In der Zeit, als die Hosen ihre erste Plattenfirma Totenkopf gründeten, war die Duisburgerin Andrea Berzen mittendrin: Zuerst als regelmäßige Konzertbesucherin und als Freundin von Campino, später auch als Mitarbeiterin.

Wie bist Du in den frühen 80er Jahren mit den Hosen in Kontakt gekommen?

Ich habe die ersten 15 Jahre meines Lebens in Duisburg verbracht. Dann bin ich mit meinen Eltern nach Dinslaken gezogen – und mit 20 wohnte ich bereits in Düsseldorf. Schon als ich noch woanders lebte, bin ich ständig nach Düsseldorf gefahren. Man könnte auch sagen: In Düsseldorf war ich eigentlich immer. Nur 1980/81 bin ich mal kurz nach Berlin gezogen. Und ausgerechnet dort habe ich Campino kennen gelernt. Ein Bekannter von mir kannte John, den Bruder von Campi, der in Berlin lebt, und schleppte mich ins SO36, wo ZK aufgetreten sind.

Wie hast Du die Band um Campino und Kuddel damals erlebt?

Ich fand das Konzert total grauenhaft; die Musik war mir zu mitgrölig und zu wenig rockig. Nach dem Konzert kam Campi zu seinem Bruder und hat mit ihm gequatscht. Wiedergesehen haben wir uns dann zu Weihnachten in Düsseldorf, im Ratinger Hof. Und ein halbes Jahr später waren wir zusammen…

Ich kann nicht genau sagen, was mich an ihm fasziniert hat; ich habe mich halt in ihn verknallt.

Campino ging noch zur Schule und wohnte noch bei seinen Eltern; ich war etwas älter und hatte schon ein Auto. Damals wurde gerade das ZK-Abschiedskonzert im Okie-Dokie geplant.

Du hast Campino also kurz vor Gründung der Hosen kennen gelernt. Wie hast Du ihn erlebt?

Er war derselbe Typ, der er heute noch ist. War Campi früher anders? Nein, da hat sich absolut nichts getan! (lacht)

Heute hat er vielleicht etwas mehr Erfahrung und drei Falten im Gesicht, aber er hat immer noch denselben Gang und ist genauso störrisch, wenn er etwas nicht einsehen will. Lustigerweise hat er mir neulich ein paar neue Stücke vorgespielt. Wir haben in seinem Wohnzimmer gesessen – und das kam mir irgendwie bekannt vor. Als wir zusammen waren, gehörte das nämlich auch zu unseren Haupttätigkeiten.

Er hat mir eigentlich die ganze Zeit irgendwelche neue Musik vorgespielt…

Wie weit ging die Liebe zur Schallplatte?

Wir waren einmal mit einem gemeinsamen Freund in London. Das Ziel einer solchen Reise war immer, dass man rare Punk-Singles findet. Kurt und ich haben uns ein Zimmer in einer Jugendherberge genommen. Campi wollte sich das Geld lieber sparen und hat im Auto gepennt. Wir gingen dann am nächsten Tag zum „Tapes & Records Exchange“ und haben endlich die „Weekend“ von den Boys gefunden. Ich weiß nicht, wie lange wir danach gesucht hatten! Campi hat sich die Platte gekauft, ich habe sie dann aber versehentlich auf die Ablage des Autos gelegt. In London war es sehr heiß in diesen Tagen… Als wir zurückkamen, war die Platte eine einzige Welle und es gab Mord- und Totschlag wegen dieser bescheuerten Single. Wenn wir uns heute daran erinnern, lachen wir uns immer halbtot.

Wie romantisch war der junge Mann denn sonst so?

Wir hatten in der Hinsicht etwas Pech… Als wir einmal auf Ibiza waren und unseren ersten romantischen Spaziergang machen wollten, kam plötzlich ein Haufen wilder Hunde angerannt. Ich hatte eine solche Angst, dass ich versteinert da stand und mich nicht bewegen konnte. Campi hat aber noch einen drauf gesetzt: Er hatte einen solchen Schiss, dass er mitsamt Hose ins Wasser geflüchtet ist. So endete also unser erster romantischer Spaziergang etwas ungewöhnlich, ist aber dafür bis heute eine gern erzählte Anekdote.

Andi kann sich daran erinnern, dass Du früher auch immer im Aratta gewesen bist…

Wir sind tatsächlich regelmäßig nach Moers gefahren, das war der wichtigste Laden nach dem Hof. Ein ganz wichtiger Treffpunkt, mit einer merkwürdigen Cliquenwirtschaft.

Die Wuppertaler, die da immer hingekommen sind, waren alle Psychobillys, die Krefelder waren New-Romantic-angehaucht, die Düsseldorfer schwankten zwischen modern und Punk und die Duisburger waren ein bisschen Popper-mäßig.

Jede Stadt hat irgendwie ihre Subkultur hingeschickt. Wenn ich heute welche aus dem Aratta treffe, haben die sich auch nicht groß verändert. Teilweise wird vielleicht etwas weniger Haarspray verwendet…

Wie hat man einen Aratta-Abend verbracht?

Es lief natürlich immer gute Musik aus der Konserve. Hin und wieder gab es aber auch Konzerte. Als die Hosen einmal dort gespielt haben, ist das kleine Aratta fast auseinander gebrochen. Wie viele haben da wohl reingepasst? Das war ja nur so ein kleines, altes Haus am See. Wenn man das Café und die Bar dazu rechnet, haben vielleicht 300 Leute Einlass gefunden. Der Stamm-DJ hieß – Raimund. Er war der Besitzer des Ladens; richtige DJs gab es damals noch nicht. Gespielt wurde alles von Fehlfarben über Sisters of Mercy bis hin zu Nick Cave, aber auch Gun Club, Meteors und die Hosen. Für jede Gruppierung war etwas dabei.

Wie hat man sich so ein Hosen-Konzert im Aratta vorzustellen?

Das war eigentlich nichts anderes als ein Wohnzimmerkonzert, bedingt durch die Lokalität. Im Aratta gab es keine Absperrung, eine nur geringfügig erhöhte Bühne und selbstverständlich keinen Backstage-Bereich.

Die Band war zum Greifen nah. Man kam vor dem Auftritt in den Laden, hat was mit den Zuschauern getrunken, und blieb auch hinterher da und hat wieder mitgetrunken. Die Hosen waren ein ganz normaler Teil der Szene, wobei jeder wusste: Wenn die hier auftreten, wird das kein lahmer Gig. Außer den Hosen haben übrigens auch mal Die Ärzte und die Krupps von Jürgen Engler im Aratta gespielt.

Bist Du mit den Hosen zu dieser Zeit auch mal auf Tour gefahren?

Nur, wenn die Jungs in der Gegend gespielt haben, konnten sie sich nicht wehren. Einmal bin ich aber auch im Kleinbus mit nach Paris gefahren, wo die Hosen auf Einladung des Goethe-Instituts im Centre Pompidou gespielt haben. Über das Thema musste ich mich auch nicht nur mit Campino auseinandersetzen, sondern mit der ganzen Band. Trini war zum Beispiel beinhart, was das Mitkommen von Mädels anging. Wir sind ihnen aber trotzdem immer wieder hinterher gefahren, zumindest am Wochenende, zum Beispiel zu ihrem ersten Konzert in Bremen.

Nein, Mädels waren ja der größte Nervfaktor auf Tour, Freundinnen sowieso (lacht)

"Mädels waren ja der größte Nervfaktor auf Tour"

Die legendäre Feuertaufe, bei der die Band fälschlicherweise als „Die Toten Hasen“ angekündigt wurde...

Ich bin mit meiner Freundin Petra hingefahren, die mit Walter November zusammen war, damals ebenfalls noch Bandmitglied. Wir hatten die Gitarre von Kuddel und ein bisschen Equipment an Bord, weil der Kram immer auf mehrere Wagen verteilt werden musste. Und dann ist unser Auto stehen geblieben, auf der Autobahn nach Bremen. Der Wagen ist nicht mehr angesprungen und Petra und ich bekamen die totale Panik. Ich weiß nicht, ob sich Kuddel nicht noch irgendwo eine Gitarre hätte leihen können, aber wir hatten damals echt Schiss, dass wir den Jungs das erste Konzert vermasseln. Wir standen da mit unseren hoch toupierten Haaren auf dem Seitenstreifen und es hat natürlich kein Mensch angehalten. Das war der Tag, an dem ich in den AvD eingetreten bin. Wir kamen gerade noch rechtzeitig an…

An welche Details erinnerst Du Dich als eine der raren Augenzeugen des ersten Auftritts?

Das Konzert fand in einem Keller statt und es standen vielleicht 30 Leute vor der Bühne. Man könnte auch sagen: Es war nicht besonders voll! Hinzu kam, dass die Leute, die gekommen waren, eigentlich viel lieber ZK hören wollten.

Die Hosen-Songs kannten sie noch gar nicht; das war natürlich alles ganz neu. Das Publikum hat also die ganze Zeit nach „ZK“ geschrien, aber Campi ist beinhart geblieben: Die Hosen haben kein einziges ZK-Stück gespielt. Zu der Zeit ist man natürlich auch auf der Kiefernstraße in Düsseldorf aufgetreten. Da standen dann halt die üblichen Bekannten rum, etwa 50 Leute. Während des Konzerts quetschte man sich aber eher an der Wand entlang, als dass man sich vor die Bühne stellte. Man war sicherlich ein bisschen reservierter, als man es bei einer fremden Band gewesen wäre. Und man wusste ja auch nie, wann Campi seinen Salto machte.

Wann hast Du gemerkt, dass die Hosen außerhalb dieser kleinen Szene ein Publikum finden könnten?

Das erste Mal, dass ich selbst miterlebt habe, dass es etwas voller wurde, war im Saalbau in Essen. Da standen plötzlich 600, 700 Leute vor der Bühne, was ein ordentlicher Sprung nach vorne war. Der Laden war rappelvoll, die Leute total begeistert, diesmal gab es sogar einen Backstage-Bereich. Irgendwie wusste man nach diesem Konzert, dass die Band einen guten Weg nehmen würde. Es deutete zumindest alles daraufhin, dass es jetzt eher mehr wird als weniger, vielleicht sogar etwas Großes. Ich weiß noch, wie ich mich damals mit den anderen Mädels in der Halle umgeschaut habe und sagte: So voll war das doch vor einem Jahr noch nicht! Dabei gab es damals noch nicht einmal eine Vorband…

"Als dann das Stück „Hip Hop Bommi Bop“ aufgenommen wurde, sagte der Typ plötzlich zu mir, ich sollte mal rappen." (Uuuuuralte Kopie eines Kontaktabzuges von den Proben zu "Hip Hop Bommi Bop")

Hast Du mitbekommen, wie der Bandname 1982 entstanden ist?

Zwei Namen haben es damals in die Endausscheidung geschafft: „Die Pariser“ und „Die Toten Hosen“. Campi hat immer „Die Toten Hosen“ bevorzugt, weil der Name ja irgendwie beinhaltete, dass es nicht das vollste Konzert werden würde, sondern dass auch mal „tote Hose“ herrschen könnte.

So hat man sich dann für den Namen entschieden. Er wollte damit vielleicht für den Fall vorsorgen, falls es nicht so gut läuft mit der Band. Wenn man heutzutage „tote Hose“ hört, denkt man ja gleich an die Hosen. Man kann schon sagen, dass sich die Bedeutung des Begriffs in den letzten 25 Jahren schon etwas verschoben hat. Ob das wohl auch mit „Die Pariser“ passiert wäre?

Wenn solche wegweisenden Entscheidungen gefällt wurden, wer hat sich dann durchgesetzt?

Ich war zwar mit Campi irgendwas über drei Jahre zusammen, aber natürlich nicht dabei, wenn die Hosen ihre Probe oder Bandbesprechung hatten. Ich glaube aber, dass das total demokratisch abgelaufen ist. Bestimmt haben Jochen, Trini und Campi wie immer etwas mehr ihren Senf dazu gegeben als Kuddel, aber letztendlich war es wohl eine Entscheidung der ganzen Band. Was damals einen wichtigen Schritt für die Hosen darstellte, war ein Besuch bei der kleinen Punk-Szene in der DDR. Ermöglicht hatte das irgendein ostdeutscher Pfarrer – und das hat ordentlich Eindruck bei den Jungs hinterlassen, dass sich dort Menschen für dieselbe Musik interessieren wie in der BRD.

Geheimes Konzert in der Erlöserkirche, Ostberlin 1983

Woran erinnerst Du Dich noch aus dieser Zeit?

Ich weiß nicht, wo Campi damals seine Texte geschrieben hat, zu Hause bei den Eltern oder im Proberaum. Er hatte damals aber eine Phase, in der er mal kurz, als des Wahnsinns fette Beute, Fremdenlegionär werden wollte. Nicht unter dem Aspekt, in den Krieg zu ziehen, sondern um das große Abenteuer zu erleben. Da haben aber alle gesagt: Du spinnst ja wohl! Bevor der Plan irgendwann wieder verworfen wurde, hat er das aber noch lange mit den Geschwistern ausdiskutiert. Ich weiß bis heute nicht, wie er auf den Schwachsinn gekommen ist. Dann hat er kurz die Bundeswehr ausprobiert, um relativ schnell einzusehen, dass das mit ihm nicht funktioniert. Bis das Kapitel endlich vorzeitig abgeschlossen war, musste er ständig nach Münster fahren.

Der Zivildienst in einer Düsseldorfer Psychiatrie, der tagtägliche Umgang mit den Menschen dort, hat ihn aber anschließend extrem geerdet. Die Zeit dort hat ihm sicher nicht geschadet…

Wie haben sich die Bandmitglieder untereinander verstanden?

Es war für jeden unübersehbar, dass sie Freunde waren; zusammen lernte man sie als eine starke Einheit kennen.

Man hat intern aber auch damals schon reichlich diskutiert und sich auseinandergesetzt. Jochen und Trini haben immer besonders kreativ und lautstark für die Band geackert und immer überlegt, was man als Nächstes tun kann. Das lief aber alles auf einer total freundschaftlichen Ebene ab: Campi, Kuddel und Andi kannten sich ja bereits von ZK; Breiti war bei Campi in der Klasse gewesen. Ich glaube, da sind einfach die richtigen Leute zusammengekommen. Da hat nie irgendeiner rumgezickt oder seinen eigenen Kram auf Kosten der anderen ausgelebt. Es ist ja auch heute nicht so, dass alle in verschiedenen Städten wohnen, wie man das von den Ärzten kennt.

Wie wichtig war Düsseldorf für die Hosen?

Ganz wichtig und es war ja zudem die Heimatstadt.

Früher gab es bekanntlich den Ratinger Hof, und für den ist damals jeder nach Düsseldorf gekommen. Heute würde man wohl mehr über den Tellerrand blicken müssen, aber damals war Düsseldorf die erste Anlaufstelle für alle Punks von überall her.

Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass man heutzutage noch für nur einen Laden irgendwo hinfährt. Man fährt vielleicht nach Berlin, Hamburg und München, steuert dort aber verschiedene Ziele an. Wenn die Hosen früher nach Berlin kamen, ging es aber auch dort immer in dieselben Läden. Für mich allerdings war der entspannteste Platz in Berlin der vor dem Cafe Central am alten Metropol. Dort traf sich sonntags nachmittags immer die netteste Szene. In Berlin gab es ansonsten ja auch viele Vivienne-Westwood-Punks, die eher die Sex Pistols hörten. Die Hosen waren eher die andere Abteilung: gestreifter Pullover, Jeans mit Löchern.

Wie hart ging es denn damals bei Konzerten zu?

Ich war Mitte der 80er Jahre bei einem Konzert mit den Adicts im Haus der Jugend in Düsseldorf. Wegen der englischen Hauptband waren auch viele Skinheads zugegen – und die mochten die Hosen schon mal gar nicht. Auf der Straße vor dem Laden gab es Riesenschlägereien, der totale Aufstand, irgendwann kam natürlich auch die Polizei. Drinnen war es hinterher so voll, dass man keine Faust mehr heben konnte. Ein fürchterliches, ein aggressives Konzert! Da war man als Mädchen froh, dass man jemanden von der Band kannte. Ich habe das den Gig dann von der Bühne aus verfolgt… Ich habe die Adicts vor ein paar Wochen in der Kufa in Krefeld wieder gesehen und die haben Gas gegeben, wie es besser nicht hätte sein können. Obwohl die Band seit 31 Jahre zusammen ist, sahen die Musiker super aus, hatten keine dicken Bäuche oder nur drei Haare auf dem Kopf. Das Konzert war echt der Hit.

Womit haben die frühen Hosen denn ihr Publikum für sich gewonnen?

Die Bühnenshow war's sicher nicht. Die ganze Bühnendekoration bestand ja höchstens mal aus einer Wäscheleine mit aufgehängbten Hosen. Es war die Mischung aus Campi, der Band und den Liedern. Das Publikum grölte schon damals alles mit und vor der Bühne ging die Post ab. Die Stücke, an die ich mich am liebsten erinnere, sind die von der „Ein kleines bisschen Horrorschau“. Es war sensationell, wie die Hosen bei „Clockwork Orange“, dem Theaterstück in Bonn, plötzlich aus dem Boden auf die Bühne kamen und Gas gegeben haben.

Das Engagement hat sie auf eine andere Stufe gehoben, irgendwie auch auf eine ernsthaftere. Musikalisch und textlich nahm es eine echte Wende. Für mich war die „Horrorschau“ das Album des Jahrhunderts.

Wer war die Triebfeder hinter den ganzen Auftritten und Aktionen dieser Zeit, dokumentiert auf der „3 Akkorde für ein Hallelujah“?

Trini hatte immer die spinnertsten Ideen, und sei es die Geschichte mit dem „Formel Eins“-Film. Wie großartig war zum Beispiel der Einfall, Fab Five Freddy aus der New Yorker HipHop-Szene über den Teich zu holen! Ich bin damals mit im Studio gewesen, irgendwo im Ruhrgebiet, und wusste nicht einmal, was Rap bedeutet. Als dann das Stück „Hip Hop Bommi Bop“ aufgenommen wurde, sagte der Typ plötzlich zu mir, ich sollte mal rappen. Er sagte wortwörtlich: „Rap doch mal, als ob Du sprechen würdest.“ Ich dachte damals: Soll ich jetzt singen oder sprechen? Ich konnte doch beides nicht…

Hinterher war ich dann tatsächlich auf der Platte zu hören. Irgendwo sage ich etwas wie: „Bomme, Bomme, Bommerlunder, Bommerlunder eisgekühlt“. Und das ist mir heute noch peinlich…

Trini war also eigentlich der erste Promoter der Band?

Jochen und Trini haben mit ihren Spitzenideen dafür gesorgt, dass es überhaupt Promo gab und man etwas über die Band berichten konnte. Trini war ein saukreativer Kopf und ein bisschen verrückt, was man wahrscheinlich sein muss für einen solchen Job. Er hatte die Traute, gewisse Sachen durchzuziehen, die schon etwas gewagt waren. Es wurde aber auch nicht allzu viel darüber nachgedacht, ob man hinterher wieder in eine Fernsehshow eingeladen werden würde. Wenn es einen guten Gag gab, den alle lustig fanden, wurde der auch umgesetzt, ohne Rücksicht auf Verluste. Das Motto hieß: Nach uns die Sintflut… Wenn es jemals einen Masterplan gegeben hat, habe ich nichts davon mitbekommen.

Damals hast Du noch für Totenkopf, das erste Label der Hosen, gearbeitet…

…und eines Tages kam Trini ins Büro, ich war damals noch seine Assistentin, und hat gesagt: „Ich gehe jetzt, ich komme nicht wieder.“

Da habe ich gedacht, der will mich veräppeln. Oder die haben einfach mal etwas gestritten und das renkt sich schon wieder ein. Dann ist er aber wirklich raus gegangen – und ist nicht wiedergekommen. Er hat noch nicht einmal seinen Schreibtisch aufgeräumt. Ich bin dann zu Jochen rauf gegangen und habe zu ihm gesagt: „Du glaubst nicht, was gerade passiert ist!“ Jochen ist natürlich auch die Kinnlade runter gefallen. Trini ist tatsächlich nicht wiedergekommen – und ich habe ihn von da an immer sehr vermisst.

Wie ist es eigentlich zu Deiner Festanstellung bei den Hosen gekommen?

Ich arbeitete bei einer Firma in Dortmund, die zum „Metal Hammer“ gehörte. Zusammen machten wir die Redaktion für „Hard'n'Heavy“ auf Tele 5. Götz Kühnemund, damals Redakteur des „Metal Hammer“, heute Chefredakteur von „Rock Hard“, war der Moderator bei Interviews mit Bands, ich war Aufnahmeleiterin – und wir hatten vom Fernsehmachen so viel Ahnung wie die Kuh vom Melken. Ingo Schmoll, heute bei Eins Live, mischte auch noch irgendwie mit. Wir haben damals unter anderem ein Interview mit Bon Jovi in der Dortmunder Westfalenhalle aufgenommen, sympathisch-dilettantisch. Gleichzeitig machten wir in der Firma Promotion, ohne überhaupt einen Computer zu besitzen.

"Ich habe mit ihnen Leute getroffen, die mir sonst niemals über den Weg gelaufen wären!"

Als ich mich dann bei den Hosen beworben habe, war man sich erstmal nicht ganz sicher, ob ich als Ex-Freundin von Campino nicht vorbelastet wäre. Man hat es dann aber einfach mal probiert, und daraus sind dann zehn Jahre geworden.

Was hast Du nach Deiner Zeit bei den Hosen gemacht?

Irgendwann hält man den Job als Promoter nicht mehr aus: immer das Gleiche zu sabbeln. Bei den Hosen konnte ich aber immerhin eine Band vertreten, hinter der ich zu 100 Prozent stand. Ich glaube, das haben die Leute auch gemerkt, dass ich das alles ernst gemeint habe. Mein letzter Job war die Promo für den Film „You're Dead“, für den die Hosen den Titelsong geschrieben haben, und dann ist meine Tochter Lucy auf die Welt gekommen. Später habe ich einfach weiter für Jochen gearbeitet: Gastronomiegeschichten, Organisation von Veranstaltungen. Im Malkasten in Düsseldorf hatten wir früher auch mal zusammen Clubabende organisiert, mit Kruder & Dorfmeister oder Miss Deee-Lite. Zuletzt war ich ein knappes Jahr beim Düsseldorfer Fotografen Andreas Gursky beschäftigt.

Was ist das Fazit Deiner Zeit mit den Hosen?

Es war die beste Zeit meines Lebens. Ihnen verdanke ich es, dass ich die Option hatte, nach Argentinien, Chile und Kuba zu reisen. Ich habe mit ihnen Leute getroffen, die mir sonst niemals über den Weg gelaufen wären. Es existiert zum Beispiel ein Foto von mir und Michail Gorbatschow. Das ist entstanden, als Campi bei Johannes B. Kerner zu Gast war. Und vor zwei Jahren habe ich Gott persönlich getroffen, also Mike Ness von Social Distortion, auch wieder dank der Hosen. Wenn man mit den Hosen unterwegs war, kam man mit fremden Musikern auch viel leichter ins Gespräch: Als Johnny Thunders starb, gab es in London ein Benefiz-Konzert für seine Familie, bei dem auch Mike Monroe von Hanoi Rocks auftrat. Ein großer Held von mir. Wir wohnten zufällig im selben Hotel, aber ohne Campi und Andi hätte ich den niemals angequatscht.

"Mrs. Ness" mit Mike Ness von Social Distortion

Was war das beste Konzert, das Du von den Hosen gesehen hast?

1996 mit den Ramones im River-Plate-Stadion in Buenos Aires, das war schon großartig. Tags darauf sprang dann auch noch Iggy Pop bei einem Club-Gig mit auf die Bühne. Und das argentinische Publikum ist sowieso mit das dankbarste der Welt. Komischerweise habe ich aber auch 2005 am zweiten Tag in der Dortmunder Westfalenhalle gedacht: Das war das beste Konzert, dass ich je von den Hosen gesehen haben. Nie waren sie live besser als auf der letzten Tour. Das Schönste aber ist: Obwohl sie früher quasi alle meine Chefs waren, hatten wir immer ein gutes Verhältnis zueinander, bis zum heutigen Tag.