Wie hast Du das „P8“-Konzert hinter den Kulissen erlebt?

Für mich persönlich war es interessant mit vielen Leuten reden zu können, die die Proteste rund um den G8–Gipfel entweder mitorganisiert haben, wie Mitarbeiter von Attac, oder filmisch dokumentierten, wie unsere alten Freunde Wim Wenders und Ralf Schmerberg. Ralf Schmerberg hat ja mehrere Video-Clips für uns gedreht, u.a. zu „Pushed Again“, jetzt war er für sein Projekt „Dropping Knowledge“ unterwegs. Von denen habe ich vieles erfahren, worüber in den Medien nicht berichtet wurde. Und natürlich hat es Spaß gemacht, mit der Band endlich mal wieder auf der Bühne zu stehen, auch wenn es nur für eine Viertelstunde war.

Wie unterschied sich das Konzert von anderen Festivals?

Der Unterschied war, dass dieses Festival als Demonstration unter der Überschrift „Deine Stimme gegen Armut“ stattfand. Deswegen standen nicht die Bands im Mittelpunkt, sondern das Thema, um das es an diesem Tag ging. Jede Band hatte nur 10 bis 15 Minuten Spielzeit, es waren auch viele Bands aus afrikanischen Ländern dabei und zwischendurch bekamen Redner wie der Nobelpreisträger Muhammad Yunus die Gelegenheit, noch einmal auszusprechen, worum es bei den Protesten eigentlich ging. Als Teil der tagelangen Demonstrationen fand ich es eine gelungene Sache. Es waren noch einmal 70.000 Leute gekommen, im Fernsehen wurde darüber berichtet und damit die Idee dahinter weiter transportiert. Von der Musik her war es auch interessant, weil man in kurzer Zeit völlig unterschiedliche Bands sehen konnte, darunter auch viele afrikanische Künstler, die teilweise noch nie bei uns aufgetreten sind.

Wonach habt Ihr die Stücke ausgewählt, die Ihr in Rostock gespielt habt?

Einige Zeit vor dem Festival hatte Campino Bob Geldof getroffen, der ihm vorschlug, zwei Lieder zusammen zu spielen: „What's So Funny 'bout Peace, Love and Understanding“ von Elvis Costello und „All You Need Is Love“ von den Beatles. Die Zeit, die wir für uns zur Verfügung hatten, wollten wir möglichst gut auszunutzen, deswegen haben wir ein Medley zusammengestellt von „Wünsch Dir Was“ über „1000 gute Gründe“ und „Liebeslied“ bis „Steh Auf“. Zusätzlich haben wir das Lied „Jürgen Engler gibt 'ne Party“ von unserer ersten Single etwas umgedichtet. Dem Anlass entsprechend hieß es diesmal: „Angela Merkel gibt 'ne Party – und wir kommen nicht rein“.

Die G8-Staaten haben zum Ende des Gipfels angekündigt, dass sie 60 Milliarden Dollar zur Bekämpfung von Krankheiten in Afrika ausgeben wollen. Bist Du mit dem Ergebnis des Gipfels zufrieden?

Das so genannte Ergebnis ist ein Witz. Die G8-Staaten haben bis jetzt nicht einmal die Versprechen von dem vorhergehenden Gipfel vor zwei Jahren in Gleneagles eingelöst, auch Deutschland nicht. Die ganze Veranstaltung ist als absolute Farce enttarnt worden. Was in Heiligendamm „beschlossen“ worden ist, sind nur Absichtserklärungen ohne festen Zeitrahmen. Die Politiker hätten genauso gut darüber reden können, ob in den nächsten Jahren öfter die Sonne scheint oder es mehr regnet.

Hat sich das „P8“- Konzert rückblickend gar nicht gelohnt?

Im Gegenteil: Die Proteste gegen den G8-Gipfel haben sich total gelohnt. Es ist ein Unding, dass sich die Regierungschefs von acht Staaten anmaßen, die Angelegenheiten der ganzen Welt regeln zu wollen – vom Handelsrecht über Patentrechte bis zur Entwicklungsarbeit. Die Betroffenen selbst werden, wenn überhaupt, nur pro forma eingeladen, ohne Gehör zu finden oder gar mitreden zu dürfen. Durch die Proteste ist deutlich geworden, dass die Staatschefs nicht mal die Meinung ihrer eigenen Bevölkerungen repräsentieren, geschweige denn die der Völker aller von ihren Beschlüssen betroffenen Staaten. Natürlich wäre es viel besser gewesen, wenn es trotzdem brauchbare Ergebnisse gegeben hätte. Dass dies nicht der Fall war, ist aber kein Grund zu resignieren, man muss geduldig und hartnäckig am Ball bleiben.

Ihr seid im Frühjahr zwei Wochen durch Afrika gereist. Was sind die dringendsten Probleme des ärmsten Kontinents?

Es geht für den größten Teil der Menschen in Afrika immer noch darum, Zugang zu sauberem Wasser zu bekommen, zu ausreichender Ernährung, zu Schulbildung und zu ausreichender medizinischer Versorgung. Erst dann kann eine Entwicklung überhaupt stattfinden. Die Konzepte und Ideen für sinnvolle Entwicklungshilfe sind längst vorhanden. Es fehlt am Geld und an der Qualität mancher Regierungsorganisationen, bei uns wie in Afrika, das auch umzusetzen. Deswegen heißt die Forderung ja auch: mehr und bessere Entwicklungshilfe.

Kannst Du ein Beispiel für die Auswirkungen bestimmter Maßnahmen geben?

Durch den Schuldenerlass für Sambia konnten die Schulgebühren abgeschafft werden, wodurch jetzt alle Kinder zur Schule gehen können.

Breiti

Ebenso ist es möglich geworden, zusätzlich 7000 Lehrer auszubilden, um den Ansturm zu bewältigen. Auf der anderen Seite hat die Weltbank einen Teil des Schuldenerlasses an die Bedingung geknüpft, die staatlichen Kupferminen zu privatisieren. Dadurch haben Zehntausende ihre Arbeit verloren. Die Auswirkungen für das ganze Land sind katastrophal.

Was muss also sonst noch geschehen?

Zum Beispiel müssen dringend die Regeln für den Welthandel geändert werden. Die Industrieländer zwingen die Entwicklungsländer, dass sie ihre Märkte für unsere Produkte öffnen, da angeblich nur der „freie Markt“ wirkliche Entwicklung ermöglichen würde. Dies ist eine beispiellose Heuchelei, denn die Industrieländer halten sich in keiner Weise selber daran. In Ghana sind 400.000 Geflügelzüchter arbeitslos geworden, weil dort hochsubventioniertes Tiefkühl-Hähnchen aus Europa verkauft wird. Durch die Subventionen zu einem Preis, mit dem auf dem „freien Markt“ niemand konkurrieren kann, nicht einmal bei relativ niedrigen Produktionskosten in Ghana.

Wie ist der Handel im umgekehrten Fall geregelt?

Umgekehrt dürfen afrikanische Länder ihre Produkte bei uns aber gar nicht verkaufen. Bangladesh muss beispielsweise bei Exporten im Wert von 3,5 Milliarden Dollar in die USA eine halbe Milliarde an Einfuhrzöllen bezahlen. Großbritannien bezahlt bei Exporten im Wert von 59 Milliarden Dollar aber auch nur eine halbe Milliarde Dollar an Zöllen. Das ist eine extreme Benachteiligung! Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass Medikamente, z.B. zur Behandlung von HIV/Aids oder Malaria, in Afrika billiger angeboten werden können als in den Industrieländern. Nur so ist eine flächendeckende Behandlung irgendwann zu erreichen.

Haben die Menschen in Afrika und in Europa oder den USA also genau entgegen gesetzte Interessen?

Man denkt das immer, aber in Wirklichkeit ist es gar nicht so. Während unserer Reise durch Afrika war ich im Gegenteil überrascht, wie sehr sich viele Interessen hier wie dort überschneiden. Die Minenarbeiter, die in Sambia in Massen ihre Arbeit verloren haben, sitzen im selben Boot wie das Heer der Arbeitslosen in den Industrieländern. Für alle zusammen ist es wichtig, dass nationale Regierungen gegenüber den großen internationalen Konzernen wieder handlungsfähig und weniger erpressbar werden, dass Arbeitnehmer in Gelsenkirchen nicht gegen die in Polen oder Indonesien ausgespielt werden können. Oder Stichwort Korruption: Die Organisation, die wir in Sambia besucht haben, die akribisch nachverfolgt, welche Gelder die Regierung von Sambia einnimmt und wie diese ausgegeben werden, hat dasselbe Interesse an der Bekämpfung von Korruption, wie jeder Wähler und Steuerzahler in Deutschland.

In Sachen Korruption kann die Bundesrepublik längst mit einigen afrikanischen Ländern mithalten…

Es ist doch peinlich, dass die Bundesregierung von anderen Ländern Maßnahmen zur Korruptionsbekämpfung fordert, aber der Bundestag die Antikorruptionskonvention der Vereinten Nationen nicht ratifizieren kann. Der Grund: Dazu müssten die Gesetze zur Abgeordnetenbestechung geändert werden, wozu unsere Herren Volksvertreter leider nicht bereit sind. Diverse Parteispendenskandale hier bei uns haben wir ja auch noch in bester Erinnerung und wie in der deutschen Wirtschaft auf höchster Management-Ebene gearbeitet und gefeiert wird, kann man jeden Tag in der Zeitung lesen. VW lässt grüßen. Ich finde, es heißt nicht „Wir oder die“, sondern Menschen auf der ganzen Welt, die dieselben Interessen haben, sollten sich, wo immer möglich, zusammentun, um Veränderungen zu erreichen. Aber das passiert ja auch vielfach.

Wie können diejenigen, die während des G8-Gipfels auf die Probleme in Afrika aufmerksam geworden sind, weiterhin auf dem Laufenden bleiben?

Es gibt jede Menge Informationsquellen, z.B. die Internetseiten von Attac, Oxfam oder Pro Asyl. Letztere berichten ja auch über die Ursachen, die Menschen zwingen, ihre Heimat zu verlassen. Man kann auch bei amnesty international nachschauen, bei Ärzte ohne Grenzen, Greenpeace oder Human Rights Watch. Eine weitere Möglichkeit wäre die Organisation Data, die von Bono mitgegründet worden ist, um den Prozess der Entwicklungshilfe zu dokumentieren. Data klärt die Frage: Was tun die einzelnen Industrieländer, und vor allem, was tun sie nicht? Außerdem kann man sich auf der Seite von „Deine Stimme gegen Armut“ informieren oder bei dem oben schon erwähnten Projekt „Dropping Knowledge“. Aber das sind nur ein paar Beispiele, wer anfängt zu suchen, findet natürlich noch viel mehr.

Pünktlich vor dem G8-Gipfel in Heiligendamm sind Campino, Andi und Breiti durch das Herz des ärmsten Kontinents gereist.

Indem sie ihre Marktmacht missbrauchen und den Produzenten ruinöse Preise diktieren.

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