Das große Jahresabschlussinterview mit Campino
1. TEIL: Unplugged und 2006

"Es ist eigentlich alles viel schöner geworden, als ich es mir vorher erhofft hatte." (Foto: Donata Wenders)
Euer Unplugged-Konzert aus dem Wiener Burgtheater wird in diesen Tagen zum ersten Mal der breiten Öffentlichkeit vorgeführt. Wie ist das Experiment gelaufen?
Für mich waren die Tage in Wien eine super Erfahrung. Es ist eigentlich alles viel schöner geworden, als ich es mir vorher erhofft hatte. Ich bin weniger davon überrascht, wie die Lieder geworden sind. Das konnte ich mir immer schon vorstellen. Ich habe wirklich nie daran gezweifelt, dass wir das schaffen würden, unseren Liedern eine andere Note zu geben und dass wir Dinge aus diesen Liedern rausholen würden, die vielleicht sonst nicht zu hören sind. Es gibt ja Leute, die sagen, dass die Toten Hosen eine reine Party-Band sind. Ich habe das nie nachvollziehen können, weil für mich auch immer eine grüblerische Seite da war. Wir haben natürlich gerne partymäßig auf die Glocke gehauen, aber wir haben auch immer Sachen gemacht, die in sich gekehrt waren.
Woher kommt so eine Einschätzung Deiner Meinung nach?
Es kann sein, dass durch die laute Musik und die daraus resultierende Aggression diese nachdenklichere Note manchmal verloren gegangen ist. Ein Lied wie "Nichts bleibt für die Ewigkeit" hört sich in der Unplugged-Version plötzlich sehr traurig an. Und die Leute hören den Textzeilen auf einmal ganz anders zu. Wenn das Aggressive weg ist, wird offenbar klar, dass das kein sehr lustiges Lied ist. Mir war das beim Schreiben der Zeilen schon bewusst, dass ich damit nicht gerade einen Spaß-Song geschrieben hatte. Dadurch dass die Musik insgesamt ruhiger geworden ist, haben manche Lieder wohl eine andere Intensität bekommen. Die Bedeutung der Worte kommt etwas besser raus.
Welche Stücke haben sich am meisten verändert?
Es gibt verschiedene Herangehensweisen. Manche Sachen willst du einfach total ändern, bei anderen ist es in Ordnung, die einfach leise zu spielen und den Charakter letztendlich stehen zu lassen. Man muss nur ein gutes Gemisch aus beidem finden. Jedes Lied einfach nur leise zu spielen, wäre langweilig gewesen. Ich fände es wäre aber ein Sakrileg, einen Song wie "Blitzkrieg Bop" von der Rhythmik zu ändern. Das wäre schwachsinnig. "Blitzkrieg Bop" von den Ramones war für uns der Lachmoment. Wer würde ein Akustik-Konzert anfangen mit einer Nummer von der elektrischsten Band außer AC/DC überhaupt? Das war ein Versuch von uns, den Abend schon in der ersten Minute aufzubrechen. Und danach kam "Opel-Gang" in so einer Softy-Version, bei der jedem sofort klar war, dass das als Gag gemeint ist. Wenn wir nur mit "Opel-Gang" angefangen hätten, wären bestimmt einige Leute irritiert gewesen und hätten sich gefragt: "Meinen die das jetzt ernst?" Die extremste Änderung vom Sound her wurde letztendlich aber wohl bei "Eisgekühlter Bommerlunder" erreicht.