Enrique Chalar, besser bekannt als „Pil“, ist der Sänger der legendären argentinischen Bands Los Violadores und Pilsen. Mit beiden Bands haben wir in den letzten dreißig Jahren oft gespielt. Mit Pil verbindet uns eine jahrzehntelange, besondere Freundschaft.

Pil ist vielleicht der wichtigste Wegbereiter des Punk in Argentinien. Und ohne ihn hätte es unsere wunderbare Geschichte mit diesem Land so nie gegeben.

Welchen Gefahren er als Punk und Sänger einer Band in den Zeiten der Militärdiktatur ausgesetzt war, wie es dazu kam, dass er unsere Musik in Argentinien bekannt machte, die Geschichte seiner Bands und vieles mehr erzählt er in diesem Interview, mit dem man tief in die jüngere Musik-Geschichte und Sub-Kultur Argentiniens eintauchen kann.

Am Ende des Interviews findet ihr eine kleine Zeittafel zur besseren Orientierung.

(Die in Klammern gesetzten, hochgestellten Anmerkungen im Verlauf des Interviews sind Anmerkungen des Übersetzers.)

Warum und seit wann nennt man dich Pil?

Im Januar 1981 ging ich zu einer Show der Los Violadores. Sie waren ein Trio, dass sich kurz zuvor gegründet hatte. Am Ende waren wir alle betrunken, ich fiel in eine Baugrube, in der sie Gas- oder Wasserrohre reparierten, und ich trug eine Jacke der Band Public Image Ltd. Sie kannten mich kaum und wussten nicht, wie ich heiße, und seitdem blieb ich „Pil“. Kurz danach trat ich der Band bei, im Februar. Als Boca gegen Talleres de Córdoba spielte, an dem Tag als Maradona sein Debut für Boca gab, (22.2.1981, Boca Juniors – Talleres 4-1, zwei Tore von Maradona) ich weiß nicht mehr, ob mein erstes Konzert an diesem Tag oder eine Woche später war. Zu der Zeit war auch Queen auf Tour in Argentinien.

Wie war dein Leben vor der Rockmusik?

Ich kam aus der unteren Mittelklasse, der Arbeiterklasse. Als Kind hatte ich es großartig: Mit Autos spielen, mit Scalextric, die Spiele zu meiner Zeit. Ich habe schöne Erinnerungen an meine Kindheit. Du weißt, dass dich die Psychologen nach Dingen in deiner Kindheit suchen lassen, die dir nicht gefallen? Aber ich finde keine! Vielleicht habe ich sie auch schon verdrängt. Mein Vater arbeitete in der Automobilindustrie, im Glassektor, in San Martín, in der Zona Norte des Großraums Buenos Aires. Und meine Mutter war Hausfrau und Schneiderin, nicht draußen, sondern für die Familie. Ich hatte keine Einschränkungen zu Hause, ich machte, was ich wollte. Ich hatte meinen Fernseher, meine Sachen. Von klein auf begann ich schon, meine eigenen Enzyklopädien und Bücher zu haben, unabhängig von meinen Eltern. Nicht unabhängig in dem Sinne auszuziehen, aber unabhängig von dem, was sie machten. Sie waren informiert, aber nicht kulturell interessiert, und ich versenkte mich total in der Kultur, so dass ich anfing, sie so zu sehen „Ok, sie sind informiert, sie wissen was los ist. Aber…“. Und ich suchte mir andere Leute zum Reden, um nicht mit ihnen aneinander zu geraten. Mit meinen Eltern redete ich über alltägliche Sachen.

„Ich wollte Musiker sein, aber ich hatte nicht die Fähigkeiten dazu. Punk war für Leute, die nichts konnten, und ich konnte nichts!“

Pil

Pil, als er noch nicht Pil war: Enrique Chalar während seiner Schulzeit, 1969/70

Copyright colección privada Pil

Wie hast du Punk Rock entdeckt und wie veränderte das dein Leben?

Im Dezember 1976 schrieb das argentinische Magazin „Pelo“, dass Punk eine eigene und aggressive Musik sei, mit Namen wie Sex Pistols oder Clash in England oder Ramones in New York. Alles klar! Ich wollte Musiker sein, aber ich hatte nicht die Fähigkeiten dazu. Punk war für Leute, die nichts konnten, und ich konnte nichts! Ich fühlte mich als Teil davon. Wir waren in der schlimmsten Zeit der Diktatur. Es waren acht, neun Monate der schlimmsten Militärdiktatur, sehr gewalttätig. Ich sagte: „Irgendwann werden Typen wie diese Punks hier aufkreuzen“. Und 1978 erfuhr ich, dass „Los Testículos“ (Vorläuferband der „Los Violadores“) aufgetaucht waren… Ich war schon dabei gewesen, Leute zu suchen, mit denen ich so etwas auf die Beine stellen konnte.

Wie war es in dieser Zeit, Punk zu sein?

Die Gesellschaft lehnte dich ab, die Leute sahen dich als Übel, eine verklemmte und unterdrückte Gesellschaft. Das Outfit erregte Aufmerksamkeit, du gingst vorbei und alle drehten sich um. Das störte mich nicht, aber die Polizei drehte sich nicht um: die suchten dich, die fragten dich aus, die machten Verhöre, die verhafteten dich, die schlugen dich. Es war furchtbar. Einmal fuhr ich in die Stadt um Klamotten zu kaufen, und ich endete drei Tage lang gefangen in einer Arrestzelle mit 70 anderen Personen, ich musste einfach gegen die Wand pissen, wo ich stand, so eng war es, und sie ließen dich mit niemandem Kontakt aufnehmen. Mein Vater musste ganz allein herausfinden, wo ich war, dann kam ich raus, weil sie deine Vorstrafen überprüften. Sie ließen dich mit Absicht dort, mit Leuten aus allen sozialen Umfeldern, vor allem Mittel- und Unterschicht, aber ich erinnere mich auch, dass sie in einer Nacht Leute von Orten wie dem „Mau Mau“ brachten, der großen Schicki-Disko zu dieser Zeit. In einer Nacht schlugen eine Menge Leute aus teuren, feinen Bars auf, mit Mänteln, mit teurer Kleidung.

Die Anfänge der Los Violadores: Pil und Hari B (Gitarrist und Gründer der Band), Teatro del Siglo, 11.04.1981

Copyright colección privada Pedro Braun

Welche wirklichen Gefahren bestanden für dich persönlich und mit der Band?

Es gab andauernd Verhaftungen. Wir verteilten Flyer auf der Straße und sie trennten uns, um Widersprüche zwischen uns zu finden. „Woher kennt ihr diese Violadores, wer sind die?“, fragten sie uns. Und wir sagten: „Keine Ahnung, die Band Los Violadores sind Leute, die uns bezahlen, für ein bisschen Geld machen wir das…“. Die schlimmste Erfahrung waren für mich die Verhaftungen. Eine legendäre Show 1981 in der Universidad de Belgrano war am übelsten: Wir wurden verhaftet, eingesperrt, geschlagen; ein Richter kam durch Zufall vorbei, sah was los war und ging dazwischen. Ich weiß nicht, was sonst passiert wäre. Ein gutes Viertel wie Belgrano mitten in der Hauptstadt war zu öffentlich, irgendwo anders ohne diesen Richter wäre es uns wahrscheinlich viel übler ergangen.

Sie bedrohten uns mit dem Tod, sie hielten uns die ganzen frühen Morgenstunden in der Kälte eines Innenhofs fest, und am meisten prügelten sie auf mich ein, weil ich der Sänger war und sie wissen wollten, was ich sang. Aber es hatte auch seinen Nutzen. Es verschaffte uns einen Schutzschild, es gab uns zusätzliche Kraft, um weiter zu machen.

So ging das die ganze Zeit, bis die Militärs die Macht abgaben. Und das Jahr 1983, das letzte Jahr ihrer Herrschaft, war extrem hart, als ob sie ein großes Finale geben würden, mit fortwährenden, sehr gewalttätigen Verhaftungen. Sergio Gramática (Schlagzeuger der „Violadores“) wurde in einer Woche dreimal mitgenommen. Um als Deutscher eine Idee davon zu bekommen würde ich sagen, es war vielleicht wie Ost-Berlin mit einer noch gewalttätigeren Stasi, aufgeputscht durch Amphetamine.

Vor 40 Jahren wurdest du Teil der Violadores. Was sahst du in ihnen, so dass du dachtest, du seist der ideale Sänger für so eine Band?

Als ich sie zum ersten Mal sah, waren sie ein Trio, später lernte ich ihren ersten Sänger kennen, der nur bei ihrem ersten kleinen Konzert sang, er lebt jetzt in Spanien. Nachdem man mir von ihnen erzählt hatte, ging ich sie in Belgrano suchen, und als ich sie sah, war es wie: „Ah, die Punks!“. Als wir anfingen zu reden, hatten sie ein bisschen Angst, weil ich mit der Polizei aneinandergeraten war. Ich war betrunken, war verhaftet worden und hatte die Polizisten beschimpft, die mir deswegen Prügel verpasst hatten. Daher sahen die Violadores mich als gefährlichen, aber interessanten Typen. Ich war noch ein Junge, ich war erst 19 Jahre alt. Ich ging zu einer ihrer Proben, als sie ein Trio waren, und begann, mir die Texte zu merken. Ich sagte: „Ich muss in dieser Band dabei sein!“. Ich hatte das Lied „Represión“ mit einer anderen Band geschrieben, die mehr eine Art Rockabilly spielten, und dieses Lied interessierte die Violadores sehr. Eines Tages forderten sie mich auf, mitzumachen, und genau darauf hatte ich gehofft. Ich machte die Band komplett. Früher waren sie ein Trio gewesen, mit der Aufnahme von Stuka (Gitarrist) änderte sich das Image, weil er von seiner Kleidung her eher ein Gefühl in der Art von The Police vermittelte. Das Image von Hari B (ebenfalls Gitarrist) war sehr hart, er war der Prägendste für das Image der Band. Und Gramática war ein Typ, der wie die Ramones spielte und immer noch so spielt, genau wie Tommy. Als ich dazukam, vervollständigte ich das Ganze, weil mein Image und mein Auftreten auch hart war.

Erkläre bitte den Ursprung des Namens Los Violadores. (Die Vergewaltiger, die Übertreter des Gesetzes) Welche Bedeutung hatte er in der Zeit der Militärdiktatur?

Der Name hat nichts mit einer Vergewaltigung als sexuellem Angriff zu tun; es geht um die Vergewaltigung des Rechts. Der Name Violadores während der Militärdiktatur war genau das: Vergewaltigung der Verfassung, der argentinischen Magna Charta, hin zu einem Staat der de facto das Ergebnis eines Staatsstreichs war. Für das erste Album schrieb ich ein Lied mit dem Titel „Violadores de la ley“ („Vergewaltiger des Gesetzes“), das vor kurzem auf der vierten LP erschienen ist, und wo ich klar mache, dass der Name mit der Verletzung des Gesetzes zu tun hat.

In 40 Jahren hattest du die Möglichkeit, mit vielen deiner musikalischen Helden zu spielen und aufzunehmen…

Steve Jones (Gitarrist der „Sex Pistols“) produzierte das zweite Album von Pilsen (die Nachfolgeband der „Los Violadores“) und war etwa 20 Tage in Buenos Aires. Er war in einer Phase der Entgiftung von Heroin und ich hatte ein Alkoholproblem, die Band waren sehr junge Typen und er sagte, es käme ihm wie ein Kindergarten vor.

Die Produktion interessierte ihn nicht besonders, er vertrieb sich eher die Zeit, aber wenn es an der Studiotür klingelte, stand er auf und sagte „Die sind von Sony! Sony!“. Dann tat er so, als ob er arbeitete und ging ans Mischpult, weil die Plattenfirma kam. Wenn er sah, dass ihm irgendetwas nicht passte oder zu lange dauerte, dann haute er ab. Aber er trank keinen Tropfen Alkohol und aß makrobiotisches, hinduistisches Essen. Wenn ihm ein Lied nicht gefiel, machte er sich allerdings daran, Schlagzeug, Bass und Gitarre aufzunehmen. Er griff nach den Instrumenten und nahm sie auf. Ein Lied machte nur er alleine, sogar die Chöre. Danach rief er Paul Cook (Schlagzeuger der „Sex Pistols“) an, spielte es ihm vor und der sagte ihm „Spiel es schneller!“. Solche Sachen sind schöne Erinnerungen…

Welches Lied war das?

„Ivan fue un comunista“, die schnelle Version. Mit Ronald Biggs (legendärer britischer Posträuber) nahmen wir für das erste Pilsen-Album in Rio de Janeiro auf, das ging schneller: Besäufnis, gute Zeit, Fest zum dreißigsten Jahrestag des Postraubs, Leute aus der ganzen Welt, totales Chaos, Rio de Janeiro-mäßiges Chaos, oder europäisch-Rio-mäßig. Mit TV Smith ging es auch schnell, in einer wunderbaren Zusammenarbeit nahmen wir „Immortal Rich“ auf, das wir bald danach zusammen live in Deutschland spielten. Duncan Reid (Bassist & Sänger von „The Boys“) nahm eine Stimme für ein Intro von einem Song auf, inspiriert von einer Erzählung von J.G. Ballard. UK Subs nahmen „The Wild Rover“ auf. Aber Sony verschluderte die Bänder! Für mich ist es etwas Unerledigtes, etwas zusammen mit Bands zu machen, die ich bewundere, wie Stiff Little Fingers, The Waterboys oder New Model Army.

Wie fühlst du dich als der wichtigste Vertreter des Punk in Argentinien?

Das macht mich stolz. Ich komme aus der ersten Band einer Generation, die nicht wie die Ramones war. Und der Punk in Argentinien ist Ramones pur. Unser Ding waren immer eher die Sex Pistols und The Clash. Ich bin jedenfalls glücklich, Pionier zu sein, auch wenn man seinen Preis bezahlt. Den Preis, dass du dich für das Ganze opfern musst, du bereitest den Weg und danach übernimmt jemand anderes. Ich bin Wegbereiter, aber nach mir kamen viel mehr Leute.

Es gab eine andere kulturelle Ernsthaftigkeit in dieser ersten Generation des Punk, eine kulturelle Disziplin; deshalb handelten die ersten Lieder von Geopolitik, wie „Totaler Krieg“, etwas, was spätere Bands nicht haben.

Es gibt Bands, die singen von ihrem Wohnviertel, von Liebe, vom Typen, der gefangengenommen wurde und abhaute. Sie singen schlichtere Sachen, direkter, mehr von Herzen, was mir vielleicht nicht so gelingt. In vielen Fällen erreichen sie mehr Leute, weil sie eher alltägliche Erlebnisse behandeln. Ich bin komplizierter beim Komponieren.

Wie, wann und durch wen hast du die Hosen kennengelernt?

Ende 1988 kam ein Deutscher, um die Violadores zu sehen. Er hieß Michael Reichel und arbeitete für die Deutsche Bank in Buenos Aires. Eines Tages gab er mir ein paar Kassetten. Die erste war „Opel Gang“ und ich mochte sie nicht besonders. Es war eine deutsche Band, an der ich nichts Neues entdeckte. Nach einer Weile gab er mir „Ein kleines bisschen Horrorschau“ und das weckte ganz anders mein Interesse. Ich ging zu ihm nach Hause und da es gab nicht nur Kassetten, er gab mir auch Videos und ab da gefiel mir die Band, weil ich einen Wahnsinn und ein geniales Chaos sah. Punk war formell: Die Lederjacken der Ramones, die Militärhosen der Clash. Und diese Typen waren deutsch und zogen sich wie die englischen Glamrock-Bands der 70er an, etwas, das zum Punk passte und auch wieder gar nicht passte. Die Toten Hosen waren merkwürdig: geblümte Hemden und voller Farben. Diese Sachen sah man sonst nicht bei einer Punkband. Und dann hatte ich CD´s und wir begannen mit der Verbreitung.

”Punk war formell: Die Lederjacken der Ramones, die Militärhosen der Clash. Und diese Typen waren deutsch und zogen sich wie die englischen Glamrock-Bands der 70er an, etwas, das zum Punk passte und auch wieder gar nicht passte.“

Kanntest du schon irgendwelche deutsche Musik?

Extrabreit, Nena, Kraftwerk. Auch Krautrock und progressive Bands wie Triumvirat. Irgendetwas ging immer mit den Deutschen hier, weil einige zu den Shows der Violadores kamen, schon 1981. Sie gaben uns Kassetten, wir freundeten uns an und wir lernten andere Bands kennen. Sie hatten Zugang zu Dingen, die für uns unerreichbar waren.

Was waren deine Methoden Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre um die Musik der Hosen zu verbreiten, als sie in Argentinien eine unbekannte Band waren und du der hauptsächliche Botschafter?

Ich machte mich daran, eine „Hosen-Kampagne“ ins Leben zu rufen. Ich sagte: „Wir müssen mit ihnen in Argentinien und in Deutschland spielen!“. Für mich waren sie eine Band, die es verdient hatte, bekannt zu sein. Die Ramones mochte man, weil sie diesen Stil haben, der sehr besonders für sie ist. Und die Hosen waren für mich auch sehr besonders. Es gibt wenige Bands, deren Musiker man alle aufzählen kann. Die Clash sind eine, die Pistols sind eine andere, auch die Ramones, obwohl es bei ihnen einige Wechsel gab. Aber die Hosen sind auch eine Band, bei der du alle Mitglieder aufsagen kannst, wie die Aufstellung beim Fußball, denn außer den Schlagzeugern waren sie immer dieselben. Ich fing an, in Interviews über sie zu reden.

Ich weiß noch, einmal ging ich in eine Diskothek und nahm das erste „Rote Rosen“-Album mit und ich wollte, dass sie „Cinderella Baby“ spielen, aber sie legten „Itsy Bitsy“ auf - das mit dem Bikini - und die Leute hörten automatisch auf zu tanzen. Und ich sagte „Uff, Mist, was für ein miserabler Eindruck!“. Ha!

Pil (von hinten), Alejandro Nagy und Ruso Verea, Radiostudio FM Rock & Pop, 1991

Ein anderes Mal ging ich mit Michael zum Radio, in die Sendung FM Rock & Pop mit Ruso Verea. Um etwas her zu machen, sagte ich, Michael würde für die Hosen arbeiten. In Wirklichkeit war er Buchhalter bei der Deutschen Bank, aber wir sagten, er sei der Buchhalter der Band. Wir fingen an zu erzählen und wir waren zwei Stunden im Programm, und so fing es an zu laufen.

Vor unseren Shows spielten wir Kassetten oder CD´s von ihnen. Michael brachte mir T-Shirts aus Deutschland mit. Die Hosen fingen schon an, uns Material zu schicken, um es zu verteilen. Ich weiß auch, dass die Hosen in einer Diskothek in Berlin, der „Rockfabrik“, unsere Platte „Mercado Indio“ auflegten. Die hatte ihnen Michael mitgebracht, damit sie etwas aus Argentinien kennenlernten.

Wie wichtig war Ruso Verea (legendärer argentinischer Radiomoderator) und die Sendung Heavy Rock & Pop für die Verbreitung von Punk und Metal und von Bands wie den Ramones und den Hosen?

Für Punk und Metal steht Ruso Verea ohne Zweifel über allen anderen. Davor gab es ein Programm, das sich „Cuero Pesado“ nannte, auf FM, so um 1984. Aber La Heavy, wie wir die Sendung nannten, war fundamental für die Verbreitung und um zu erreichen, dass so viele Bands kamen. Alle Konzerte von den Ramones bis Black Sabbath und woran man nur denken kann, fanden nur wegen ihnen statt. Die Sendung war auch für die Hosen ganz wichtig, weil wir ihnen immer viele CD´s gaben, die sie aber auch immer spielten. Du hörtest Heavy Rock & Pop und sie sagten „Los Titos de Once“ (Los Titos = ein Spitzname, Once = Stadtteil von Buenos Aires) weil es sich ähnlich anhörte wie „Dai Toten Ousen“. Sie benutzten eine argentinische Redewendung, um dem Namen etwas Lustiges zu geben, und den Leuten gefiel das. Sie öffneten ihnen die Tür und dann kümmerte sich schon der ganze Apparat des Radio-Produzenten Daniel Grinbank darum. Als das zweite Hosen-Konzert anstand, Obras 1994, waren schon die Leute von Rock & Pop mit drin, und es war schon anders. Beim ersten Konzert waren wir - Michael, Esteban und ich – noch alleine gewesen. Alles, was danach kam, war der Verdienst der Band, alles, was sie in Argentinien erreichten, zusammen mit den Ramones im River Plate Stadion zu spielen. Wir gaben ihnen den ersten Anstoß, aber alles, was danach kam, ist das Produkt ihrer Arbeit.

Wie wurde ihr erstes Konzert im Halley 1992 organisiert und warum spieltest du mit Pilsen und nicht mit den Violadores?

Los Violadores hatten sich kurz vorher getrennt. Das Projekt hätte eigentlich mit den Violadores sein sollen, aber die Band löste sich auf dem Weg dahin auf. Das Konzert wurde von Michael mit der Unterstützung von Esteban Cavanna (Manager u.a. der Violadores, Konzertorganisator, Autor einiger Bandbiografien) organisiert, und ich trug auch etwas bei. Wir legten Pilsen dafür sogar für vier Monate still. Als Steve Jones mit seinem damaligen Projekt Fantasy 7 kam, spielten wir nicht mit ihnen, weil wir uns das erste Konzert nach den Violadores für das Debüt der Hosen aufheben wollten. Und so kam es: 11. September 1992. Wir mussten Lieder der Violadores spielen, weil wir das Pilsen-Album nicht komplett hatten. Das Album wurde erst später fertig und die Hosen spielten auch bei zwei Liedern mit: „Caramba, carajo ein Whiskey“ und „Ella saltó por la ventana“.

An was erinnerst du dich bei dem Konzert besonders?

Das Konzert war heiß. Als erstes sah ich Campino in seinen fleckigen Hosen. Wir trafen uns in der Galería Los Andes in Belgrano, in einem Pub, und ich sagte zu ihm „Hallo Kollege“. Das war ein deutsches Wort, das ich von einem der Videos aufgeschnappt hatte, die ich von ihnen gesehen hatte. Ab da bepissten wir uns vor Lachen. Trinken, trinken und mehr trinken. Danach fuhren wir ins Hotel an der Avenida Corrientes und tranken einen Tee mit Andi. Ich erinnere mich, dass sie mit ihrem Soundmann da waren, mit ihrem Roadie Bollock und Kiki war auch da… Von dem Konzerttag weiß ich noch, dass sehr spät gespielt wurde und dass wir in derselben Garderobe waren. Bei der Show machte ich bei „Hier kommt Alex“ einfach mit, um mit Campino die Chöre zu singen, aus purem Übermut. Das Konzert beeindruckte mich, sie spielten viele Lieder auf Englisch, damit das Publikum sie verstehen konnte, und weil sie noch ihr Album präsentierten, „Learning English – Lesson One“. Es war sehr überzeugend. Ich habe es mir von der Seite der Bühne aus angesehen, deswegen weiß ich nicht, wie es sich für das Publikum anhörte, sondern nur, wie es aus den Sidefills und den Monitoren klang.

Aber ich weiß noch, dass es eine sehr durchgedrehte Show war. Am nächsten Tag erzählten sie mir, dass an der Decke, wo Campino an einer Röhre herumgeklettert war, zwei Rohre waren, und nur eines davon war in Ordnung. Wenn er sich an der anderen Röhre festgehalten hätte, wäre das ein Sturz aus 10, 12 Metern gewesen - was daraus hätte werden können!

Pil zusammen mit Campino während der ersten Show der Toten Hosen in Argentinien, Halley Rock Club, Buenos Aires , 11.09.1992

Foto Andres Violante; andresviolante.com.ar; facebook/afviolante; instagram/afviolante

1985 veröffentlichten die Violadores „Uno, Dos ultraviolento“. Die Hosen kamen drei Jahre später mit „Hier kommt Alex“. Was für ein Zufall, zwei große Hits über „Uhrwerk Orange“. Welche anderen Übereinstimmungen fallen dir zwischen deiner und ihrer Laufbahn auf?

Wir sind mehr oder weniger im gleichen Alter, wir hörten dieselben Bands. Die Hosen darüber hinaus vielleicht auch den britischen Punk, der nicht so sehr bis nach Argentinien kam: Johnny Moped oder Undertones, aber sonst waren es dieselben Gruppen: Ramones, Pistols, The Clash, UK Subs, Sham 69. Wir sind aus derselben Zeit und wir erlebten die gleichen Dinge. Darum ist „Uhrwerk Orange“, das Buch von Anthony Burgess, fundamental, und auch die Verfilmung von Stanley Kubrick. Wir haben es auf beiden Seiten des Atlantiks gelesen und gesehen, im Norden Europas und im Süden Südamerikas. Es gibt vielleicht zwei verschiedene Konzepte in den Liedern, weil „Alex“ mehr von der menschlichen Programmierung handelt und bei den Violadores ist es mehr „Wir wollen nicht, dass sie uns transformieren“, weil das Ende von „Clockwork Orange“ so ist. Eine Orange kann nicht mechanisch sein, sie hat einzig und allein die Mechanik der Natur, sie kann keine Apparatur sein. Das englische Wort „Clockwork“ ist „Uhrwerk“, ein lebloses Ding, das durch das Schaffen des Menschen existiert und niemals eine Orange sein kann. Die Hosen und die Violadores haben beide den Dreh in der Gegensätzlichkeit des Titels „Uhrwerk Orange“ entdeckt und wir haben eine Welt gesehen wie die heutige, mit programmierten Menschen.

“Uno Dos Ultraviolento” (2009) Die Toten Hosen Version vom Original der Los Violadores von 1985

2013 luden dich die Hosen ein, mit ihnen in Deutschland zu spielen. Wie erinnerst du dich an diese Reise?

Es waren drei Konzerte, bei denen sie uns die ganze Zeit unglaublich gut behandelt haben. Zusammenzuspielen und Bob Geldof kennenzulernen. Dinge zu sehen, die ich bis dahin nur von Fotos kannte, wie das, was wir von Berlin sehen konnten, obwohl wir weniger als einen Tag dort waren, es ist eine superschöne Stadt. An einem so unglaublichen Ort zu spielen wie Ferropolis, eine ehemalige Stahlfabrik, in einen Ort für Konzerte umgebaut, mitten auf einer Insel. Die Hauptstadt des Bauhaus kennenzulernen. Mit der Straßenbahn durch Düsseldorf zu fahren und die Spaziergänge am Rhein. Frankfurt und das Wirtschaftszentrum Europas kennenzulernen. Bonn zu sehen, eine schöne Stadt, beeindruckend das Museum im Geburtshaus Beethovens. In der Schule hatte ich gelesen „Geboren in Bonn 1770“ und ich war bis dorthin gekommen, das war super. Michael Reichel wiederzutreffen in einem komplett deutschen Dorf, wo alle Deutsch sprachen und fast niemand Englisch. Dieses hintergründige und intensive Deutschland, außerhalb der kosmopolitischen Städte mit Menschen aus der ganzen Welt, hat mich beeindruckt. Wir hoffen, das zu wiederholen. 2022 Jungs: Neues Album, neue Tour, neue Einladungen!

Backstage Gap! Mar del Plata, 13.09.2012

Foto Carla Meurer

Nachdem du Shows der Toten Hosen in Deutschland gesehen hast, welche Unterschiede sind dir zwischen den Konzerten dort und in Argentinien aufgefallen?

Von Seiten der Band sind die Shows genau gleich. Es ist immer derselbe Wahnsinn, derselbe Einsatz der Band, sie geben immer alles. Das argentinische Publikum geht mit Sicherheit mehr ab. Der Unterschied ist, dass in Deutschland 99% der Leute verstehen, wovon die Hosen singen, und in Argentinien haben mit Glück 10% über die Texte gelesen oder verstehen etwas von der Sprache. Die anderen 90% summen oder murmeln etwas, aber lassen sich mehr von der Musik mitnehmen.

Welches sind deine Lieblingsanekdoten unter den vielen Erlebnisse mit ihnen?

Ich erinnere mich sehr an Wölli, mit dem ich immer superstarke Camel geraucht habe. Ebenso an einen Besuch von Breiti bei mir zu Hause, als wir eine ganze Flasche Whiskey getrunken haben und ein paar Fans vorbeikamen. 1997 fuhr ich zu ihrem Konzert in Rosario, wir redeten kurz vor dem Auftritt und sie fragten mich, welches Lied ich singen wollte? „Bommerlunder“! Und ich sang es einfach aus Begeisterung. Ich hatte es mit Pilsen aufgenommen, aber ihr Tempo war anders. Dieses Konzert hat super Spaß gemacht. Ich weiß noch, dass die Hosen nicht im Hotel waren, sie blieben im Bus draußen vor dem Club und wir trafen uns da, um zu reden. Die Show im „La Rosa“ im selben Jahr war, glaube ich, das erste Mal, dass ich hinging, um sie als Band zu sehen. Davor hatte ich immer mit meinen Bands gespielt. Ich erinnere mich sehr gut an ein Abendessen mit ihnen in einem portugiesischen Restaurant in Düsseldorf und einer nicht enden wollenden Nacht bei Vom zu Hause, in der Bar, die er in seinen Keller gebaut hatte, ein wunderbares Besäufnis.

Campino und Pil beim Hosenfest, Club de Ciudad, Buenos Aires, 17.11.2018

Foto Bastian Bochinski

Reunion der Los Violadores, Luna Park, Buenos Aires, 24.06.2016 (v.l.n.r.: Polaco Zelazek, Pil, Sergio Gramática, Stuka)

Foto Ailiñ Gomez Caraballo

Du hast mit all deinen verschiedenen Projekten mit den Hosen zusammengespielt: Von 1992 bis 1994 mit den beiden Formationen von Pilsen, 2003 mit den Violadores im Luna Park, 2012 und 2013 im Estadio Malvinas und in Deutschland und 2018 mit der neuen Formation von Pilsen beim „Hosen Fest“: Wie siehst du in diesen fast dreißig Jahren die Entwicklung der Toten Hosen?

Vor allem beeindruckt mich die Entwicklung der letzten zehn Jahre, die beiden letzten Alben.

Sie kamen schon mit sehr starken Alben von „Horrorschau“ bis „Opium fürs Volk“, aber „Ballast der Republik“ und „Laune der Natur“ sind sehr gut umgesetzte Konzeptalben, von sehr großer Qualität. Im Gegensatz zu dem, was gewöhnlich den meisten Bands passiert, die irgendwann anfangen abzubauen, haben sie einen steten Anstieg der Qualität. Mir scheint, dass sie sich in den 2000ern mit „Zurück zum Glück“ und „In aller Stille“ nicht weiterentwickelt haben. Das waren ein bisschen seltsame Platten, ein Sound, der nicht sie selbst zu sein scheint. Vielleicht waren sie schon zu lange mit dem Produzenten Jon Caffery zusammen, sie waren immer zusammen gewachsen, aber ab einem bestimmten Moment blieben sie stehen. Und diese beiden letzten Alben mit Vincent Sorg, ich weiß nicht, ob sie die besten sind, weil es immer eine Frage des Geschmacks und der Zeiten ist, aber sie sind ohne Zweifel unter den besten.

En Argentina...

Foto Carla Meurer

Welches sind deine Lieblingsbücher, -filme und -platten?

Kino des Russen Andrei Tarkovski, die Filme „Stalker“ und „Die Kindheit Ivans“. Von Kubrick „Uhrwerk Orange“ und „2001: Odyssee im Weltraum“, beeindruckende Filme. John Ford, „Früchte des Zorns“, er machte sozialkritische Filme vom Feinsten, New York Post-Crack. Er ist ein Regisseur, den ich sehr bewundere und der Einzige, der 4 Oscars gewann. Großartige Szenenbilder, jede Person ist eine eigene Welt, jede Einstellung ein Gemälde. Dann die Franzosen, ich mag Truffaut und „Die 400 Schläge“.

Bücher? Herrmann Hesse. „Siddharta“ ist das schönste Buch und das, was ich am häufigsten in meinem Leben gelesen habe. Unglaublich, wie ein Typ wie Hermann Hesse so verschlossen sein kann im „Steppenwolf“ und in „Siddharta“ so offen. Seine hinduistische Weltsicht ist superschön. Von Borges „El Aleph“ und „Fiktionen“. Juan Rulfo – aus Mexiko – mit „Pedro Páramo“: Ein Buch über Geister, aber keine Gruselgeschichte, sondern über den Zustand des mexikanischen Volkes im 19. Jahrhundert, nach der Revolution, nach der Unabhängigkeit von Spanien. Dann sind da die Klassiker wie Cervantes, Flaubert, Shakespeare, Bücher wie „Madame Bovary“ und „Die göttliche Komödie“, das sind die besten Bücher der Geschichte. Da ich immer älter werde sind viele Autoren, die ich als Junge gelesen habe, schon alt, und es gibt längst Autoren, die jünger sind als ich, die ich verpasse. Deswegen begebe ich mich mehr und mehr in die Welt der Klassiker…

Bei den Platten sind es ohne Zweifel „Sergeant Pepper“, aber noch mehr „Revolver“ von den Beatles, „Never Mind the Bollocks“ und „London Calling“, „Fisherman Blues“ von den Waterboys, ohne Zweifel ein Meisterwerk, eine Verbindung von keltischer Musik mit anderen Einflüssen. Und ich sollte sagen „Go for it“ von den Stiff Little Fingers, das scheint mir eine Megaplatte zu sein, sehr speziell. Mir gefällt viel verschiedene Musik, von Ultravox bis zu den Kinks. Das Beste ist alles britisch.

Was haben die Violadores, was Pilsen nicht hat und was hat Pilsen, was die Violadores nicht haben?

Die Violadores haben eine Elastizität in der Musik, mehr rhythmisch und tanzbar und verheißungsvoll, besser, um sich zu bewegen. Pilsen ist strikter, schematischer, außer auf der letzten Platte. Ich bin der Sänger beider Bands und Los Violadores waren die beste argentinische Punkrockband, weil sie musikalisch anders waren, es gab Entwicklungen mit den Alben, die Botschaft war ziemlich interessant und engagiert, aber auch anarchisch, entstanden in einer unterdrückten Gesellschaft wie der argentinischen. Pilsen ist schon eine Band der Demokratie, total anders. Violadores sind nach vorne, aber Pilsen hat auf dem letzten Album auch diese Flughöhe und diese Texte.

Deine unvergesslichsten Momente in deiner Geschichte mit der Musik?

Ich glaube der erste schöne Moment war die erste Live-Aufnahme im Mai 1981. Der erste Ort, wo wir anfingen zu spielen, war „Le Chevalet“, ein französisches Restaurant, das sich nachts in eine Punk-Höhle verwandelte. Wir nahmen ein Konzert auf zwei Kanälen auf, das wir dieses Jahr auf Vinyl veröffentlichen.

Ein weiterer sehr dankbarer Moment war, schon mit Pilsen, nach Bolivien zu kommen, in Cochabamba zu spielen, einem Ort in großer Höhe, und die Leute den Pogo ihres Lebens tanzen zu sehen. Total großartig! Als wir in der Stierkampfarena „De Acho“ in Lima, Peru, gespielt haben; es ist die älteste Arena Amerikas – von 1776 – zwei Nächte, die uns so etwas wie ein Gefühl davon gegeben haben, was die Beatlemania war. 1992 für das Projekt Radio Olmos zu spielen. In einem Gefängnis zu spielen war für die Insassen eine sehr intensive Erfahrung. Auch Deutschland, Ferropolis.

Campino und Pil beim Hosenfest, Club de Ciudad, Buenos Aires, 17.11.2018

Foto Bastian Bochinski

Erzähle uns von den Konzerten und den Projekten mit dem Orquesta Típica Fernández Fierro und der Verschmelzung von Punk und Tango, die sie gemacht haben.

Das war super und ich werde das weiter machen. Das waren zwei Shows im Xirgu, einem klassischen, bestuhlten Theater in San Telmo. Mir hat es Spaß gemacht, mit sechs Saiteninstrumenten arbeiten zu können. Tango zu singen, a capella zu singen oder Kammermusik hätte ich mir im Leben nicht vorstellen können. Ich hatte Angst! Und es war großartig!

Pilsen haben ein neues Album, „Carne tierras y sangre“. Erzähl uns von dem Namen der Platte, den Liedern, die dir am wichtigsten sind und wer diejenigen sind, die dich bei der Band begleitet haben und begleiten.

Tucán Barauskas ist der Gitarrist, der mich auf fast allen Platten von Pilsen begleitet hat. Ich glaube er ist derjenige, mit dem ich die meisten Lieder geschrieben habe. Tomy Loiseau war es, der die Platte aufgenommen und produziert hat und tragischerweise kurz vor der Fertigstellung gestorben ist, er war schon sechs Jahre als Bassist in der Band. Tulio, der Schlagzeuger, spielt schon seit zehn Jahren mit mir. Dieses Pilsen ist schon eine etablierte Band. Es fühlt sich ein bisschen so an, wie mit dem zweiten Album der Violadores, als man gesehen hat, dass da etwas heranreift. Auf diesem Pilsen-Album wuchs auch etwas heran, aber das Leben wollte es anders, es würgte es ab. Erst war der Tod von Tomy etwas Irreparables, und danach die Pandemie, die eigentlich eine nachrangige Sache ist, aber sie schikaniert uns immer noch weiter…

Das erste Lied des Albums hat der Platte ihren Namen gegeben: „Carne tierras y sangre“. Die Idee des Liedes ist folgende: Argentinien ist ein Land der Oligarchen. Ein Land, das wirtschaftlich ein britisches Modell war und ist, in dem die Engländer Ländereien und Fleisch brauchten, Viehbestand. Also installierten sie das im Süden Südamerikas, mit Pampas, mit geeigneten Flächen, deswegen bauten sie ein Netz von Eisenbahnen, um schnell den Hafen zu erreichen. Deswegen gingen diese Tausende von Briten nach Argentinien um dort zu leben, einige als Erzieherinnen, Lehrerinnen, die eine ganze oligarchische Klasse unterrichteten, die es seitdem geblieben ist. Seit dem 19. Jahrhundert haben sie die Macht in Argentinien und wollen sich nicht von ihr lösen. Sie waren immer der Tradition der Kirche und der Armee verpflichtet. Davon handelt also dieses erste Lied.

„Carne tierras y sangre“

Danach gibt es etwas von allem, eine bunte Palette: Lieder, die von Handys handeln und von der Unterwerfung der Leute unter die Technologie. Es gibt ein Lied gegen den Mega-Bergbau, die Pestizide, genmanipulierten Anbau, es gibt ein anderes darüber, zu Pachamama – der Mutter Erde – zu gehen, mit lokalen Folk-Musikern. Die Platte ist vielseitig, stark und frisch. Es ist ein rundes Album, eines der besten, die ich aufgenommen habe. Es zu machen, hat mir mit am meisten Spaß gemacht hat. Eine Platte, die darauf hinweist, dass etwas Wichtiges im Gange ist.

Pilsen 2013-2019 (v.l.n.r.: Tomy Loiseau, Tucan Barauskas, Pil, Tulio Pozzio)

Foto Cristian ‘Cal’ Lois

Du singst seit 1981. 2020 war das erste in 40 Jahren, in dem du kein Konzert spielen konntest. Wir wissen, aus welchen Gründen. Wie siehst du die Welt und die Musikszene in diesem Augenblick während der Pandemie und die Probleme, die es im täglichen Leben wie in der Musik dadurch gibt?

Ich halte den Kopf oben, indem ich mich dauernd mit Kunst beschäftige. Vor allem mit Filmen, nicht so sehr mit Musik, aber das Kino ist eine emotionale Stütze, weil es alles hat: Musik, Bilder, Drama, Erzählung, Bildfolgen, Fotografie.

Ich weiß nicht, wann wir wieder Konzerte spielen können. Ich habe keine Ahnung, aber ich weiß, dass wir in diesem Jahr spielen werden.

Die Welt wird voller Elend sein, einfach, weil es Länder gibt, die die Pandemie nicht durchstehen können. Sie halten die Restriktionen nicht aus, weil ihre Wirtschaft schwach ist. Die Länder Europas sind ein Motor und sie werden anderen Ländern helfen müssen, die sie unterstützen, um ein vereinigtes Europa zu erhalten. Die wichtigsten Länder – wir wissen, welche das sind – werden anderen Ländern Geld geben müssen. In Lateinamerika wird es sehr hart werden. In den Vereinigten Staaten auch. Man hat schon gesehen, dass es schwierig wurde, nicht nur wegen der Ansteckungen und der Toten, sondern auch, weil das Gesundheitssystem nicht vorbereitet ist. Weil sie zwar Drohnen herstellen können, Raketen und Satelliten, aber sie können nicht die elementarsten Dinge für die Gesundheit produzieren. Es wird ein Moment mit viel Elend kommen, mit Hunger und Arbeitslosigkeit. Es muss einen Wiederaufbauplan geben. Wenn es wegen Zoonose war, einer Krankheit, die von Tieren auf Menschen übertragen wird, dann liegt es daran, dass der Mensch versagt hat, indem er Tiere zusammengepfercht hat, um sie zu essen. Er hat versagt, indem er Mega-Bergbau betrieben und die Erde zerstört hat. Er hat in der Landwirtschaft versagt und die Böden zerstört. Wir bezahlen einen Preis für das alles. Irgendwann werden wir bezahlen: oder es wird ein Atomkrieg oder diese Art von Zerstörung sein. Es gibt Leute, die sagen „Die Erde hat viel zu bieten, um es auszubeuten“. Aber nein. Du kannst einen Käse anbohren und ein Loch in ihn machen, aber irgendwann wird seine Mitte leer sein, er wird zerbröseln. Genau das passiert uns gerade, heutzutage müssen wir das als Gesellschaft erleben. Es muss ein anderer Typ Politiker kommen, mit einem ökologischen Bewusstsein, wirklich sozial und anders. Ich verstehe, dass Länder wie Argentinien und die anderen Länder Südamerikas produzieren müssen, weil sie auf dem Markt wenige Produkte anzubieten haben. Ihre Produkte sind der Erde abgewonnen, und wenn sie das nicht machen, leben die Menschen rückständig, verglichen mit den Industrieländern. Aber diese Industrieländer sind diejenigen, die aufhören müssen, soviel Soja und Fleisch zu beanspruchen.

Es ist eine andere weltweite Planung nötig. Keine neue Ordnung, denn das klingt nach „Reich“, das klingt nazi-mäßig. Die Erde gehört allen. Wo man soviel von Globalisierung redet… Die Globalisierung ist eine Angleichung der Kulturen, dass alle dieselbe Kultur haben. Besser wäre, wenn alle dasselbe Bewusstsein von der Notwendigkeit hätten, in einer besseren Welt zu leben. Nicht mehr wegen mir, denn auch wenn es mich interessiert, glaube ich nicht, das noch zu erleben, sondern wegen unserer Kinder und der nachfolgenden Generationen.

Zeittafel

1978: Hari B (Gitarre) und Sergio Gramatica (Schlagzeug) gründen die Band Los Testículos.

1979: Der Name der Band wird geändert und lautet ab jetzt Los Violadores.

1981: Pil als Sänger und Stuka als Bassist vervollständigen die Band.

1982: Aufnahmen zum ersten Album.

1983: Das erste Album erscheint im Dezember, in demselben Monat, in dem die Militärs nach jahrelanger, blutiger Diktatur die Macht abgeben. Robert Zelazek kommt als Bassist dazu, Stuka wechselt an die Gitarre und Hari B verlässt die Band. In dieser als klassischem Line-Up geltenden Formation nehmen Los Violadores in den nächsten Jahren vier weitere Alben auf. Größter Hit ist „Uno Dos Ultraviolento“ von 1985.

1992: Los Violadores lösen sich auf. Die von Pil zusammen mit dem Gitarristen Tucan Barauskas formierte Band Pilsen gibt am 11.September zusammen mit den Toten Hosen ihr erstes Konzert. In wechselnden Besetzungen kommen Los Violadores und Pilsen in den 90er und 00er Jahren immer wieder zusammen.

2016: Reunion der Violadores im klassischen Line-Up für ein großes Konzert im Luna Park in Buenos Aires vor 10.000 Zuschauern.

2019: Pilsen-Bassist und Produzent Tomy Loiseau verstirbt nach den Aufnahmen zu dem Album „Carne Tierras y Sangre“.

2020: Das Album „Carne Tierras y Sangre“ von Pilsen erscheint.