100 Fragen an... (Interview im SZ Magazin vom 31.10.2002)
...Campino. So schnell wie möglich, denn wir haben ja nicht ewig Zeit.
Interview: Moritz von Uslar/ SZ Magazin
Das Haus der Plattenfirma der Toten Hosen am Stadtrand von Düsseldorf.
Schienen, Baumärkte, Backsteinhallen. Industriegebietsromantik - auch so
eine Idee aus dem alten Jahrhundert: war mal. Stimmt ja heute gleich
doppelt nicht mehr. Den Arbeiter und den Rockmusiker, die in leer
stehenden Fabriken an ihrer Kunst schrauben, gibt es beide nicht mehr.
Man sitzt sich auf Sofas in einer komisch bunt gestrichenen Kammer
gegenüber. Kalt, echt ungemütlich hier. Er sieht selbstverständlich
genauso aus, wie man ihn von VIVA und den Videoleinwänden auf
Rockfestivals kennt: das Große, Blonde, Armeefarbene. Campino: älter
geworden, gut gealterter Mann. Er faltet die langen Jeansbeine auf dem
Sofatisch, macht seinen Trick: grinsen. Das kann er wirklich gut: das
Junge-Männer-Ding, Blicke von unten, Charme der jungen Hunde. Wäre man
eine Frau, man fände ihn jetzt - süß. Ey, hallo. Ja. Wir freuen uns auch
voll. Stimmt, wir haben auch Sorge, dass es langweilig werden könnte,
weil die Campino-Themen - Pubertät, Punkrock, Erbsensuppe, der Abstieg
der Fortuna Düsseldorf - schon so oft öffentlich durchgenommen wurden.
Man kennt sich. Alle kennen Campino. Campino: Unterhalter, Talkshowgast,
deutscher Volksvertreter. Er kam im selben Jahr wie Helmut
Kohl dran, bloß dass Popstars nicht abgewählt werden. Der Popstar weiß,
dass er sich ärgern soll - damit es kickt, damit er Lust und Laune
kriegt zurückzuhauen. Und eventuell reicht es so sogar zu
einigen (Achtung!) stillen, (ja echt!) besonnenen Momenten und
Geschichten, die er noch nicht erzählt hat. Er wird beim Sprechen immer
wieder unvermutet einen Sprung über das Tischchen machen und einen
Heizlüfter einschalten, der - heizlüftend, stinkend, brummend - am Boden
steht. Grauenhaftes Gerät. Campino hängt an diesem Heizlüfter, weil er
vor zwanzig Jahren schon seine Wohnung geheizt hat. Er erfährt jetzt,
dass man ihn fragend siezen wird, weil Siezen immer super ist und
maximale Authentizität für die schriftliche Form angestrebt wird. Aha.
Irritation. Er gibt zurück, dass er einen selbstverständlich sauber
duzen wird. Schön. So geht man sich schon auf die Nerven. Ruckeln auf
seinem Sofa, Beine werden neu gefaltet. Er fragt: "Läuft die Scheiße?"
Läuft.
1 Berufstraum Popstar?
Ja.
Gesprächspause. Er muss jetzt gleich gucken, ob diese Antwort gut ankam,
ob er als Typ auch gut rüberkommt. Grinsen. Jaja. Charmeur! Campino
eben!
Ich wäre natürlich auch gern Pirat geworden. Oder Schauspieler oder
Schriftsteller. Aber dafür hat es nicht gereicht.
2 Woher kommt der Name Campino?
Jeder hatte so einen Spitznamen, damals in der Szene im "Ratinger Hof".
"Ratinger Hof": Club in Düsseldorf, in dem sich 1976/77 die erste
Punkszene Deutschlands traf.
Einer war Dildo, der andere Granini. Ich war eben
der Campino. Daran gab es dann auch nichts mehr zu rütteln.
3 Welcher Bandname wäre Ihnen heute noch unangenehmer als Die Toten Hosen?
Andersrum, eine Menge Namen wären mir angenehmer: Amigos.
Edelweißpiraten. Die Tangobrüder. Aber es hätte uns schlimmer treffen
können, wir haben auch mal über Die Pariser nachgedacht. Man muss das im
zeitlichen Kontext sehen. Damals waren Die Toten Hosen ein guter Name.
4 Ihr Ernst, dass ein Mitglied Ihrer Band Breiti heißt?
So wird er genannt.
5 Was verstehen Sie unter "tote Hose"? Was soll man sich, umgekehrt,
unter "lebendiger Hose" vorstellen?
Tote Hose gleich nichts los, impotent, lasche Party. Wir haben uns so
genannt, damit die Leute auf Konzerten nicht ihr Geld zurückverlangen
konnten. Das war unsere Politik. Die sprachliche Umkehrung hat mich
immer gelangweilt. Das wollten ja auch wir sein - das Gegenteil von
toter Hose. Klar.
6 Netteste Erinnerung an 82?
Die ersten Tage, in denen die Band losgefahren ist. Kein Geld für
Hotels. Wir haben dann gemerkt, dass man sich besser vor den Konzerten
erkundigt, bei wem man heute übernachtet, als danach.
7 Haben Sie erfunden, dass Punks lustig sein dürfen?
Ich habe meinen Teil dazu beigetragen.
8 Ihr himmlischster, wirklich glückseligster Moment auf einer Konzertbühne?
Buenos Aires, River Plate Stadium. Im Vorprogramm der Ramones. Wir waren
gerade runter von der Bühne, es lief die Erkennungsmelodie von The Good,
The Bad & The Ugly. 60000 Stimmen rufen: Ra-mo-nes! Da dachte ich: Jetzt
bin ich ganz nah dran.
9 In welchem Jahr waren Sie der unsterblichste deutsche Popstar ever?
1979, als ich die erste eigene Schallplatte von mir in der Hand hielt.
ZK, Tip von Twinky.
10 Schlimmer Moment für Sie und die Band, als Ende der Achtziger in der
Zeit die ersten ironisch-wohlmeinenden Konzertkritiken erschienen?
Nein. Anders. Einfacher. Wir freuen uns über jedes Lob. Gut, dass uns
wenigstens Die Welt ein Leben lang verrissen hat. So blieben wir im Gleichgewicht.
11 Wer hat Sie erzogen?
Wie man so schön kitschig sagt: die Eltern, das Leben.
12 Der zentrale Ort Ihrer Jugend?
Das Haus meiner Großmutter in England. Meer. Schulfrei. Die sorglosen
Momente. Bis heute ist Cornwall ein Akku für meine Batterien.
13 Klebstoff oder Heroin?
Nie Heroin. Klebstoff nicht gern. Benzin war mein erstes Ding. Ich war
sechs Jahre, da merkte ich, das riecht gut.
14 Korrekt, dass Ihnen die Sex Pistols immer eins zu fertig waren?
Nein, unkorrekt. Sie waren die Initialzündung. Es ist ja rückblickend
immer chic und ganz wichtig zu betonen, dass die Pistols nicht spielen
konnten. Stimmt ja gar nicht. Die Pistols konnten verdammt gut spielen.
Never Mind the Bollocks war vom Sound her sogar sehr gut. Eine wirklich
miserable Produktion war die erste Platte von The Damned. Musikalisch
haben die Clash am meisten geleistet, klar.
15 Das Furchtbarste, das Sie je mit einer Sicherheitsnadel angestellt haben?
Lieber das Peinlichste: Ende 76, mit 14, ging ich mit einer
Sicherheitsnadel in der Backe in den "Ratinger Hof" und kam mir sehr
cool vor. Da beugte sich der Barmann zu mir rüber und fragte: Darf man
mal ziehen?
Komisch. Man hat sofort das Gefühl, dass der Kellner der Doofe und
Campino tatsächlich cool war. Was gibt's denn da zu lachen, wenn ein
14-jähriger Angeber, Aufrührer, Bolschewik mit einer Sicherheitsnadel in
der Backe in den damals wohl aufregendsten Club Deutschlands läuft? Das
sitzt doch! Daran ist doch wohl alles toll!
16 Schlüsselerlebnis mit einem englischen Punk?
Mein erstes Konzert überhaupt, in einem Londoner Club, in den mein
älterer Bruder mich mitgenommen hatte: The Count Bishops.
Da sprangen die Leute auf die Tische und Stühle. Neben mir raste so ein
Dicker durch den Stuhl durch. Da wusste ich: Es gibt kein Zurück.
17 Wenn England die Königin hatte, wen hatte dann Deutschland?
Helmut Kohl. Nein. Besser noch: Franz Beckenbauer.
18 Ihre Definition von Spießer?
Das ist der, der innerhalb seiner Gesellschaft Schiss hat, die Regeln zu
durchbrechen. Es gibt also auch unter Punks totale Spießer. Wer sich als
Punk nicht traut zu bekennen, dass er eigentlich gern
eine Soapopera sieht, ist in sich Vollspießer. Das Gegenteil von Spießer
wäre: Du kümmerst dich einen Dreck darum, was die anderen sagen. Du bist
das, was du bist.
19 Völliges Missverständnis, dass Punks stinken?
Wenn man sich nicht wäscht, stinkt man. Das ist wohl so.
20 Völliges Missverständnis, dass Die Toten Hosen Punks sind?
Wir bemühen uns nicht, einer Definition zu entsprechen. Die Diskussion
"Ist das Punk? Ist das glaubwürdig?" ist für mich um 1986 gestorben. Ich
versuche null, Punk zu sein. Interessiert mich überhaupt nicht mehr.
21 Ihre kleinbürgerlichste Seite?
Dass ich beim Zappen immer noch beim Tatort hängen bleibe. Das hat mein
Vater immer gesehen.
22 Punkrock - höchst entwickelte Stufe von Bürgerlichkeit?
Es langweilt. Ich werde auf eine Szene festgelegt, die es so nicht mehr
gibt. Ich kann und möchte nicht für Punks sprechen. Das möchte ich
wirklich vermeiden.
Unruhe. Er wackelt da mit seinen Beinen, den langen, rum. Jetzt steigt
man ihm aber auf die Nerven - bah! Bisschen noch. Funktioniert gerade
gut.
23 Ihr Appell an all die traurigen Gammel-Bettel-Schäferhunde-Punks an
Deutschlands Hauptbahnhöfen?
Kein Appell. Schwachsinn. Leute, die auf der Straße
leben, weil sie Pech gehabt oder sich das so ausgesucht haben, das ist
eine Sache. Das hat mit Punk nichts zu tun.
24 Hätte jeder Punker gern ein Fotomodel als Freundin?
Drei Drittel aller Männer. Wenn sie auch noch was in der Birne hat? Ich
habe mich gegen Schönheit nie gewehrt.
25 Kennen Sie einen besseren Gruß als "Yo Punkrock"?
Das ist ja ein doofer Gruß.
26 Heißt cool sein in Deutschland automatisch bescheuert sein?
Nein. Warum?
Schnitt. Schluss mit Punk. Gut performt, Popstar. Nun wird der Arme als
Berufsjugendlicher,
Jugendvertreter durchgefragt, gecheckt, gemartert. So lauten Vorwürfe:
dass er nicht älter werden kann. Ihn anhören.
27 Schöne Überraschung, dass 16-Jährige heute wieder Nietengürtel tragen?
Da bin ich total schmerzfrei.
28 Was bedeutet noch mal "politikverdrossen"?
Müde. Erschöpft vom Gelaber der Repräsentanten. Der Begriff impliziert, dass
man einmal an Politik interessiert war.
29 Schockiert darüber, dass deutsche Schüler dümmer sind als Schüler in Mexiko?
Das habe ich immer geahnt, schon zu meiner Schulzeit. Im Ernst: Quatsch.
Wir sind nicht dümmer als andere Nationen.
30 Wird zu viel gekifft?
Noch zu wenig. Es wird so lange zu wenig gekifft, wie es, ja - wie es
Kriege auf der Welt gibt.
Seine Ironie. Grinsen. Gelächter.
31 Wann zuletzt mit einer Horde Fachoberschüler mit Parkas und
Rastafari-Zöpfen im Schneidersitz über linke Positionen gestritten?
Vor drei Wochen, als wir auf der Loreley gespielt haben. Da habe ich auf
dem Campingplatz geschlafen, wo alle geschlafen haben. So richtig mit
Liegen, Labern, Von-Lagerfeuer-zu-Lagerfeuer-Ziehen. Alles ganz
entspannt: Ah, der Campino. Ach, hallo. Bisschen doof, dass ich da
gegen Ende noch in die Zelte reingefallen bin, leider ziemlich
betrunken. Bisschen peinlich.
32 Welchen rührend idealistischen Schülerstandpunkt teilen Sie?
Ganz naiv denke ich, dass Karriere nicht das ist, um was es im Leben
gehen sollte. Ich finde das gut, wenn Jugendliche sagen: Solidarität.
33 Welche Jugendkultur genießen Sie, nicht mehr zu verstehen?
Ich schaffe zweimal 48 Stunden Techno am Stück. Dann muss ich da wieder
raus. Ich hatte meinen Teil. Ich muss keiner Jugendbewegung mehr angehören.
34 Wann zuletzt Nackedei-Bildchen im Internet angeschaut?
Ich kann gar keinen Computer bedienen. Meinen letzten habe ich ein Jahr
lang nicht aus der Verpackung geholt, dann verschenkt. Bin ich nicht
stolz drauf. Muss ich jetzt, werde ich jetzt lernen.
35 Wann zuletzt geschämt?
Diese Woche, beim Nacktshooting mit achtzig Frauen für das Cover von
Reich und Sexy II. Der Fotograf sagt: "Guck dir das mal von vorn an!"
Und ich musste aufstehen, splitternackt, und meine Position verlassen.
36 Pubertätsfan?
Schwierig: der Mythos Jugend. Ich glorifiziere das nicht. Ich weiß gar
nicht, wie viel Stunden und Tage ich Radiergummi-spielend an
irgendeinem Tisch gesessen habe und irgendwas lernen sollte. Ich genieße
auch, dass die Schultern breiter werden mit den Jahren und man
Probleme und Problemchen des Alltags mit einer anderen
Gelassenheit angeht. Auf den Punkt: Ich bin lieber junger Mann als alter
Junge.
37 Müssen Sie immer noch mit jedem flirten?
Muss ich? Musste ich nie. Ich wünsche mir, dass die Menschen in
Deutschland mehr miteinander flirten. Vorbild Italien. Ein Flirt muss
keine Herzen brechen.
38 Tut es weh, sich selbst geil zu finden, oder ist das eher ein
angenehmes Gefühl?
Es hebt die persönliche Lebensqualität, wenn man mit sich selbst gut
kann.
Kniewippen. Grinsen. Alle Emotionen waren jetzt einmal da.
Bis hierher war es keine Sekunde entspannt. Man merkt seine Kraft, die
körperliche, konkret: Kampfkraft. Er kann noch ewig. Schon
beeindruckend. Aggressionscheck mit Campino.
39 Stoiber, Westerwelle, Möllemann - welcher Politiker ist eigentlich
kein Doofmann?
Ganz schwierige Frage.
Gelächter. Hahaha, ja.
Es war eine Wohltat, die FDP abschmieren zu sehen. Gegen Stoiber ist es
mir zu billig zu schießen. Munitionsverschwendung.
40 Welcher Grüne gehört geschubst?
Wird immer schwieriger. Ich fand das sympathisch, dass sie sich in den
ersten zwei Jahren in der Regierung fast zerfleischt haben, weil es
wirklich ein Prozess war, in die Verantwortung zu gehen. Gut. Bisschen
schubsen ist immer gut.
41 Welchen Sozi würden Sie gern quälen?
Da musst du die Mentalität von den Jungs haben,
die den Enten am See den Hals umdrehen. Nur, weil die zu viel
schnattern. Im Prinzip: Da ist doch jemand bemüht.
42 Die härteste, asozialste Beleidigung, die Ihnen zu Stefan Raab einfällt?
Tut mir Leid. Da muss ich enttäuschen. Ich halte ihn für ein
musikalisches Talent.
43 Ist es nicht herrlich, dass Sie mit Bela B. eine echte handfeste
Männerfeindschaft verbindet?
Stimmt nicht. Kann man streichen. Früher war da Zunder. Da ging es um
alles. Frauen. Ehre. Konkurrenz.
44 Schönste Schlägerei in Ihrem Leben?
Jahre her, im "P1". Unser Roadie, ein Schwarzer, sollte kein Bier mehr
bekommen. Es heißt: "Du kannst Wasser haben, Neger." Daraufhin
zog Bollock, unser Roadie, seine Jacke aus, die Kellner stürzten sich
auf ihn, wir sind von allen Ecken des Raums dazugeschwärmt, im Nu war
die Terrasse leer, es gab eine Massenschlägerei mit fliegenden
Barhockern und in den Knien zusammenknickenden Männern, wie im
Blödelwestern. Wir waren an diesem Abend echt in Form. Und das "P1" war
auf unsere Art asozialer Entschlossenheit noch nicht vorbereitet. Man
hat uns dann drei Tabletts Bier gebracht, zur Beruhigung. Link gespielt:
In der Zwischenzeit rückten die Mannschaftswagen der Polizei an.
45 Ist das die Krux auf Erden, dass die Empfindungen mit dem Älterwerden
immer milder werden?
Das trifft auf mich nicht zu. Ich bin zielstrebiger im Umsetzen meiner
Ziele als früher.
46 Ihr Auto?
Kleinwagen.
47 Wie würden Sie der Frau, die Sie heute Nacht kennen lernen, Ihre
Wohnung beschreiben?
Dusche, Badewanne.
48 Käsefüße?
Nein. Aber Hornhäute. Ich gewinne keinen Schönheitspreis für meine Füße.
49 Irgendwelche tollen Sexspielzeuge unter dem Bett?
Nein.
50 Mit welchem Kunstwerk in Ihrem Haus könnten Sie notfalls angeben?
Ein Kumpel von mir, Uli Meier, hat mir ein riesiges Bild
gemalt. Ich habe gesagt: Du. Ich brauche ein Bild. Riesiges,
psychedelisches Ding. Je nachdem, wie das Licht steht, ändern sich die
Farben.
51 Küchenkräuter?
Finde ich gut, wenn man so was draufhat.
52 Fernseher an die Stereoanlage angeschlossen?
Ja.
53 Welchen Luxus, welche Lebensqualität gilt es zu vermeiden?
Die bezahlbaren.
54 Ganz wichtige Frage: Welche Platte soll man auflegen, wenn man
morgens aus dem Bad spaziert und das Girl noch im Bett liegt?
Mochte man die, die Frau? Wenn nicht: AC/DC oder Ramones, dann geht es
schnell, dann braucht man noch nicht mal Kaffee zu kochen. Wenn sie gut
war und sie soll noch bisschen liegen bleiben: Massive Attack. Immer richtig.
55 Wann zuletzt konzentriert?
Gerade. Jetzt. Auch wenn es nicht so wirkt.
56 Auf welchem Fachgebiet hätten Sie gern ein überraschend tiefgründiges
Wissen?
Sexualität.
57 Immer noch Talkshow-süchtig?
Nie gewesen. Eher neugierig. Ich habe nichts gegen Talkshows. Ich
finde, es gibt wenig Dümmeres, als sich über Fernsehen zu beschweren.
Man kann immer noch diesen Knopf drücken: aus.
58 Immer noch Existenzangst?
Nein.
59 Aus welcher Sorte Panik heraus entsteht die tollste Kunst?
Liebeskummer. Verluste. Der Angst, dass du das Niveau, das du mit deiner
letzten Arbeit erreicht hast, nicht halten kannst. Die Angst, nicht
über deinen Leistungsschatten springen zu können. Die Angst
zurückzufallen, ganz normal: Die treibt an.
60 Wo exakt im Körper spüren Sie Liebe?
Am meisten spürt man sie doch, wenn die Liebe kaputtgeht. Und der
Schmerz trifft einen genau hier: Herz. Bauch. Wenn man schon mal aus
Liebe außerstande war, sein Bett zu verlassen - auf allen vieren über
den Boden gekrochen ist-, dann weiß man, wo dieser Schmerz sitzt.
61 Woran erkennt ein Campino-Kumpel, dass Campino sich unwohl fühlt?
Dass ich es eilig habe. Dass ich raus will.
62 Die Campino-allein-zu-Haus-Beschäftigung?
Ich lese gern. Meine Empfehlung für die kalten Wintermonate: Luis
Sepúlveda, Der Alte, der Liebesromane las. Ich brauche Alleinsein sehr.
Wegen des Gezerres, das sonst immer ist.
63 Kein Alkohol ist auch keine Lösung - eine Trinkkombination, nach der Sie keine
Probleme mehr haben?
Hört sich pervers an, probiert's einfach mal: Jägermeister Red Bull.
64 Was sagt der Psychotherapeut?
Mein Psychotherapeut sagt erstens, dass ich begreifen sollte, dass ich
den Job von der Wertigkeit eines Topmanagers habe. Zweitens, dass ich
jemand bin, der Herzen brechen muss. Das hat er gesagt. Danach bin ich
nie mehr zu ihm gegangen. Und er hat mich mehrmals angeschrieben. Er
wollte mehr Herzschmerz-Storys hören.
65 Ihr Lieblingssong von Frank Sinatra?
Ich kenne nur den, den Sid Vicious gesungen hat. My Way.
66 Ihre Ausrede bei Erektionsproblemen?
Passiert dir das öfter?
67 Ihnen jetzt schon peinlich, dass Sie mit fünfzig einmal eine
Zwanzigjährige wollen werden?
Gott schütze mich davor!
Ich will keine zwanzigjährige Freundin haben. Nie! Auf gar keinen Fall!
Es wird nicht passieren. Kann man mich drauf festlegen.
68 Welcher Sport wird Sex ersetzen?
Laufen. Fernsehzapping. Tischfußball.
69 Was macht Mick Jagger falsch, was Neil Young richtig macht?
Mick Jagger macht doch gar nicht so viel Fehler. Er hat den unangenehmen
Job, allen weißen Rockmusikern altersmäßig vorauszugehen und zu
beweisen, dass das auch noch mit 75 geht. Und er wird uns das beweisen.
Er muss vorweggehen. Ich komme hinterher.
70 Wie viele feste Freundinnen waren es insgesamt?
Unter zehn.
71 Wofür braucht einer wie Sie eine Freundin?
Als Halt. Erdung. Antenne nach draußen. Ich muss wissen, was außerhalb
des oft erstaunlich mickrigen Lebens als so genannter deutscher
Prominenter abläuft.
72 Wer nervt mehr, Fotomodels oder Schauspielerinnen?
Ich finde beides super.
73 Schon rausgefunden, dass Frauen dicke Männer lieber mögen als dünne?
Wenn das so sein sollte, dann fresse ich ab heute richtig. Aber: glaube
kaum. Ich glaube nicht, dass Frauen so funktionieren.
74 Wird es nicht langsam spießig, nicht verheiratet zu sein?
Ehe als Kriterium für Spießigkeit oder Nicht-Spießigkeit zu nehmen finde
ich albern. Bei mir hat es einfach noch nicht stattgefunden. Ich bin da
völlig offen.
75 Die romantischsten Worte, mit denen man Frauen den Kinderwunsch ausredet?
Ich bin noch nicht so weit.
76 Hat man als Mann automatisch keine Ahnung von Frauen?
Es gibt nichts Ätzenderes als diese Frauenversteher-Typen. Heuchler. Ganz
verdächtig. Das sind die, die dir im Dunkeln den Dolch in den Rücken stoßen.
Ich sehe zu, dass ich hauptsächlich mit Typen rumhänge, die von Frauen auch
nichts verstehen. Erleichtert das Leben.
77 Wenn Jungs Campino haben, wen haben dann Frauen?
Die Alte von No Doubt - wie heißt die? Gwen Stefani.
So. Das waren Lifestyle, Psyche, die Frauen. Entspannende Themen. Er
liegt mittlerweile, nicht abgeschaltet, noch aufmerksam, gespannt. Man
muss ihm jetzt leider noch mal auf die Nerven gehen - noch einmal! Sein
Kunstverständnis. Sein Pop.
78 Müssen Sie so laut schreien?
Du kommst sonst nicht durch. Die haben ihre Verstärker im Studio immer
so weit aufgerissen.
79 Wie heißt die Tote-Hosen-Gitarre, die so komisch wummert?
Der Hosenhobel.
80 Einverstanden, dass die Kunst darin besteht, möglichst wenig Kunst in
der Musik zu haben?
Die Kunst muss sein, einen Song möglichst kurz zu halten. Ich mag immer
noch keine Solos. Aber - wenn du dich über Kunst unterhalten willst,
dann suche dir jemand anderen. Ich bin Schuster. Handwerker. Kein
Künstler.
81 Immer noch eine Riesenfreude daran, das Wörtchen "Scheiße" zu singen?
Man singt es cooler. Es geht ohne das schelmische Grinsen über die
Lippen, das man vor zwanzig Jahren hatte.
82 Welche Szenevokabel ist beim Singen verboten?
Baby.
83 Welches Instrument ist verboten?
Wie nennt man diese Klaviere, Keyboards zum Umhängen, die bei Nena da
immer im Hintergrund rumsprangen? Verboten!
84 Ein Fehler, den Sie sich als Sänger nicht verzeihen?
"Isch" statt "ich" singen. Ich hatte auch mal so eine Phase, in der ich
so gekünstelte Kiekser eingebaut habe: Das ist, wenn der Sänger anfängt,
seine Stimme gut zu finden, und er bietet so verschissene Schlenker an.
Besser: keine Sperenzchen. Sich zurücknehmen. Das singen, was verlangt
ist.
85 Ist die viel beschworene Selbstverarschung immer der Anfang der
Verblödung?
Richtig, guter Punkt, weil die Selbstverarschung immer gern als Stil
zitiert wird, um nicht angreifbar zu sein.
86 Wer hat Ihnen überhaupt erlaubt, sich zu engagieren?
Das war schon ich selbst. Die Leute halten sich zu sehr raus. Ich ärgere
mich oft darüber, dass die in den prominenten Positionen sich eben nicht
äußern. Ein Fußballer wird doch kein schechter Fußballer, wenn er
öffentlich feststellt, dass das "Sieg! Sieg!"-Geschrei Scheiße ist.
87 Was meint Peter Hein von den Uralthelden, der deutschen New-Wave-Band
Fehlfarben, wenn er sagt: "Ich bin nicht verbittert, ich finde nur alles
Scheiße?"
Man muss es so nehmen, wie er es sagt.
88 Besteht darin das Königliche, sich eben nicht weiterzuentwickeln?
Das ist die Kunst: gut stumpf bleiben. Wenn du gut bist, ist es
königlich. Wenn nicht, bist du nur ein Idiot.
89 Ihr Lieblingsgefühl?
Euphorie.
90 Wie heißt die Krankheit, an der man leidet, wenn man im vierten
Lebensjahrzehnt beim Hören des Tote-Hosen-Smashhits Alles aus
Liebe vor Rührung und Freude, am Leben zu sein, aus dem Fenster hüpfen
möchte?
Sentimentalität.
Peace. Für die letzten Fragen gilt: kein Kampf. Verständnis. Hundert
gute Vibes mit Campino.
91 Mann in den besten Jahren?
Gerade vorbei. Ich glaube, die sind zwischen 25 und 35. Man muss lernen,
Abstriche zu machen. Paar Züge sind abgefahren. Ich werde kein
Leistungssportler mehr. Ich kann dem Zwanzigjährigen auf dem Sportplatz
nicht mehr an der Schulter zupfen und sagen: Nächste Woche packe ich
dich. Das wird nicht passieren. Trick dazu: Spiel mit Leuten in deinem
Alter, dann kriegst du sie auch wieder. Lass dich nicht mit den Jungen
ein.
92 War das das Ziel, dass Sie einfach jeder liebt?
Null. Wir wollten immer klare Fronten haben.
In einer Umfrage zur Bundestagswahl, wen sich Bremer Schüler und
Erstwähler als Kanzler wünschen, lag Campino auf Platz sieben, nach Rudi
Völler und Joschka Fischer, vor Gregor Gysi, Oliver Kahn, Verona
Feldbusch, Guido Westerwelle.
93 Wie viel Prozent Zustimmung wären die Höchststrafe?
Ich glaube, man war schon mal abgenervter auf uns. Wir sitzen das aus.
Ich nenne immer AC/DC als Beispiel. Die waren die ersten zehn Jahre
cool. Dann fanden alle: Mann, die könnten sich aber jetzt verabschieden.
Dann war es irgendwann cool, dass die immer noch dabei sind. Ich warte
jetzt darauf, dass man uns auf die Schulter klopft? dafür, dass es uns
noch immer gibt. Wir sind kurz davor. Die Front der Gegner bröckelt.
94 Der sympathischste Charakterzug Ihres großen Vorbilds Helmut Kohl?
Er war natürlich ein totales Feindbild. Ich habe im Moment seiner Niederlage
meinen Respekt für das konsequente Halten der konträren Positionen gezollt.
Er war solide berechenbar. Das bin ich nicht.
95 Wird es tough, wenn eines Tages nur noch Ostler auf die Konzerte kommen?
Ehrlich, ich habe für mich beschlossen: Diese Art Witz mag ich nicht
mehr. Over. Gegessen. Auf Ostler runterzuschauen ist vorbei. Wir
Westler tun immer so, als ob im Osten die Volldeppen sitzen. Wir haben
hier genauso viele Deppen.
Scham. Es ist so klar, dass er jetzt Recht hat. Auf Ostler
runterzuschauen ist definitiv vorbei. Armer Witz. Nie mehr
Ostzonenwitze. Es zeigt sich hier der Popstar im besten Sinne als Kenner
und Vertreter seines Volkes, einfach deshalb, weil er auf Tournee -
landauf, landab - wochenlang an deutschen Orten ein- und auscheckt und
mitkriegt, wie die Stimmung in Deutschland ist. Respekt. I vote for
Campino.
96 Gefällt Ihnen der Grönemeyer-Song Mensch dummerweise auch ganz gut?
Herbert ist in Ordnung. Einer der ganz wenigen in der deutschen
Musikszene, die ich mag. Wenn ich in London bin, rufe ich an und wir
gehen zum Fußball oder ein Bier trinken.
97 Wann zuletzt mit einer Bierbüchse auf einem Friedhof gesessen und
nachgedacht?
Lange her. Das waren so Orte der Kindheit: Friedhöfe, Parkplätze.
Zuletzt, als wir als Die Roten Rosen den deutschen Schlager symbolisch
beerdigt haben.
98 Kann man dieses Grinsen lernen?
Nein. Das hat man. Falsches Grinsen erkennt der Bundesbürger.
99 Versprochen, dass Sie kein Buddhist oder Dalai-Lama-Anhänger werden?
Versprochen.
100 Noch was zu trinken zu Hause?
Wasser. Wein. Sicher auch noch ein Liter Bio-H-Milch.
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