In dem Stück "Graue Panther" singt Campino, dass man als junger Punk über das Schweinesystem geschimpft und die Revolution beschworen hätte. Heute ("wenn wir Altpunks uns mal treffen") habe sich das zugunsten von Rheuma und Hodenkrebs verschoben. Sind das wirklich Eure bevorzugten Gesprächsthemen?

Ja, und Kopfschmerzen und "bad legs" (lacht). Die Wahrheit ist: Ich habe mit den Lurkers nie über Revolution gesprochen. Es waren eher Spaßtexte oder persönliche Geschichten, die wir aufgeschrieben haben.

Es hätte nie einen Song mit dem Titel "Fuck The Government" von uns gegeben, selbst wenn das unserer Meinung entsprochen hätte.

Was war der auslösende Moment, die Lurkers 1976 zu gründen?

Pete Stride und Manic Esso haben die Band gegründet und hatten die ersten sechs Monate einen anderen Bassisten, Nigel Moore. Sie hatten bereits zwei Konzerte gespielt, als ich Moore 1977 ersetzt habe. Warum ich das gemacht habe? Ich hatte damals die Wahl, einen richtigen Beruf zu ergreifen oder mich mit der Band regelmäßig zu betrinken und Spaß zu haben. Das war der Hauptgrund, warum ich mich ihnen anschloss (lacht). Ich mochte aber natürlich auch die Punk-Musik dieser Zeit, vor allem die Sex Pistols und The Damned. Und es war wirklich großartig für einen 20-Jährigen, Teil dieser Szene werden zu können. Ich hatte auch schon vorher viel Musik angehört, aber das war die erste Musik, die ich auch selbst spielen konnte. Es war auf einmal möglich, in einer Band mitzuspielen, ohne ein großartiger Musiker sein zu müssen.

Du warst Mitglied der Lurkers, als die ersten beiden Singles erschienen...

"Shadow" hieß die erste, "Freak Show" die zweite, beide erschienen 1977. Ich habe die Band im November dieses Jahres aber schon wieder verlassen – um 1987 zurückzukehren, als Campino die Lurkers fragte, ob sie in Düsseldorf spielen wollten.

Der Grund, warum ich die Band nach nur sieben Monaten wieder verließ, war, dass ich zu der Zeit eine Menge von Stücken schrieb, die einfach nicht zu den Lurkers passten.

Die Lurkers galten 1977 als Londons Antwort auf die Ramones...

Eine Menge von Leuten hat das gesagt. Ich glaube aber nicht, dass das hundertprozentig stimmte. Die Lurkers waren viel abwechslungsreicher als die Ramones, haben guten melodischen Punk-Rock gespielt, der eher in Richtung New York Dolls ging. Ich will aber keinesfalls leugnen, dass die Ramones uns entscheidend beeinflusst haben. Ich habe die Ramones 1977 zum ersten Mal live gesehen, und dann immer wieder, Jahr für Jahr, wenn sie nach England kamen.

Wie kam es zur Gründung Deiner eigenen Band Pinpoint?

Ich wollte die Songs, die ich geschrieben hatte, natürlich trotzdem auf der Bühne umsetzen – und wenn das mit den Lurkers nicht möglich war, dann eben mit einer eigenen Band. Deshalb gründete ich "Pinpoint", und unsere erste Single hieß "In Richmond". Das Stück haben die Hosen ja auch auf dem "Learning English"-Album gecovert. Pinpoint gab es insgesamt drei Jahre lang, und ich habe dort Gitarre gespielt. Wir sind damals mit vielen Bands dieser Zeit aufgetreten: Adam And The Ants, Generation X, The Lurkers, 999, The Ruts oder The Members.

Pinpoint – Richmond, 1979

Wann war Deiner Meinung nach die erste große Phase des Punks vorüber?

Punk ist auch heute nicht vorbei, oder? In den frühen 80er Jahren war es allerdings sehr schwierig. Das Wort "Punk" war in England nur noch sehr selten zu hören. Jeder hat gedacht, es wäre vorbei damit, aber dann kam es irgendwie zurück. Heute ist Punk-Rock einfach eine andere Form von Musik, so wie Jazz, Blues oder Klassik es schon vorher waren. Und wer den Punk-Sound mag, für den ist er nach wie vor auch eine gute Möglichkeit, sich auf der Bühne auszudrücken:

Punk hat seinen Platz gefunden.

Hast Du damals mit den Lurkers und Pinpoint auch außerhalb von England gespielt?

Die Lurkers haben ein paar Konzerte in Amerika und Deutschland gespielt, als ich sie bereits verlassen hatte. Erst 1987, als ich als Sänger wieder einstieg, sind wir dann auch im restlichen Europa, Südamerika und in Japan aufgetreten. Es dauerte halt seine Zeit, bis uns der Rest der Welt in Sachen Punk eingeholt hatte. Länder wie Brasilien mussten sich erst von der Diktatur befreien, bevor sie solche Musik überhaupt hören konnten. Es gibt gerade dort heute sehr viele junge Leute, die den alten Kram mögen, weil es für sie etwas völlig Neues ist.

Die Hosen spielen mittlerweile auch in Buenos Aires in ausverkauften Hallen. Lässt sich die aktuelle Musikszene in Argentinien ein bisschen mit dem England der Endsiebziger vergleichen?

In Argentinien basiert wohl sehr viel darauf, dass die Ramones dort so beliebt waren. Das ganze Land muss geweint haben, als Joey und Dee Dee gestorben sind! Joey and Dee Dee, Rest in Peace! Punk ist für die Menschen in Argentinien und Brasilien etwas ganz Neues. Man trifft dort auch keine alten Punks wie mich, die schon in der ersten Phase dabei gewesen sind. Es ist eher eine Art von Lernprozess, der dort abgeht.

Wer hat Eure Tour in Südamerika möglich gemacht?

Man weiß in der Musik einfach nicht, was hinter der nächsten Ecke auf einen wartet. Ich habe eines Tages einen Anruf bekommen, dass uns jemand nach Südamerika einladen wolle. Es stellte sich heraus, dass es sich um einen alten Fan handelte, der es zu etwas Geld gebracht hatte. Er hat uns dann im letzten Jahr einfliegen lassen, ein paar Konzerte organisiert, es war unglaublich. Wir haben in Sao Paulo sogar eine Live-LP aufgenommen. Das Publikum war natürlich sehr jung, im Schnitt unter 25 Jahren.

Hattest Du ein Problem damit, dass Du der Vater einiger dieser Kids sein könntest?

Musik ist zeitlos. Es spielt keine Rolle, ob Du älter bist, teilweise doppelt so alt wie einer von den Typen im Publikum.

Ich habe mir auch schon Musik aus dem 16. Jahrhundert angehört, und diese Komponisten sind lange tot. Mich interessiert es einfach nicht, wie alt eine Band ist und wie sie aussehen – dick, dünn oder mit Bärten – wenn ich ihre Musik mag. Leider spielt das Image einer Band heutzutage viel zu oft eine größere Rolle als der Inhalt.

Du hast die Hosen zum ersten Mal mit den Blueberry Hellbellies auf Tour begleitet?

Das war 1985. Ich hatte mir nach Pinpoint ein paar Jahre Ruhe gegönnt, bevor ich begann, mit den Blueberry Hellbellies Country-Punk zu spielen. Bei einem Konzert in Düsseldorf habe ich damals Campino kennen gelernt. Und er hat mich sofort darauf angesprochen, dass er gerne ein Konzert mit den Lurkers veranstalten würde. Im März 1987 haben wir das Konzert dann wirklich gespielt – im Haus der Jugend in Düsseldorf. Und es kamen sehr viele Leute dahin, was wohl auch daran lag, dass Campino überall sehr gute Werbung für uns gemacht hatte. Die Hosen organisierten das komplette Konzert, Andi entwarf T-Shirts, und Breiti hat dabei auch einen sehr guten Job gemacht.

Bei den Aufnahmen zum "Learning English"-Album

Ende der 80er erschien unter dem Titel "Wild Times Again" sogar ein Lurkers-Album auf dem damaligen Label der Hosen, bei Totenkopf...

Campino kam damals mit der Idee an, dass sie mit ihrer Firma ein neues Lurkers-Album finanzieren würden. Das war der Hauptgrund, die Band wieder zusammen zu bringen.

Wir haben das Album mit Pat Collier von den Vibrators und Campino in London aufgenommen.

Welche Erinnerung hast Du an die erste Tour mit den Hosen?

In erster Linie erinnere ich mich daran, dass wir immer komplett betrunken waren (lacht). Und wir hatten natürlich immer sehr viel Spaß. Das war die Zeit, als die Hosen noch so um die 500 Zuschauer zogen. Ich war später aber auch noch öfter mit den Hosen unterwegs, weil ich auch bei 999 gespielt habe. Mit John Plain (The Lurkers, The Boys) und Darryl Bath (Cry Babies, U.K. Subs) hatte ich zwischendurch auch mal eine Band, die Towerblock Rockers, und war so auch 1989 mit den Hosen auf Tour.

Mit welchem dieser gemeinsamen Konzerte verbindest Du besondere Erinnerungen?

Wir haben mit 999 im Jahr 1992 auf der Loreley gespielt, zusammen mit Wreckless Eric, Vibrators und den U.K. Subs. Das war wirklich ein ganz besonderes Konzert für mich. Das Festival stand natürlich in Zusammenhang mit dem "Learning English"-Album.

Wann hast Du zum ersten Mal von der Idee für dieses Album gehört?

Die Hosen haben mich angerufen, dass sie ein solches Album machen wollen. Sie wussten, dass ich mit den meisten alten Punk-Bands in Kontakt stand. Sie baten mich, dass ich das Ganze ein wenig koordiniere und den Kontakt zu Captain Sensible, Charly Harper, Knox oder T.V. Smith herstelle, die zusammen mit Campino für den zweistimmigen Gesang sorgen sollten. Und wir haben das Stück "In Richmond" für die Rückseite der "Baby, Baby"-Single aufgenommen.

Das Album "Learning English, Lesson One" wäre also ohne Deine Mitwirkung nie rausgekommen?

Es wäre etwas übertrieben, das zu behaupten. Es war für die Hosen nur viel einfacher, jemanden in London zu haben, der die Studiotermine vor Ort koordinieren konnte. Ich hatte die ganzen Telefonnummern, die sie brauchten, und einige von den alten Punk-Rock-Sängern hatten ja auch noch nie etwas von den Hosen gehört. Ich habe ihnen das Projekt dann am Telefon erläutert, und sie waren hinterher alle glücklich, dabei sein zu können..

Ich habe letztendlich alle Kontakte besorgt, bis auf die von Johnny Thunders und Joey Ramone

Wenn Du zu der Zeit in England gefragt wurdest, wer die Hosen sind, was hast Du geantwortet?

Dass sie eine Pop-Punk-Band sind und sehr, sehr groß in Deutschland. Ich habe sie als die "Spaßvögel des deutschen Punks" bezeichnet. Und dass sie eine große Palette an Leuten erreichen, im Fernsehen gezeigt werden und die ganze Zeit lustige Sachen machen. Und ich habe auch berichtet, dass sie in Deutschland einfach jeder kennt – auch wenn sie nicht von allen gemocht werden.

Du hast hinterher gesagt, dass einige Stücke als Coverversion mehr Kraft hatten als in der ursprünglichen Version...

Die Aufnahmetechnik hatte sich in der Zwischenzeit einfach unheimlich verbessert. Manche Originale waren Ende der 70er Jahre unter semiprofessionellen Bedingungen in vielleicht zwei Stunden eingespielt worden. Für die Aufnahmen zu "Learning English" haben wir wohl etwa drei Wochen gebraucht – und dann sind die Hosen zurück nach Deutschland gefahren, um alle Songs mit Jon Caffery abzumischen.

Ich kenne viele Leute aus der englischen Punk-Szene, denen die Platte wirklich sehr gut gefallen hat. Und auf jeden Fall waren die Hosen hinterher als Band auch in England ein Begriff.

Durch das Album wurden Bands wie die Lurkers einem größerem Publikum in Deutschland bekannt. Habt Ihr dadurch auch mehr Platten verkauft als vorher?

In Deutschland muss man dauerhaft im Fernsehen und in den Zeitschriften vertreten sein, um viele Platten verkaufen zu können. Und wir hatten auch keine große Plattenfirma in unserem Rücken, die für die nötige Präsenz hätte sorgen können. Es gab bestimmt ein paar Leute, die sehr genau registriert haben, dass die Hosen die Lurkers mögen. Das brachte aber überhaupt nichts, solange sie unsere Musik nicht auch in ihren Plattenläden finden konnten. Und dann haben sie das Interesse an uns eben schnell wieder verloren. Wir hatten als Band sicherlich eine gewisse Reputation, waren aber nie annähernd so bekannt wie die Hosen. Als ich die Hosen zum ersten Mal auf einer großen Bühne sah, habe ich gedacht: "Glückliche Bastarde!" (lacht).

Wie ging es mit den Lurkers in den 90er Jahren weiter?

Wir haben jedes Jahr 70 bis 100 Konzerte in Italien, Spanien, Frankreich und in anderen europäischen Ländern gespielt. 1997 war aber erst mal wieder Schluss mit den Lurkers. Ich war dann eher mit 999 unterwegs. Seit sechs Monaten habe ich aber wieder eine neue Besetzung für die Lurkers zusammen, so dass wir auch wieder live spielen können. Und wir denken über eine neue Platte nach, die Anfang nächsten Jahres aufgenommen werden soll.

Wo hast Du Vom kennen gelernt?

Ich kenne ihn schon seit vielen Jahren, aus Zeiten, als er bei Dr. And The Medics spielte. Er hing halt wie wir alle in der Szene in London rum – in der harten Trinker-Szene (lacht). Ich wusste, dass er in Düsseldorf lebt, und es hat mich nicht überrascht, dass er bei den Hosen gelandet ist. Ich habe mich wirklich sehr für ihn gefreut. Das letzte Mal, dass ich mit den Hosen gespielt habe, war 1998, für das Album "Wir warten auf's Christkind". Ich war mit ihnen im Studio und habe das Stück "I Wish It Could Be Christmas Every Day" mit eingesungen.

Was bedeutet Dir die aktuelle Generation von Punk-Rock-Bands?

Da können wir eigentlich nur über amerikanische Bands reden, denn in England gibt es kaum welche. Es scheint so zu sein, dass alle nur amerikanische, amerikanische, amerikanische hören wollen. Ich kenne aber natürlich auch Turbonegro und ähnliche Bands. Ich kann eine gute Platte auch nach wie vor würdigen, aber wichtig wird sie dadurch für mich nicht mehr. Wichtig ist für mich ausschließlich, was ich selbst auf die Beine stelle. Je älter man wird, desto mehr durchschaut man auch, durch wen eine neue Band beeinflusst ist. Wenn du aber 17 Jahre alt bist und keine Vergleichsmöglichkeiten hast, klingt eben jede Band neu für dich.

Was hörst Du heute privat für Musik?

Ich höre nicht nur Punk, sondern interessiere mich auch für viele andere Musikrichtungen. Ich mag Singer/Songwriter, gälische und keltische Musik, alten Rock vom Ende der 60er Jahre, psychedelische Musik und alten Motown-Ska. Und ich mag auch klassische Musik und James Brown, also eine wirklich breite Palette von Stilrichtungen. Ich bin außerdem von London nach Newcastle gezogen, in den Nordosten von England. Es ist wunderschön dort, und ich liebe es einfach von Zeit zu Zeit umherzuziehen.

Wenn es meine fünf Windhunde und mein Pferd nicht gäbe, würde ich mit einem Wohnwagen auf der Straße leben.