Kitgum, im Norden von Uganda, Rebellengebiet.

Solange jemand auf der Straße in Richtung der Stadt unterwegs ist, Kinder, Frauen unter der Last von Holzbündeln oder Wasserkanistern, solange besteht keine Gefahr. Ist das Gewehrfeuer einer AK-47 zu hören, erklärt Fahrer Joseph, während er den Jeep zwischen Schlaglöchern hindurch manövriert, dann fliehen die Menschen ins Buschland. Sie versuchen, sich im hohen Gras vor den Schützen zu verstecken.

Campino sitzt auf der Rückbank und liest im „Security Update“, den man im Regionalbüro der Vereinten Nationen täglich erstellt. Unter Punkt „Kriminelle Aktivitäten“ steht, dass gestern vier Geschäftsleute entführt wurden. Unter „Allgemeines“, dass eine Einheit der „Lord Resistance Army“ (LRA) ein Dorf überfallen hat und Banditen aus dem Sudan in der Gegend operieren. Regierungstruppen bereiten möglicherweise eine Offensive vor, trotz der Friedensgespräche mit den Guerillas. Obwohl ein Waffenstillstand gilt, kann es jederzeit zu Zwischenfällen kommen. Alle zehn Minuten gibt Fahrer Joseph die Position über Funk an die Zentrale durch, zur Sicherheit, oder für ein Gefühl davon.

„Widerstandsarmee Gottes“, heißt der Name LRA übersetzt. Ihr Terror ist ein Alptraum, aus dem es im Norden Ugandas kein Erwachen gibt, seit zwanzig Jahren nicht. Mehr als 1,4 Millionen Menschen leben in Schutzlagern; mehr als 20.000 Kinder wurden verschleppt, tausende gefoltert und ermordet. Die Guerilla-Kämpfer zwingen Jungen, als Kindersoldaten zu töten, oft sogar die eigenen Familienmitglieder. Mädchen halten sie als Sexsklavinnen. In Kitgum werden Geschichten erzählt, die man nicht glauben mag, weil sie zu grausam sind und zu fürchterlich wahr. Von abgehackten Körperteilen, die verspeist werden mussten, zum Beispiel.

Es ist ein erbarmungsloser Ort, in dem die „Toten Hosen“ mit einer kleinen Propellermaschine der „Eagle Air“ gelandet sind, auf einer Wiese am Rande der Provinzstadt Kitgum. Das Grenzgebiet zum Sudan ist erste Station einer Reise, die durch Uganda, Sambia und Malawi führen wird, drei der ärmsten Länder des ärmsten Kontinents. Tausende Kilometer in Flugzeugen, Jeeps und Minibussen, von den Slums der Millionenstadt Kampala in abgelegene Dörfer am Zambesi-Strom.

Organisiert wurde das Programm für Campino, Bassist Andi und Gitarrist Breiti von der Hilfsorganisation „Oxfam“, nachdem Bob Geldof den Kontakt hergestellt hatte. Geldof war es, der Campino ans Herz legte, selber nach Afrika zu reisen.

Um Seuchen, um Hunger, um Armut und Krieg wird es gehen, vor dem Gipfeltreffen der sieben mächtigsten Industrienationen und Russland in Heiligendamm an der Ostsee. Aber auch um die Erfolge im Kampf gegen die täglichen Katastrophen von Afrika.

Am Wegesrand erkennt man nun Lehmhütten, mit Stroh bedeckt, das Schutzlager Mucwini ist erreicht, eine Kleinstadt aus Lehmhütten, Heimat für 24.000 Heimatlose. Der Jeep bremst auf einem Platz ohne Schatten, auf den die Sonne aus einem Himmel von Milchglas herunter brennt. Helfer von Oxfam, allesamt Flüchtlinge, die im Camp leben, begrüßen die Gäste und führen sie durch die Siedlung. Ein Geruch nach Feuerholz liegt über dem Tag.

Man zeigt neue Wasserpumpen, ein Gatter fürs Vieh, gerade gebaute Latrinen. Etwa 50 Menschen teilen sich eine Bedürfnisstelle, ein Fortschritt. Oxfam hat Ziegen und Rinder gekauft und lehrt den Bewohnern, wie man Ochsen in der Feldarbeit einsetzt. In einem Programm vergibt die Organisation Kleinstkredite, die es ermöglichen sollen, kleinen Handel zu betreiben. Die Bauern müssen lernen, wie die Basis des Lebens funktioniert, weil es mancher nach Jahrzehnten auf der Flucht vergessen hat.

In den Straßen von Kampala

Campino und Andi im Lager Mucwini

Foto Andree Kaiser

Eine grauhaarige Frau marschiert auf dem Weg durchs Schutzlager vorneweg, Mary Kudla, Amerikanerin Anfang 50, die das Oxfam-Büro von Kitgum leitet. Sie gibt den Helfern Anweisungen, stellt Fragen und schüttelt viele Hände. Sie verbreitet einen zupackenden Optimismus. Mary Kudla hat etwas von einem freundlichen General. Für viele in Mucwini verkörpert sie die einzige Hoffnung.

Denn es mangelt an Nahrung, an Medikamenten, an Moskitonetzen. Der Tod kennt viele Gesichter, aber Malaria rafft die meisten dahin, vor allem Kinder. Ein Lastwagen der Armee fährt donnernd durch die Siedlung.

Auf der Ladefläche hocken vermummte Soldaten, die ihre Augen hinter spiegelnden Sonnenbrillen verbergen; Schnellfeuergewehre liegen auf ihren Knien. „Mad Max“, murmelt Mary.

Die Armee verbietet den Flüchtlingen, das Camp in einem Radius von wenigen Kilometern zu verlassen, was den Ackerbau erschwert. Jeder, den die Soldaten außerhalb einer willkürlich gezogenen Grenze antreffen, steht unter Verdacht, ein Rebell zu sein – mit allen Konsequenzen. Manche Männer betäuben ihre Lethargie inzwischen mit Alkohol, mit einem Gebräu, das sie zwischen den Hütten gären.

Im Schatten eines Baumes unterhält sich Campino mit einigen Frauen; immer mehr Bewohner des Lagers strömen herbei. Sie fragen den Fremden: Gibt es Neuigkeiten von den Friedengesprächen, die vor einigen Monaten begannen? Im Lager gibt es keine Informationen. Eine Mutter erzählt unter Tränen, dass sie ihre 14jährige Tochter vermisst. Sie wurde von den Rebellen verschleppt, zwei Jahre ist es her. Trotzdem würden fast alle hier LRA-Anführer Joseph Kony – den der Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt hat – verzeihen. Wenn nur ihre Kinder wieder kehren. Wenn nur das Morden endlich aufhört. Wenn endlich Frieden kommt.

„Wer vermisst einen Angehörigen?“, fragt Campino. Momente des Schweigens, eine Frau meldet sich. Dann heben alle den Arm, alle.

Campino über Mary Kudla, Oxfam-Entwicklungshelferin, Kitgum

„Was Mut macht in Nord-Uganda, in einer der dunkelsten Gegenden, die ich je besucht habe, sind Menschen wie Mary Kudla. Sie koordiniert seit zwei Jahren die Hilfsmaßnahmen von Oxfam in Kitgum. Jeden Morgen aufstehen, jeder Tag ein neuer Kampf.

Sie lässt sich nicht entmutigen, sie gibt den Leuten Stärke und ein Ziel. Man kommt sich neben einer Persönlichkeit wie ihr beinahe jämmerlich vor.

Campino

Mary stammt aus den Rocky Mountains, hat früher als Rangerin in einem Nationalpark gearbeitet. Die Berge ihrer Heimat fehlen ihr manchmal, sonst aber fehlt ihr wenig vom westlichen Lebensstil. Auf „Starbucks“ könne sie gerne verzichten, meint sie lachend, als wir im Jeep Richtung Flüchtlingslager fahren.

Wer sie begleitet, der merkt, wie falsch der Spruch ist, dass ein Einzelner ja nichts bewirken kann. Mary Kudlas Beispiel zeigt, wie zynisch all jene sind, die behaupten, dass Entwicklungshilfe überflüssig ist und eingestellt werden sollte. Kann es falsch sein, Menschen zu helfen, die sich selbst nicht helfen können?

Jeder, der selbstgefällig über „Gutmenschen“ herzieht, über jene, die sich engagieren, sollte sich hier umsehen.

Ohne den Einsatz von Helden wie Mary sterben Tausende mehr, an jedem Tag. Dass in den Lagern überhaupt etwas wie Normalität existiert, dass jemand lacht, finde ich unglaublich. Besonders die Jungen kennen nichts anderes als Krieg und Hunger. Direkt neben unserer Unterkunft, dem „Hotel Bomah“ – in der es fließendes Wasser gibt und einen Kühlschrank, also puren Luxus für Kitgum – treffen sich jeden Morgen hunderte Kinder und Jugendliche auf einer Art Sportplatz. Sie veranstalten Wettläufe, und sie benötigen dafür keine Schuhe und keine Stoppuhr. Ihre Fröhlichkeit sorgte für schöne Momente.

Wir haben die Reise angetreten, um uns selber ein Bild zu machen. Wir werden unsere Popularität als Band nutzen, auf Probleme aufmerksam zu machen. Frauen wie Mary Kudla oder Teresa Ayoo verdienen mehr als nur unseren Respekt. Sie verdienen unsere Unterstützung.

Teresa Ayoo wird in Kitgum auch „Mutter Teresa“ genannt. Eine ehemalige Nonne, die ihren „lebenslangen Vertrag kündigte“, wie sie lächelnd erzählte. Teresa hat ein Heim gegründet, in dem heute mehr als 130 behinderte Kinder leben. Oft werden in Uganda Babys mit einem körperlichen oder geistigen Defekt im Fluss ertränkt, weil ihre Mütter nicht wissen, wie die Kinder später überleben sollen – oder weil eine Behinderung im Aberglauben mancher Dörfer als Fluch für den Familienclan gilt.

Die Kinder schlafen in einem großen Zelt. Ältere bekommen eine Matratze, die kleinen müssen auf Plastikplanen liegen, weil sie noch nicht trocken sind. Ich musste an meinen kleinen Sohn denken, als ich die Kinder sah. Geld investierte Teresa Ayoo in einen neuen, hohen Stacheldrahtzaun, der nun das Gelände umgibt. Zu oft hatten LRA-Kämpfer die Nahrungsmittelvorräte der Kinder gestohlen. „We have a lot of bad people around here“, sagte der stellvertretende Leiter des Heims, ein älterer Herr. Vier seiner Brüder, drei Schwestern und seine zwei Kinder wurden von der LRA getötet.

Es war ein seltsames Gefühl, dass wir in den Lagern empfangen wurden wie Boten der Hoffnung. Die Menschen haben uns gebeten, für ihre Sache einzutreten. Dass wir nicht wegschauen. Wir wollen versuchen, dieser Bitte nachzukommen. Zu Hause darauf bestehen, dass unsere Regierungen ihre Versprechen halten. Was Mary leistet, könnte ich nicht. Bald nimmt sie eine Pause, weil auch ihre Kraft nun aufgebraucht ist. Drei Monate Bergsteigen in den Rocky Mountains, so meint sie, werden nötig sein. Dann will sie wieder aufbrechen, vielleicht nach Kitgum, vielleicht in eine andere Krisenregion.

„Ich habe mir meine Aufgabe nicht ausgesucht“, sagte sie, bevor wir uns verabschiedeten, „sie hat mich ausgesucht.“

Kampala, Uganda, in den Slums.

Mitten im Labyrinth des Slums, in einer Gasse zwischen Bretterbuden und Müll, der in der Hitze stinkt, kommen die „Toten Hosen“ am Wappen des FC Liverpool vorbei. Auch die Abzeichen von Chelsea und Manchester United hat jemand auf eine Bretterwand gepinselt. Durch die Ritzen dringen Stadiongeräusche, man hört den Jubelschrei von Massen, man hört, wie sich die Stimme des Reporters überschlägt: Tor in Old Trafford! Campino, der Engländer im Herzen, grinst und drängt zum Eingang.

Hinter dem Vorhang ist es dunkel, die Luft wurde schon oft eingeatmet; drei Fernseher zeigen Manchester gegen Bolton, live. Auf den Holzbänken ist kein Platz frei, die Übertragung gilt den meisten im Saal als Höhepunkt der Woche. Kleine Kinos wie dieses gibt es einige in Katwe, wo etwa 150.000 Menschen auf engstem Raum leben. Auf einer Kreidetafel neben der Tür steht das Programm: Fußball, danach „Hidden Tiger“, später „Enforcer“ und einige andere Filme, die garantiert nie auf „Arte“ zu sehen sein werden.

Einige Fans aus Katwe tragen ältere Trikots von United auf. Kleiderspenden aus Europa machen möglich, dass Bassist Andi während der Verteilung von Notrationen nahe Kitgum einen jungen Kerl im T-Shirt des FC St. Pauli fotografierte. Die kostenlose Kleidung, gegeben mit besten Absichten, hat den einheimischen Textilmarkt restlos ruiniert.

Es ist ein Samstag, Markttag, und auf den größeren Straßen herrscht eine laute Hektik. Hupen von Mopeds, Rufe der Händler, Lastenschlepper, Musik aus unzähligen Transistorradios, die Klagen der Bettler. Viele Bewohner heben die Hände zum Gruß und rufen „Musungu!“, sie lachen, denn „Musungu“ ist nicht gerade die netteste Bezeichnung für Weiße. Zur Aufmerksamkeit trägt ein junger Mann bei, der die Gruppe durch den Slum begleitet: Hip-Hopper Abramz ist eine Art Star in Uganda, der oft begrüßt wird während des Spaziergangs. Fast jeder scheint seine Lieder zu kennen.

In den Nebengassen ist vom Trubel des Marktes nicht zu bemerken. Einige Bewohner sitzen vor ihren Hütten aus Lehm und Wellblech und dösen, kleine Jungen kicken gegen einen Ball, den sie sich selber gebastelt haben. Der Gestank von Abfall und Exkrementen, die sich in Kanälen sammeln, nimmt einem an manchen Ecken den Atem. Mit der Zeit des Regens wird wieder die Zeit der Seuchen beginnen. Am Himmel über Kampala kreisen Marabus, unheimliche, dunkle Schatten.

Breiti über den Hip-Hopper „Abramz“, Kampala.

„Bist du lebensmüde? fragen seine Freunde. Wenn Abramz wieder mal ins Rebellengebiet fährt, um in einem Flüchtlingscamp oder in einem Lager für ehemalige Kindersoldaten aufzutreten. Wenn er in einem Gefängnis von Kampala singt oder in den finstersten Ecken der Townships (den Begriff Slum mag ich nicht) Unterricht gibt. Abramz glaubt an die Kraft seiner Musik und daran, etwas verändern zu können. Er betreibt ein Breakdance-Projekt für alle Volksgruppen und alle Regionen.

Manchmal hat er etwas von einem Prediger: Habe Geduld, habe Stolz, gib niemals auf!

Hiphop-Star Abramz wuchs in den Armenvierteln von Kampala auf. Immer wieder tritt er in Flüchtlingslagern und Gefängnissen auf.

Abramz heißt Abraham Tekya, er ist 24 und wuchs in den Armenvierteln von Kampala auf. Seinen Vater hat er nie kennen gelernt, seine Mutter musste drei Kinder durchbringen. Als Teenager lernte er die falschen Leuten kennen, mit denen er in Bars und an Straßenecken herum lungerte. Viel habe nicht gefehlt, meint er, und aus ihm wäre ein Krimineller geworden, wie aus einigen alten Kumpels. Als er zum ersten Mal die Hip-Hopper von „A tribe called Quest“ hörte, nahm sein Leben eine andere Abzweigung.

Abramz ist nur einer von denen, die mir gezeigt haben, welches Potential in Afrika steckt. Wir haben viele kennen gelernt: Ärzte zum Beispiel, Krankenschwestern, Studenten. Afrika ist eben nicht nur das Elend, von dem man immer liest. Andererseits sahen wir auch jene Klischees, die jeder zu kennen glaubt, dieses Dorf im Süden von Malawi. Jeder Zweite dort hat Aids, fast alle sind unterernährt, Prostitution für einen Dollar. Dort gelten noch immer Regeln wie im Mittelalter, inklusive der Praktik eines „Fisi“, der die jungen Mädchen eines Dorfes entjungfert, auch gegen deren Willen. Dabei weiß jeder von der Aids-Gefahr. Ein protestantischer Priester aus der Gegend, der dagegen seit Jahren angeht, sagte mir: „Ich halte das schlicht für Mord.“

Diese Gegensätze machen die Reise für mich zu einer Art Achterbahnfahrt durch Afrika.“

Lilongwe, Hauptstadt von Malawi, Kamuzu Central Hospital.

Zu den Bildern, die bleiben werden, gehört ein sterbender Junge im Eingang zur Kinderabteilung, der abgemagert auf seinem Bett liegt. Die Betten auf einer Art Veranda, im Freien, aus Platzmangel, in denen sich jeweils zwei Patienten krümmen. Die verzweifelte Wut eines Arztes, dem Campino auf der Intensivstation begegnet. Ein weißhaariger Mann, markante Nase, sehr wache Augen.

„Weißt du, wie das ist, jeden Tag bis zu den Ellbogen in Blut zu stecken und trotzdem kaum etwas tun zu können?“, ruft er, „die Leute verrecken in unseren Händen! Oft fehlt sogar das Aspirin, um Fieber zu senken. Kleine Kinder müssen deshalb sterben! Es ist der blanke Horror!“

Später entschuldigt er sich, aber im Nebenzimmer ist gerade eine junge Frau gestorben, an Tuberkulose, in Folge von Aids. Er konnte ihr kaum helfen, nicht mal gegen die Schmerzen, weil Medikamente fehlten. Kamuzu Central ist ein Ort, in den viele Patienten nur zum Sterben kommen, mit Glück in Würde.

Was man niemals vergisst, ist dieser Geruch in den Gängen, ein muffiger, süßlicher Geruch nach Siechtum und ungewaschener Wäsche. Die Blicke alle derer, die auf Hilfe warten. Die Blicke von denen, für die es keine Hilfe mehr gibt. An allem mangelt es, sogar an Mitteln zum Putzen, zum Desinfizieren. Wie soll es möglich sein, Sauberkeit zu halten, wenn mehr als 1000 Patienten 753 Betten belegen? Schon bald, wenn die Regenzeit beginnt und die Zahl der Malaria-Kranken steigt, wird kein Quadratmeter des Bodens frei sein. Dann schlafen Kranke draußen auf der Veranda, in Pfützen aus Regenwasser.

Auf den Rasenflächen im Innenhof haben Angehörige ihre Quartiere aufgeschlagen; sie versorgen die Kranken mit Nahrung und waschen sie. Wer keine Familie hat? Ruth Mwale, die Oberschwester, stockt die Stimme, wenn sie aus dem Alltag der Klinik erzählt. Eine Kollegin, die für eine Reportage der BBC aus London in ihre Heimat Malawi zurückkehrte, brach in Tränen aus, als sie das Krankenhaus besuchte.

Alle Bandmitglieder sind verstört, als sie ins Freie kommen, aber es bleibt keine Zeit, denn auf der anderen Seite des Klinikgeländes wartet der Direktor des „Lighthouse“-Zentrums. Im „Lighthouse“ sind die Böden sauber gewischt, die Wände frisch gestrichen, die Zuteilung der Arzneimittel funktioniert reibungslos. Mehr als 4500 Aids-Kranke besuchen das Zentrum im Monat, finanziert von Deutscher Entwicklungshilfe und einer Katholischen Hilfsorganisation.

Im Schatten von Bäumen, deren Blätter im Wind rauschen, sprechen Campino, Andi und Breiti mit Aids-Kranken, die ihr Leben mit Hilfe der Medikamente neu ordnen konnten. Rund 80.000 Kranke bekommen medizinische Hilfe; eine Million Malawier sind mit dem HI-Virus infiziert. Der „Lighthouse Trust“ steht für eine Geschichte des Erfolgs.

Zum Eingang von Kamuzu Central, dann den Flur hinunter zur Kinderabteilung, sind es nur wenige Schritte.

Andi über Ruth Mwale, Krankenschwester, Lilongwe.

„Weil sie keine Handschuhe haben, seit Monaten nicht, fürchten die Schwestern, sich mit Aids anzustecken. Oder mit einer anderen Krankheit, weil die hygienischen Verhältnisse katastrophal sind. Wie sie am Ende des Monats ihre Miete bezahlen, den Bus für den Weg zur Arbeit, wissen viele nicht. 600 Kwatcha bekommen sie für eine Schicht, umgerechnet sind das dreieinhalb Euro. Viele fliehen direkt nach ihre Ausbildung nach England oder Australien. Nur die Hälfte der Stellen, die für Schwestern vorgesehen sind, ist noch besetzt. In einer Abteilung des Kamuzu Central kümmern sich vier Schwestern um 400 Patienten.

Oberschwester Ruth Mwale

Arbeitsalltag in Kampala

Eine, die aus Überzeugung blieb, ist Oberschwester Ruth Mwale, 43, Mutter von vier Kindern. Mit ihrem hellblauen Kleid und der weißen Haube hat sie etwas von einem Engel, und es ist auch erstaunlich, woher sie ihre Lebensfreude nimmt. Als ob sie versucht, das Elend weg zu lächeln, als ob Kamuzu Central ein Luxusspital wäre. Dabei funktioniert noch eine einzige Waschmaschine. Für mich gehört der Besuch des Krankenhauses zu den schlimmsten Erfahrungen, vielleicht, weil mir ein Vergleich mit den Krankenhäusern zu Hause durch den Kopf geht.

"Mir ist klar geworden, wie viel man auch mit wenig bewirken kann."

Andi

Ich sprach mit einem Bauarbeiter, der an HIV erkrankt ist. Durch die antiretrovirale Therapie, die den Verlauf der Krankheit bremst, hat sein Leben eine neue Qualität. Der Global Fund – eine Institution der Vereinten Nationen, zu deren Spendern auch Bill Gates zählt – übernimmt die Kosten. Es sind 30 Cent am Tag.“

*Der Artikel erschien in der „MAX“ 06/2007

Text: Stefan Krücken

Fotografie: Andree Kaiser*

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