Was war das erste Bandfoto, das Du jemals gemacht hast?

Eigentlich habe ich immer einzelne Musiker fotografiert, wie zum Beispiel Ry Cooder, Jon Hassel oder Sam Phillips. Die Hosen waren die erste Band! Das erste Foto, das ich von ihnen gemacht habe, entstand bei den Dreharbeiten zum Videoclip „Warum werde ich nicht satt?“. Das war aber eigentlich gar kein richtiges Bandfoto. Ich habe damals oft bei den Dreharbeiten von meinem Mann Wim, „Backstage”-Fotos gemacht, wenn er gedreht hat. Und da stand diese Band dann im Frack nebeneinander aufgereiht, und ich war von den „Jungs” so begeistert, dass ich gar nicht mehr aufhören wollte zu fotografieren (lacht). Die Hosen kannte ich vorher weder persönlich noch ihre Songs genauer, dafür habe ich sie seitdem voll und ganz, persönlich und musikalisch ins Herz geschlossen.

Wie bist Du zum Fotografieren gekommen?

Gelernt habe ich Cinematographie. Doch je länger ich das gemacht habe, umso mehr hat es mich gestört, dass irgendwie nichts Greifbares da war, wenn meine Arbeit beendet war. Wenn der Film aus dem Schneideraum kam, hatte man nicht mehr als diese kleine, schwarze Kassette in der Hand! Und das war mir zu abstrakt. Deshalb bin ich zur Fotografie rüber gewechselt. Es ist mir wichtig, dass ich konkret an einem Bild in der Dunkelkammer arbeiten – und das hinterher jemandem geben kann.

Meine Bilder sind bis heute sehr vom Filmischen geprägt. Und es sind immer Menschen darauf.

Wer hat Dich hinter der Kamera als Person beeinflusst?

Robby Müller war früher für mich immer der Größte. Als ich noch an der Filmkamera war, habe ich mir immer versucht vorzustellen: „Wie würde Robby das jetzt machen?“ Der Bildausschnitt und das Licht hatten bei ihm eine eigene, verzaubernde Handschrift, ganz besonders die frühen Filme von Wim in schwarz-weiß.

Die Bilder hatten bei ihm immer etwas Gemaltes und ich war jedes Mal wieder von der Schönheit der Bilder ergriffen.

Ihr lebt seit vielen Jahren in Berlin und seid ständig auf der ganzen Welt unterwegs. Wie fotografierst Du in Städten?

Städte fotografiere ich immer gerne von oben. Durch Städte zu laufen und Leute einfach so zu fotografieren, damit habe ich die größten Probleme. Da komme ich mir meistens wie jemand vor, der etwas stiehlt, wie ein Paparazzi. Die Situationen, die ich gerne einfangen würde, sind aber meistens weg, wenn ich die Leute nach ihrem Einverständnis frage. Wenn ich also die Personen nicht kenne, erscheinen sie meistens als Silhouetten, von hinten oder von weit weg. Wichtig ist für mich auch die Kleidung. Ich habe wohl noch nie jemanden in Jeans fotografiert, außer die Hosen (lacht). Weil sie Punks sind, können sie einfach alles tragen. Das hat auch nichts mit Geld zu tun, sondern wie man sich bewegt. Für mich ist die Transparenz eines Menschen immer extrem wichtig.

Deinen besonderen Stil macht es aus, dass Du dokumentarisch arbeitest.

Ja, es handelt sich um Dokumentarfotografie, weil ich nicht inszeniere. Es ist aber keine Dokumentarfotografie in dem Sinne, dass ich dokumentiere, was da wirklich passiert. Ich suche mir schon sehr genau raus, was ich interessant finde. Und es hat sehr viel damit zu tun, wie das Licht mitspielt. Ich bin immer sehr davon abhängig, wie das Licht vor Ort mitspielt und arbeite nur äußerst selten mit künstlichem Licht.

Wie gehst Du vor, um zu einem optimalen Ergebnis zu kommen?

Was ich am liebsten mache, ist jemanden zu fragen, ob ich ihn begleiten kann. Für einen Tag, für zwei Tage oder noch länger. Meistens sind das natürlich Künstler, aber auch mal Leute, die mich wegen ihrer Persönlichkeit interessieren.

Im besten Fall geht die Zusammenarbeit dann über die Dokumentation hinaus und wird zu einem Dialog. Die Person entscheidet selbst, wie sehr sie sich mir öffnet.

Mit welchem Künstler hat diese Arbeitsweise mal besonders gut funktioniert?

Mit Siri Hustvedt, der Frau von Paul Auster. Sie ist Autorin und lebt in New York. Die habe ich anderthalb Tage einfach mal so begleitet. Das hat toll funktioniert, weil wir gar nicht viel geredet haben. Wir hatten vorher ein paar Tätigkeiten rausgesucht, die zu ihrem Beruf und Privatleben dazu gehören, vom Schreiben am Schreibtisch bis zum Einkaufen auf der Straße. Eines der Bilder habe ich dann anschließend meiner Ausstellungssammlung hinzugefügt.

Du arbeitest sehr viel in Schwarz-weiß. Beim Konzert der Hosen auf Kuba hast Du aber überwiegend farbige Bilder gemacht. Wonach entscheidest Du das?

In Havanna bin ich durch das vorbehaltlose Vertrauen, das mir die Hosen entgegengebracht haben, ins kalte Wasser gesprungen. Im Vergleich zu anderen Fotografen habe ich wirklich sehr wenig Erfahrung mit Farbe. Ich fand es aber total passend für Havanna und habe mich sogar für einen ganz speziellen Prozess entschieden, bei dem die Farben noch extremer herauskommen. Für mich war das mit den Hosen eine geniale Erfahrung. Die haben sich anfangs immer in einer bestimmten Pose hingestellt, ohne dass ich etwas gesagt hätte. Da habe ich mir gedacht:

„So kennt man die ja immer. So will ich die eigentlich gar nicht.“ So kam es dazu, dass ich zum ersten Mal jemanden ein bisschen dirigiert habe – und sie haben toll darauf reagiert.

Wie hast Du die gemeinsame Zeit auf Kuba erlebt?

Das Konzert ging ja nicht so lange (lacht). Ich kannte die ganzen wilden Geschichten von früher ja nur vom Hörensagen, und so stand mein Mund offen da, als Campino plötzlich auf einer hohen Straßenlaterne saß, die plötzlich einknickte und dann langsam aber sicher mit ihm nach unten sank! Es war eine sehr euphorische Zeit für mich. Ich fand es Wahnsinn, dass zu dem Konzert wirklich ein paar Fans aus Deutschland aufgetaucht sind.

Ich war beeindruckt, wie diese fünf so verschiedenen Hosen, innerhalb der Gruppe dermaßen achtungsvoll miteinander umgingen.

Was für ein eingespieltes Team! Das ist keine Selbstverständlichkeit bei einer Band, die schon so lange zusammen ist und sich bestimmt auch öfter mal auf den Geist geht. Die respektieren einander auf eine Weise, da können viele „sehr kultivierte Menschen” was von lernen! Für mich war es faszinierend zu erleben, wie sie nach dem Konzert Zeit brauchten runter zu fahren. Sie haben noch lange gefeiert. Ich kann mir vorstellen, dass so ein Tourleben für ihre Freundinnen und Frauen auch eine echte Herausforderung sein kann! Während einer Tour leben sie ja quasi in ihrem eigenen Kosmos. Da müssen sich diese zwei Welten erstmal wieder finden!

Wie ist das bei Dir, wenn Dein Mann Wim einen Film dreht?

Für uns ist das anders, weil ich viel mehr in diese Welt von Wim integriert bin. Ich bin bei seinen Dreharbeiten als Set-Fotografin ein zusätzliches Crew-Mitglied und automatisch diejenige, zu der viele kommen, wenn sie Sorgen haben. Ich bin also vollkommen Teil dieses Kosmos. Ich sehe auch mal von mir aus, dass jemand etwas mehr Feedback oder Unterstützung von Wim braucht. Ich kümmere mich um die Stimmung und versuche auch mal Streitigkeiten zu schlichten. Es sind ja manchmal Monate, die man am Set zusammen verbringt.

Du warst auch bei den Dreharbeiten zu "Buena Vista Social Club" dabei. Es ist sogar ein Bildband von Dir darüber erschienen. Was waren die größten Unterschiede, wie Du Kuba im Jahr 1998 und dann mit den Hosen 2001 erlebt hast?

Erstmal haben wir mit den Hosen sehr viel mehr Mochitos getrunken (lacht). Und dann hatten wir viel mehr Zeit, in diese kleinen, privaten Restaurants zu gehen, die sich in den Wohnungen der Leute befinden. Breiti war da immer unheimlich gut informiert, weil er Spanisch spricht. Als wir „Buena Vista“ gedreht haben, gab es kein einziges Kind, das auf der Straße nach Geld gefragt hat. Drei Jahre später hatte sich das schon ganz schön verändert. Und das hat mich erstmal schockiert. Die Musiker von damals waren alle auf Tour und ich habe keinen Einzigen aus der Truppe wieder gesehen. Ich war aber selbst auch mit den Hosen genug beschäftigt. Bei Buena Vista haben wir mit sehr vielen Kubanern gesprochen und gearbeitet und sind dem Land sehr nahe gekommen. Mit den Hosen waren wir eher als Gäste und Touristen unterwegs und haben ein ganz anderes Havanna kennen gelernt.

Wie ist das Coverfoto für das "Auswärtsspiel"-Album entstanden?

Das war einen Tag vor dem Konzert, als die Hosen ihren Soundcheck gemacht haben. Da habe ich einfach mal die ganze Band auf diesem schönen Steg zusammengetrommelt – und ihnen gesagt: „Da lauft Ihr jetzt mal bitte alle entlang!“ Die Hosen waren zwar grundsätzlich sehr geduldig, aber das war so ein Tag, an dem alle schlecht gelaunt waren, weil es Probleme mit der Technik gab. Und deshalb ging gerade dieses Shooting relativ schnell.

Die sind wirklich nur einmal hin- und einmal zurückgelaufen und das war's.

War es von Anfang an klar, dass das Cover für die nächste Platte werden würde?

Für mich war das überhaupt nicht klar. Ich hatte eine ziemlich große Menge an Fotos abgeliefert. Und dann hat das die Band wie üblich ganz alleine entschieden. Ich habe das Covermotiv zum ersten Mal gesehen, als die Platte letztlich raus kam. Ich hatte auch nicht unbedingt mit diesem Bild gerechnet.

Die Unplugged-Konzerte in Wien im September 2005 waren Euer drittes professionelles Zusammentreffen. Hattest Du Dir in der Zwischenzeit auch mal ein paar Auftritte angeschaut?

Wim und ich haben auf der letzten Tour einige Konzerte gesehen, unter anderem in Berlin und in Düsseldorf. Wir haben da nicht so viel Zeit wie die Fans, aber wir schauen schon, dass wir hingehen, wenn sie bei uns in der Gegend spielen.

Was mich am meisten an der Band begeistert, ist, dass sie mit einer unverwechselbaren und einmaligen Ehrlichkeit sagen, was sie denken, was sie suchen, was sie wollen und was sie in Frage stellen.

Bei meinem ersten Konzert vor einigen Jahren in Düsseldorf, war ich total begeistert von dieser Radikalität – und ich finde, dass sie wirklich etwas zu sagen haben. Ich bin ab dem ersten Moment, wo ich sie live erlebt habe, Fan geworden. Und das passiert mir sonst nicht so leicht! (lacht) In Deutschland sind die Hosen für mich eine der wichtigsten Stimmen, nicht nur für junge Leute, sondern für jedes Alter. Ich hoffe, dass Campino, auch wenn er jetzt seine Schauspielerkarriere anfängt (lacht), trotzdem noch viele Songs schreiben wird, weil die für dieses Land echt wichtig sind.

"Wenn Du einmal im Bild auftauchst, fliegst Du von der Bühne!" – Paul Shyvers

Foto Donata Wenders

Musikalisch wurde im Burgtheater ja alles etwas ruhiger angegangen. Wie bist Du der besonderen Lokalität fotografisch begegnet?

Ich bin vorher noch nie im Burgtheater gewesen und war natürlich auch sofort begeistert und überwältigt von dem Ort. Ich habe dann an den zwei Konzertabenden in Farbe und in schwarz-weiß fotografiert. Leider konnte ich bei den Proben noch nicht fotografieren, weil das Licht noch nicht stand. Und ich habe sogar etwas Panik bekommen, weil mich Paul Shyvers direkt mit den Worten begrüßt hat:

„Wenn Du einmal im Bild auftauchst, fliegst Du von der Bühne!“

Ich war dann bei der Generalprobe auf der Bühne – und während der Dreharbeiten im Graben oder hinter der Bühne. Ich musste die ganze Zeit aufpassen, dass ich auf keinen Fall irgendeinem im Weg war, der da mit seiner Steadycam rumlief. Deswegen war ich ständig auf Achse. Obwohl das Konzert selbst ruhig war, war das Fotografieren gar nicht so ruhig.

Wie unterscheiden sich die einzelnen Bandmitglieder?

Eigentlich fotografiere ich ja mehr Frauen als Männer, nicht aus Prinzip, sondern weil es sich oft einfach so ergibt. Bei den Hosen war es einfach Liebe auf den ersten Blick: Breiti ist ja schon sehr fotogen und hat immer die Ruhe weg. Vom hüpft immer wie ein Flummi herum. Der weiß nicht, wie er sich am besten präsentiert und probiert einfach aus. Andi macht immer ein typisches Fotogesicht, wenn eine Linse in seiner Nähe ist. Es dauert oft ziemlich lange, bis man den Moment erwischt, wo er mal kein Fotogesicht macht. Kuddel wirkt immer sehr gelassen und geradezu verschmitzt, als wenn es ihm direkt Spaß macht, wenn die Kamera auf ihn gerichtet ist. Bei Campino gefallen mir die Momente am besten, wo es ihm egal ist, dass jemand ihn mit der Linse ansieht, oder wo er nicht extra für die Kamera posiert, sondern echten Kontakt mit dem Fotografen aufnimmt.

Die Band wählt die Fotos auch immer sehr gut aus – wenn auch, wie ich finde, nicht immer nur die vorteilhaftesten (lacht).

Du hast in Deutschland auch schon mit BAP und 2raumwohnung gearbeitet. Welche Unterschiede gibt es zu den Hosen?

Das ist von der Dynamik her schon etwas anders. Die Hosen könnte ich die ganze Zeit umarmen (lacht). Bei BAP habe ich nur einen wirklichen Bezug zu Wolfgang Niedecken, der wirklich ein großer Schatz ist. Ich mag seine Musik am liebsten, wenn er mit seiner Gitarre alleine auf der Bühne ist. Für mich ist er ein Volkssänger im schönsten Sinne. 2raumwohnung habe ich in Berlin bei Freunden kennen gelernt, mochte die ersten beiden Platten sehr gerne und habe dann Inga Humpe und Tommy Eckhart etwas bei Musikaufnahmen und in Berlin im eigenen Kiez fotografiert. Bei U2 war das umgekehrt. Da habe ich zuerst Bono kennen gelernt und hatte über ihn den Zugang zu der Musik.

Wim ist in Düsseldorf geboren und aufgewachsen. Im Gegensatz zu den Hosen hat er seine Heimatstadt aber längst verlassen. Haben die Hosen etwas falsch gemacht?

Ich glaube, dass das ein Grund ist, warum die Hosen so erfolgreich sind. Eine kleinere Stadt bietet auch immer Schutz. Der besondere Zusammenhalt innerhalb der Gruppe und ihre Kraft hat vielleicht viel mit Düsseldorf zu tun. Sie hätten sicherlich auch nach Berlin ziehen können, weil es hier eventuell witziger, cooler und härter ist. Ich glaube aber, für die Band ist Düsseldorf perfekt. Wer so verwurzelt ist mit seiner Stadt und dort lokale Situationen mitbekommt, der kann auch universell sprechen.