Deutschland 2003: Wer vor 20 Jahren groß war, steht auch heute noch auf der Bühne. Und auch die schon vor zehn Jahren führenden Rockbands aus Deutschland sind immer noch am Start, die Ärzte und die Hosen. Eine merkwürdige Rolle für Dich?

Es kommt auch immer drauf an, wie man Rock definiert (lacht). Als wir angefangen haben, selbst Musik zu machen – und das geht ja mit den Hosen konform – da haben wir uns mit diesem Punk-Ding gegen bestehende Werte gestellt. Da fanden wir diese ganzen Dinosaurier-Bands furchtbar. Wir haben gesagt: "Die gibt es jetzt schon seit zehn, 20 Jahren, da muss jetzt mal jemand anderes ran!" Jetzt gibt es allerdings meine Band und die Hosen auch schon über 20 Jahre, da stelle ich mir dann auch manchmal die Frage: "Was soll das? Warum sind wir noch da?"

Warum sind die Ärzte noch da?

Ich kann nur sagen: Es macht immer noch Spaß und wir haben den Freiraum, uns immer wieder neu zu entdecken und immer wieder neue Sachen zu machen. Parallel glaube ich, dass es besonders in den letzten 13 Jahren eine sehr negative Veränderung in der Musik gegeben hat und die Leute deshalb zur Zeit auf Sachen gucken, die ein bisschen Bestand haben. Die extremen Ticket-Verkäufe für Ärzte- und der Hosen-Konzerte zeigen ja, dass die Leute keinen Bock mehr haben auf irgendwelche zusammengecastete Bands, Casting-Shows und dieses ganze "Musik als Produkt"-Ding.

Muss man in diesem Zusammenhang nicht auch die Onkelz nennen?

Da muss man leider auch die Onkelz nennen. Ich weiß von den Ärzten und den Hosen, dass sie eine sehr eigene Meinung haben zu dem Thema. Ich habe mich damit ausführlich auseinandergesetzt, habe auch in meinem Bekanntenkreis Onkelz-Fans, zumindest Leute, die die Onkelz mehr akzeptieren oder tolerieren, als ich das tue. Bei den Onkelz ist das halt dieses Durchbeiß-Ding: Die armen, geschundenen Straßenköter, auf denen immer rumgetreten wird. Und damit können sich halt ewig viele Leute identifizieren. Möglicherweise existiert da – bei Ärzten, Hosen und Onkelz – nach wie vor das gleiche Identifikationspotential wie vor zehn, 15 Jahren. Nur dass die Frankfurter in gewissen Szenen immer noch gut von ihrer Vergangenheit profitieren und das billigend in Kauf nehmen.

Liegt es auch daran, dass keine Nachwuchsbands dazu stoßen?

Jede erfolgreiche, deutsch singende Band hat ihre Epigonen hervorgebracht, die dann aber oftmals maximal zwei Alben veröffentlicht haben. Ich glaube, es liegt eher daran, dass es nicht sehr viele Bands gibt, die sich was Eigenes trauen.

Wichtig ist meistens auch, dass es Gegenpole in den Bands gibt, die sich ergänzen und inspirieren.

Das war ein Riesenglück, dass sich Farin Urlaub und Bela B. vor 21 Jahren in einer Disco über den Weg gelaufen sind – und sicherlich auch, dass sich Kuddel und Campino irgendwann kennen gelernt haben. So etwas passiert nicht all zu häufig.

Gibt es auch Ausnahmen von der Regel?

Ich habe mir gestern erst eine Platte von einer Band angehört, die es schon ein paar Jahre gibt, die aber kaum einer kennt: Schrottgrenze. Die haben als totale Proll-Punk-Band angefangen, machen jetzt schon Musik, die teilweise in Richtung "Hamburger Schule" geht. Die haben auf jeden Fall ein super Potenzial, schreiben super Songs und super Texte. Aber aus irgendeinem Grund geht es bei denen nicht weiter. "Wir sind Helden" werden sicher noch viel grösser als sie jetzt schon sind und ich wünsche Ex-Selig Sänger Jan Plewka, dass er seinen Widerpart zum Musik machen findet, weil in ihm viel mehr steckt als das traurige Liedermacherzeugs was er zur Zeit rausbringt.

Ist es vielleicht heute einfach schwieriger, sich als Band zu etablieren?

Ich habe letztens mit Grausen festgestellt, dass es eine Band wie Scooter jetzt auch schon 13 Jahre gibt. Das hätte ich mir damals nicht träumen lassen! Ich denke, das hat etwas mit dem Überangebot an Medien zu tun.

Jede Musik-Nutte, die alles mit sich machen lässt und immer schön am Trend produziert, bekommt da ihr Forum, weil es zu viele Portale für Berufsprominente gibt.

Die Plattenfirmen hoffen eher auf die schnelle Mark, äh Euro, und überschwemmen den Markt mit Schrott. Daraus resultierend verliert der Fan – zu recht - den Respekt vor der Musik und brennt sich die CDs, statt sie zu kaufen. Der Tonträgermarkt bricht zusammen und es bleibt kein Geld mehr um Bands aufzubauen.

Gibt es also gar keine Hoffnung für den deutschen Rocknachwuchs?

Ich habe festgestellt, dass immer mehr Leute in Konzerte rennen. In schöner Regelmäßigkeit zum Beispiel spielen in Hamburg, wo ich ja seit ein paar Jahren lebe, Motörhead in den "Docks". Das war seit zehn Jahren nicht ausverkauft. Aber in diesem Jahr gibt es schon Wochen vorher keine Karten mehr! Das sehe ich als ein gutes Zeichen! Die Leute wollen wieder mehr Spektakel, wollen Musik wieder erleben. Und wenn dann Bands bereit sind, von der Hand in den Mund zu leben, über die Dörfer zu ziehen und sich den Arsch abzuspielen, wird das irgendwann zum Erfolg führen.

Ich hoffe, es ist bald wieder so, dass Musiker von Fans sprechen und nicht von einer Zielgruppe, und eine Tour wichtiger ist als eine Kampagne.

Ihr merkt den Boom natürlich auch selbst. 2004 werdet ihr gleich dreimal in der Berliner Wuhlheide spielen. Welchen Stellenwert haben die Ärzte mit dem aktuellen Album "Geräusch" erreicht?

Wir sind seit ein paar Jahren so was ähnliches wie unangreifbar geworden, was wir mit unserer Biographie manifestiert haben. Auf die Ärzte kann sich irgendwie jeder einigen. Es gibt in diesem Land sonst wie viele Menschen, die mit uns groß geworden sind, die mit uns ihren Musikgeschmack geprägt haben oder die zu uns vielleicht auch jahrelang – wie manche Hosen-Fans – eine Art Hass-Liebe pflegten. Uns kennen in diesem Land irre viele Leute, mehr als letztendlich unsere Platten kaufen. Irgendwie scheint es für das Leben eines musikinteressierten Menschen in Deutschland dazuzugehören, mindestens einmal auf einem Konzert von uns gewesen zu sein. Wir wissen gar nicht mehr, wie viele Konzerte wir noch spielen sollen (lacht).

Campino hat neulich in einem Interview gesagt, dass ihm manche Texte aus den Anfangstagen heute peinlich sind. Wie sieht das bei Euch aus?

Es gab relativ früh in der Geschichte der Ärzte einen Song, der einen Teil des Spektrums unserer Musik darstellt: "Paul, der Bademeister". Das war purer, fatalistischer Spaß und ging natürlich auch gegen die damalige Fun-Punk-Bewegung. Wir haben im Gegensatz zu den Hosen oder den Mimm's nie über Alkohol gesungen. Doch dieser Song war uns schon ein Jahr nach der Veröffentlichung dermaßen peinlich, dass wir ihn nicht spielen wollten. Heute ist er so was wie der Lieblings-Hass-Song der Band. Manchmal fangen zwei von uns an "Paul" zu spielen, nur um den Dritten zu ärgern – und das vor Publikum, versteht sich. Der Song, der uns leider am meisten nachhängt, ist "Männer sind Schweine", der auch unser größter Hit war.

Würdet Ihr "Männer sind Schweine" noch einmal schreiben?

"Männer sind Schweine" ist ein Song, auf den wir nach wie vor stolz sind. Da haben wir alle möglichen Sachen reingepackt, zum Beispiel im Abspann einen indizierten Song von Slime zitiert. Obwohl total Ärzte-mäßig, ist der Song ein Riesenhit geworden, und dann leider von der DJ Bobo- und DJ Ötzi-Fraktion annektiert worden. Er war am Ballermann und auf dem Münchener Oktoberfest der Nummer-eins-Hit.

Da haben wir uns gesagt: Den Song hat uns das Publikum weggenommen, den werden wir nicht mehr spielen.

Habt Ihr es ansonsten schon mal bereut, einen Song veröffentlicht zu haben?

Wir haben jetzt 15 reguläre und drei Live-Alben raus, etwa 200 Songs auf der hohen Kante, von denen wir zwangsläufig nicht alle spielen können. Da sind natürlich auch einige Stücke dabei, die wir aus sehr naiven Grundgedanken heraus geschrieben haben. Viele Texte spiegeln die Zeit wieder, in der sie geschrieben worden sind, z.B. die Texte von mir, die sich um irgendwelche Drogenthemen drehten. Da gibt's dann auch schon mal Songs, bei denen wir heute sagen: "Das war nicht unbedingt notwendig, den zu veröffentlichen!" Aber damals musste das wohl sein, nur spielen müssen wir den ja deswegen nicht mehr.

Wie bewertest Du die Entwicklung der Ärzte und der Hosen in den letzten 20 Jahren?

Was den Ärzten gut getan hat, waren diese fünf Jahre Pause, in denen Farin und ich eine extreme Entwicklung durchgemacht haben. Wir hatten beide eigene Bands, in denen wir Bandleader waren und fast die alleinige Verantwortung trugen. Das bewusste Auseinandersetzen mit dem Geschäft und mit Plattenfirmen haben die Hosen immer nur innerhalb der Band gemacht, die Gang, die irgendwann auch Geschäftsleute geworden sind. Apropos: Ich empfinde die Hosen, wenn ich sie privat treffe, als ernsthafter, als wir das sind. Manchmal könnten sie irgendwie lustiger sein! Ansonsten sind die Parallelen hauptsächlich, dass es beide Bands genau gleich lange gibt, dass wir in unserer Muttersprache singen und dass wir ein ähnliches Publikum anziehen.

Wo sind die Unterschiede in der Musik?

Musikalisch haben wir uns immer aus einem viel größeren Radius der Musikgeschichte bedient, während die Experimente bei den Hosen relativ klein gehalten wurden. Es gab natürlich auch bei denen Versuche Richtung Swing oder ganz, ganz früher mit HipHop. Die Hosen sind irgendwie die gradlinigere Band, und wir sind die überraschendere Band. Wobei Überraschungen bei uns erwartet werden, während "Warum werde ich nicht satt" bestimmt viele Hosen-Fans verblüfft hat.

Eine Gemeinsamkeit ist, dass beide Bands seit Jahren mit demselben Produzenten zusammenarbeiten, Ihr mit Uwe Hoffmann, die Hosen mit Jon Caffery. War das wichtig, um immer wieder den typischen Ärzte- bzw. Hosen-Sound zu treffen?

Die Wahl von Jon Caffery haben wir damals nachvollziehen können, weil Jon Caffery ja als Toningenieur bei der Aufnahme der ersten Sex Pistols-Platte dabei war. Und so einen Mann hätten wir am Anfang natürlich auch gerne gehabt. Wir haben dann zum vierten Album Uwe Hoffmann gefunden, und es stimmte plötzlich alles. Er hat uns verstanden und wusste mit den verschiedenen Charakteren der Band umzugehen. Weil die Ärzte eben nicht so gradlinig sind, weil da eben sehr viele spontane Sachen passieren, ist es für uns sehr wichtig, einen Mann zu haben, der die Band schon gut kennt, der sich auf uns einstellt und einfach weiß, wie wir ticken. Der bekommt dann im Gegenzug volles Vertrauen von uns, entscheidet mit, welche Stücke hinterher auf das Album kommen und welche nicht, etc.

Habt Ihr also wirklich nie daran gedacht, auch mal mit einem anderen Produzenten zu arbeiten?

Das Problem bei einen fremden Produzenten wäre bei so gewachsenen Geschichten wie bei den Ärzten oder Hosen, sich von außen etwas sagen zu lassen, egal ob es um die Reihenfolge oder das grundsätzliche Auftauchen eines Stücks auf dem Album geht. Das sind wichtige Prozesse, und dafür muss man den, mit dem man arbeitet, einfach kennen.

Wir mögen – und das ist bei den Hosen sicher genauso – dieses Familiending, also dass Leute, mit denen wir einmal erfolgreich gearbeitet haben, weiter mit uns arbeiten.

Unser Lichtmann ist zum Beispiel seit 18 Jahren bei den Ärzten, und es gibt viele Leute, die seit über zehn Jahren für uns arbeiten.

Ist der große Unterschied zwischen Ärzten und Hosen die Bandstruktur? Auf der einen Seite die Ärzte als drei Individuen, auf der anderen die Hosen, die sich bis heute als Gang definieren?

Das ist auf jeden Fall ein großer Unterschied, und das merkt man auch an den Songs. Bei den Autorenangaben unter einem Hosen-Song liest man zum Beispiel von mehr Zusammenarbeit, als das komischerweise bei uns der Fall ist. Woran das liegt weiss ich nicht. Farin und ich haben uns in einer Disco kennen gelernt, ich habe ihn damals in meine Punk-Band geholt: Soilent Grün. Danach haben wir zusammen die Ärzte gegründet, weil wir eine gemeinsame Vision hatten. Wir sehen uns natürlich auch privat, aber weil wir so dermaßen viel zusammenhängen, wenn wir mit einem neuen Album zu tun haben, ist es nicht wirklich notwendig, dass wir auch noch zusammen in den Urlaub fahren. Bei den Hosen ist der Familiengedanke viel extremer als bei uns, nehme ich an. Wenn man in einer Band spielt, leidet schon das gemeinsame Privatleben. Man geht dann nicht mehr so oft zusammen ins Kino oder Essen. Dafür ist dann immer noch Zeit, wenn wir wieder drei Monate auf Tour sind.

Ein Vorgänger von Rod bei den Ärzten hieß bekanntlich Sahnie, was eine Parodie auf Campino war. Das war in den 80ern, als die Ärzte immer als die Mädelsband und die Hosen als Jungsband galten. Hat Dich das gestört?

Überhaupt nicht. Was mich gestört hat, war dieser Ausverkauf-Vorwurf und dieses Kommerzschweine-Ding, was auch aus Düsseldorf gegen die Ärzte rüberdrang. Wir waren die Ersten, die in der BRAVO standen, weil wir einen ganz anderen Ansatz hatten.

Wir haben uns ja damals als Parodie verstanden, als Parodie auf Popmusik, auf festgefahrene Sachen.

Die Texte, die wir am Anfang geschrieben haben, waren ja nicht nur ironisch, sondern die richteten sich ja auch gegen die Szene, aus der wir kamen. Bei meiner früheren Band Soilent Grün gab es diese Diskrepanz aus Spaß-Texten und wirklich hohlen Polit-Parolen-Texten. Diese Szene ging uns mit den Ärzten total auf die Nerven. Und weil keiner von uns aus Kreuzberg kam, hatten wir oftmals Stress, was wir total albern fanden.

Und Du warst für die nicht "wirklich Punk"?

Ich komme aus dem Stadtteil Spandau und konnte deshalb aus der Sicht Einiger kein Punk sein. Das hat uns geärgert, deshalb haben wir uns dagegen gestellt, und in der Zeit kam eben die BRAVO auf uns zu – und dann haben wir dieses Spiel mitgespielt. Wir haben dabei zwar fast nie die Kontrolle verloren, mussten uns aber natürlich auch dem Ausverkauf-Vorwurf stellen. Weil Punk aber auch immer irgendwie "Anti" bedeutete, und sei es gegen die eigene Szene, hatten wir damit weniger Probleme.

T.V. Smith hat einmal gesagt, dass er niemals in einem Stück das Wort "Baby" singen würde. Das ist für die Ärzte, die nach wie vor mit Fun-Punk in Verbindung gebracht werden, wahrscheinlich komplett unvorstellbar...

Wir brechen unsere eigenen Dogmen auch immer wieder, haben 1998 z.B. zum ersten Mal ein Lied über das Saufen gemacht. Ich hatte zwar in dem Stück "Tittenmaus" auch schon mal gesungen: "Ich geb Dir einen Jack Daniel's aus", aber wir haben nie den Alkohol verherrlicht oder ein sogenanntes Sauflied aufgenommen. Das ist allerdings eine Disziplin, in der die Hosen sehr gut sind und eigentlich auch unerreicht. Bei den Hosen klingt es halt wirklich wie eine Gang, während es sich bei vielen anderen Bands einfach nur noch prollig anhört.

Warum habt Ihr Euer Dogma in der Hinsicht gebrochen?

Die Tatsache, dass Antialkoholiker Farin Urlaub mit einem Trinkerlied daherkam, war so absurd, dass wir den Song aufnehmen mussten. Ein Stückweit war es natürlich auch 'ne Provokation Richtung Düsseldorf, was vor allem viele Fans so verstanden haben. Als wir das Lied allerdings einmal live gespielt haben, haben große Teile des Publikums den Text mitgegröhlt und dazu geschunkelt. Da wussten wir, das unsere Ironie nicht immer verstanden wird(lacht). Ich hätte das Stück auch gerne auf dem Album gehabt, aber speziell Farin wollte das nicht. Also haben wir es auf die B-Seite von "Männer sind Schweine" gepackt, und die haben mehr Leute gekauft, als das Album (lacht).

Du hast im St. Pauli-Fanzine "Übersteiger" gesagt: "Die Hosen sind wichtig, denn so gibt es im Betroffenheitsrock wenigstens eine Punk-Band."

Das ist natürlich wenig schmeichelhaft für die Hosen. Da muss ich aber zur Verteidigung der Hosen und zu meiner eigenen sagen, dass mir zu dieser Zeit einige Texte von Campino ziemlich auf den Zeiger gingen. Irgendwann hatte ich das Gefühl, dass jetzt auf jedem ihrer Alben Texte gegen Kindesmisshandlung drauf kommen. Das mit den Drogen hatte ich ja noch verstanden, weil ich den Lebensstil der Jungs, wie er zumindest große Teile der 90er hindurch war, ja kannte. Ich fand, dass der Humor fast völlig aus der Musik der Hosen verschwand. Andererseits stehe ich natürlich zu meiner Aussage:

Bevor sich 16-Jährige irgendwelche alten Lindenberg-Platten rausholen oder sich pseudo-kryptische Texte von Westernhagen übersetzen, sollen sie sich doch wirklich lieber die Hosen anhören. Da ist wenigstens Kraft dahinter. So was wie die Wut der Straße, wenn ich mal so sagen darf.

Zum Hosen-Stück "Sascha" hast Du gesagt, dass der "zu 'ner Art Kultsong in Nazi-Jugendheimen" avanciert sei – "weil die Kids dort sagen: Ja, so cool, so bin ich."

Das ist mir so überliefert worden. Ich habe gehört, dass der Song vereinzelt von solchen Kids abgefeiert worden ist. Dazu muss ich aber gleich anmerken, dass unserem Anti-Nazi-Song "Schrei nach Liebe" etwas Ähnliches auch passiert ist. Da haben die Leute dann statt "Arschloch" "Sieg Heil" gerufen. Das wurde uns zumindest in Briefen und E-Mails geschrieben. Es ist mir völlig klar, dass nach rechts tendierende Jugendliche, die nicht in der Großstadt leben, in ihrem fehlgeleiteten Kopf zuallererst mal harte Musik hören wollen, dann deutschsprachige Musik und dann kriegt man bei "Radio Müller" in Kleinkrempelsdorf halt nur drei Bands zu kaufen. Die Band, die sich zu dem Thema am wenigsten geäußert hat, ist ja bei den Jungs auch am beliebtesten, das sind die Onkelz.

Ich weiß aber auch, dass es rechtsgerichtete Jugendliche gibt, die Hosen und Ärzte hören, einfach weil wir deutsch singen. Vielleicht dringt bei einigen ja die eine oder andere Message durch?!

Wie unterscheidet sich "Sascha" von "Schrei nach Liebe"?

Dass der Song "Sascha" definitiv gut gemeint war und den Leuten etwas Rückenwind gegeben hat, die zu der Zeit in der Antifa gegen die Ausschreitungen, die Pogrome gekämpft haben, das will ich gar nicht in Abrede stellen. Aber ich persönlich finde, auch wenn das aus meinem Mund etwas anmaßend klingt, dass "Schrei nach Liebe" der eindeutigere und bessere Song ist. Man muss das aber nicht unbedingt vergleichen, denn ich finde, dass es eigentlich noch viel zu wenige Anti-Nazi-Songs gibt. Es ist auch unglaublich schwierig, einen solchen zu verfassen. Ich weiß noch, wie lange wir an "Schrei nach Liebe" gesessen haben. Und Campino hat "Sascha" ja auch nicht alleine geschrieben. Es ist wahnsinnig schwierig, etwas zu dem Thema zu sagen, was nicht peinlich oder dogmatisch ist und einen gleich in so eine Zeigefinger-Ecke stellt. Wenn man als Oberlehrer auftritt, erreicht man ja keinen mehr, dann sagen alle: "Was ist das denn für ein Spießer?" Viele Kids gesellen sich doch hauptsächlich zu den Braunen, um aufzubegehren, zu rebellieren. Da kommst du mit der Lehrernummer nicht weit.

Im Interview für den "musikexpress" hast Du Campino damit konfrontiert, dass er seine Musik mal in einem Fanzine als "Prollrock" bezeichnet hat. Ist das auch Deine ganz persönliche Meinung über die Hosen?

Ich wollte natürlich auch kritisch sein in so einem Interview. Letztendlich wollte ich damit rauskitzeln, wo der rote Faden bei den Hosen ist: "Was seid Ihr jetzt? Seid Ihr die Band fürs Volk?" Campino hat tatsächlich mal in einem Punk-Fanzine seine Musik als "terrace rock" bezeichnet. Das habe ich dann als "Prollrock" übersetzt. Musik, die die Hooligans oder Fußballanhänger auf den Rängen im Stadion singen, ähnlich wie Sham 69, wenn die noch jemand kennt. Aber ich finde, dass viele Songs auf dem letzten Album "Auswärtsspiel" ganz anders klingen, gar nichts mit "terrace rock" zu tun haben.

Farin Urlaub hat mal gesagt, dass die Hosen mehr Hymnen schreiben als die Ärzte...

Das hat sich geändert. Campino hat da in den letzten Jahren eine Entwicklung durchgemacht, und bringt jetzt auch sehr viel Persönliches in die Hosen-Musik ein. Er hat zum Beispiel den Tod seiner Mutter in einem Text thematisiert, was ich sehr bemerkenswert fand. Viele legen die Hosen aber nach wie vor auf die geballte Faust und das "Einer für alle, alle für einen"-Gefühl fest. Sie sind allerdings auch für mich nach wie vor die Band, die den Onkelz in diesem Bereich und in der Größenordnung Paroli bieten können.

Zur vielzitierten Rivalität zwischen Ärzten und Hosen: Habt Ihr Euch damals wirklich geprügelt?

Die Wahrheit ist ja immer subjektiv. Wir haben uns geprügelt, aber es war eher eine Spaß-Prügelei. Da waren zwei Flaschen Wodka im Spiel. Und ein Wutausbruch von Campino war der Auslöser. Der war mir aber auch nur überliefert worden. Ich stand da einfach bei einem Konzert, die Suurbiers haben im Vorprogramm der Hosen gespielt. Und ich war über die Suurbiers-Gästeliste reingekommen. Campino soll daraufhin angeblich ausgerastet sein. Zu dem Zeitpunkt waren die Ärzte so ein bisschen die Hassfiguren der Szene. Weil Campi und ich uns aber schon eine Weile kannten, bin ich backstage gegangen und habe Wodka mitgebracht. Den haben wir dann nach dem Konzert vernichtet.

Und dann haben wir uns trotzdem mitten im Winter vor dem Ballhaus Tiergarten geprügelt. Campino hat gesagt: "Zwei Ärzte gegen mich, das ist ungefähr fair." Das haben wir dann auch gemacht, Sahnie und ich.

Der Ausgang war aber nicht ganz so erfolgreich für Euch?

Wir sind dabei sowieso die ganze Zeit nur am Boden rumgeschlittert, wegen dem Glatteis. Ich weiß noch, dass es dann noch ein Geplänkel zwischen Andi und mir gab, und dass ich noch einen Tritt bekommen habe, als ich schon am Boden lag. Eine Viertelstunde später hat mir Andi aber auch schon wieder ein Bier in die Hand gedrückt. Ich hatte auf jeden Fall am anderen Tag ein fettes, blaues Auge von dieser Schlägerei. Es ist aber immer ein bisschen mehr draus gemacht worden, als wirklich los war. Ich denke jetzt aus der Weisheit des Alters heraus, dass das manchmal auch dankbar von uns aufgenommen wurde: Uns sind danach irgendwelche abfälligen Sprüche von Campino über die Ärzte immer mit totalem Hass überliefert worden. Und umgekehrt lief das bestimmt genauso. In dem damaligen Kontext von Punk-Rock und In-besetzten-Häusern-rumhängen, da hat es öfter blaue Augen gegeben. Nur bei uns findet das eben immer wieder in der Presse statt.

Im Interview mit dem Stern hast Du gerade erst erzählt, dass das eine Rivalität gewesen sei, die der Manager der Hosen geschürt habe...

Ich weiß, dass Jochen Hülder damals in uns eine Konkurrenz gesehen hat. Deshalb war ihm das ganz recht, dass wir plötzlich in der Punk-Szene ein komisches Image hatten. Er hat sich tatsächlich auch eine Zeit lang bemüht, uns für sein Label zu gewinnen. Ich hatte damals das Gefühl, er wollte uns mit der Macht, die ihm zur Verfügung stand, Steine in den Weg legen. Schuld waren wohl aber die Umfelder von beiden Bands. Uns haben nach der "Prügelei" auch befreundete Punks aus Düsseldorf angerufen, dass die Hosen in der Uel damit angegeben hätten, dass sie uns die Fresse poliert haben. Da ich mittlerweile aber sogar mal mit Andi in nem Urlaub abgehangen habe, weiß ich, dass er nicht der Typ ist, der mit so was hausieren geht.

Also herrscht zur Zeit Friede, Freude, Eierkuchen zwischen Ärzten und Hosen?

Die Konkurrenz zwischen unseren Bands muss es immer irgendwie geben. Das wäre ja auch total langweilig, wenn die Hosen und die Ärzte jetzt die allerbesten Freunde wären und sich permanent zu Kaffee und Kuchen einladen würden. Farin Urlaub würde mal ein Lied für die Hosen und Campi mal ein Lied für die Ärzte schreiben. Das wäre ja totaler Blödsinn! Dieses aneinander Reiben und auch dieses gegenseitige Beobachten, das macht ja auch irgendwie Spaß. Das hat es bei den Beatles und Stones, selbst schon bei Frank Sinatra und Elvis Presley gegeben. Das ist eine ganz gesunde Angelegenheit, die zu 70 Prozent aus Respekt voreinander besteht – und von den restlichen 30 sind mindestens 15 auch einfach der Spaß, sich hin und wieder gegenseitig zu verarschen. Wenn ich mal in einem Interview etwas sage, ist das ja immer ironisch oder zynisch gemeint; verletzten tun wir uns damit schon lange nicht mehr.

Die Grenzen zwischen Ärzten und Hosen verlaufen mittlerweile ohnehin fließend, wenn man nur sieht, mit wem Ihr so zusammenarbeitet. Kiki und Casi machen das Booking für beide Bands, Elmar Packwitz gibt jeweils den Stage-Manager, Manfred Meyer die Security, Olaf Heine hat diverse Video-Clips verantwortet und selbst beim Catering gibt es eine weitere Schnittmenge, die Rote Gourmet Fraktion. Wer betreibt da eigentlich bei wem Werksspionage?

Als wir uns 1988 gerade aufgelöst hatten, habe ich in einer Zeitschrift einen Tourbericht der Hosen gelesen, und da gab es ein großes Foto von den Hosen mit ihrer Crew. Und diese Crew bestand zu 50 Prozent aus Leuten, die vorher mit uns auf unserer letzten Tournee gewesen waren. (Anmerkung d. Red.: noch heute streiten sich beide Parteien, wer bei wem wann und womit zuerst gearbeitet hat.) Da habe ich in meinem jugendlichen Wahnsinn echt gedacht: Mann, die kopieren uns! In Wahrheit war das eine schlaue Entscheidung, mit Leuten zusammenzuarbeiten, die schon mal drei Monate mit den Ärzten unterwegs waren. Deshalb macht Kiki umgekehrt jetzt auch seit zwei Jahren unser Booking. Das ist eine absolute Vertrauenssache, da geht es ja auch um Geld. Und wenn die Hosen einer Firma so lange die Treue gehalten haben, dann ist es sicher kein Fehler, mit KKT zu arbeiten. Dass Kiki nicht unser Tourbegleiter werden würde, war von vorneherein klar. Übrigens hat Kiki Casi durch mich kennengelernt. Die Rote Gourmet Fraktion hat wiederum zuerst für die Ärzte gearbeitet, jetzt arbeiten sie auch für die Hosen und für tausend andere Leute. Jeder will doch letztendlich Geld verdienen und möglichst viel Spass haben dabei – und es gibt in Deutschland doch kaum Bands, die so ausführlich touren wie die Hosen oder Ärzte. Dann ist es doch cool, dass wir uns die Mitarbeiter teilen.

Im Ox-Fanzine hast Du mal gesagt, dass "komischerweise die Bands, für die wir uns interessieren, hinterher immer mit den Hosen auf Tour gehen"...

Das ist aber nicht wirklich so. Andi hat mir schon mal CDs von Bands geschenkt, von denen ich noch nie gehört hatte, zum Beispiel von der französischen Punk-Band "Marouse", mit denen sie auf Tour waren. Die Hosen haben schon viel früher als wir mit ausländischen Bands gespielt, um im Austausch dann in deren Ländern auf Tour gehen zu können. Wir haben zum Teil sehr schlechte Erfahrungen mit amerikanischen Bands gemacht. Eine Band, die ich aber super gerne bei uns mit dabei gehabt hätte, waren Social Distortion, nur waren wir zu der Zeit ihres letzten Albums einfach nicht auf Tour. Da sind die mit den Hosen mitgefahren. Das hat mich halt angepisst, weil das eine meiner absoluten Lieblingsbands ist. Da bin ich dann nach Wolfsburg gefahren und habe mir das Konzert von beiden Bands angeguckt. Und das endete dann auf Wöllis Hotelzimmer mit Mitgliedern beider Bands…

Auf Eurem neuen Album "Geräusch" gibt es das Stück "Als ich den Punk erfand". Ein neuer Nadelstich gegen Düsseldorf?

Die Ärzte – Geräusch, 2004

1998 hatte ich den Song "Punk ist…" geschrieben. Und das war tatsächlich eine Abrechnung mit der Vergangenheit. Es gab in den 80ern ja wirklich einige Interviews mit Campino, in denen der gefragt hat, was an den Ärzten denn Punk sei: "Wo kommen die denn her? Die haben doch gar keine Punk-Vergangenheit." Da hat er sich seinerseits einige Male weit aus dem Fenster gelehnt. Da habe ich dann in "Punk ist…" ein paar Zeilen eingebaut, die sich darauf bezogen, was Campino für die Punk-Bewegung geleistet hat: "Besoffen Lieder grölen vom Tresen / und nur 77 ist echt gewesen!" Diese Zeilen waren eindeutig Campino gewidmet. Das neue Stück hat aber nichts mit Düsseldorf zu tun. Da können sich Leute angesprochen fühlen, die immer noch im Untergrund leben und uns für Kommerzschweine halten, die wir auch sind (lacht).

Die Hosen haben im letzten Jahr bei ihrem Konzert auf Helgoland "Westerland" gecovert. Wie hast Du davon erfahren?

Da hat mich Jörg von der Roten Gourmet Fraktion angerufen und einfach nur sein Handy hochgehalten. Und ich habe unser Stück sofort erkannt. Das ist als Kompliment an die Hosen zu werten!

Spielen die Ärzte im Proberaum auch mal Hosen-Songs?

Wir haben mal ein Benefizkonzert für das Tempodrom in Berlin gespielt. Vor uns ist eine ziemlich üble Band aufgetreten, und viele Leute hatten deshalb das Zelt verlassen. Und da haben wir als Eröffnungssong spontan "Hier kommt Alex" gespielt. Das war natürlich supergeil, weil sehr viele Leute reinkamen, und dachten, die Hosen würden spielen. Und dann haben sie uns gesehen und gesagt: "Das sind ja die Ärzte, auch gut!" Seitdem wird "Hier kommt Alex" immer wieder mal von uns angespielt, oder wir bauen es in einen anderen Song ein. Dabei ist das aber noch nicht mal mein Lieblingslied von den Hosen...

Welches Stück ist Dein Favorit?

Ein wirkliches Aha-Erlebnis hatte ich – angesichts der Pogrome in Rostock – bei "1000 gute Gründe". Das habe ich zu der Zeit eines Morgens im Radiowecker gehört. Und empfand das als ein viel deutlicheres, intelligenteres Lied als "Sascha...". Es war natürlich fast schon ein bisschen zu intelligent, um von den gewissen Einzellern, an die es gerichtet war, verstanden zu werden (lacht). Ausserdem muss man "Willkommen in Deutschland" unbedingt dazu zählen.

Es gibt eigentlich auf jeder Hosen-Platte Stücke, die ich richtig gut finde.

"Liebeslied" fand ich damals auch richtig gelungen. Ich bin allerdings kein großer Fan von den Coverversionen, die die Hosen machen. Das ist auch noch ein weiterer Unterschied zwischen den Hosen und den Ärzten: Sie spielen Songs in der Regel nur nach, so dass sie fast wie das Original klingen. "Cocaine In My Brain" war jetzt eine Ausnahme. Wenn wir eine Coverversion spielen, versuchen wir immer etwas völlig Anderes daraus zu machen.

Was war das wichtigste Hosen-Album für die Ärzte?

Opel-Gang, 1983

Das komplette "Opel-Gang"-Album war ein wichtiger Moment für Farin und mich. Da haben wir in unserer gemeinsamen Wohnung zusammen vor der Stereoanlage gekniet und uns das ganze Album angehört. Die Hosen gab es ja damals schon ein halbes Jahr länger als uns, wir hatten gerade unsere erste Single raus, und da haben wir gedacht: "Wir hätten gerne auch so ein druckvolles Album!"

Welches Hosen-Stück hat Dich jemals am meisten genervt?

Was ich echt blöd fand, obwohl das Video gut gemacht war, das war "10 kleine Jägermeister". Ich habe damals gedacht: "Mann, Ihr habt Euren Bommerlunder, da muss man nicht noch mal einen Aufguss von machen!" Auf der anderen Seite ist das wirklich ein Song, der live extrem gut funktioniert, wie ich selbst erlebt habe. Und warum sollen die Hosen auch verschweigen, dass sie aus dieser Ecke kommen? Da stehe ich dann in einem Hosen-Konzert eben ziemlich allein, wenn ich sage, dass ich den Song scheiße finde (lacht). Der hat mich auch so genervt, weil das eine Nummer-eins-Single war, und das Video permanent im Musikfernsehen lief: Und wenn man das Radio anmachte, war da auch immer dieser Song. Da freust du dich über jede verzerrte Gitarre im Radio und dann kommt ausgerechnet dieses Lied! Aber über Geschmack kann man nun mal prima streiten.

Wie gelingt es Euch, Euer Privatleben aus den Medien rauszuhalten?

Es hat da ein paar kleinere Versuche gegeben, als ich in den 80er Jahren etwas mit einer sehr bekannten Sängerin aus den USA hatte. Wenn sich aber einer von uns im Alkohol- und Koks-Wahn sabbernd auf einem Hotelflur rumkugelt, wäre wohl niemand überrascht. Die würden sagen: Der spielt doch bei der Band, das ist doch ganz normal! Weil wir nicht ganz so moralisierend in der Öffentlichkeit da stehen, sondern eher selbstironisch mit uns umgehen, kann man uns auch keinen Strick daraus drehen. Die Leute, die solchen Gossip-Kram in der Bild-Zeitung lesen, die wollen ja nur wissen: Den Reichen da oben geht es auch schlecht. Und in unserem Fall ist das für die Leute einfach nicht interessant genug, weil wir eh machen, was wir wollen.

Warum haben sich die Hosen nie aufgelöst, obwohl es auch nicht immer problemlos ablief in der Bandgeschichte?

Das war sicher dieser Gang-Gedanke, dieses "Einer für alle"-Ding. Wir waren bei unserer Auflösung Mitte 20 und haben nicht damit gerechnet, dass jetzt noch mehr kommen würde. Wir wollten gucken, was wir sonst noch so hinkriegen. Kuddel und Campino haben schon bei ZK zusammen gespielt. Ich weiß nicht, ob die sich auch schon aus dem Kindergarten kennen (lacht). Eine Trennung von den Beiden kann ich mir jedenfalls nicht vorstellen. Ich sehe das so: Während Kuddel der Traumgitarrist ist, der für seine Gitarre lebt, ist Campino der Energiebolzen. Meiner Auffassung nach braucht Campino jemanden, der seine Ideen instrumental artikuliert, und Kuddel ist einer, der jemanden braucht, der den Funken zündet.

In den 80ern ist Kuddel auch irgendwo mal als Studiogitarrist aufgetaucht. Das fanden wir schon sehr beeindruckend.

Die Schlagzeuger-Frage für den Schlagzeuger: Was fällt Dir zu Trini, Wölli und Vom ein?

Trini war definitiv ein Punk-Rock-Schlagzeuger. Der war einfach in der Band, weil er ein Kumpel war. Ich habe ja sogar noch den frühen Hosen-Gitarristen Walter live gesehen – und das war ja das Konzept der Hosen: "Wir sind eine Bande". Da kann auch ein Gitarrist auf der Bühne stehen, der beim ersten Song sein Kabel rausreißt und trotzdem bis zum Ende seine Show macht! Und dazu gehörte eben auch ein Schlagzeuger, der wirklich überhaupt nicht spielen kann (lacht). Wölli kannte ich schon länger. Der hat nach mir bei Frau Suurbier gespielt. Und die Hosen haben immer bei ihm übernachtet. Wölli war immer der ganz gerade Rock'n'Roll-Drummer, von dem ich mir auch ein paar ideelle Sachen abgeguckt habe.

Wie würdest Du seinen Stil beschreiben?

Er hat immer sehr straight gespielt, und das habe ich mir selbst auch als Leitlinie genommen. Was Wölli machte, war eben in erster Linie Rock, ohne das ganze Gefuddel darum. Das war eher so Phil-Rudd-mäßig: Einer, der hinten an der Maschine saß und den Beat gehalten hat wie der alte AC/DC-Schlagzeuger. Den Wechsel zu Vom fand ich jetzt aber auch sehr gut, ohne Wölli zu nahe treten zu wollen – aber die Hosen haben jetzt tatsächlich mehr Drive bekommen. Vom ist ein irre schneller und präziser, guter Schlagzeuger, der irgendwie das totale Feuer versprüht. Es ist ja genauso, wenn Vom irgendwo auftaucht. Wenn der uns auf einem Ärzte-Konzert besucht, dann dauert das doch keine zehn Minuten, da hängt der auf irgendeinem drauf (lacht).

Der springt rum wie ein Flummiball und irgendwann sehen wir alle seinen Pimmel eine Zigarette rauchen.

Die Drummer haben bei den Hosen immer gut gepasst, und Wölli – da ist wieder dieses Gang-Ding – ist ja nach wie vor bei vielen Konzerten zugegen.

Ihr steht seit über 20 Jahren auf der Bühne, Du leidest zumindest schon mal unter Tinnitus - wie lange wird es die Ärzte Deiner Meinung nach noch geben?

Ich habe keine Angst vorm Aufhören. Ich habe eine ziemlich genaue Vision, wie man weitermachen kann. Ich mag ja auch so Las-Vegas-Sachen, und mir hat auch das deutlich glamourösere Auftreten von Johnny Thunders kurz vor seinem Tod besser gefallen als die Sex-Pistols-Reunion vor ein paar Jahren. Von daher kann man Musik wohl auch einigermaßen stilvoll noch eine ganze Weile weitermachen. Gestern bin ich tätowiert worden, und im Tattoo-Studio lag ein "Rock Hard" rum.

Da habe ich ein Interview mit Slayer gelesen, und Jeff Hanneman hat gesagt: "Wenn ich irgendwann nicht mehr so aussehe, wie meine Musik klingt, dann werde ich nicht mehr auf die Bühne gehen." Das ist ein interessanter Ansatz, über den ich noch nachdenken will.

Slayer sind jetzt nicht unbedingt bekannt dafür, die intelligenteste Band der Welt zu sein, aber vom Ansatz her fand ich das ganz gut. Das Auge rockt ja immer mit (lacht).

Schaut Ihr da auch mal bei älteren Bands, wie die das Problem gelöst haben?

Es gibt so einige Punk-Bands von ganz früher, bei denen es mir persönlich weh tut, die heute noch auf der Bühne stehen zu sehen. Da sind Campino und ich allerdings komplett anderer Meinung. Ich denke, die können ihre alten Songs zwar immer noch einigermaßen adäquat spielen, aber das macht mich nicht mehr so an. 999 möchte ich eigentlich nicht mehr live sehen. Da komme ich mir vor wie auf einer Suzy-Quatro-Rubettes-Oldie-Veranstaltung. Die Stones schau ich mir ja auch nicht an. Ich will diesen Keith Richards heute einfach nicht mehr sehen!

Gibt es gar keine positiven Gegenbeispiele?

Zu Blondie würde ich hingehen, die habe ich noch nie live gesehen. Farin hat mal gesagt, dass er hofft, dass seine Freunde zuverlässig genug sind, ihm den Zeitpunkt zu sagen, wenn es peinlich wird. Da müssen wir uns wohl alle drauf verlassen. Bei den Hosen ist das ja ganz gut geregelt: Die haben ja genug Freunde (lacht). Campino wird sicherlich, wenn er jetzt sein Kind hat, sein Leben auch mal überdenken.

Das ist übrigens auch ein weiterer schöner Crossover-Effekt, dass seine Freundin Karina schon 1993 in unserem Video von "Mach die Augen zu" mitgespielt hat.

Die Ärzte – Mach die Augen zu, 1993

Immer wieder kommt von den Fans beider Bands die Frage, ob es nicht mal ein gemeinsames Stück von Ärzten und Hosen geben könnte. Für Dich vorstellbar?

Aus Ärzte-Sicht kann ich sagen, dass alles vorstellbar ist, was wir noch nicht gemacht haben. Unser einziges Dogma ist, dass wir uns nicht wiederholen wollen. Mal abgesehen von Themen in unseren Songs, die sich natürlich wiederholen, möchten wir spezielle Aktionen nicht ein zweites Mal machen. Als St. Pauli damals zu uns kam und fragte, ob wir denen einen Spieler kaufen wollen wie die Hosen für Fortuna, da haben wir gesagt: Warum sollen wir das auch noch machen? Ich glaube, dass so ein gemeinsames Stück auch ein ziemlicher Bringer wäre.

Was muss passieren, damit Ihr zusammen ins Studio geht?

Es muss nur der richtige Moment sein, das richtige Treffen, wie es die Hochzeit von Campinos Schwester war, wo Farin und Campino zum ersten Mal wieder über gemeinsame Konzerte gesprochen haben. Ein halbes Jahr später haben wir zusammen gespielt. Warum dann nicht auch ein Song? Ich würde es auch als Fan geil finden, nach so vielen Jahren, gerne auch inhaltlich über unsere Rivalität. Der Song "Du bist nicht allein" auf unserer neuen Platte klingt ja auch mehr nach den Hosen als viele Stücke von den Hosen selbst aus den letzten Jahren. Die Chöre sind eindeutig Hosen-beeinflusst.

Warum habt Ihr eigentlich im Jahr 2000 die zwei Konzerte zusammen gespielt - als "Die Zu Späten" und "Essen auf Rädern" im SO36 und Tor 3?

Das war, um endlich mal einen Punkt zu setzen. Hosen- und Ärzte-Fans, guckt mal, wir spielen sogar zusammen Konzerte, so schlimm kann unsere angebliche Feindschaft nun wirklich nicht sein!

Was würdest Du Dir abschließend von den Hosen wünschen?

Als Fan würde ich gerne noch einmal ein paar ganz simple Punk-Rock-Nummern von den Hosen hören. Zwei Minuten und ab dafür. Hymnenchorus... die AC/DC des Punkrock. Ich denke, da werde ich nicht all zu lange drauf warten müssen!