Breiti: Ihr habt uns fast die ganze Tournee begleitet. Wie sieht Eure persönliche Bilanz aus?

Nicole: Für uns war die „Machmalauter“-Tour schon die dritte Hosen-Tour. Wir haben aber noch nie so viele Termine absolviert wie diesmal. Bei den ersten beiden Touren haben wir noch ausprobiert, ob das überhaupt funktioniert, also: ob sich die Konzertbesucher für ein solches Thema interessieren. Jetzt waren wir fast überall dabei und konnten feststellen, dass uns viele Fans bereits kennen. Die sehen die Pro-Asyl-Banner in der Halle hängen, lesen die Berichte auf der Homepage oder im Newsletter. Etliche, die seit Jahren zu Euren Konzerten gehen, sind zu unserem Stand gekommen und stellten fest: „Schön, Ihr seid auch wieder da!“

Breiti: Sabine, Ihr wart in diesem Jahr zum ersten Mal an Bord. Wie sind Eure Erfahrungen?

Sabine: Durchweg positiv. Wir von Oxfam Deutschland haben so etwas in dieser Größenordnung noch nie gemacht. Wir standen früher bei kleineren Konzerten anderer Bands hinterm Tisch, durften aber oft gar nicht auf die Leute zugehen. Da hatten wir hinterher 30 Unterschriften oder auch mal gar keine. Was wir jetzt mit Euch auf Tour erlebt haben, hat uns überwältigt – nicht nur zahlenmäßig, sondern auch aufgrund des wirklichen Interesses der Fans. Uns ging es nicht nur darum, möglichst viele Unterschriften zu sammeln, sondern die Menschen einzubinden. Dabei sind wir mit vielen ins Gespräch gekommen, vor und nach den Konzerten.

Breiti: Was unternehmt Ihr, um die Kontakte jetzt aufrecht zu erhalten?

Sabine: Wir haben auf dieser Tour erstmals Helfer rekrutiert und anschließend eine Helferdatenbank erstellt. Wenn wir das nächste Projekt angehen, können wir ab sofort rund 500 Menschen deutschlandweit anschreiben, dank der „Machmalauter“-Tour. Und das Beste ist: Das sind alles Leute, die wirklich Lust haben, sich für Oxfam zu engagieren. Sie werden uns in Zukunft weiter dabei helfen, unsere Anliegen in das öffentliche Bewusstsein zu tragen und Gehör bei den Entscheidungsträgern zu finden. Die 54.000 Unterschriften, die wir auf Tour sammeln konnten, und Euer Einsatz als Band haben uns 2009 bereits einen Termin bei der damaligen Entwicklungshilfeministerin beschert.

Breiti: Woran merkt Ihr noch, dass sich Euer Einsatz gelohnt hat?

Nicole: Wir merken während einer Hosen-Tour, dass die Zugriffszahlen auf unsere Homepage sprunghaft ansteigen. Diesmal haben wir unterwegs unsere Städte-Aktion „Save Me – Flüchtlinge aufnehmen“ vorgestellt. Das dauerte immer ein, zwei Tage nach dem Konzertabend – und dann griffen die Leute auf die jeweilige Städteseite zu und trugen sich als Pate ein. Es passierte auch immer wieder, dass uns jemand eine Mail schrieb: „Haben uns in XYZ unterhalten. Konnte nicht so viel Infomaterial mitschleppen. Könnt Ihr mir bitte noch etwas schicken?“

Sabine: Es geht schließlich nicht immer nur um die großen Paukenschläge, sondern auch um die kleinen Erfolge. Es ist auch schon viel erreicht, wenn die Leute, die sich bei uns informiert haben, den nächsten Zeitungsartikel zum Thema „Grundbildung in armen Ländern“ auch wirklich durchlesen.

Breiti: Wie viel kann man jemandem in drei Minuten mitgeben? Das sind ja ziemlich komplizierte Sachverhalte, mit denen Ihr Euch täglich beschäftigt.

Sabine: Manchmal reicht es, wenn man kurz sagt, dass es bei uns um Armutsbekämpfung in armen Ländern geht und demjenigen ein paar Flyer mitgibt. Es kommt aber auch vor, dass man sich eine Viertelstunde unterhält, ausführlicher miteinander austauscht. Natürlich gibt es auch Streitgespräche, die ich aber auch wichtig finde. Wir versuchen immer zu vermitteln, dass jeder Einzelne etwas verändern kann! Nicole: Wir haben die Erfahrung gemacht, dass viele Leute gerne zum Infostand kommen und auch die nötige Zeit mitbringen. Wir haben Mini-Hosentaschen-Flyer, die man sich in 30 Sekunden durchlesen kann. Meistens ist es so, dass die Fans beim Lesen über irgendetwas stolpern und dann bei uns nachfragen. Oder jemand sagt: „Ich schreibe eine Hausarbeit über Flüchtlinge. Könnt Ihr mir dabei helfen?“

Sabine: Besonders erfreulich ist es, wenn die Leute weiterdenken und von selbst vorschlagen, dass sie unsere Flyer in der Schule oder Uni auslegen. Das ist uns auf dieser Tour mehrfach passiert.

Breiti: Was wird eigentlich aus einer Kampagne wie „Machmaldruck gegen Armut“? Ihr wolltet die Bundesregierung damit an ihr Versprechen erinnern, die Entwicklungshilfe zu erhöhen, habt die Unterschriften an die damalige Entwicklungshilfeministerin übergeben. Drei Monate später sitzt ein ganz anderer Minister da. War jetzt alles für die Katz?

Sabine: Ich bin überzeugt, dass wir trotzdem eine Wirkung erzielt haben. Wir geben das Thema auch nicht von heute auf morgen auf, nur weil da jetzt ein anderer Politiker sitzt. Wir sind als Oxfam wahrgenommen worden – mit einer großen Menge Unterstützer – und werden es auch jetzt. Im Dezember gehörte Oxfam zu den NGOs (Nicht-Regierungs-Organisationen, d.Red.), die vor dem Klimagipfel vom neuen Entwicklungsminister eingeladen wurden. Wir waren aber nicht nur bei Dirk Niebel, sondern ein paar Tage später auch bei Angela Merkel. Politiker bekommen durch unsere Aktionen und auch direkte Lobbygespräche ständig zu spüren, was wir von ihnen erwarten.

Nicole: Bei der letzten Tour haben wir Unterschriften für eine Bleiberechtsregelung für gedultete Flüchtlinge gesammelt. 2006/07 ist ein neues Bleiberecht installiert worden. Die Bleiberechtskampagne lief zuvor drei Jahre lang. So viel Zeit brauchte es, um den nötigen Druck aufzubauen. Wir kämpfen allerdings auch hier weiter, weil das neue Bleiberecht immer noch nicht dem entspricht, wofür die Leute unterschrieben haben. Unsere neue Kampagne „Save Me“ braucht aktuell noch mehr Unterstützung. In manchen Städten gibt es bereits Ratsbeschlüsse, aktiv Flüchtlinge aufzunehmen. In anderen gilt es gerade jetzt, Druck auf den Rat auszuüben.

Breiti: Was mich auch interessiert: Wie sah denn eigentlich Euer Tourleben aus?

Sabine: Beim Bierchen nach den ersten Konzerten kannten wir anfangs noch keinen... Mittlerweile ist das etwas anders geworden. Ich genieße es jedes Mal aufs Neue, beim Soundcheck dabei zu sein, das ist eine besondere Atmosphäre. Und natürlich beim Konzert selbst. Wir sind von der ganzen Crew toll aufgenommen worden! Im Laufe der Tour haben wir außerdem einige der Hardcore-Fans näher kennen gelernt, die mittlerweile bei den Konzerten eine eigens angefertigte Oxfam-Fahne schwenken. Sowas ist doch super! Besonders schön fand ich es, immer wieder die Kollegen von Pro Asyl zu treffen, wenn wir irgendwo gemeinsam einen Stand gemacht haben.

Breiti: Ihr seht euch also nicht als Konkurrenz?

Nicole: Als ich vor zweieinhalb Jahren davon gehört habe, dass Campino, Andi und Du die Reise mit Oxfam durch Afrika machen, fand ich das richtig klasse. Wir sehen uns keinesfalls als Konkurrenz zu Oxfam, sondern eher als perfekte Ergänzung. Wenn bei uns jemand sagt, dass er Menschen in armen Ländern unterstützen will, schicken wir ihn zu Sabine. Wenn bei Oxfam jemand sagt, dass er lieber hierzulande etwas tun möchte, schicken sie ihn zu Pro Asyl. Für uns ist es auch wichtig, dass Menschen gar nicht erst aus ihren Heimatländern fliehen müssen, und das ist ein Teil der Arbeit von Oxfam.

Breiti: Eine persönliche Frage: Ich habe Eure Arbeit als extrem professionell kennen gelernt, dafür braucht man eine hohe Qualifikation. Wenn Ihr für ein Wirtschaftsunternehmen arbeiten würdet, könntet Ihr ein Vielfaches verdienen. Wieso habt Ihr Euch diesen Job ausgesucht?

Nicole: Migration und Flucht war für mich immer schon ein Thema. Ich bin selbst eine in Deutschland geborene Spanierin. Meine Eltern sind die klassischen Gastarbeiter, Dadurch bin ich als Kind in einer Welt aufgewachsen, in der ich zwar Ausländerin war, allerdings aber eine sehr privilegierte europäische Ausländerin. Während der Studentenstreiks 1997 habe ich im AStA die Beratung der ausländischen Studierenden übernommen. Was ganz schnell klar war: Ich wollte mit meinem Sozialpädagogikstudium etwas für Menschen machen, die ganz schwer Hilfe bekommen. Wenn Abschiebungen vollzogen werden, die Klienten von mir betreffen, belastet mich das auch abends, wenn ich nach Hause komme. Es gibt aber auch genug positive Momente, in denen man etwas scheinbar Unmögliches erreicht. Ich bereue es nicht, diesen Weg gegangen zu sein.

Sabine: Für mich kam es nie in Frage, bei einem Wirtschaftsunternehmen zu arbeiten. Die Themen, mit denen ich mich in meinem Job befasse, beschäftigen mich auch nach Feierabend. Das Abschalten fällt mir schon schwer. Woanders bekäme ich sicherlich mehr Geld, aber es ist ein Beruf, der mich persönlich zufrieden stellt. Mich interessiert, was um mich herum vorgeht, und ich versuche, Einfluss zu nehmen. Das war schon früher in der Schule im sogenannten „Green Team“ so. Da haben wir im Wald säckeweise Müll gesammelt und das Ganze dann den geladenen Lokaljournalisten in der Fußgängerzone vor die Füße gekippt (lacht). Gab ein großes Foto! Klar war schon immer: Wenn ich etwas ungerecht finde, kann ich nicht darauf warten, dass jemand anderes die Lage verbessert. Da muss ich schon selber ran.

Breiti: Wenn sich jetzt jemand bei Euch engagieren möchte, was kann er/sie machen?

Nicole: Wer sich in seiner Stadt für unsere „Save Me“-Kampagne engagieren will, kann auf unserer Homepage Pate oder Botschafter werden, wird zu Kampagnentreffen eingeladen. Jeder entscheidet natürlich selbst, wie stark er sich engagiert, ob nur mit einer Unterschrift oder aktiv vor Ort. Klar ist: Überall in Deutschland gibt es Flüchtlingslager, in denen Menschen unter katastrophalen Bedingungen leben müssen. Dazu und zu vielen anderen Themen, wie z.B. das Sterben an den europäischen Außengrenzen starten wir regelmäßig Emailaktionen, bei denen Leute den Verantwortlichen direkt Protestmails schicken können.

Sabine: Bei Oxfam gibt es unterschiedlichste Möglichkeiten: Das Einfachste wäre, seine Unterschrift abzugeben, was auch ganz wichtig ist für unsere Bemühungen. Dann suchen wir immer freiwillige Helfer, die Flyer auf Konzerten und anderswo verteilen. Man kann bei OxfamUnverpackt eine Ziege erwerben und damit unsere Projektarbeit in armen Ländern direkt unterstützen. Oder man geht in einen unserer vielen Oxfam-Shops und kauft dort entweder ein oder hilft als ehrenamtlicher Mitarbeiter. Die Erträge aus den Shops fließen wiederum in die entwicklungspolitische Arbeit von Oxfam.

Breiti: Vielen Dank für das Interview! Und hoffentlich bis zur nächsten Deutschland-Tour!

Pünktlich vor dem G8-Gipfel in Heiligendamm sind Campino, Andi und Breiti durch das Herz des ärmsten Kontinents gereist.

Indem sie ihre Marktmacht missbrauchen und den Produzenten ruinöse Preise diktieren.

Breaking News: Trainerwechsel bei den Toten Hosen „Laune der Natour“ geht weiter, neue Konzerttermine in 2018