Wie bist Du aus Deiner Heimatstadt Belgrad in Düsseldorf gelandet?

1971 bin ich mit meiner Familie aus Jugoslawien ausgewandert. Wenn man in ein anderes Land kommt, hat man zunächst einmal viele Probleme: die ungewohnte Umgebung, die unbekannte Sprache, alles ist erstmal fremd. So war es gut, dass wir Bekannte in Düsseldorf hatten, die uns aufgefangen haben. Für mich als Fußball-Fanatiker war die Stadt auch aus einem anderen Grund eine gute Wahl: Fortuna hatte dieselben Vereinsfarben wie mein damaliger Lieblingsklub Roter Stern Belgrad. So wurde ich mit 23 Jahren Fortuna-Fan…

In Jugoslawien hattest Du selbst erfolgreich Fußball gespielt…

Ich habe bei OFK Belgrad in der ersten jugoslawischen Liga gespielt, zusammen mit den späteren Bundesliga-Spielern und Trainern Dragoslav Stepanovic und Josip Skoblar. Es gab in Belgrad drei Erstligavereine: Roter Stern war der Fußballverein für das ganze Land, ähnlich wie Bayern München in Deutschland, Partizan war die Mannschaft der Polizei und des Militärs und OFK war der Stadtklub für die Belgrader, ähnlich wie 1860 in München.

In Deutschland wollte ich dem Fußball verbunden bleiben. Ich habe Jugendmannschaften trainiert, außerdem die Schiedsrichterprüfung abgelegt und den Trainerschein gemacht.

Wie bist Du dann als Jugendtrainer bei Fortuna Düsseldorf gelandet?

Ich wollte irgendwann bei einem der großen Düsseldorfer Vereine arbeiten und habe dann die D- und B-Jugend trainiert. Einer der Jungs, die bei mir trainiert haben, ist tatsächlich Profi geworden: Robert „Pico“ Niestroj. Der hat zuerst bei Fortuna in der 1. Mannschaft gespielt, später dann bei den Wolverhampton Wanderers in England, beim 1. FC Nürnberg, bei Iraklis Saloniki in Griechenland, beim FC Sachsen Leipzig, beim UMF Grindavik in Island und bei Preußen Münster. In dieser Saison ist in der zweiten griechischen Liga bei Panserraikos Serres aktiv. Wir haben heute noch einen guten Kontakt zueinander.

Alex auf dem Mannschaftsfoto von Fortuna Düsseldorf – Foto: Christoff Wolf

Wann wurdest Du bei Fortuna von der Jugendabteilung zu den Profis befördert?

Ich wollte immer etwas dazu lernen und habe mir deshalb oft das Training der ersten Mannschaft angeschaut. Schnell war ich mit Spielern wie Mike Büskens, Carlo Werner oder Michael Preetz befreundet. Irgendwann wurde ich angesprochen, ob ich der neue Mannschaftsbetreuer werden wolle. Trainer Aleksandar Ristic hatte mich empfohlen. Da habe ich erstmal abgelehnt: Einerseits hatte ich gesehen, wie die Spieler mit meinem Vorgänger umgegangen waren, andererseits hielt ich mich für überqualifiziert. Schließlich hatte ich zwei Jahre lang Mathematik studiert und war von Beruf immerhin Diplom-Techniker.

Warum hast Du es Dir im Frühjahr 1990 anders überlegt?

Zwei Monate später wurde ich vom Geschäftsführer noch einmal gefragt. Der Trainer wollte mich halt unbedingt haben. Als ich Aleksandar Ristic vor einem Trainingslager in Kroatien, zu dem damals übrigens auch Trini Trimpop mitgefahren ist, mit dem Auto zum Flughafen gebracht habe, hat er noch mal nachgehakt: „Aleks, wenn Du mich fragst, mach es sofort!“ Plötzlich hat es bei mir „klick“ gemacht – und die Entscheidung für den neuen Job war gefallen. Mein erstes Spiel fand am 10. März 1990 beim VfB Stuttgart statt. Wir haben 4:0 verloren, Halbzeitstand 3:0. Da habe ich den Trainer in der Halbzeitpause gleich mal in Ekstase erlebt. Der hat vor Wut Tische und Stühle umgetreten.

Du bis jetzt fast 17 Jahre am Flinger Broich angestellt. Wie viele Trainer und Spieler hast Du kommen und gehen gesehen?

Die Einzigen von damals, die auch heute noch für Fortuna arbeiten, sind der Geschäftsführer, der Physiotherapeut und eine Mitarbeiterin der Geschäftsstelle. Ich habe in all der Zeit über 500 Spieler kennen gelernt und 24 Trainer. Am längsten habe ich mit Aleks Ristic gearbeitet, insgesamt über fünf Jahre, und das hat mich unheimlich geprägt. Was ihn bei der täglichen Arbeit ausgezeichnet hat, war seine unglaubliche Disziplin und Korrektheit. Dass sich ein Trainer so vor seine Mannschaft stellt, erlebe ich erst jetzt wieder unter Uwe Weidemann. Der Trainer Ristic hat mir ALLES beigebracht.

Zu welchen ehemaligen Spielern hast Du heute den besten Kontakt?

Zu unserem früheren Torwart Georg Koch, der jetzt beim MSV Duisburg spielt. Der „Schorsch“ war sogar Trauzeuge bei meiner Hochzeit. Und von Igor Dobrowolski habe ich als Abschiedsgeschenk eine Halskette bekommen. Der besitzt ein Juweliergeschäft in Madrid und ist heute Nationaltrainer in Moldawien.

Wie sieht der normale Arbeitstag eines Zeugwarts während der Saison aus?

Ich bereite alles vor, was für das Training gebraucht wird: Bälle, Geräte und Klamotten. Nach dem Training wird alles eingesammelt und zur Wäscherei gebracht. Und natürlich müssen die Schuhe geputzt werden. Ich bin der Erste, der morgens kommt, und der Letzte, der abends geht. In meinen 17 Jahren bei Fortuna war ich nur zweimal unpünktlich: 1990 beim Mittagessen vor einem Intertoto-Cup-Spiel im rumänischen Ploieşti und in diesem Jahr beim Frühstück im Trainingslager in der Türkei, als ich meinen Wecker nicht gehört habe. Die einzigen Feiertage, die ich in den letzten 17 Jahren hatte, waren Weihnachten und Silvester. Ostern läuft ja immer die Saison.

Du bist mit der Fortuna in den letzten Jahren ganz schön rumgekommen, zumindest in Deutschland…

Ich war in allen klassischen Trainingsquartieren in Europa: in Spanien, Portugal und der Türkei. Wir hatten außerdem Spiele in Rumänien, Österreich und Luxemburg. In Deutschland gibt es wahrscheinlich überhaupt kein Stadion, in dem wir noch nicht gespielt haben, mal abgesehen von den neuen Bundesliga-Stadien, die für die WM 2006 gebaut wurden. Das beste Verhältnis habe ich zum FC St. Pauli; die Atmosphäre am Millerntor ist immer unvergleichlich, selbst wenn die Umkleidekabine etwas altmodisch sind und die Sitzgruppen im VIP-Raum aussehen, als hätten sie die vom Sperrmüll geholt. Das macht den besonderen Charme von St. Pauli aus. Ich habe aber auch geheult, als unser langjähriger Konkurrent Fortuna Köln Insolvenz beantragt hat. Wenn so ein Klub mit einer bestimmten Tradition von der Bildfläche verschwindet, tut mir das persönlich weh.

Die meisten Fortuna-Trikots auf einem Haufen hast Du aber woanders gesehen…

Wenn ich zu Konzerten von den Hosen fahre, bin ich immer wieder beeindruckt. Ich stand in Zwickau in der Halle und über die Hälfte des Publikums hatte Fortuna-Trikots an! Was willst Du mehr? Die wussten allerdings überhaupt nicht, was Fortuna bedeutet, hatten sich die Trikots nur wegen des Totenkopfs gekauft. Sobald die Trikots keine Nummer haben, keinen Spielernamen tragen, weiß man, dass es höchstwahrscheinlich Hosen-Fans sind. Zum Glück habe ich unseren ehemaligen Marketingleiter damals mit Campino bekannt gemacht (lacht). Es hat schließlich lange genug gedauert, bis die Fortuna gemerkt hat, was sie an den Hosen haben. Früher, auch noch zu Zeiten der Fortuna-Mark und dem Transfer von Tony Baffoe, war den Verantwortlichen im Verein das Band-Image nicht ganz geheuer. Ich habe die Jungs aber immer zu meinem traditionellen Geburtstagsessen mit der aktuellen Mannschaft eingeladen – und wenn sie Zeit hatten, sind sie immer gekommen.

Wie war die wirtschaftliche Situation, als die Hosen als Hauptsponsor bei Fortuna eingestiegen sind?

Wir waren tot. Die Hosen haben dann zum Glück eine Millionen Mark von einer Brauerei am Niederrhein organisiert, die im Gegenzug ihre Tour sponsern durfte. So etwas hatten die Hosen vorher noch nie gemacht! Durch das Sponsoring kamen wir in den Genuss der tollen Totenkopf-Trikots. Eigentlich sollte es ein anderes Design werden, aber eine Zeitung hat den Trikotentwurf dann zu früh abgedruckt. Und darauf hatten die Hosen überhaupt keinen Bock. Ich war beim Konzert mit AC/DC im Müngersdorfer Stadion in Köln, als mir Breiti sagte, dass das Trikot noch einmal verändert wird. Die Hosen wollten es einfach selbst in der Hand haben, „ihr“ Trikot vorzustellen. Und deshalb wurde über Nacht noch einmal alles umgeworfen.

Bei der Vorstellung des Fortuna Trikots

Wie ist das Totenkopf-Trikot im Fußball-Zirkus angekommen?

Ich habe sogar von vielen ehemaligen Spielern Anrufe bekommen, ob ich das Trikot besorgen könnte, zum Beispiel von Jörg Schmadtke, Carlo Werner oder Petr Rada.

Wer von den aktuellen Spielern sein Trikot getauscht hat oder es in den Fan-Block geworfen hat, musste das jedes Mal selbst bezahlen. Den Trikotverschleiß hätte sich die Fortuna niemals leisten können!

Im Mannschaftsbus haben wir zu der Zeit auch ständig „Steh auf, wenn Du am Boden liegst“ gehört oder Live-DVDs von den Hosen geschaut. So etwas wie Xavier Naidoo ist – trotz Sommermärchen – halt überhaupt nicht mein Fall.

Was war Dein fußballerischer Höhepunkt?

Ich habe beim Unicef-Benefiz-Spiel in der LTU arena die beiden Mannschaften betreut, also die Auswahl von Ronaldo und die Auswahl von Zinedine Zidane. Wir haben alles koordiniert, und Zidane hat sich hinterher persönlich bei uns bedankt, genauso Rudi Völler.

Kein so gutes Verhältnis hatte ich zuerst zu Oliver Pocher. Schließlich trug der ein T-Shirt mit der Aufschrift „Nö, ich bleib in Köln.“ Er hat mir dann aber erklärt, dass das ein legendäres Zitat von Lukas Podolski war und er als Hannoveraner natürlich Fan von Hannover 96 ist. Das konnte ich akzeptieren (lacht).

Hast Du die Hosen denn auch schon als Freizeitfußballer erlebt?

Die Hosen haben 2002 beim Abschiedsspiel im Rheinstadion mitgespielt, für Campino war es sein erstes Spiel nach seinem Bänderriss. Der hat sich aber überhaupt keine Gedanken gemacht und auf dem Platz Vollgas gegeben, wie er es sonst auch auf der Bühne tut. Wer den Campino kennt, weiß, dass ihm so schnell nichts weh tut. Er hat bei dem Abschiedsspiel im Sturm gespielt. Breiti, Andi und Trini sind aber auch gute Spieler.

Einen Traum mit den Hosen konntest Du Dir mittlerweile erfüllen…

Ich bin auf die die Hosen aufmerksam geworden, als es den Prozess um den wahren Heino gab. Außerdem haben sie sich immer gegen die Startbahn West und das Zwischenlager Gorleben engagiert, das war mir sympathisch. Später, als wir uns über die Fortuna etwas besser kannten und ich schon einige Konzerte gesehen hatte, habe ich zu Campino gesagt: „Mein größter Traum wäre es, wenn Ihr einmal in meiner Heimatstadt spielt.“ 2004 war es soweit: Die Balkan-Tour führte die Hosen auch nach Belgrad und meine Frau Bea, die übrigens zu der Zeit für JKP arbeitete, hat sofort die Flüge gebucht. Ich habe mich mit meinen Freunden getroffen und bin dann pünktlich um 20 Uhr zum Konzert gegangen, musste aber feststellen, dass das Spektakel erst um 23 Uhr anfing…

2004 auf der Balkan Tour in Belgrad

Wie hat das serbische Publikum die Hosen wahrgenommen?

Im Publikum waren fast ausschließlich Serben, insgesamt höchstens 300 Zuschauer. Ich glaube nicht, dass viele von ihnen vorher etwas von den Hosen gehört hatten. Das hatte eher mit Neugierde zu tun. Durch den Krieg lag die Kulturlandschaft etwas brach.

Und deshalb rechnen es viele Belgrader den Hosen bis heute hoch an, dass sie sich so kurz danach getraut haben, in Serbien auf Tour zu gehen. Schließlich war zu dem Zeitpunkt die ganze Welt gegen Serbien.

Die Hosen haben Courage gezeigt und sich dort hervorragend präsentiert. Ich habe an diesem besonderen Abend besonders gefreut, dass sie mir „Hier kommt Alex“ gewidmet haben.

Wie hast Du den Jugoslawien-Krieg in den Jahren vorher erlebt?

Als Belgrad 1999 erstmals bombardiert wurde – die ersten Bomben fielen um 22 Uhr – hat mich Campino bereits um 23 Uhr besorgt angerufen und gefragt, ob ich irgendwelche Verwandte im Krisengebiet hätte. Zum Glück war das aber nicht der Fall. Campino war damals auch begeistert von den Konzerten auf der Branco-Brücke: Da haben Musiker wirklich rund um die Uhr gespielt und es wurde dazu wie selbstverständlich getanzt, um den Angreifern den Trotz der Bevölkerung zu zeigen. Links und rechts von der Brücke fielen die ganze Zeit neue Bomben, alle anderen Brücken waren längst zerstört, aber die Branco-Brücke haben sie nicht klein gekriegt.

Tabellenzweiter in der 3. Liga und damit zurzeit auf einem Aufstiegsplatz: Wie geht es weiter mit Fortuna?

Der Trainer Uwe Weidemann hört das nicht gerne, hält sich lieber etwas zurück, aber ich sage: Wir werden aufsteigen! In der Mannschaft passt einfach alles zusammen, etwa die Mischung zwischen alt und jung. Bei Fortuna haben wir es schon lange nicht mehr gesehen, dass mit so viel Leidenschaft und Einsatz gespielt wird wie in dieser Saison. Mein größter Traum ist es aber, einmal mit Fortuna in meiner Heimatstadt zu spielen. Die Hosen waren ja mittlerweile schon dort, jetzt noch ein Freundschaftsspiel bei Roter Stern Belgrad, dann wäre mein Glück perfekt.