Euer letztes Album „SmackSmash“ hat ja einiges in Eurem Universum verändert. Wie habt Ihr die Zeit seit der letzten Tour verbracht?

Wir haben mit „SmackSmash“ anderthalb Jahre getourt und mussten dann erstmal eine Pause einlegen. In dieser Pause haben wir eine DVD produziert, die „B-Seite“, und das hat fast ein Jahr gedauert. Wir waren zu der Zeit einfach noch nicht in der Lage, an einem würdigen Nachfolger zu arbeiten, weil wir überhaupt erstmal verarbeiten mussten, was gerade mit uns passiert war. 2005 haben wir dann nur ein paar Konzerte gespielt und irgendwann 2006 wieder angefangen, Songs für ein neues Album zu schreiben.

In dieser Phase schleppt jeder von uns seine besten Ideen in den Proberaum. Und wenn er damit die anderen auf seine Seite bekommt, könnte es sein, dass ein Beatsteaks-Song daraus wird…

Das Schreiben von neuen Stücken lief also erstmal etwas stockend?

Wir brauchen immer ziemlich lange, bis es wieder „klick“ macht. Das liegt daran, dass wir eigentlich eine Live-Band sind und uns auf der Ebene auch am allerbesten verstehen. Wenn es um den Kreativprozess geht, ist alles immer wieder ganz neu, alles wieder ganz anders. Die erste Platte war schon anstrengend genug, „SmackSmash“ war dann sehr anstrengend, aber so anstrengend wie diesmal war es noch nie. Im Studio tun wir uns immer noch etwas schwer. Da dauert es immer, bis sich alle an die Situation gewöhnt haben. Live ist viel schneller klar, was funktioniert und was nicht.

Steuern bei Euch alle fünf Bandmitglieder musikalische Fragmente bei?

Es dürfen grundsätzlich alle, aber es kommt halt nicht unbedingt von jedem etwas. Nur Thomas schreibt immer ganz, ganz viele Stücke, außerdem waren diesmal Bernd und ich weit vorne dabei. Peter und Torsten fungieren im Proberaum eher als Schiedsrichter, sind aber natürlich für den ganzen Prozess auch enorm wichtig. Eigene Demos schleppen sie allerdings eher nicht an. Peter ist dafür sehr involviert in die Textphase. Es läuft aber auch jedes Mal anders; das ändert sich von Platte zu Platte.

Du lässt Dir beim Texte schreiben helfen. Eher ungewöhnlich für einen Sänger?

Ich baue schon seit der „Living Targets“, unserer dritten Platte, auf die Hilfe der anderen. Irgendwann reichte mein Englisch einfach nicht mehr aus (lacht). Ich hatte halt bis dahin schon alles rausgebrüllt, was in meinem Standardrepertoire war. Doch dann heiratete Peter zum Glück eine Amerikanerin. Der spricht mittlerweile den ganzen Tag zu Hause nur noch Englisch. Thomas hat ebenfalls einen guten Geschmack, was für Zeilen gut zu mir passen könnten.

Die Beiden schreiben mir die Sachen mittlerweile in den Mund. Ich bin selbst nur noch zu 30% an den Texten beteiligt.

Die Beatsteaks 2005 beim Heimspiel in Düsseldorf

Wo findet dieser gemeinsame Prozess für gewöhnlich statt?

Im Proberaum heißt es bei uns schon immer nur: Musik, Musik, Musik. Für die Texte besuchen wir uns lieber gegenseitig zu Hause. Im Sommer haben wir gerne mal am Spreeufer gesessen, im Treptower Park. Nur zum Start sind wir auch mal aus Berlin raus gefahren, in irgendein Heavy-Metal-Studio auf dem Dorf. Das war ein Studio irgendwo in der Pampa in Brandenburg, in dem irgendwann auch schon mal Kreator aufgenommen hatten. Für uns ging es dort aber mehr darum, sich gegenseitig zu bekochen, und wieder Kontakt zueinander aufzunehmen. Es war viel passiert in der Zwischenzeit, unter anderem waren zwei von uns Väter geworden.

Wieso war die Landpartie sonst noch für Euch nötig?

Wenn man als Band neue Musik machen will und sich nicht wiederholen möchte, muss man sich erstmal neu finden. Wir sind bis zum jetzigen Zeitpunkt eine Band, die extrem auf der Suche danach ist, was bei uns musikalisch noch so gehen kann. Das neue Album „Limbo Messiah“ ist zum Beispiel ganz anders geworden als „SmackSmash“. Und das wollten wir auch genauso. Jedes Demo, das auch nur ein bisschen nach unserer alten Single „Hand in Hand“ geklungen hat, wurde intern negativ beurteilt. Es war sicherlich der anstrengendere Weg, aber irgendwie stehen wir darauf, es uns nicht zu leicht zu machen.

Seid Ihr eigentlich Freunde, auch über die Band hinaus?

Die Freundschaft zwischen uns ist mir wichtiger als die Band. Wir hängen eigentlich auch so andauernd miteinander rum.

Nach der Tour gab es eventuell mal eine kurze Phase, wo man sich mal etwas weniger gesehen hat. Ich habe halt außerhalb der Band höchstens noch zwei, drei Freunde, aber die Band ist meine Familie. Torstens Schwester arbeitet bei uns im Büro. Robin, der auf Tour das Merchandise macht, kümmert sich um den Online-Shop. Robert, unser Tourmanager, ist gleichzeitig unser Buchhalter und überhaupt der sechste Mann im Beatsteaks-Boot. Das ist bei uns alles irgendwie eins.

Da ergeben sich ja einige Parallelen zu den Hosen, die Ende der 80er Jahre auch einige langjährige Begleiter ins Boot geholt haben….

Wenn ich mir die Hosen manchmal anschaue, denke ich oft, dass wir viele Sachen ähnlich angehen. Schon als wir zum ersten Mal zusammen gespielt haben, habe ich festgestellt: „Die sind auch so ne Gang wie wir.“ Sie waren von Anfang an sehr freundlich zu uns, aber eben nicht sofort offen für alles. Es hat schon so eine gewisse Zeit gedauert, bis man so richtig rein durfte in ihren Kreis. Und diese Erfahrung ist bei mir super positiv hängen geblieben. Es hat mich einfach verdammt an uns selbst erinnert!

Wer gehört für Dich noch zu dieser Gang der Hosen?

Manfred Meyer und seine Männer, die Backliner, die sie schon ewig dabei haben, und natürlich Faust. Man hatte jederzeit das Gefühl, dass die Leute, die für die Hosen arbeiten, das zu schätzen wissen, und über die Band, für die sie ihren Job machen, denken: „Das sind unsere Jungs!“ Das fand ich schon sehr beeindruckend.

Euer neues Album „Limbo Messiah“ wird überall als „lauter, schneller, härter“ angepriesen. Ein Urteil, das Du teilen kannst?

Beatsteaks – "Limbo Messiah"

Das mit dem „lauter, schneller, härter“ stimmt schon irgendwie; die Platte lässt einem kaum Luft zum Atmen.

Ich habe aber längst noch keinen richtigen Abstand zu unserer Arbeit. Wenn ich mit einer Platte fertig bin, hasse ich die eigentlich grundsätzlich erstmal, weil sie einem wieder alles abverlangt hat. Es dauert immer etwas, bis ich wieder loslassen kann. So langsam kommt das Gefühl jetzt zurück, wenn wir die Songs im Proberaum spielen. Es sind wirklich super Stücke dabei, wie wir sie noch nie geschrieben haben, zum Beispiel „Demon's Galore“. Es ist nicht so ein sonniges Album wie „SmackSmash“, es ist eindeutig aggressiver, fast schon zickig manchmal. So etwas haben wir in unserem Kosmos zuvor noch nicht gemacht.

Woher kommen Eure musikalischen Einflüsse, wenn Ihr an einem solchen Projekt arbeitet?

Das ist oft einfach das, was wir gerade selbst so hören. Es gibt natürlich immer wieder Bands, auf die wir uns alle einigen können, wie zum Beispiel The Clash, die Pixies, Ramones oder Beastie Boys. Zusätzlich schleppt noch jeder seinen Kram an und versucht, die anderen dafür zu begeistern, was aber eher selten gelingt. Torsten hört zum Beispiel fast nur noch HipHop, Bernd überhaupt nicht. Das ist also schon immer sehr lustig, wenn wir uns gegenseitig Musik vorspielen… Grundsätzlich kann man sagen, dass uns während der Studiozeit der moderne angesagte Rock-Sound ziemlich gelangweilt hat, die ganzen „The“-Bands und so weiter. Wir wollten frech sein und alle überraschen. Wir pflegen immer noch lieber eine Anti-Haltung, als Everybody´s Darling zu sein.

Welche Musik außerhalb des Bandkanons war für Dich in den letzten Monaten wichtig?

TV on the Radio finde ich unfassbar gut, Jamie T und ganz viel alten Soul, Curtis Mayfield und so. Dazu habe ich die Bad Brains völlig neu für mich entdeckt. Ich fand die früher schon ganz gut, aber dann habe ich irgendwann den Film „American Hardcore“ gesehen. Da musste ich die alten Platten wieder hervorholen. Die Bad Brains sind eine sehr inspirierende Band. Ich höre aber eigentlich alles: Wenn ich die Schnauze mal voll habe von dem ganzen modernen Kram, stelle ich auch einfach mal den Oldie-Sender an. Und dann kommen die Beach Boys, und du denkst bei dir: „Mann, die sind ja früher schon großartig gewesen!“ Es gibt in jeder Dekade und in jedem Genre etwas, das mir gefällt, egal ob es Popmusik ist oder Death-Metal.

Was ist das überraschendste Stück auf dem neuen Album?

„E-G-O“, der letzte Song, bei dem Peter die Strophen singt. Ich habe die zuerst selbst gesungen, mich aber nicht richtig wohl gefühlt damit.

Peter war an dem Tag eigentlich nur zum Zeitungslesen im Studio, hat dann aber direkt ordentlich einen rausgehauen. Das war für mich einer der schönsten Momente beim Aufnehmen.

Musikalisch sticht der Song vielleicht auch heraus, weil er doch wieder ein wenig an die „SmackSmash“ erinnert. „E-G-O“ versöhnt den Hörer als am Ende der CD ein bisschen. Zurzeit freunde ich mich aber auch immer mehr mit „Meantime“ und „Demons Galore“ an.

Welchen Status haben die Beatsteaks im Jahr 2007 erreicht?

Ich sehe uns als eine Band, die nicht zur Ruhe kommt und immer noch hungrig ist und neugierig. Wir wundern uns selbst am meisten, dass wir zuhause in Berlin in der Wuhlheide spielen dürfen und dass unsere Tour quasi ausverkauft war, bevor das Album herausgekommen ist. Wir sind an einem Punkt angelangt, von dem wir dachten, dass wir da nie hinkommen mit unserer Musik. Natürlich haben wir insgeheim davon geträumt, aber es traute sich noch nicht einmal jemand, das intern auszusprechen. Jetzt, wo wir es machen können, wollen wir es auch richtig machen. Es ist schließlich der beste Job der Welt. Ich glaube, wir sind von der Band her gerade „mittendrin“. Das große Fazit kommt erst nach den nächsten beiden Platten. Ich persönlich würde mich freuen, wenn die nächste nicht so lange auf sich warten lässt. Vielleicht können wir die Leute damit auch mal überraschen! Man hat das ja auch diesmal gemerkt, wie die Leute um uns rum nervös geworden sind…

Ihr seid aber immer locker geblieben?

Wir verkrampfen während einer solchen Produktion auch schon mal gerne. Mir bleibt dann auch mal für eine Woche die Stimme weg, weil ich denke, dass ich irgendwas nicht singen kann. Es gibt da schon so ein paar Momente, in denen man an sich zweifelt. Die Erwartungshaltung war diesmal auch einfach etwas höher. „SmackSmash“ haben wir noch einfach so aus der Hüfte geschossen. Davor hieß es wahrscheinlich bei manchen Leuten über uns: „Die Beatsteaks, der ewige Geheimtipp, wahrscheinlich schaffen sie es nie!“ Und dann haben wir mit der Hilfe unseres Produzenten Moses Schneider so ein erfolgreiches Album abgeliefert. Diesmal wussten wir vorher, dass es bestimmt 100.000 Menschen in diesem Land gibt, die hinterher sagen: „Das höre ich mir auf jeden Fall an!“ 100.000 Menschen bedeuten gleichzeitig 100.000 Meinungen. Irgendwann kommt man aber auch zu der Erkenntnis, dass diese 100.000 Meinungen ziemlich egal sind, wenn wir selbst mit unserem Kram klar kommen. Wenn man neue Musik entwickelt, darf man nicht die ganze Zeit an die Hörer denken. Wir haben zu uns selbst gesagt: „Es hat sich nichts verändert, es ist alles wie immer.“

Machst Du Dir Gedanken, wie die Fans auf die neue CD reagieren werden?

Ich kann das sehr gut nachvollziehen, weil ich großer Depeche-Mode-Fan bin. Depeche Mode können bei mir gar nichts falsch machen. Das neue Album kaufe ich mir sowieso, und das immer noch am Erscheinungstag. Ich bin in der Hinsicht so ein richtiger Fan-Fan. Sie werden zwar nie wieder rankommen an Meisterwerke wie „Violator“ oder „Music for the Masses“, aber das ist mir egal, wenn sie nur immer noch Musik machen. Manche von den letzten Platten haben mich dann aber doch wieder überrascht. Ich kenne also das Gefühl. Wenn ich das jetzt übertrage auf „SmackSmash“, dann bin ich echt mal gespannt, was die Fans zu unserem neuen Album sagen. Wir mussten uns auch schon beim letzten Mal so einiges anhören. Wer „Living Targets“ gemocht hatte, hat uns gefragt:

„Was soll diese ‚Hand in Hand’-Scheiße? Macht Ihr jetzt einen auf ‚Sunshine Reggae’?“

Diesmal wird uns wahrscheinlich nachgesagt, dass wir einen auf harten Maxe machen…

Wessen Urteil ist Dir besonders wichtig?

Mein Vater und meine Freunde sind da sicherlich die wichtigsten Gesprächspartner. Ich habe in Argentinien aber auch lange mit Campino drüber gequatscht. Der hat zu mir gesagt:

„Das Album war geil. Jetzt wird's schwer! Sei darauf vorbereitet. Wenn Ihr jetzt in dieser Schublade steckt, müsst ihr besonders gut auf Euch achten und weiter den Ellenbogen ausfahren.“

Campino

Ich glaube, der wollte mich ein wenig darauf vorbereiten, was auf uns zukommen würde. Deshalb bin ich natürlich besonders gespannt, was er jetzt zum Ergebnis sagt.

Gibt es eigentlich irgendetwas, was sich die Berliner Gang von der Düsseldorfer Gang abschauen sollte?

Den Dickkopf, die Ausdauer, die Disziplin – und die T-Shirt-Preise (lacht).

Ihr wart mit den Ärzten und mit den Hosen unterwegs. Irgendwelche Unterschiede?

Das nimmt sich fast nichts. Als Vorband der Ärzte und als Vorband der Hosen wird man super behandelt, weil die Bands einem soviel zurückgeben. Du wirst sogar bezahlt für einen Support-Gig (lacht). Und die nehmen dich wie selbstverständlich in das Hotel mit, in dem sie auch selbst schlafen. Oder am ersten Tag der Tour mit den Hosen: Da stellte sich ein Mitarbeiter bei mir mit den Worten vor: „Ich bin Dein Spot-Fahrer.“ Das war mein erster eigener Spot-Fahrer, super geil.

Die beiden Bands unterscheiden sich allerdings dadurch, dass die Hosen eine Band-Band sind und die Ärzte drei ganz eigene Universen.

Bei ihnen ist es wie bei Faith No More, dass die Band eher eine Zweckgemeinschaft ist. Das muss nichts Schlechtes sein, aber ich mag natürlich das Familiäre der Hosen lieber, weil ich es auch nicht anders kenne. Es war auf jeden Fall sehr interessant, sich die beiden größten deutschen Bands mal von der Seite anzugucken und sich seinen Teil rauszuziehen und mitzunehmen. Und das Beste daran war natürlich, dass sich meine Idole von damals als coole Typen entpuppt haben und sogar als Fan meiner eigenen Band. Wow!

»Ich habe eigentlich noch nie gedacht: 'Ich habe keinen Bock mehr auf die Band.'«

Die Hosen feiern gerade ihr 25. Bandjahr, ihr seid immerhin auch schon im zwölften. Habt Ihr irgendwann zwischendurch mal gezweifelt, ob es zu mehr als zum Geheimtipp reicht?

Ich habe eigentlich noch nie bei mir gedacht: „Ich habe keinen Bock mehr auf die Band.“ Natürlich zweifelt man in manchen Momenten, an dem, was man tut. Hat man die Stelle jetzt gut gesungen? Was kann man bei der nächsten Show besser machen? Ich habe all die Jahre aber immer nur von Tag zu Tag gedacht. Das Allerletzte, was ich mit der Band angesteuert habe, war eine Karriere. Es ging uns eher um den Moment. Wenn wir jetzt aber die nächsten fünf, sechs Jahre dort bleiben, wo wir gerade sind, dann können wir ja sogar davon leben. Da sind wir dann total fein raus und machen natürlich weiter (lacht). Das würden wir aber auch machen, wenn wir nicht an diesem Punkt wären. Vielleicht wären wir immer noch der Geheimtipp auf den kleinen Bühnen.

Wie habt Ihr den plötzlichen Erfolg von „SmackSmash“ aufgenommen?

Der Erfolg ist bei uns im genau richtigen Moment gekommen; er konnte uns nicht mehr zu sehr den Kopf verdrehen. Er hat einen eher weiter angeschoben. Ich habe dann halt zu mir gesagt: „Scheinbar ist es wirklich deine Religion.“ Wir haben uns, als der Erfolg über uns hereinbrach, eher kaputt gelacht, dass wir plötzlich überall liefen. MTV hat unsere Videos ja rauf und runter gespielt. Wir dachten: „Wow, jetzt geht das alles doch noch in Erfüllung, was wir uns all die Jahre gewünscht hatten.“ Wir mussten auch gar nichts mehr tun und keine anderen Bands nerven, ob wir mit ihnen spielen können. Plötzlich lief das alles von ganz alleine, und das ausgerechnet mit dem Album, das wir aus dem Bauch heraus gemacht hatten.

Woran hast Du gemerkt, dass die Sache nicht mehr aufzuhalten war?

Unsere Plattenfirma wollte „I don't care as long I sing“ zuerst nicht als Single herausbringen. Wir mussten uns da erst richtig für einsetzen. Als dann einer von der Plattenfirma vor mir stand und sagte, dass das Album weiterhin nicht aus den Charts verschwindet und wir noch eine Tour machen müssten, habe ich gemerkt, dass ab sofort ein neues Level beginnt. Den Erfolg merkte man auch massiv bei unseren Konzerten. Wäre es unsere erste Platte gewesen, wäre ich wahrscheinlich durchgedreht: „Wo sind die Drogen, wo sind die Weiber?“

Der Sommer 2004 war schon krass geil. Wir waren die Band der Stunde; alle drehten sich zu uns um, wenn wir bei einem Festival auftraten, selbst wenn Muse auf der Hauptbühne spielten.

Wie hast Du diese Zeit erlebt?

Wir haben Rock am Ring total auseinander genommen. Und so etwas erlebt man dann auch nur einmal. Jetzt kennt man uns überall; jeder hat uns schon mal gesehen. Dass man es aber einmal erleben durfte, ein richtiges heißes Eisen zu sein, das war sehr cool. Wenn einem so etwas mit der ersten Platte passiert, kriegt man wahrscheinlich einen Kopfschaden. Wir haben abends eher zusammen im Bus gesessen und uns darüber kaputt gelacht, was gerade draußen abging. Es gab auch ganz ernste Gespräche zu der Zeit, ob wir das überhaupt wollten. So anstrengend es manchmal ist, eine Diskutierband zu sein, umso besser ist das manchmal auch.

Wie konntet Ihr es sicherstellen, die Kontrolle zu behalten?

Wir haben das Glück, dass bei unserer Plattenfirma zurzeit Leute sitzen, die uns verstehen. Man hört halt gegenseitig aufeinander. Jeder hat schon mal etwas durchgedrückt, was der Andere nicht wollte, einfach, weil es sein musste. Wir wollten zum Beispiel „Hello Joe“ gar nicht als Single herausbringen, also auch kein Video dazu machen. Die mussten uns damals erst davon überzeugen, und im Nachhinein war das natürlich extrem wichtig. Die haben zu uns gesagt:

„Dann nehmt doch jemand anderen, wenn Ihr nicht schon wieder Eure Fressen in die Kamera halten wollt!“ Und so kam es, dass Jürgen Vogel in unserem Video mitspielte.

Wir haben aber bis heute keinen Bock, bei Stefan Raab aufzutreten. Seine Show ist aber mittlerweile der einzige Platz, an dem du im deutschen Fernsehen live spielen kannst. Ich weiß nicht, ob sie es irgendwann noch schaffen, uns davon zu überzeugen. Zurzeit sieht es eher nicht so aus (lacht).

Ihr seid die typische Live-Band. Ist es heutzutage noch wichtiger geworden, live zu spielen?

Für mich war es immer wichtig. Es gibt aber auch viele Musiker, die unglaublich viele Platten verkaufen, obwohl sie nie touren. Oder das Verhältnis stimmt nicht: Die verkaufen zigtausend Platten, aber es kommen nur 600 Leute zum Konzert. Ich habe es auf jeden Fall lieber, wenn es andersrum läuft. Für uns lief das Plattenaufnehmen lange Jahre eher so nebenher. Das ist auch nach wie vor die Stärke der Band. Wenn ich mir Musik von uns auf Platte anhöre, denke ich oft, dass wir anderen Bands noch ziemlich hinterher hinken. Live können die Queens Of The Stone Age gegen uns aber kacken gehen! (lacht)

War es jemals eine Option für Dich, auf Deutsch zu singen?

Ich glaube eher nicht, dass wir das noch mal machen werden. Das sind irgendwelche Späße aus der Vergangenheit. Ich für meinen Teil singe auf keinen Fall mehr Deutsch. Meine Experimente in dieser Richtung sind abgeschlossen. Wenn wir mal wieder einen deutschen Song hätten, dann müsste halt jemand anderes singen! Das hat auch gar nichts damit zu tun, dass wir über Deutschland hinaus spielen wollen. Ich drücke mich nun einmal lieber auf Englisch aus. Es ist aber natürlich auch kein Nachteil, dass man außer den Konzerten in Deutschland, Österreich und der Schweiz auch noch nach Skandinavien, England und Japan fahren kann. Japan wäre noch ein echtes Ziel für uns. Kreator fahren da heute noch zu Konzerten hin.

Wie passen Eure Erfahrungen aus Argentinien dazu?

Wir haben dort schnell festgestellt, dass es anders war, als zu Hause zu spielen. Es war alles noch intensiver. Der Moment, in dem es zwischen Band und Publikum „klick“ macht, ist in Südamerika noch lauter. Die Fans dort lieben die Musik genauso, wie es die Leute hierzulande tun, aber sie feiern das mehr ab. Unser Konzert im Club La Trastienda war super. Das Publikum kannte natürlich keines unserer Lieder, das musste man sich erst erspielen, eigentlich wie früher. Deshalb fahren wir heute auch nach Slowenien. Wenn die Leute mir da nach anderthalb Stunden vor der Bühne ein Bier reichen, nachdem sie uns vorher gar nicht kannten, finde ich das super. Nach Argentinien fährt man also nicht, um Geld zu verdienen, sondern wegen der Erfahrung. Wir müssen da auch unbedingt noch mal hin, nicht zuletzt wegen der unglaublichen Steaks!

In Argentinien hatten die Hosen ja eine kleine Überraschung für Euch dabei…

Campino meinte im Flugzeug zu mir: „Wir müssen Euch noch etwas vorspielen!“ Im Hotel war aber kein CD-Player aufzutreiben, da haben sie uns am nächsten Tag in ihren Umkleideraum gebeten – und uns dort mit ihrer Unplugged-Version von „Hand in Hand“ überrascht. Ich fand es eine super Geste! Und die hatten es echt geschafft, die ganze Sache geheim zu halten.

Ich hatte bis dahin nie eine Coverversion von uns gehört, und dann kommt gleich eine von so einem Kaliber.

Ich war extrem überwältigt. Ich muss immer noch zufrieden grinsen, wenn ich an diesen Moment in Buenos Aires denke.