Im Blog zu Deiner aktuellen Lesereise kann man am 23. November 2005 lesen, dass Du Dir das Unplugged-Album der Hosen auf Deinen iPod gespielt hast. Und Du schreibst weiter: „Ich liebe diese Band. Schon seit über 20 Jahren.“ Wie hast Du die Entwicklung der Hosen miterlebt?

Die erste Hosen-Platte, die ich mir gekauft habe, war die Maxi von „Hip-Hop-Bommi-Bop“, unter anderem auch wegen des Covers. Ich habe mir in den folgenden Jahren alle Platten gekauft und die auch immer gemocht, einerseits natürlich wegen der Musik, aber auch aus einem gewissen Lokalpatriotismus heraus. Die Band hat sich, finde ich, besonders in den letzten zehn Jahren extrem entwickelt. Das habe ich zuerst bei „Opium fürs Volk“ gemerkt. Man spürt das schon bei dem ersten Stück auf der „Opium“, also bei „Mensch“. Der Text ist klasse und die Musik auch. Mich hat immer gewundert, dass die das nie live gespielt haben.

Egal. Jedenfalls habe ich mir da gedacht: Das einzige Problem, das die langfristig kriegen könnten, ist, dass sie für ihre eigene Musik zu gut werden. Bei der Unplugged-Platte hatte ich dann zum ersten Mal das Gefühl, dass sie künstlerisch dazu bereit sind, sich das einzugestehen.

Sie sind jetzt so weit, dass sie ihr Werk dekonstruieren und neu auffassen können. Und das hat mir unheimlich gut gefallen. Mal davon abgesehen, dass die Platte schön gemacht ist und toll aussieht. Was mir gefällt, ist dieser Transformationsprozess der Band.

Würdest Du sagen, dass die Hosen „erwachsen“ geworden sind?

Sie entwickeln sich. Das ist eine Evolution, dass du eines Tages sagst: Du kannst das Zeug auch spielen ohne einen riesigen Verstärkerturm hinter dir, der einem auch eine gewisse Sicherheit gibt. Denn je lauter du spielst, um so weniger fällt auf, wenn du mal einen Fehler machst. Und je leiser du spielst, desto akkurater musst du das machen. Sich dem zu stellen, finde ich eine ziemlich gute Leistung. Außerdem sind sie nach wie vor die einzigen in Deutschland, die auch nach knapp 25 Jahren sehr klar verkörpern, wofür sie stehen und was sie machen. Ich finde Glaubwürdigkeit sehr wichtig. Die Ärzte zum Beispiel experimentieren zwar viel mehr in ihrer Musik, ich habe die aber immer gerade deswegen mehr als Schlagertruppe empfunden. Für mich waren das immer die mit den drolligen Texten, die halt echt ulkig sind und während der Neuen-Deutschen-Welle-Zeit auch nach Hubert Kah in der Hitparade hätten auftreten können. Bei den Hosen wäre das nie drin gewesen – und diese Konsequenz fand ich an denen immer ziemlich gut.

Sind die Hosen für Dich eine typisch deutsche Band?

Das finde ich überhaupt nicht. Vielleicht sind die Hosen da eher eine amerikanische Band. Bad Religion oder Green Day sagen ja auch ganz klar, wofür sie stehen und wofür sie da sind. Und die Konzerte sind trotzdem große Partys.

Wie haben sich die Texte von Campino über die Jahre verändert?

Sie sind genauer geworden. Früher hatte ich den Eindruck, es geht im Wesentlichen darum, Stimmungen zu transportieren, nicht so sehr Inhalte. „Disco in Moskau“ ist so ein Stück.

Inhalte sind aber viel schwerer als Stimmungen. Da muss man viel exakter arbeiten, um zum Beispiel Kitsch oder Phrasen zu vermeiden. Gerade die Texte auf „Auswärtsspiel“ sind richtig gut gelungen.

Ich würde sogar sagen, dass Campino ein unterschätzter Texter ist, natürlich nicht bei den Hosenfans, aber außenrum. Er hat mit Funny van Dannen offenbar einen sehr guten Partner.

Was Dich mit den Hosen verbindet: Du lebst zwar heute auf einem Bauernhof bei München, bist aber 1967 in Düsseldorf geboren…

…und zwar in der Frauenklinik in der Flurstraße in Flingern. Ich habe aber nie in diesem Stadtteil gewohnt. Wir waren bis 1970 in Düsseldorf angesiedelt, dann hat es uns nach Meerbusch verschlagen – und dann bin ich mit 19 Jahren wieder nach Düsseldorf in eine WG gezogen, wo ich bis 1993 gewohnt habe.

Was sind Deine Jugenderinnerungen an Düsseldorf?

Ich erinnere mich, dass wir ab 1981, 1982 natürlich wild darauf waren, nach Düsseldorf zu fahren. Wir sind immer mit der Bahn bis zur Tonhalle gegondelt, an der Kunstakademie vorbei und dann immer auf der Ratinger Straße hin- und hergelaufen. Wir haben uns selten in die Pizzameile der Altstadt getraut, weil da so viele Asos waren und wir immer Angst hatten, dass wir eins aufs Maul kriegen. Das Meiste hat sich immer auf der Ratinger abgespielt.

Musstet Ihr die Prügel wegen Eures Aussehens fürchten?

Ich war nicht so ein richtig doll gefährlicherer Punk, stammte ja aus ganz bürgerlichem Haus und hatte sehr liberale Eltern. Ab meinem 17. Lebensjahr habe ich immer weiße Haare gehabt, so Billy-Idol-mäßig. Diese herrlichen Altstadtprolls haben uns bloß angepöbelt, aber es ist nie was passiert. Es war aber im Grunde alles ganz harmlos. Insofern war das alles eher so ein Dandytum als diese richtig harte Punk-Attitüde, die es damals ja noch wirklich gab.

Hast Du in dem Buch „Verschwende Deine Jugend“ von Jürgen Teipel Szenen Deiner Jugend wieder erkannt?

Nicht so viele. Ich finde das Buch im Prinzip gut und habe großen Respekt vor Jürgens Arbeit, aber da wird auch viel verklärt und in so einer Retrobegeisterung hochgejazzt. Wenn man das liest, bekommt man den Eindruck, da müsse ja ständig wer weiß was los gewesen sein. Das liest sich zum Teil wie Uropas Erinnerungen an den ersten Weltkrieg. In Wahrheit war es aber meistens langweilig. Die Achtziger waren nun einmal so. Im Wesentlichen hat sich das immer gleich abgespielt: Man ist auf der Ratinger Straße angekommen, hat sich an dem Kiosk an der Ecke Dosenbier gekauft, weil man nicht genug Kohle hatte, um sich etwas in der Uel oder im Einhorn zu kaufen – und dann ist man immer raus und rein gerannt. Man ist in den Hof gegangen, hat geguckt, wer da ist. Und dann war da keiner und dann ist man in die Uel, ins Einhorn oder ins Schlonz gegangen. Richtig viel passiert ist da eigentlich nie.

Ich kann mich allerdings an ein sagenumwobenes Konzert im Ratinger Hof erinnern: King Kurt. Die haben angefangen, während des Konzerts Mehlbomben ins Publikum zu werfen und mit Wasser rumzuspritzen. Die Klamotten sahen hinterher unglaublich aus, völlig verklebt und versaut. Die konnte man hinterher einfach wegschmeißen. Das war ganz lustig; die ganze Ratinger Straße war voll mit dieser Schweinerei.

Hältst Du die Aufarbeitung dieser Zeit, auch durch die Ausstellung „Zurück zum Beton“, also für übertrieben?

Nein, das nicht. Die Ausstellung fand ich hervorragend, sehr gut kuratiert. Man bekam einen tollen Einblick in diese Zeit. Aber das meiste von dem, was man da sehen konnte, entstand ja damals unter Ausschluss der Öffentlichkeit, in Ateliers und Proberäumen. Für uns Randfiguren, die bloß so auf der Ratinger abhängten, war das nicht sichtbar. Und es gab noch keine Medien, die das zu uns transportiert hätten. Man musste schon sehr tief in der Szene sein, um zu begreifen, was sich da abgespielt hat. Und das ging für uns nicht, weil wir immer mit der letzten Bahn zurück nach Meerbusch fahren mussten. Ich war also immer mehr ein Beobachter, aber nie ein Teilnehmer. Aber man war immer ganz gut informiert. Die Hosen rannten damals auch schon manchmal da rum.

Vom Schlagzeug ans Telefon: Trini Trimpop, 1987

Wir hielten Trini übrigens damals für die absolut obercoolste Sau von Düsseldorf, hatten aber keinen Kontakt zu ihm oder anderen aus der Band. Man hielt Abstand.

Wir fanden aber damals schon, dass das Stars waren. Unser Horizont ging ja nicht wirklich weiter über Düsseldorf hinaus. Wir waren 15 Jahre alt – und da fährst du ja nicht nach Hamburg oder Berlin auf irgendwelche Konzerte.

Die Garderobe war freigegeben, Elmar, Wölli, Breiti, Andi und Campino, 1987

Foto Michael Quack

Ihr hattet also keinerlei direkten Kontakt zu den Protagonisten dieser Zeit?

Ich habe das damals so empfunden, dass die unberührbar waren. Es gab schon klare hierarchische Abstufungen zwischen denen, die tatsächlich eine Rolle gespielt haben und den Beobachtern. Man wusste natürlich, wie Peter Hein und Tommy Stumpf aussahen und man hat die auch gesehen, aber man wäre da nicht hingegangen. Ich habe die Hosen auch schon 1983 definitiv live gesehen – aber ich kann mich da nicht mehr dran erinnern. Die Erinnerungen sind alle in einer riesigen Bierpfütze ertrunken (lacht).

Wie ist es Dir nach den Punk-Zeiten in Düsseldorf ergangen?

Ich habe Abitur und Zivildienst gemacht und hatte keine Lust zu studieren, weil ich schon die Schule scheiße gefunden hatte. Stattdessen habe ich mich bei der Deutschen Journalistenschule in München beworben, die haben mich aber zuerst nicht genommen. Und da bin ich dann halt Werbetexter geworden. Das war eine tolle Zeit. Ich habe das drei, vier Jahre gemacht und konnte in Düsseldorf sehr viel ausgehen (lacht).

1993 hast Du Düsseldorf dann doch verlassen und bist nach München gegangen.

Das war, weil die Deutsche Journalistenschule sich geweigert hat, wegen mir nach Düsseldorf zu ziehen (lacht). Ich wäre freiwillig nicht unbedingt nach München gezogen, aber die Journalistenschule befindet sich nun mal dort und ich habe die Prüfung dann doch irgendwann bestanden. Ich wollte immer Journalist werden und habe in meiner Zeit in der Werbung unheimlich viel dafür gelernt. Zum Beispiel diszipliniert an einer Aufgabe zu arbeiten. Und von dieser Konzentration und Verdichtung von Ideen auf eine ganz knappe Formel, davon habe ich später profitiert. Da hat man zwangsläufig gelernt, Headlines und kurze Vorspanne zu schreiben.

War das einer der Gründe, warum Du hinterher nicht bei einer Tageszeitung, sondern beim Magazin der Süddeutschen Zeitung gelandet bist?

Ja. Ich wollte da immer hin, seit es das SZ-Magazin gab. Und ich habe dann das Glück gehabt, dass ich dort ein Praktikum bekommen habe. Und direkt von diesem Praktikum haben die mich als Redakteur übernommen. Dann war ich ziemlich lange dort, zehn, elf Jahre, die letzten fünf als Chefredakteur.

Wodurch hat sich das SZ-Magazin in der Zeit von anderen Zeitschriften unterschieden?

Foto Tibor Bozi

Das Besondere war, dass wir niemandem Rechenschaft schuldig waren, sondern tatsächlich alles machen konnten, was wir für gut befanden – ohne Zwänge von außen und ohne Zwänge der Chefredaktion der Zeitung.

Das SZ-Magazin war kein Ressort der Süddeutschen Zeitung, sondern eine eigene Firma. Du konntest eigentlich machen, was du wolltest, wenn Du es durch die Themenkonferenz gekriegt hast. Das war manchmal hart und eine Schule fürs Leben Ich habe auch mit Campino wunderbare Geschichten machen können, zum Beispiel über die Woche, die er im Kloster verbracht hat. Und wir haben ganz früh mal ein Interview mit ihm über die Leningrad Cowboys gemacht. Wann immer man eine gute Idee hatte, konnte man die im SZ-Magazin umsetzen. Es gab keinen Zwang zur Aktualität, keinen Zwang Anzeigenkunden gegenüber, keinen Etatzwang. Das war schon sehr, sehr toll. Es war eine ideale Welt.

An welche Ausgaben erinnerst Du Dich am liebsten?

Es gab schon viele Sachen, die Spaß gemacht haben, zum Beispiel „Was fotografieren Japaner in Deutschland?“ Wir haben damals in München einfach 50 japanischen Touristen die Filme abgekauft, haben die entwickeln lassen und daraus eine riesige Fotostrecke gemacht. Das war wirklich irrsinnig komisch!

Ist auch mal etwas schief gegangen?

Ja, manchmal funktionieren Ideen im heft nicht so, wie man sich das vorher ausgedacht hat. Und natürlich bekommt man auch mal Stress, weil man jemanden geärgert hat, absichtlich oder aus Versehen. Das ist normal. Wegen einem Heft habe ich wirklich Probleme gekriegt. Wir haben eine Titelgeschichte darüber gemacht, dass das japanische Prinzenpaar damals keine Kinder bekam. Auf dem Titel war das Hochzeitsfoto von denen abgebildet – und beim Prinzen im Schritt stand die Titelzeile „Tote Hose“. Das hat einen Bombenärger gegeben, weil die Japaner das natürlich nicht lustig fanden und man das Heft in Tokio aber auch kaufen konnte.

Es gab sogar Morddrohungen. Da hat mich Campi übrigens auch noch angerufen und gefragt, ob ich eigentlich bescheuert wäre (lacht).

Wie hast Du in dieser Situation reagiert?

Ich musste mich beim kaiserlichen Hofamt in Japan entschuldigen und habe einen entsprechenden Brief verfasst. Darauf kam vom kaiserlichen Hofamt ein Brief auf Deutsch zurück. Und da stand wörtlich drin: „Wir sind sehr angetan vom Grad der Zerknirschung.“ Ich hatte damals vier, fünf Tage, in denen ich zum ersten Mal merkte, welche Wirkung Medien überhaupt haben können. Mich haben damals irgendwelche japanischen Radiosender mitten in der Nacht angerufen – und ich habe dann gar nicht gemerkt, dass ich live auf dem Sender war. Letztendlich hatten wir bei diesem blöden Titel nicht richtig nachgedacht und dafür habe ich eben die Quittung bekommen. Ich hatte damals auch zwei Jahre Einreiseverbot nach Japan.

Wie ist die Idee zu dem Kloster-Tagebuch von Campino entstanden, das damals im SZ-Magazin veröffentlicht wurde?

Jan Weilers SZ-Magazin Artikel über Campino im Kloster

Ich hatte irgendwo von diesem Besuch gelesen und habe der damaligen Chefredaktion vorgeschlagen, dass es doch toll wäre, wenn er für uns seine Erfahrungen aufschreibt. Ich habe dann ein ewig langes Interview mit ihm gemacht und das als Protokoll aufgeschrieben. 1998 haben wir das noch mal gemacht, zur Bundestagswahl, als Schröder Kanzler wurde. Wir haben in all den Jahren oft miteinander gesprochen und Interviews geführt. Es hat immer Spaß gemacht, diese Geschichten mit Campi zu machen, weil ich immer das Gefühl hatte, dass wir über dasselbe reden. Er musste mir nicht wahnsinnig viel erklären und ich ihm umgekehrt auch nicht. Wir haben uns einfach gut unterhalten. Und er hat seine Texte anschließend immer auf einem sehr hohen sprachlichen Niveau redigiert. Das ist absolut nicht selbstverständlich.

Wo lagen die konkreten Unterschiede zu anderen Gesprächspartnern?

Man hat ja im Laufe der Zeit mit unheimlich vielen Leuten Interviews gemacht – viele davon sind Hohlköpfe oder nur an PR-Sachen interessiert. Die Texte mit den Hohlköpfen musst Du hinterher endlos lange bearbeiten, weil auf dem Band nur Unsinn ist. Die musst Du regelrecht vor sich selber schützen. Und die PR-Stars sind zwar schlauer, wollen sich gar nicht mit dir unterhalten, die wollen eigentlich gar nichts mit dir zu tun haben, sondern nur ihre Produkte verkaufen. Beide Sorten sind extrem anstrengend. Zwischen Campino und mir war es aber immer sehr angenehm, auch wenn ihm vielleicht mal die eine oder andere Frage nicht gepasst hat. Es hat sicher ein wenig geholfen, dass ich schon bevor ich beim SZ-Magazin war, auf vielen Konzerten der Jungs gewesen bin. Inzwischen ist das alles sehr herzlich. Ich bringe meine achtjährige Tochter mit zu Konzerten. Sie hat nicht einmal vor Manfred Meyer Angst und das will echt was heißen.

Campino hat Dich als fairen Journalisten gelobt; Du lobst Bettina Böttinger in Deinem Blog als respektvoll und angemessen. Was macht einen guten Journalisten aus?

Er muss sich auf ein Interview vorbereiten, das ist schon einmal eine Form des Respekts. Er muss objektiv und fair berichten. Er darf sein Publikum nicht manipulieren und auch nicht langweilen. Und er muss mit den Leuten machen, was die Leute können. Du kannst nicht von Lukas Podolski erwarten, dass er dir die Relativitätstheorie erklärt. Dafür ist er auch nicht da. Ganz unabhängig davon, ob der klug ist oder nicht: Das ist überhaupt nicht sein Job. Und man kann nicht mit mir über die Landtagswahl in Baden-Württemberg reden, sondern man muss halt mit mir über meine Themen reden. Das ist angemessen, und das hat Bettina Böttinger getan. Und du musst den Interviewpartnern zugestehen, dass sie über bestimmte Dinge nicht reden wollen.

Welche Themen schließt Du vorneherein aus, wenn Du neuerdings als Buchautor selbst interviewt wirst?

Ich rede grundsätzlich nicht über Kollegen und deren Arbeit. Und ich rede zum Beispiel mit Journalisten nicht über mein Privatleben, obwohl ich diverse Angebote hatte, mit meinem Schwiegervater in irgendwelche TV-Sendungen zu gehen. Ich hätte auch selber nie versucht, Campino zu überreden, öffentlich über seine Beziehungen oder sein Kind zu sprechen. Der ist in der Öffentlichkeit dazu da, dass er singt, dass er Musik macht – und dass er das, was er macht, glaubwürdig verkörpert. Warum soll der jetzt noch glaubwürdig in der Öffentlichkeit Vater sein? Seitdem ich selbst sozusagen die Seiten gewechselt habe, verstehe ich viel besser, wo die Grenzen sind, und die will ich bei mir nicht überschritten sehen.

Jetzt hast Du für Campino nur lobende Worte gefunden. Sind alle Rock‘n‘Roll-Stars total unkomplizierte Gesprächspartner?

Die sind wie alle anderen Menschen auch. Die meisten sind vollkommen okay. Warum sollten sie es nicht sein? Ich habe wirklich kaum einmal mit richtigen Arschlöchern zu tun gehabt. Ich hatte allerdings eine extrem skurrile Begegnung mit Willy Millowitsch, kurz bevor der gestorben ist. Da bin ich also für ein Interview zu ihm nach Hause gefahren, die Tochter ließ mich rein und sagte, ich solle mich schon mal ins Wohnzimmer setzen: „Der kommt gleich, der macht noch Mittagsschlaf.“ Da kam aber erstmal die Enkelin. Wir saßen eine Weile stumm im Wohnzimmer, dann zeigte sie auf die Bambis und Goldenen Kameras auf der Fensterbank und fragte mich: „Soll ich Dir mal einen Bambi geben?“ Bevor ich richtig „nein“ gesagt habe, holt das Kind dann diesen tonnenschweren Bambi, legt ihn mir auf den Schoß und sagt: „Ich habe heute mein Zeugnis gekriegt. Willst Du das mal sehen?“ und geht aus dem Zimmer. In dem Moment geht die andere Tür auf und Willy Millowitsch kommt rein, mit total zerzausten Haaren vom Mittagsschlaf. Der sieht mich also mit dem Bambi auf dem Schoß in seinem Wohnzimmer sitzen und schnauzt zur Begrüßung: „Wat machen Sie denn da?“ Der hat gedacht, ich wollte das Ding klauen. Es war eine sehr surreale Szene, aber eher komisch als unangenehm.

Was sind denn dann richtige Schwierigkeiten?

Unangenehm ist in der Regel der Zeitdruck. Man hat halt letztlich immer das Gefühl, dass man nicht an die Leute heran kommt. Mit der Distanz, die ich mittlerweile dazu habe, muss ich aber sagen: Man muss auch gar nicht richtig an jemanden rankommen. Dieses Journalistending „Mal gucken, wie nah ich dem komme!“ sehe ich heutzutage als völlige Respektlosigkeit an. Warum soll ich in der Stunde, die ich mit jemandem habe, versuchen zu erfahren, dass der als Kind vom Vater verdroschen wurde? Das sind doch letztendlich Dinge, die einen überhaupt nichts angehen. Das muss man respektieren.

Bei Deinen Geschichten mit Campino drehte es sich eher selten um musikalische Themen, mit einer Ausnahme…

Wir haben eine richtig schöne Musikgeschichte gemacht, als wir zusammen Joe Strummer im Hyatt Hotel in Berlin interviewt haben. Das war sehr bewegend, weil Joe Strummer für mich immer eine ganz wichtige Figur war – und für Campi natürlich sowieso. Dann haben wir den alten Helden getroffen, wir waren beide vorher wahnsinnig aufgeregt und uns gegenüber saß ein 50 Jahre alter, irrsinnig höflicher, aufgeräumter Mann, der die ganze Zeit Honig in seinen Tee löffelte und profund und klug und geduldig antwortete. Wir saßen vor ihm wie Schülerzeitungsjungs. Er hat uns das aber nicht spüren lassen. Das war übrigens ein halbes Jahr, bevor er gestorben ist.

„Well, it was all about fashion.“

Joe Strummer

Foto Olaf Heine

Wie ist das Interview gelaufen?

Das Interview war insofern interessant, als er viele Dinge sagte, mit denen wir nicht gerechnet hatten. Es ging viel um Politik und Mode. Ich habe ihn zum Beispiel nach diesem „Brigade Rosse“-T-Shirt gefragt, dass er 1979 auf der Bühne getragen hat. Immerhin war die Brigade Rosse so etwas wie die italienische Version der RAF. Von denen ein T-Shirt zu tragen war schon ein gewaltiges Statement. Er hat Honig in seinen Tee gegossen und hat geantwortet: „Well, it was all about fashion.“ Ich konnte den Satz gar nicht glauben. Und dann sagte er: „Wir fanden es einfach cool. Wir hatten gar keine Ahnung von Politik. Klar hatten wir eine Meinung zu Hausbesetzungen und Sozialismus, aber wir hatten kein wirklich fundiertes Wissen.“ Er fand dieses T-Shirt einfach lässig und hat sich damals zu Hause hingesetzt und das Logo von einem Zeitungsfoto abgemalt. Das Interview ist dann später Gegenstand von zwei Doktorarbeiten geworden, die darauf Bezug genommen haben.

"Das Interview war insofern interessant, dass er viele Dinge sagte, mit denen wir nicht gerechnet hatten."

Campino, Joe Strummer

Foto Olaf Heine

Wo seid Ihr sonst noch aufeinander getroffen?

Das 1000. Konzert, 1997. Kiki unterrichtet Campino vom Unglück.

Foto Ralf Schmerberg

Meine Frau Sandra war 1996 noch Moderatorin bei „Live aus dem Schlachthof“, einer Jugendsendung des Bayrischen Rundfunks, und da haben wir damals zusammen einen Film beim 1000. Konzert in Düsseldorf gedreht. Ich war der Autor des Films, Sandra hat ihn moderiert. Das war ein sehr prophetischer Film, weil wir am Nachmittag ein Interview mit Campi und Andi gemacht und sie gefragt haben: „Was passiert eigentlich, wenn es vorne im Publikum etwas enger wird?“ Sie waren ganz gelöst und wir haben im Interview so rumgeblödelt – und hinterher passierte dann diese Katastrophe. Es war ein wahnsinnig trauriger Abend. Und ich wusste überhaupt nicht, wie ich das schneiden sollte.

Wie habt Ihr dieses filmische Problem letztendlich gelöst?

Das Problem war, dass wir nachmittags angefangen hatten, unheimlich fröhliche Bilder zu filmen, wahnsinnig positiv und lustig. Auch Sandras Moderationen waren sehr heiter. Später musste man das aber in den Zusammenhang mit dem bringen, was da vor der Bühne passiert war. Also haben wir genau diesen Umschwung der Stimmung in dem Beitrag thematisiert und die Moderationen und Interviews vom Nachmittag alle drin gelassen, um anschließend zu erzählen, was später passiert ist. Hinten dran geschnitten haben wir dann noch einen Kommentar von Campino, der extra auf Kassette aus Düsseldorf kam.

Du hast in den letzten Jahren die Seiten gewechselt und ziehst mittlerweile als sehr erfolgreicher Buchautor durch das Land. Wie kam das erste Buch „Maria, ihm schmeckt‘s nicht“ zustande?

Es war gar nicht meine Idee. Wir wollten beim SZ-Magazin ein monothematisches Heft über Italien machen. Das ist uns dann ein Thema geplatzt und wir brauchten dringend Ersatz. Da hat eine Kollegin gesagt: „Schreib doch einfach etwas über Deinen Schwiegervater! Der ist doch so lustig.“ Ich habe das total widerwillig gemacht und dachte, dass das kein Mensch lesen will. Dann gab es aber relativ viele Leserzuschriften dazu und dann kam eine Frau vom Ullstein Verlag auf mich zu, ob ich daraus ein Buch machen wolle. Zuerst wollte ich nicht, aber schließlich hat sie mich überredet.

Und dieses Buch, von dem ich dachte, dass es kein Mensch lesen will, wurde ein ziemlicher Erfolg.

über „Maria, ihm schmeckt‘s nicht“

Gleichzeitig hast Du mit dem Buch den Absprung vom SZ-Magazin geschafft?

Ich hatte irgendwann keine Lust mehr auf das SZ-Magazin, weil es die Zwänge, die es vorher nicht gab, dann irgendwann doch gab. Das hat mir immer weniger Spaß gemacht. Und so stand ich mit 38 Jahren vor der Entscheidung, mein Leben noch mal komplett zu verändern. Ich bin sehr froh darüber, dass ich das gemacht habe. Das gibt mir jetzt die Möglichkeit, eine schöne Tournee in über 100 Städten zu machen. Und das macht wirklich wahnsinnigen Spaß! Ich kann meine Bücher schreiben, mache meine Hörspiele und habe meistens mit netten Leuten zu tun.

Da Du quer durch Deutschland unterwegs bist und sogar in Deinem Blog darüber schreibst: Wie ist Deutschland 2006?

Entschieden besser, als ich dachte. Im Grunde genommen kann man die Deutschen schon mögen. Ich finde Deutschland auch nicht spießiger, enger oder blöder als anderswo.

Wir leben noch in einem freien Land. Nicht mal in Italien kann man noch in der Kneipe rauchen. Und fahr mal durch Belgien oder Holland! Das ist es viel spießiger als hier. Eigentlich haben wir es also gar nicht so schlecht angetroffen. Und auch diese angebliche Humorlosigkeit ist völliger Blödsinn. Natürlich macht man immer mal schlechte Erfahrungen, aber die macht man in Amerika genauso. Du kannst in New York an einem Tag mehr schlechte Erfahrungen machen als in Deutschland in einem ganzen Jahr.

Deine Deutschlandreise ist also eine einzige Überraschung für Dich?

Es hat mich insgesamt schon sehr überrascht. Ich bin ja mit so einem nationalkritischen Bewusstsein aufgewachsen. Früher, wenn bei Länderspielen die Nationalhymne gespielt wurde, habe ich mich immer aufgeregt, wenn die Spieler da mitgesungen haben. Oder wenn ich so Leute mit Deutschland-Fähnchen im Fußballstadion gesehen habe, da habe ich immer gedacht: Ist das nicht eine Spur zu nationalistisch? Inzwischen bin ich da lockerer. Ich habe meinen Frieden mit meinem Land gemacht und vor allen mit den Menschen, die hier leben. Das macht aus mir noch lange keinen brettharten chauvinistischen Blödmann, aber ich finde es nicht mehr unangenehm hier. Das ist so die wesentliche Erfahrung, die ich zurzeit mit Deutschland mache.

Du hast einmal „trotz Fremdheit seinen Platz zu finden“ als das Thema Deiner Bücher bezeichnet. Wie ist das gemeint?

Es gibt eine allgemeine und eine persönliche Ebene. Die allgemeine ist, dass wir einander eigentlich immer fremder werden. Die Leute haben immer weniger Familie, die Leute haben immer weniger Bezugspersonen.

Foto Enno Kapitza

”Mit der Globalisierung rückt die Welt immer näher an einen ran, aber gleichzeitig bekommt man auch mehr Angst vor der Welt. Wenn man sieht, wie die in Amerika mit fremden Kulturen umgehen, wie die dort Angst und Panik haben vor dem vermeintlich fremden Anderen, dann glaube ich, dass das „Fremdsein überwinden“ eine immer größere Rolle spielen muss.”

Damit wir nicht eines Tages in barbarische, vorchristliche Zustände zurückfallen und uns Keulen auf die Birne hauen. Das wollte ich in dem Buch „Antonio im Wunderland“ darstellen. Amerika ist eigentlich ein Land, das gar keinen Besuch haben will. Es ist aber von Einwanderern gegründet worden, also von Leuten, die selber mal Besucher waren.

Was ist die persönliche Ebene?

Ich bin ein Mensch, der wahnsinnige Angst hat vor dem Fremdsein. Ich bin wie gesagt immer öfter Beobachter als Teilnehmer gewesen. Und ich bin auch gar kein großer Reisender. Wenn ich zum Altglascontainer fahren muss, ist das für mich schon ein Riesenakt. Und dass jemand, der eigentlich gar nicht gerne reist, für ein Dreivierteljahr durch Deutschland gurkt, das ist dann: Face your fears! Das ist für mich wirklich eine riesige Herausforderung. Und ich bin ganz froh, dass ich mich der gestellt habe. Ich habe versucht, diese Entfremdung, die ich von meinem Land hatte, irgendwie zu überwinden. Das ist mir inzwischen ganz gut gelungen. Ich mag das mittlerweile richtig.

Die nächste Herausforderung besteht für Dich darin, das Drehbuch zu „Maria, ihm schmeckt‘s nicht“ selbst zu schreiben?

Ich wollte immer meine Kontrolle über mein Zeug behalten und habe mir das auch immer in alle Verträge reinschreiben lassen. Das Drehbuch ist mittlerweile in der zweiten Phase und wird von anderen Leuten, die das natürlich viel besser können, überarbeitet. Drehbuchschreiben ist eine harte Arbeit und macht auch keinen großen Spaß, weil das irre technisch ist. Ich habe einen riesigen Respekt vor guten Drehbuchautoren. Woody Allen ist zum Beispiel einfach ein absolutes Genie. Wir wollen eigentlich noch dieses Jahr drehen, dann würde der Film Anfang nächste Jahres ins Kino kommen. Es muss viel an Originalschauplätzen in Italien gedreht werden und das Ganze zieht sich etwas. Mittlerweile soll auch schon das zweite Buch verfilmt werden

Was macht Dir beim Schreiben heutzutage am meisten Spaß?

Das Ausprobieren macht mir sehr viel Spaß. In dem zweiten Buch gibt es ja viele Fußnoten. Die habe ich nur reingemacht, weil ich an meinem Word-Programm die Fußnoten-Funktion entdeckt habe.

Und weil ich ja nie eine Doktor- oder Diplomarbeit geschrieben habe, war das für mich der große Moment meines Lebens, in dem ich überall Fußnoten reinschreiben konnte. Ich habe dann aus Bock eine riesige Fußnote über die Ramones geschrieben in dem Buch.

Es ist wahrscheinlich der einzige Bestseller in Deutschland, in dem die Ramones vorkommen. So etwas einfach machen zu können, ist fast so wie die frühe Zeit beim SZ-Magazin. Das ist ein großes Privileg. Und so lange ich das habe, werde ich es hemmungslos ausschöpfen.

Pünktlich zur WM hast Du zusammen mit dem Illustrator Hans Traxler das Bilderbuch „Gibt es einen Fußballgott?“ erschaffen. Worum geht es da?

Das ist eine Kurzgeschichte um einen Typen, der nicht Fußball spielen kann, aber über einen Pakt mit dem Fußballgott der berühmteste Fußballspieler aller Zeiten wird. Er zahlt jedoch einen hohen Preis dafür – und mehr will ich an dieser Stelle nicht verraten. Es ist bloß ein kleines Buch, aber die Zeichnungen von Hans Traxler sind einfach genial.

Für wen entscheidet sich der Fußballgott bei Dir privat?

Ich habe eine sehr zweigeteilte Leidenschaft, zum einen natürlich für Fortuna Düsseldorf. Das ist eine Liebe, die seit vielen Jahren sehr einseitig ist und von der Mannschaft nicht erwidert wird. Ich habe daher noch einen zweiten Verein – es fällt mir natürlich schwer, das an dieser Stelle zuzugeben – es handelt sich um Bayern München. Das liegt nicht nur daran, dass ich da unten jetzt schon lange lebe. Ich fand die schon als Kind gut. Und mir gefallen ein paar von den Leuten sehr. Scholl zu mögen, ist ja einfach. Ich mag aber zum Beispiel auch Uli Hoeneß. Ich finde den großartig, weil der in Wirklichkeit ein Riesenherz hat. Der ist eigentlich ein Guter. Wie dieser Mann in seiner körperlichen Unzulänglichkeit als übergewichtiger Wurstfabrikant so am Spielfeldrand steht und Spielern, die Sportinvaliden sind, die Verträge verlängert, finde ich bewundernswert. Er sagt dann: „Du hast so viel für den Verein getan, jetzt bleib halt noch ein Jahr!“ Wer macht das schon? Er hat auch zum Beispiel das Benefizspiel für Karsten Bäron organisiert und musste sich trotzdem von den gegnerischen Fans beleidigen lassen.

Und von den Hosen!

Der Song „Bayern“ ist einfach super. Und als die Band das in der LTU Arena gespielt hat, zusammen mit diesem Film mit den Toren von Fortuna, fand ich das richtig toll. Da muss man auch mal Spaß verstehen! Wenn die Hosen in München auftreten und den Song spielen, dürfen die sich übrigens nichts vormachen. Da sind dann natürlich auch 2000 bis 3000 Bayern-Fans in der Halle – und die finden den Song trotzdem gut. Das ist ja alles Spaß, man muss das nicht gleich so hoch hängen.

Ich fand klasse, als Hoeneß damals sagte, die Leute sollten die CDs auf die Aschenbahn werfen und dann käme eine Walze und würde drüber fahren. Und Campino antwortete, die Leute sollten die CDs halt noch etwas weiter werfen und versuchen, Hoeneß auf der Bank zu treffen. (lacht)

Und: Bei Bayern München wird natürlich auch gelitten. Da muss man sich jetzt nur mal das 1:4 in Mailand anschauen. Da wurde sogar extrem gelitten. Oder damals beim Champions League-Finale gegen Manchester. Das war ein Drama.

Du warst vor kurzem bei einem Konzert von Bad Religion und schriebst hinterher in Deinem Blog, dass Dich die Jugendlichen womöglich für einen Zivilfahnder gehalten haben…

Ich komme jetzt in so ein Alter, wo ich eben nicht mehr mithüpfe. (lacht) Ich halte meine Brille fest, stehe hinten beim Mischer und schaue, dass mir keiner auf den Kopf fällt. Aber ich gehe schon gerne auf Konzerte, auch wenn ich jetzt schon manchmal am liebsten zu einem Techniker sagen würde: „Geht das vielleicht auch etwas leiser?“ Ich war vor zwei Jahren in der Muffathalle in München bei den Fehlfarben. Das war so laut, dass ich wirklich für einen Moment gedacht habe: „Hey, Leute, das ist Körperverletzung.“ Und darüber habe ich mir früher nie Gedanken gemacht. Als ich mit meiner siebenjährigen Tochter bei den Hosen war, hat sie ordentlich was in die Ohren gestopft bekommen, damit da nichts passiert. Und inzwischen denke ich mir manchmal, dass das bei mir selbst auch angebracht wäre.

Bei Kraftwerk in Montreux haben sie Ohrenstöpsel an der Kasse verteilt. Und die waren auch nötig!