggae machen kann. Die Aussicht, eine Aufnahme mit den Rock-Ikonen zu machen, schüchterte mich damals ein wenig ein. Aber sie waren so nett, so entspannt, ich habe noch nie so relaxte Musiker erlebt. Die Erfahrung, dass die Musiker wirklich gut sind, genau wissen, was sie machen und ein enormes Selbstvertrauen haben, habe ich generell gemacht. Das alles macht es sehr einfach, mit Ihnen zusammen zu arbeiten.

Wie ist es, mit den Toten Hosen aufzunehmen? Wie lange seid Ihr im Studio?

Ich denke, es dauert immer so um die drei Monate, wenn man die Demo-Phase mit einbezieht. Bei "Opium" zum Beispiel haben wir 20 Demo-Songs in drei Tagen aufgenommen.

Alles sollte so schnell wie möglich gehen. Nachdem die Aufnahmen fertig waren, gingen die Jungs wieder in ihren Proberaum, schrieben neue Songs und überarbeiten die bereits aufgenommenen noch einmal. Bei der zweiten Demo-Session hatte man eine Auswahl an neuem Material, zusätzlich zu den überarbeiteten Tracks der ersten Aufnahmen. Danach gab es vielleicht noch eine dritte Session mit weiteren neuen Songs und den überarbeiteten Tracks der vorherigen Aufnahmen. Zu der Zeit, wenn wir genug Songs für das Album haben, trifft die Band gewöhnlich die Auswahl. Dann geht es ins Studio. In der Regel gehe ich schon mit dem Schlagzeuger am Abend vorher in Studio, um alles aufzubauen und den Soundcheck zu machen. So kann ich mit dem Gitarrist morgens um elf Uhr anfangen, so dass wir gewöhnlich um 15 Uhr bereit sind aufzunehmen. Dann kommt Campi, und wenn alles rund läuft, haben wir abends bereits drei Backing-Tracks aufgenommen.

Ein Album besteht in der Regel aus 28 Songs, die auch tatsächlich aufgenommen werden. Auf diese Art und Weise steht immer genug Material für Bonustracks, Singles usw. zur Verfügung.

Gibt es Songs, die über die Jahre aufgenommen und noch nicht veröffentlicht wurden?

Ja, einige wenige unveröffentlichte Tracks gibt es schon. Die ersten drei oder vier Tage benötigen wir immer für die Drums, dann schauen wir uns die Bass-Tracks an und prüfen, ob wir noch etwas verbessern können. Danach beginnt eine Zeit, in der je ein halber Tag Bass und ein halber Tag Gitarre, entweder Kuddel oder Breiti, eingespielt wird. In der Regel spielt Breiti die Gitarre zuerst ein. Dies dauert einige Wochen, und erst danach kommen Special-Effects oder Keyboard-Sounds. Ich mag am liebsten folgendes Schema: fünf Tage arbeiten, einen Tag frei, danach sechs Tage arbeiten und zwei Tage frei. So schaffe ich es, über längere Zeit recht frisch zu bleiben. Irgendwann sind die Songs fertig, und Campi kann mit dem Gesang beginnen. Es ist stets eine Kombination aus den Aufnahmen von Gitarre, Gesang und Percussion – und unzähligen Fragmenten. Bis alles fertig ist, dauert es in der Regel zwei Monate. Ich kann gar nicht sagen, wie lange es dauert, die Songs zu mixen, aber in den letzten Jahren sind wir hiermit immer schneller geworden, das ist sicher. Es dauert wohl einen Tag pro Song. Am liebsten mag ich es, den Song zu mixen, damit abends fertig werden und dann am nächsten Morgen noch einmal reinzuhören. Wenn es gut geworden ist, hole ich die Jungs, damit sie sich das Ergebnis anhören können. Sollten Sie damit zufrieden sein, wird die Nummer gemastered. Dieses Schema versuche ich stets einzuhalten. Nachmittags beginne ich mit einem neuen Song, der dann gegen 22 oder 23 Uhr fertig gemischt ist. Ich gehe dann nach Hause, schlafe noch einmal eine Nacht darüber, und höre meine Arbeit am nächsten Morgen noch einmal genau und mit "frischen Ohren" an. Wenn ich mische, versuche ich generell, morgens so früh wie möglich zu beginnen, weil ich so einfach viel mehr schaffe und in der Frühe deutlich klarer denken kann.

Mastered Ihr immer im Skyline-Tonstudio?

Seit "Kauf Mich" haben wir zusammen mit Michael Schwabe bei Skyline gemastered. Es gab mal eine Zeit, in der wir in Gütersloh mastern mussten, was eine Art Prestige-Arbeit war, und manchmal haben wir auch in London gemastered. Ich habe vor dem letzten Album einen Vergleich zwischen Skyline und Metropolis, welches eines der besten Mastering-Studios in London ist, gemacht, und Michaels war besser.

Jon + Michael Schwabe im Skyline Studio

Gibt es etwas Bemerkenswertes, was die Bandmitglieder während der Zeit im Studio so machen?

Das kann ich eigentlich nicht sagen. Wenn überhaupt jemand, dann Campino, aber ich kann nicht genau sagen, was es ist. Campino hat seine Stimme immer sehr laut im Vergleich zur Musik, zu der er singt, aber jeder macht das halt anders, es gibt auch Leute, die ihre Stimme beim Einsingen kaum über den Kopfhörer hören wollen.

Campino ist halt das andere Extrem. Seine Vocals aufzunehmen ist wie Sport, wie ein 100-Meter-Sprint, da man sehr schnell arbeiten muss. Aber es ist auch ein großer Spaß und eine echte Herausforderung, immer schneller als er zu sein (lacht).

In der Regel ist die Zeit im Studio nichts Außergewöhnliches, lustige Dinge passieren jedem und überall. Es gibt immer komische Geschichten. Mit den Jungs wird es nie langweilig. Ich kann mich leider an keine spezielle Situation erinnern, es gibt so viele davon.

Mit welchen anderen Projekten hattest Du seit den 80er Jahren zu tun und was machst Du momentan?

Parallel zu den Hosen habe ich viel zusammen mit den Neubauten gemacht, bis zu ihrem vorletzten Album. Dazu zählen "Haus der Lüge", "Tabula Rasa" und "Ende Neu", nicht aber "Silence is Sexy". Hier läuft es genau so ab, als würde ich ein Album mit den Hosen aufnehmen. Die drei Monate sind über das Jahr verteilt, es nimmt eine Menge meiner Zeit in Anspruch. Dieses Jahr haben wir kein Hosen-Album gemacht, wir haben das T.V. Smith-Album aufgenommen. Zu alledem habe ich letztes Jahr noch ein weiteres Album produziert. Es handelt sich um eine Band aus Barcelona namens The Tony Mahner Foundation, die Ihre Wurzeln in der Saturday-Night-Fever-Zeit hat. Es gibt eine echte Blechbläsersektion, mit bis zu zehn Bläsern, eine erstaunlich beeindruckende Percussion, einen Typen, der Piano, Hammond und Rhodes spielt, sowie einen, der analoge Synths spielt, drei Sänger sowie 20 Streicher. Das hört sich jedoch nicht wie die Bee Gees an, einer der Jungs hat eher so eine harte New-York-Rap-Attitüde. Für mich war dieses Album eine wahre Herausforderung, es ist eine andere Welt.

Welches sind Deine Lieblings-Hosen-Songs?

Das ist eine wirklich schwierige Frage. Ich denke "Opium" ist eines der besten Alben, die wir gemacht haben, da es sehr rund, warm, aber trotzdem hart ist. Auch "Unsterblich" ist ein schönes Album. So wie es in der Regel unmöglich ist, ein großartiges Debüt-Album zu toppen, so kann man dies auch von "Opium" behaupten. Ich denke, es war gut, dass wir Songs wie "Unsterblich" gemacht haben, die sehr ruhig und schön sind. Man kann nicht Jahr für Jahr die selben Sachen rausbringen, man muss in verschiedene Richtungen gehen und auch mal andere Dinge ausprobieren. In dieser Hinsicht können die Hosen jede Art von Musik machen, die sie wollen. Sie sind eine der wenigen Bands die versuchen können, eine Reggae-Nummer zu machen, einen Song mit Streichern oder Bläsern - oder generell mit verschiedenen Stilen zu experimentieren.

Was können wir von den Hosen in Zukunft erwarten?

Das hängt davon ab, was die nächsten Monate bringen. Ich fühle, dass eine gewisse Stimmung zurückkehrt. Ich denke, es war wirklich sehr gut, die Platte mit T.V. Smith zu machen. Wir haben sehr schnell gearbeitet. Dabei haben wir alle unsere Rekorde gebrochen, ein qualitativ hochwertiges Album in solch kurzer Zeit entstehen zu lassen. In so kurzer Zeit habe ich noch nie so hart gearbeitet. Ich glaube mein Assistent hat während der 20 Tage im Studio fünf Kilo abgenommen.

Was hörst Du nach einem langen Tag im Studio am liebsten für Musik?

Normalerweise, wenn eine Produktion beendet ist, egal für welche Band, dann nehme ich das Mastertape mit nach Hause und höre es mir für circa drei Tage an – egal ob im Auto, zu Hause, in allen Situationen. Danach höre ich es mir nicht mehr an, bis ich eine Kopie des fertigen Produktes mit Cover bekomme. Dann wenn es nicht mehr möglich ist, noch irgend etwas zu ändern.

Normalerweise höre ich viel Filmmusik, atmosphärischen Sound, der nichts mit Rock'n'Roll zu tun hat. Ich höre viel Dance-Musik, wirklich von allem etwas. Ich habe keine Lieblingsband oder so etwas ähnliches. So etwas hat man vielleicht in seiner Jugend, dass man diese oder jene Band als Lieblingsband ansieht. Meiner Ansicht nach gibt es sehr wenige Bands, die eine solche Beschaffenheit besitzen, die eine Band haben sollte. Bei den heutigen Bands ist es besonders selten, sie kommen und gehen, schneller als je zuvor. Dazu kommt, dass sich Musik heutzutage schneller als in der Vergangenheit entwickelt. Die verschiedenen Richtungen überleben nicht mehr so lange wie früher, die Mode kommt und geht. Nach all dem, was in den letzten Jahren erschienen ist, muss ich sagen, dass mir Drum'n'Bass am besten gefällt.