Wie kommt man von Ibbenbüren hinaus in die große Welt?

Wir feiern am 16. April 2004 unser zehnjähriges Bühnenjubiläum. Und wenn ich jetzt zurückblicke, weiß ich selbst nicht, wie wir das gemacht haben (lacht). Ibbenbüren war irgendwie gar kein schlechter Startpunkt. Das ist zwar wirklich nur ein 60.000-Seelen-Kaff – mit mehr Mofa-Fahrern pro Quadratmeter als die meisten anderen Städte, aber da gibt es das Jugendzentrum Scheune. Und dort hat man sich eigentlich schon immer darum gekümmert, dass Bands aus der Gegend einen Platz zum Spielen haben. Da hatten wir dann auch unseren ersten Proberaum und haben eigentlich immer nur versucht, unser Ding durchzuziehen. Am Anfang habe ich das ganze Booking noch selbst gemacht und tagelang am Telefon gesessen, um klitzekleine Shows für uns klarzumachen. Das hat sich dann aber irgendwann alles verselbständigt – und mittlerweile koksen wir nur noch (lacht).

Welchen Tipp hast Du für deutsche Nachwuchsbands, die irgendwann auch mal auf größeren Bühnen stehen wollen?

Auch aus Ibbenbüren kommen (lacht). Ganz im Ernst: Man sollte einfach so oft spielen und proben wie möglich. Und es muss einem klar sein, dass man da erstmal ein Schweinegeld rein steckt, weil es manchmal für einen Auftritt noch nicht einmal Spritkohle gibt. Musikalisch sollte man schauen, dass man seine individuellen Markenzeichen etwas nach vorne bringt. Es braucht ja keiner die dreimillionste Kopie von irgendeiner anderen Band.

Je individueller man auftritt, umso besser ist die Möglichkeit, etwas auf die Füße gestellt zu bekommen. Man sollte sich unter keinen Umständen verbiegen lassen!

Was ist denn Deiner Meinung nach das Individuelle an den Donots?

Das sind die zwei Extreme, die bei uns aufeinanderprallen: Wir haben tendenziell schon immer einen sehr hohen Popfaktor, dem aber eine sehr energetische Instrumentierung gegenübersteht. Ich mache aus unserem Pop-Appeal auch gar keinen Hehl. Im Gegenteil:

Im Studio bastele ich an einem Stück oft so lange rum, bis es fast an 80er-Pop angelehnt ist. Das ist bei uns schon immer eine sehr powerpoppige Angelegenheit.

2002 wart Ihr mit dem Album "Pocketrock" die erste deutsche Band auf dem schwedischen Label Burning Heart. Ein entscheidender Wendepunkt in Eurer Karriere?

Wir hatten vorher zwei Platten in Eigenregie raus gebracht, in einer Auflage von 1000 Stück, die wir bei Shows vertickt haben: "Pedigree Punk" und "Tonight's Karaoke Contest Winners". Burning Heart hat danach dann "Pocketrock" für Europa lizenziert, und das war schon eine ziemliche Ehre. "Amplify The Good Times" erschien dann allerdings wieder über die BMG, genau wie das neue Album. Der Kontakt zu Burning Heart besteht auf jeden Fall weiterhin, auch weil viele Mitarbeiter selbst in irgendwelchen Bands spielen, zum Beispiel Kim Belly bei Voice Of A Generation. Und da schaut man dann natürlich auch mal vorbei, wenn die auf Tour sind.

Du hast das neue Album "Got The Noise" bereits angesprochen. Was dürfen wir erwarten?

Endlich haben wir es wohl mal geschafft, ganz nah an unseren Live-Sound ranzukommen. Wir haben uns dafür in unserem Hamburger Studio extra einen kompletten Live-Raum eingerichtet und das Album zu großen Teilen wirklich live eingespielt, also alle anderen Bandmitglieder zusammen. Und ich habe dann hinterher noch meinen Gesang draufgezimmert. Dementsprechend sind ziemlich viele Ecken und Kanten drauf, im Gegensatz zu den letzten beiden Alben, die uns aber auch schon repräsentiert haben. Ich glaube aber, dass uns das Ungeschliffene auch mal ganz gut zu Gesicht steht.

Das ist ja eigentlich immer das Schwierigste für eine Band: Die Energie, die man live hat, auch im Studio einzufangen.

Wie läuft bei Euch eine Plattenproduktion ab?

Wir haben schon im letzten September keine Shows mehr gespielt und uns nur noch damit beschäftigt, an den neuen Songs rumzuwerkeln. In der Phase haben wir also Tag für Tag in unserem Proberaum in der Nähe von Münster gesessen und zusammen mit unserem Produzenten Fabio Trentini zunächst Demos aufgenommen. Fabio ist ein sehr guter Freund von uns, dem wir sogar unsere Mütter anvertrauen würden (lacht). Und der hat auch schon die letzten beiden Alben für uns produziert. Im Vorfeld haben wir etwa 20 Rohgerüste für Songs gehabt - und dann haben wir uns auf die 16 wichtigsten konzentriert. Dann haben wir das Ganze im Dezember in Hamburg im Studio aufgenommen, in Hannover gemischt und in Düsseldorf gemastered.

Wann erscheint das Album?

Das Album erscheint am 21.6.2004. Wir waren uns zu Beginn ein wenig uneinig, welche Songs auf das Album kommen sollen. Merkwürdigerweise hat diesmal jeder in der Band sein eigenes Lieblingslied und könnte sich dann auf den Schlips getreten fühlen, wenn sein Stück nicht auf die Platte kommt. Letztendlich haben sich für uns alle aber recht klare Tracks rausgestellt, die wir alle unbedingt auf dem Album haben wollen. Bei ein paar Tracks waren wir uns nicht ganz sicher, aber auch da haben wir es so gehalten, dass jeder seinen Lieblings-Wunschkandidaten auf die Platte bekommt. Gott, sind wir basis-demokratisch! (lacht)

"We're Not Gonna Take It" hieß die Maxi-CD davor und war bis jetzt Eure bestverkaufte Single?

Das liegt wohl in der Natur von Coverversionen (lacht). Wir hatten uns vorher eigentlich immer dagegen gewehrt, eine Coverversion als Single rauszubringen, weil damit eigentlich jeder was reißen kann. Wenn man es nicht unglaublich schlecht macht, hat man gar keine schlechten Chancen, dass das auf ein größeres Interesse stößt.

"We're Not Gonna Take It" hatten wir schon seit 1998 als letzten Song in unserem Live-Set – und wir haben dann immer so unglaublich viele Briefe und E-Mails bekommen, in denen wir gefragt wurden, wann wir diesen Song denn endlich mal aufnehmen würden. Irgendwann waren wir es dann einfach mal leid...

Ihr habt es dann aber nicht bei dieser einen Coverversion belassen...

Wir haben dann gleich eine ganze EP mit Coversongs von Metal-Bands aufgenommen, um uns vor den Bands zu verbeugen, die uns auf unserem Weg begleitet haben: Warlock, Running Wild usw. Wir haben wirklich früher Metal gehört. Guido und ich haben unserem älteren Bruder immer die Metal-Platten aus dem Schrank geklaut. Und da waren Twisted Sister genauso dabei wie Sodom oder Tankard. Ich höre auch heute noch unheimlich gerne Sachen wie Anthrax, Metallica, Pantera oder Slayer. Glücklicherweise haben wir dann ja sogar Rock'n'Rolf von Running Wild dazu bewegen können, bei dem Song "Bad To The Bone" mitzusingen. Das war dann mein ganz persönliches "Meet & Greet" mit einem Helden aus der Jugend. Ich bin ja damals sogar mit der "Port Royal"-Platte zum Friseur gegangen und habe gesagt:

"So möchte ich bitte meine Frisette haben!"

Du hast ja auch mal in einer Metallica-Coverband gespielt...

...in einer Metallica-Coverband namens Nutellica (lacht). Die ist mehr aus einer Bierlaune heraus entstanden und war für eine Zeit ein großer Spaß. Jan-Dirk hat Bass gespielt und ich habe gesungen. Wir haben dann bei mehreren Metallica-Fan-Club-Treffen gespielt und hatten sogar mal das Glück, Metallica selbst zu treffen. Die Coverband existiert übrigens auch heute noch, nur wir sind da irgendwann ausgestiegen, weil die anderen Musiker das irgendwann etwas zu ernst genommen haben. Die wollten das zu sehr in eine berufliche Richtung gehen lassen. Unser Hauptbetätigungsfeld waren aber auch schon damals die Donots.

Eure Touren sind mittlerweile längst nicht mehr auf Deutschland beschränkt. Welche Länder haben bei Euch am meisten Eindruck hinterlassen?

Mit Hot Water Music sind wir im letzten Sommer bis nach Irland gekommen, was auch sehr cool war. Was aber im kompletten letzten Jahr einfach umwerfend war, das waren unsere Konzerte in Japan. Dort läuft es für uns nämlich mittlerweile mindestens so gut wie in Deutschland! Wir waren deshalb im letzten Jahr gleich zweimal dort auf Tour – und das war einfach das Allergrößte. Die Leute auf den Konzerten sind in Japan so unglaublich dankbar und enthusiastisch, dass man sich ab uns zu ein bisschen so fühlt, als ob man auf einem anderen Planeten wäre. Das ist auf jeden Fall eine ganz andere Konzertwelt:

Da fängt eine Show schon um halb sechs an, also quasi am späten Nachmittag, und da sind trotzdem bereits bei den Vorbands alle Zuschauer im Laden. Und es geht auch keiner raus, bevor nicht der letzte Ton der letzten Band verklungen ist.

Souvenirs aus Japan

Wie hat denn die erste Donots-Platte ihren Weg nach Japan gefunden?

Es gibt in Japan einfach sehr viele Import-Platten. Merkwürdigerweise haben wir es mit unserer "Pocketrock"-Platte auf diesem Weg mehrmals in die Charts geschafft, ohne einmal dort gespielt oder ein Interview gegeben zu haben. Ich habe dann mit einigen japanischen Kids E-Mail-Kontakt gehalten, die mir unter anderem schrieben, dass wir auch im Radio gespielt würden. Ich konnte denen das nie so richtig glauben, aber die BMG hat dann einfach mal unser nächstes Album offiziell in Japan veröffentlicht. Und dann waren wir plötzlich in der Top-20 der Rock-Charts. Mittlerweile gibt es dort verrückterweise schon einige Songs von uns in Karaokemaschinen (lacht). Und drei japanische Fans haben letztens sogar einen Deutschland-Urlaub gemacht – mit Zwischenstopp in Ibbenbüren, um dort Fotos zu machen!

Wie viele Leute kommen in Japan zu Euren Konzerten?

Es gibt in Japan nur drei Größenordnungen: Bands wie Linkin Park spielen in den riesengroßen Arenen, dann gibt es Mini-Mini-Clubs, in die höchstens 100 Leute reingehen - und alle anderen Bands konzentrieren sich auf eine Hallengröße zwischen 500 und 1.500 Leuten, etwa die Foo Fighters oder auch wir. Konzerte finden in Japan übrigens ausschließlich in den großen Städten statt und sind eigentlich immer ausverkauft. Bei einer durchschnittlichen Tour spielt man zum Beispiel zweimal in Tokio, in Osaka und in Nagoya sowie eventuell auch noch in Sapporo.

Von Ibbenbüren nach Japan - seid Ihr am Ziel Eurer Träume?

Das Einzige was dabei ein absoluter "Pain In The Ass" ist, das ist der Flug von 13 Stunden. Vor zehn Jahren haben wir immer so Witze gemacht: "Wenn wir dann auf Tour in Japan sind..." Jetzt waren wir schon zweimal innerhalb eines Jahres dort. Und mit der neuen Platte wollen wir natürlich so schnell wie möglich wieder hin. Das ist wirklich ein irres Gefühl, dass die Leute auf der anderen Seite der Erdkugel deine Songs kennen und mitsingen oder jetzt eben darauf warten, dass du dort Shows spielst. Welches größere Kompliment kann es für eine Band geben? Wir haben es dort auch schon erlebt, dass wir nachts um vier von einer Party ins Hotel zurückkamen und da Leute auf Vinylplatten von uns geschlafen haben, um ein Autogramm zu bekommen. Da muss man sich zwischendurch schon mal kneifen.

Was wirkt auf Euch als Europäer sonst noch skurril?

Die Japaner sind unglaublich höflich. Wenn man über die Straße geht, nicken einem immer alle Leute zu und lächeln einen an. Die Kids gehen vor den Konzerten in irgendwelche Geschäfte und kaufen dir Geschenke, zum Beispiel Armbanduhren. Und von der japanischen Tourcrew kriegst du beinahe noch die Gitarre umgehängt, bevor du sie selbst in die Hand nehmen kannst... Es ist ein ganz großer Respekt da. Man wird die ganze Zeit auf Händen getragen – und das ist ein ganz großartiges Gefühl.

Wo war denn das Catering besser – in Japan oder bei der "Auswärtsspiel"-Tour der Hosen?

In Japan wird man nach jeder Show vom Veranstalter zum Essen eingeladen, und das ist schon sehr cool – aber ich muss schon sagen, dass die Hosen ganz schöne Gourmets sind.

Die Küchen-Crew bei den Hosen war der Oberhammer – und das sage ich sogar als Vegetarier.

Rock im Park 2004: Vom als Gastmusiker bei den Donots

Wie kam es dazu, dass Ihr 2002 bei 5 Konzerten der Hosen-Tour dabei wart?

Das ist mehr oder weniger aus heiterem Himmel passiert – und ich bin da so glücklich drüber wie nur irgendwas. Die Hosen suchen sich ihre Support-Bands ja selbst aus. Und ich weiß noch, dass ich früher bei sehr vielen Hosen-Konzerten richtig gute Vorbands gesehen habe. Das war deshalb auch irgendwie ein unwirkliches Erlebnis. Wenn mir das jemand gesagt hätte, als ich mit 12 oder 13 auf meiner ersten Hosen-Show war, wäre ich den Tränen nah gewesen. Ich habe mich nach der Tour auch noch mal mit Vom auf einem Beatsteaks-Konzert getroffen. Da haben wir den Leuten in der ersten Reihe dann ein bisschen in die Kniescheiben gebissen. Wir sind ja beide nicht die Allergrößten (lacht).

Ihr macht es mit Euren Vorbands ja ähnlich. Im letzten Jahr wart Ihr zum Beispiel mit 3 Colours Red unterwegs.

Es gibt einfach Bands, die wir richtig super finden. Und wenn es 3 Colours Red aus England früher nicht gegeben hätte, würden die Donots heute nicht so klingen wie sie das tun.

Denen haben wir wirklich einiges zu verdanken, und deshalb haben wir sie in Deutschland mit auf Tour genommen. Ich glaube, mittlerweile verzeihen die uns auch, dass wir denen einige Lieder eins zu eins geklaut haben (lacht).

Wir nehmen aber auch Bands aus Deutschland mit, die es einfach verdient haben, vor einem viel größeren Publikum zu spielen. Deshalb haben wir auf unserer Homepage auch den Bereich "Amplified" eingerichtet, wo wir solchen Bands ein Forum bieten, um MP3s oder Tourdaten zu posten. Und diese Bands spielen auf unseren Touren dann eben den anderen Support.

Wie liefen die Support-Auftritte für Euch? Es ist ja auch nicht immer einfach als Band vor den Hosen...

Wir haben zunächst Riesenschiss davor gehabt. Ich habe den anderen in der Band davon erzählt, wie zum Beispiel Green Day mit den "Hosen, Hosen"-Sprechchören zu kämpfen hatten. Die wurden ja damals mehr oder minder vom Publikum ignoriert. Deshalb habe ich gesagt: Lasst uns das einfach durchziehen – und schauen, dass wir den Laden gerockt kriegen und dabei so wenig Pausen wie möglich machen! Die Shows sind dann echt grandios für uns gelaufen. Und meine Zweifel erwiesen sich als komplett unbegründet. Das Hosen-Publikum war ein verdammt dankbares. Das war echt großes Kino!

Du hast es dann ja auch noch zu einem Duett mit Campino gebracht.

Ich habe beim "Rock am See"-Festival in Konstanz mit Campino im Backstage-Bereich gesessen und ihm in einer bierseligen Stimmung mitgeteilt, dass ich die "Damenwahl"-LP immer noch klasse finde – und dass "Verschwende Deine Zeit" mein absoluter Hosen-Favorit aller Zeiten ist.

Damenwahl, 1986

Ingo & Campino auf der Loreley-Bühne

Da hat er mir gesagt, dass ich doch zur Hosen-Grillparty einfach einen Tag früher kommen soll, weil die Hosen da im Zelt spielen würden. Ich habe das Stück dann wirklich auf der Bühne mitgesungen, was mir natürlich großen Spaß gemacht hat. Und das Ganze ist wohl auch beim Publikum gut angekommen. Deshalb hat mich Campino am nächsten Tag gefragt, ob ich auch auf der großen Loreley-Bühne ein Stück mitsingen wolle. Und ich hatte dann die ultragrößte Ehre, "Hier kommt Alex" singen zu dürfen. Das war so ein unglaublicher Moment, dass ich mich an keine Sekunde dieses Auftritts erinnern kann.

Wenn Ihr mit den Donots ein Hosen-Stück covern würdet, welches wäre das dann?

Meine absolute Lieblingsplatte ist nach wie vor das "Horrorschau"-Album. Wenn es ein Song davon sein müsste, wäre das schätzungsweise "Die Farbe Grau", "Zahltag" oder "Testbild". Wir haben ehrlich gesagt auch schon mal drüber nachgedacht, ob wir es irgendwann mal machen, für eine B-Seite oder so. Schaun mer mal!