Interview mit Breiti über die Unterstützung von Pro Asyl

Breiti, an Euch werden zahlreiche unterstützenswerte Projekte herangetragen. Warum habt Ihr Euch ausgerechnet für Pro Asyl entschieden?

Mich hat das Thema Asyl schon sehr lange interessiert, weil die Schere, was darüber berichtet wurde und was wirklich passierte, sehr weit auseinander ging. Das war Anfang der 90er, als die Presse immer mehr auf die Linie der damaligen Regierung eingeschwenkt ist. Ich hatte damals regelrecht das Gefühl, mit Propaganda überzogen zu werden. Die Gehirnwäsche gipfelte unter anderem darin, dass die Ereignisse von Rostock-Lichtenhagen stattgefunden haben, als Asylbewerber tagelang von einem Nazi-Mob verfolgt wurden. Dieser Mob hat versucht, diese Menschen umzubringen, ohne dass sich Polizei, Feuerwehr oder Politiker darum gekümmert hätten. Das Ganze hat sich damals vor den Augen der kompletten Öffentlichkeit abgespielt. Speziell der Kommentar von Rita Süssmuth, die damals als relativ liberale Politikerin galt, ist mir auch heute noch gut im Gedächtnis. Die hat zwar gesagt, dass es ganz furchtbar gewesen sei, was da passiert ist. Sie hat dann aber noch hinzugefügt, dass deswegen jetzt das Asylrecht "geändert" werden müsste, was in der Konsequenz "nahezu abgeschafft" bedeutete. Wie in Deutschland leider oft üblich wurden die Opfer als Täter hingestellt. Und weil das in der Presse überhaupt nicht kommentiert wurde, habe ich begonnen, mir meine Informationen von da an bei Pro Asyl zu besorgen und bin auch recht schnell Mitglied geworden.

Was schätzt Du an Pro Asyl besonders?

Sie machen nicht nur grundsätzlich eine sehr wichtige Arbeit, sondern sind dabei auch immer extrem genau, was bei solch einem Thema auch unabdingbar ist. Es muss einfach alles stimmen, was da veröffentlicht und verbreitet wird. Und ich habe bis jetzt nicht den geringsten Anhaltspunkt dafür gefunden, dass die aus irgendwelchen Gründen etwas verbreiten würden, was nicht den Tatsachen entspräche. Nachdem ich schon ein paar Jahre Mitglied war und uns die Themen Faschismus und Rassismus als Band schon immer beschäftigt haben, ist das Verhältnis zu Pro Asyl immer enger geworden.

Wie sieht denn die tägliche Arbeit von Pro Asyl aus?

Pro Asyl macht einerseits Öffentlichkeitsarbeit. Die Mitarbeiter versuchen, dass Informationen zum Thema Asyl ihren Weg in die Medien finden. Das ist nicht immer so einfach, weil das Thema meistens nicht besonders interessiert. Das Schicksal von hunderttausenden Menschen in Deutschland wird einfach ignoriert. Uns ist über die Jahre eingehämmert worden, dass Asylbewerber nur Schmarotzer und Kriminelle sind, die nur hier sind, um sich einen wirtschaftlichen Vorteil zu erschleichen. Diese Lüge zu entlarven, ist ein wichtiger Bestandteil der Arbeit.

Was sind weitere Bestandteile?

Ein zweiter wichtiger Bestandteil ist die Lobbyarbeit, das heißt im Gespräch mit Politikern Verbesserungen zu erreichen, und zwar sowohl lokal wie auf Landes- und Bundesebene. Der dritte Punkt besteht darin, in Einzelfällen zu helfen, entweder selbst als Pro Asyl oder in Zusammenarbeit mit lokalen Organisationen. Eine große Hilfe kann es schon sein, wenn zum Verfahren ein Anwalt hinzugezogen wird. Wenn man sich ansieht, wie die Leute im Asylverfahren behandelt werden und wer da letztendlich über Leben und Tod entscheidet, ist das haarsträubend. Das hat mit einem rechtsstaatlichen Verfahren nicht das Geringste zu tun.

Inwiefern kann Pro Asyl in solchen Einzelfällen helfen?

Pro-Asyl-Mitarbeiter versuchen dann zum Beispiel, notwendige Dokumente zu besorgen, um sie den Behörden vorzulegen. Es geht etwa darum, dass wenigstens ein Übersetzer dabei ist, der die Sprache spricht, dass Frauen auf eine Art und Weise vernommen werden, die ihrem Schicksal und ihrer Position gerecht wird. Eine Frau, die mehrfach vergewaltigt worden ist, könnte aus jedem Kulturkreis kommen und würde Schwierigkeiten haben, das einem völlig fremden Menschen zu erzählen. Und damit all diese Dinge berücksichtigt werden, ist es ganz wichtig, dass Leute von außen dazu kommen, die sich in dem Thema sehr gut auskennen und dann weiterhelfen können.

Hast Du Dir die Lebensbedingungen von Asylbewerbern schon mal selbst angeschaut?

Ich habe mir mehrere Asylbewerberheime und das Flüchtlingsschiff in Düsseldorf angesehen und war auch mal an den Containern am Flughafen. Das Flughafenverfahren ist eine besonders zynische Version des Asylverfahrens. Das habe ich mir mal zeigen und erklären lassen und dann auch mal öfter Leute getroffen, die sich gerade im Asylverfahren befinden. Es ist immer noch mal was ganz Anderes, wenn man selbst mit den Menschen redet. Wenn man hört, warum die Leute hier sind und wie sie behandelt werden, da wird einem noch mal ganz anders.

Glaubst Du, dass sich rassistische Übergriffe wie 1992 in Rostock wiederholen können?

Das kann jederzeit passieren. Die Grundideen von Fremdenfeindlichkeit und Rassismus haben in unserer Gesellschaft leider nach wie vor eine hohe Akzeptanz. Das Problem wird aber immer nur wahrgenommen, wenn es mal wieder irgendeine rechtsradikale Partei in einen Landtag geschafft hat. Und dann wird auch nur zwei Tage drüber geredet, bis das wieder vergessen ist. Aber dass das Problem weiterhin vorhanden ist und sich weiter verstärkt, das wird nicht wahrgenommen.

Welche Rollen spielen dabei die großen Parteien?

Die CDU und SPD waren immer stolz darauf, dass sie rechte Parteien in den Parlamenten verhindert haben. Dafür haben sie zu großen Teilen einfach deren Zielsetzung und Sprache übernommen. Mir wäre es da lieber, die NPD säße in irgendeinem Landtag und die anderen Parteien würden die Auseinandersetzung suchen und die Sache beim Namen nennen. Es reicht ja eigentlich, nur mal offen zu legen, was die NPD sich für Prinzipien des Zusammenlebens vorstellt. Mich stört vor allem, dass das Wort Menschenrechte in der Diskussion überhaupt nicht vorkommt, weder bei der CDU noch bei der SPD. Dabei ist das die Grundlage unseres Zusammenlebens. Ich muss doch einem 15-Jährigen mal erklären, dass alle die, die diese Prinzipien verletzen, bekämpft werden müssen.

Welche Rolle spielt die deutsche Vergangenheit bei diesem Thema?

Bei uns wird immer gesagt, dass das mit den Nazis lange vorbei ist und jetzt doch mal ein Schlussstrich gezogen werden müsse. Ich finde auch, dass man die deutsche Geschichte nicht nur auf zwölf Jahre Nazi-Diktatur beschränken sollte, denn die Nazis sind ja weder aus fliegenden Untertassen gestiegen, noch nach 1945 wieder im Nichts verschwunden. Die Nazis waren eben nicht einfach Nazis, sondern Deutsche, die einen starken Rückhalt in der Bevölkerung hatten. Sie haben sich Ideen, Haltungen und Meinungen zunutze gemacht, die sich in ganz Europa über Jahrhunderte aufgebaut hatten. Schon lange vor dem 3. Reich gab es Nordseebäder, die damit geworben haben, dass sie "judenfrei" seien. Bei uns wird aber immer so getan, als ob vor 1933 alles super gewesen sei. Das ist falsch. Und solche Gedanken existieren auch über 1945 hinaus. Und wenn man das erkennt, kann man sie auch bekämpfen.

Was vermisst Du in Deutschland?

Was ich als Grundkonsenz in diesem Land total vermisse, ist eine Zielsetzung wie die folgende: "1945 gab es den totalen Zusammenbruch und zum Glück ist uns von den Amerikanern die Demokratie verordnet worden. Wir haben in vielen Bereichen wirklich das Beste draus gemacht – und auf dem Weg wollen wir weiter gehen." Tatsächlich sehen wir das genaue Gegenteil, etwa beim Asylrecht, beim Staatsbürgerrecht, beim Zuwanderungsrecht. Für viele Menschen wird die Situation so nicht verbessert, sondern immer weiter verschlechtert, und das aus letztendlich rassistischen Motiven.

Wo unterscheidet sich Deutschland von anderen europäischen Ländern?

Es gibt hierzulande immer noch die Denkweise der Blut-und-Boden-Ideologie, die besonders in der CDU weit verbreitet ist, aber leider auch in großen Teilen der SPD. In vielen Ländern ist es so, dass jemand, der dort geboren ist, auch die dortige Staatangehörigkeit bekommt. In Deutschland ist das noch längst nicht so. Es wäre ein ganz großes und wichtiges Ziel, diese Denkweise zu durchbrechen.

In Deutschland weiß man nicht zuletzt seit Eurer Single "Sascha", wo Ihr politisch steht. Wie werdet Ihr im Ausland als deutsche Band behandelt?

Mich wundert es eigentlich, dass uns bislang eigentlich noch nie jemand scheiße fand, weil wir aus Deutschland kommen. Wo man so in Europa hinkommt, sei es Holland, Dänemark, Frankreich oder Polen, liegt es ja noch nicht allzu lange zurück, dass die Deutschen dort Angst und Schrecken verbreitet haben. Wenn man sich in einer bestimmten Subkultur bewegt, ist man aber immer erstmal akzeptiert. Und bei allem, was mit Punk-Rock zu tun hat, wird wohl auch eher geguckt, was die Inhalte sind und nicht, welche Nationalität man hat. Rassismus ist ja auch nicht nur ein deutsches Thema, sondern ein weltweites. Deswegen muss man sich seine Verbündeten über die Grenzen hinweg suchen.

Wie versucht Ihr jetzt als Band, Pro Asyl konkret zu helfen?

Als Band muss man sich bewusst sein, dass es um ein Thema geht, bei dem Fachwissen gefragt ist, differenzierte Stellungnahmen und Arbeit von Leuten, die genau wissen, was sie tun. Wir versuchen lediglich, das Thema in den Teil der Öffentlichkeit zu tragen, den wir erreichen. Ich halte es ohnehin für besser, Dinge zu machen, die nicht marktschreierisch sind, sondern kontinuierlich und dadurch auf Dauer überzeugender. Die Rubrik auf unserer Homepage ist schon eine ganz wichtige Sache. In der Altersgruppe bis 30 Jahren ist es nicht ganz so einfach, Leute für dieses Thema zu interessieren. Und ich glaube schon, dass wir da einen kleinen Beitrag leisten können. Zum Beispiel machen wir in unseren Rundbriefen, mit denen wir mittlerweile auch ziemlich viele Leute erreichen, darauf aufmerksam, wenn eine neue Kampagne von Pro Asyl startet.

Was sind weitere Möglichkeiten der Zusammenarbeit?

Bei Pro Asyl gibt es dankenswerterweise Leute, die es auf sich nehmen, Infostände bei unseren Konzerten aufzubauen. Und wenn sie es an einem solchen Abend schaffen, mit nur wenigen Leuten zu reden und ihnen die Augen zu öffnen, dann ist das zwar akribische Kleinarbeit. Aber je mehr Leute versuchen, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen, desto besser. Dass viele Asylbewerber ihre Heimat verlassen mussten, weil zu Hause ihr Leben ernstlich in Gefahr war, das wird ja leider allzu oft geflissentlich ignoriert. Ebenso wird darüber hinweggesehen, dass sie hier teilweise unter katastrophalen Umständen leben müssen, ihnen Gesundheitsvorsorge vorenthalten wird und sie nicht ausreichend ernährt werden.

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