Funny van Dannen ist ein seltenes Multitalent. Der Mann vom Niederrhein, der seit fast 30 Jahren in Berlin lebt, singt, schreibt und malt, alles gleichzeitig. Nebenbei hat er noch vier Kinder, zwischen neun und 24 Jahren.

Schon lange schätzen die Hosen seine Qualitäten: die manchmal skurrilen Lieder und die stets absurden Geschichten. Nicht ohne Grund war er der erste Interviewpartner in dieser kleinen Serie – im Februar 2000. Siebeneinhalb Jahre später haben wir noch einmal bei ihm vorbei geschaut. Denn es gibt in diesen Tagen etwas zu feiern: Die zehnte CD von Funny, die wieder mal nicht weniger als 24 Titel enthält, erscheint bei JKP. Wir haben uns mit ihm unter anderem über die Songauswahl für "Trotzdem Danke", die Spiegel-Bestsellerliste und (natürlich) das neue Plattenlabel unterhalten.

Du hast vier Kinder zwischen neun und 24 Jahren. Hören die eigentlich Deine Platten?

Ja, die hören sich das schon hin und wieder an. Dion, mit 21 Jahren mein Zweitältester, hat jetzt sogar die neue Platte aufgenommen. Zusammen mit Max, dem 24-Jährigen, hat er sich ein Studio bei uns im Keller eingerichtet, um HipHop-Stücke aufzunehmen.

Wie bist Du zu Deinem speziellen Stil gekommen?

Ich war in den 80er Jahren angewidert von deutschen Sängern wie Grönemeyer und Westernhagen. Mit deren Texten konnte ich überhaupt nichts anfangen. Ich habe dann einfach angefangen, alleine mit Gitarre aufzutreten – und stieß auf ziemliche Gegenwehr meiner Generation.

Die Leute haben sofort abgewinkt, sahen in mir einen überflüssigen Epigonen. Viele hatten da wohl immer noch Bob Dylan vor Augen und wollten mit einem weiteren Liedermacher nichts zu tun haben.

Ich habe also nie für meine Generation gesungen.

Wie sehen Deine Konzerte heutzutage aus?

Heute kommen viele Leute zwischen 20 und 30 Jahren zu meinen Konzerten, die überhaupt kein Problem mit dem Bild des Mannes mit der Gitarre haben. Im Gegenteil: Die Jüngeren wissen so etwas schlichtes Handgemachtes zu schätzen. Für die ist das wahrscheinlich mal ein schöner Kontrast zu dem technisch hochgefahrenen Pop-Kram. Ob eine Veranstaltung bestuhlt ist, hängt vom Veranstalter ab. Ich spiele immer noch am liebsten vor stehendem Publikum. Das ist auch für die Stimmung wesentlich besser. Wie soll man sonst entspannt Bier trinken und dabei rauchen können?

Deckt sich das Publikum, das zu Deinen Konzerten kommt, mit dem, das Deine Bücher kauft?

Schwierig zu sagen. Es gibt sicherlich Leute, die sich für die Musik interessieren, und literarisch eher uninteressiert sind. Man kann allgemein sagen, dass ich besonders unter Studenten recht angesagt bin. Insgesamt bin ich immer noch sehr geprägt von meinen ersten Erfahrungen vor Publikum. Wenn man als unbekannter Autor in irgendeiner Kneipe vorliest, kann man schlecht irgendwelche ungereimten Gedichte bringen. Stattdessen muss man die Zuhörer direkt für seinen Text interessieren, möglichst schon mit dem ersten Satz.

Eine Technik, die man aus Deinen Kurzgeschichten kennt. Häufig ist schon der Einstieg extrem skurril und fesselt so den Leser von der ersten Sekunde…

Der erste Satz sollte nach Möglichkeit schon irgendwie absurd sein. Ich schreibe meine Geschichten immer vom ersten Satz ausgehend und habe vorher kein bestimmtes Konzept.

Die Absurdität stimuliert mich irgendwie. Die Geschichte entwickelt sich vom einen Satz zum nächsten und kann auch schon mal im Nichts enden. Bei den Songtexten ist das ähnlich; dafür sammle ich aber immer Ideen. Dass jetzt „Sandra Bullock“ auf der Platte gelandet ist, zumal als erstes Stück, war mir gar nicht so recht. Beim letzten Mal gab es ja schon „George Clooney“; das wird ja langsam inflationär mit den Schauspielern (lacht). Ich hatte halt plötzlich die Zeile „Ich hätte Sandra Bullock heiraten sollen“ im Kopf und daraus ist das Stück entstanden.

Die neue CD beinhaltet wieder nicht weniger als 24 Stück, ein wahnsinniger Output. Wie kann man permanent so produktiv sein?

Ich hatte zum Glück noch nie irgendwelche Probleme damit. Im Gegenteil: Ich wäre gerne noch effektiver. Für dieses Album hatte ich bestimmt Songfragmente für 75 Stücke. Nach einer ersten Auswahl sind über 50 übrig geblieben. Es ist nicht so, dass immer alle Stücke super sind, die hinterher auf der Platte landen. Ich habe aber die Erfahrung gemacht, dass sich für alle Lieder immer irgendwelche Liebhaber finden. Von daher bin ich selten kleinlich und packe möglichst viele Stücke auf meine Alben. Ich will ja auch kein geschlossenes Konzeptalbum abliefern.

"Trotzdem Danke" das neue Album von Funny van Dannen

In den letzten zehn Jahren bist Du auf allen Gebieten erfolgreicher geworden. Was hat sich verändert?

Ich arbeite eigentlich immer noch genauso wie früher. Zuletzt male ich wieder etwas mehr, habe aber noch nicht den richtigen Zugang gefunden. Da will ich aber unbedingt weiter am Ball bleiben. Ich habe das Gefühl, dass ich mit dem Liederschreiben am Ende angekommen bin.

Möglicherweisen gibt es nach „Trotzdem Danke“ noch eine Platte, aber dann ist es vielleicht auch mal gut damit.

Ich will musikalisch noch einmal etwas Anderes ausprobieren, vielleicht sogar zusammen mit meinem Sohn Dion. Das heißt aber nicht, dass ich jetzt plötzlich zum HipHop überlaufe (lacht). Geschichten schreibe ich eigentlich kontinuierlich. Da gibt es auch keine Deadline vom Verlag, allein schon, weil ich mit dem Druck gar nicht umgehen könnte. Wenn ich genug zusammen habe, gibt es halt ein neues Buch.

Glaubst Du, dass es heute für Dich schwieriger wäre, Deine Karriere zu starten?

Für mich war es immer schwierig. Das lag vor allem daran, dass es in Berlin so viele verschiedene Szenen gab. Hier hatte man niemals eine Basis, wie es die Hosen in Düsseldorf hatten, Rocko Schamoni in Hamburg oder Helge Schneider im Ruhrgebiet. Nicht umsonst saßen mein Label und mein Verlag hinterher in München. Zuvor hatte es in Berlin vier, fünf Jahre gedauert, bis irgendwann Erich Maas auftauchte und zu meinem ersten Verleger wurde. Die ersten beiden Bücher erschienen in einer Auflage von 500 Stück. Und ich weiß nicht mal, ob die verkauft wurden. Geld gesehen habe ich dafür jedenfalls nie (lacht).

Früher warst Du auch mal „Kunstbeauftragter“ im Klinikum Steglitz. Welche Aufgaben hattest Du dabei?

Das war Mitte der 80er Jahre ein Job, der mir einmal für einen längeren Zeitraum ein festes Einkommen garantierte. Da waren gerade unsere ersten beiden Kinder auf der Welt und deshalb war das schon sehr beruhigend. Ich habe hauptsächlich irgendwelche Kalenderbilder in die Krankenzimmer gehängt. Vom Motiv her handelte es sich hauptsächlich um wechselnde Blumenwiesen. Irgendwelche blutige Szenen wären ja auch nicht angebracht gewesen (lacht).

2005 tauchtest Du mit Deinem Buch „Neues von Gott“ plötzlich auf Platz 12 der Spiegel-Bestsellerliste auf. Wie hast Du darauf reagiert?

"Der Alltag ist der Fundus für meine Songtexte und Geschichten."

Mir bedeuten solche Hitlisten nicht viel, aber mehr verkaufte Bücher sind besser als wenige.

Du hast Dich dem Kulturbetrieb lange verweigert, speziell Fernsehauftritten. Warum ist das etwas anders geworden?

In den Fernsehsendungen, in denen ich in den letzten Jahren zu Gast war, brauchte ich mich nicht zu verbiegen, sei es bei Charlotte Roche, bei Sarah Kuttner oder bei Radio Bremen. Dass ich mir heute hin und wieder untreu werde, hat ganz einfach damit zu tun, dass ich im Radio fast gar nicht gespielt werde. Im Normalfall finde ich da einfach nicht statt. Wenn man dann nur die Möglichkeit hat, die Leute über die Presse zu erreichen, ist das sehr problematisch, weil: Presse hört man nun mal nicht. Ich kriege immer wieder Mails von Leuten, die mich gerade erst entdeckt haben. Da denke ich dann schon mal bei mir: Jetzt bist Du schon so lange dabei, und es gibt immer noch Leute, die noch nie etwas von Dir gehört haben!

Auf dem neuen Album gibt es ein Stück mit dem Titel „Integrieren“. Wenn man die Ironie versteht, ist es eigentlich das ernsthafteste Stück der Platte. Zählst Du darin alles auf, was Du verachtest?

Nicht alles, aber sehr viel davon. Wenn ich alles aufzählen würde, wäre das ein sehr viel längeres Lied geworden (lacht). Es geht in dem Stück aber auch um das Thema „Integration“.

Ich finde es schon sehr wichtig, dass man sich in einem anderen Land darum bemüht, sich zu integrieren. Wer in unser Land einwandert, sollte schon sehr viele Freiheiten haben, was die eigene Kultur anbelangt, aber jeder sollte auf bestimmte Grundsätze verpflichtet werden: die deutsche Sprache zu lernen und das Grundgesetz zu achten.

In Bezug auf den Islam bedeutet es, dessen Frauenbild abzulehnen. Wir haben lange genug gebraucht, um dem Christentum ein besseres Bild vom Zusammenleben von Mann und Frau abzutrotzen, als das man sich das jetzt streitig machen lassen sollte.

Eine bekannte Platte der Fehlfarben heißt „Monarchie und Alltag“. Kann man Dein Werk unter dem Sammelbegriff „Ironie und Alltag“ zusammenfassen?

Ja, das bringt es schon ziemlich genau auf den Punkt, wobei das mit dem Alltag immer so eine zweischneidige Sache ist. Selbst wenn ich mich mit dem Alltag beschäftige, kann man meine Lieder wohl kaum als alltäglich bezeichnen. Da sind die meisten herkömmlichen Popsongs viel alltäglicher. Was aber auf jeden Fall stimmt: Der Alltag ist der Fundus für meine Songtexte und Geschichten.

Gibt es auf der neuen Platte eventuell ein Stück, das auch als Song für die Hosen funktionieren würde?

Es ist immer eine relativ kleine Schnittmenge, welche Stücke auch für die Hosen in Frage kämen. Manchmal scheitert es schon daran, wie es gesungen wird, weil Campino ganz anders singt als ich. Selbst wenn es thematisch passen würde, kriegt ein Lied durch die Art, wie es gesungen wird, noch mal einen ganz eigenen Charakter. Ich sehe es ohnehin so: Wenn die Hosen genug eigenes Material haben, brauchen die mich nicht. Die Hosen sind ja nicht abhängig von mir, machen selbst genug gute Sachen. Das ist dann eher ein Zeitproblem bei ihnen, wenn sie sich bei mir melden.

Ich glaube, die echten Hardcore-Hosen-Fans können auf meine Stücke auch gut verzichten.

Ich glaube, dass das schon einige sehr kritisch begutachten, wenn da wieder der Liedermacher mit Folk-Hintergrund ins Boot kommt.

Was auffällt, dass Du immer bei kleineren Verlagen untergekrochen bist, sei es mit Deinen Büchern oder Deinen Platten. Deine letzten Ausstellungen fanden ebenfalls in kleineren Galerien statt. War das immer eine bewusste Entscheidung?

Ich hätte auch nichts dagegen, mal in größeren Galerien auszustellen. Aber den Galeristen, der sich etwas besser auf dem Markt auskennt, habe ich bis jetzt noch nicht getroffen. Größere Verlage und Plattenfirmen haben sich einfach nie für mich interessiert. So bin ich damals beim kleinen Label Trikont gelandet und beim kleinen, feinen Kunstmann Verlag. Und ich bin gut damit gefahren. Mit den Hosen hat sich nun mal diese Freundschaft ergeben. Eine weitergehende Zusammenarbeit lag immer schon mal in der Luft. Jetzt, wo ich weiß, dass ich solche Musik wohl nicht mehr allzu lange machen werde, wollte ich noch einmal etwas verändern, noch einmal etwas mit anderen Leuten versuchen.

Wie lief der Transfer ab?

Ich war mit Trikont keinesfalls unzufrieden. Mittlerweile habe ich dort allerdings schon neun Platten veröffentlicht; das macht ja kaum ein anderer Musiker, dass er so lange bei einem Label bleibt. Ich bin jetzt einfach mal gespannt, wie es in einem neuen Kontext läuft.

Inwiefern gilt für Dich heute noch der Satz: „Ich könnte mehr Geld verdienen; besser leben könnte ich nicht.“?

Ob ich mehr Geld verdienen könnte, weiß ich nicht (lacht). Wir leben sehr bescheiden. Ich brauche auch keine Weltreise und andauernd ein neues Auto. Was ich wirklich brauche, ist eine gewisse Freizügigkeit, genug Platz und genügend Zeit. Mir war es immer wichtig, mit den vier Kindern nicht in einer zu kleinen Wohnung zu hausen. Und mein Luxus ist die Zeit, die ich zur freien Verfügung habe.