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Dokumente, Lobeshymnen und Verrisse:

Die Spur, die die Toten Hosen in Magazinen und Zeitschriften hinterlassen haben.

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Campino: "Bayern bleibt 'ne Lachnummer" (Aus der WZ vom 22.04.2000)

Von Uwe-Jens Ruhnau

Düsseldorf. Es ist die Abrechnung mit dem Kindheitstrauma: Die Toten Hosen sorgen mit ihrem Hasslied "Bayern" in der Sportwelt für Aufregung. Im WZ-Interview verrät Campino, dass Franz Beckenbauer der Band bei "Wetten dass" auf keinen Fall begegnen wollte. Dazu Zitate, eine Verlosung - so kompakt wie das 7:1 von Fortuna gegen Bayern in der Saison 78/79. Und jetzt Anpfiff.

WZ: Beim Bayern-Lied geht es ja gleich um die großen Themen: Gott, Liebe - und dann kommen als Gegensatz die Bayern.

Campino: Ein bisschen Schmalspurphilosophie. Aber viele Leute haben als Lebensinhalt ihren Klub. Das ist jedoch eher ein stilistischer Schachzug. Bei dem Lied macht es mir auch jedes Mal Spaß, wenn plötzlich die Zeile mit den Bayern kommt.

WZ: Bist du in den legendären Siebzigern ins Rheinstadion gefahren, als Fortuna so gut war?

Campino: Ich gehörte eher der Sportschau-Fraktion an. Unser Gitarrist Breiti war anders. Er ist von seinen Brüdern mitgenommen worden. Aber ich lief ja schon als 13-jähriger punkmäßig herum. Die ersten Fortuna-Fans, die ich im Bus gesehen habe, sind hinter mir her gelaufen und wollten mir die Haare abschneiden. Von daher war ich ein gebranntes Kind. Vom Herzen her - ich bin ja halb Engländer, halb Deutscher - war für mich der FC Liverpool wichtig. Das große 3:0 gegen Borussia Mönchengladbach im Uefa-Pokal - da ging bei mir die Uhr an. Später habe ich meinen Frieden gefunden mit Fortuna. Mit Anfang 20 habe ich mir gesagt: Okay, du bist hier geboren, du hast gar keine Chance, immer zur Anfield Road zu fahren. Also: "Support your local hero" und geh da mal deine Wurst essen. So lange es nicht zur Partie Liverpool gegen Fortuna kommt, habe ich keinen Gewissenskonflikt.

WZ: Aber diese goldenen Stunden, das 7:1 von Fortuna gegen Bayern in der Saison 1978/79?

Campino: Das habe ich natürlich mitbekommen. Wolfgang Seel, zwei Mal durch die Beine von Beckenbauer. Aber diese tollen Zeiten, wo Breiti aufgelebt ist, habe ich nur so mitgenommen. Da war Punk für mich viel wichtiger.

"Was für Eltern muss man haben . . ."

WZ: Was ist an Bayern so übel?

Campino: Die Marketingmaschinerie, klar. Aber zunächst mal: wie die Fußball gespielt haben. Vor allem, als die Europapokale eingefahren wurden. Unattraktiver Mauerfußball, dann einmal nach vorne und das Ding reinmachen. Ein sehr unbeliebtes Team. Für mich bedeutete Bayern auch immer eine klare politische Entscheidung bei den Spielern. Du hast komplette Mannschaftskader gehabt in den Siebzigern, die CSU-Mitglieder waren. Du konntest als Bayern-Spieler nur schwer `ne linkspolitische Aussage tätigen. Als Franz-Josef Strauß gestorben ist, haben die acht Wochen im Trauerflor gespielt - das hätte kein anderer Verein so gebracht.
Da ist immer ein klares Bekenntnis zur Lederhose. Sich bei der Meisterfeier erdig zeigen, aber sonst schicki-micki-mäßig im P1 durch die Gegend sausen. Das war vom Image her nie cool.

WZ: Also nicht Gutes?

Campino: Eines muss ich den Bayern zugestehen. Ich glaube, dass die intern schon einen Verhaltenskodex haben, der für deutsche Verhältnisse ganz beispielhaft ist. Ich weiß, dass sie sehr gut Sportinvaliden wie McInally betreut haben, und sie denen auch finanziell mehr zugeschossen haben als sie hätten müssen. Gerd Müller wurde aufgefangen. Da kriegen sie von mir Pluspunkte.

Ansonsten bleibt der Verein `ne Lachnummer. Dieses Selbstinszenieren: Ich habe lange geglaubt, Uli Hoeneß ist cleverer als alle denken. Inzwischen glaube ich, er ist doch nicht so clever. Ich hatte das oft als programmiertes Theater empfunden: Beckenbauer ist "good boy", Hoeneß "bad boy". Und dass er die Rolle bewusst und gerne spielt und dass sie heimlich darüber lachen.

WZ: Und die Reaktionen der Bayern auf das Bayern-Lied?

Campino: Sehr unterschiedlich. Inzwischen bin ich mir nicht mehr so sicher, ob Uli Hoeneß über sich lachen kann. Die Reaktionen von ihm waren ja eher stumpf. Ich habe nichts gegen Wursthändler. Der Stefan Raab ist Humorist und auch Metzger. Dass Uli Hoeneß das so eng ausgelegt hat, fand ich sehr schwach. Das Gemeine an dem Lied ist doch, dass eine gewisse Intelligenz dahinter ist. Das öffnet Türen. Hoeneß empfindet es als reine Provokation und meint deswegen, daran wird die Gesellschaft noch mal ersticken. Den Humor sieht er nicht. Ich bin jüngst Gerd Müller begegnet, der hat sich total nett verhalten.

Franz Beckenbauer hat dagegen durchgesetzt, dass bei "Wetten dass" die Reihenfolge geändert wurde. Er wollte nicht, dass wir ihm in der Sendung begegnen. Der kam extra nach uns.

". . . um so verdorben zu sein . . ."

WZ: Im Ernst?

Campino: Das ist wohl eine Absprache im Verein. Die Taktik ist Totschweigen. Ist in Ordnung, ich kann verstehen, dass Beckenbauer als Präsident einen Monat, nachdem wir die Ehre der Bayern bekleckert haben, uns nicht Shakehands anbietet. Privat würde er damit wohl lockerer umgehen - wenn es keiner mitkriegt.

WZ: Olli Kahn hat euch ja sogar eingeladen.

Campino: Eine nette Geste. Das Gute am Fußball ist ja, dass du da sehr emotional sein kannst. Unser Lied hat einen kabarettistischen Anstrich. Wie ziehen über Bayern ab in einer sehr unsachlichen Form. Wenn man sachlich wäre: Nicht jeder, der mal ein Bayern-Trikot anhatte, ist ein Idiot - das wäre totaler Quatsch. Ich habe vor ein paar Tagen in der Schweiz gegen Oliver Kreutzer Tipp-Kick gespielt. Er hat sechs Jahre in der Bayern-Verteidigung gestanden und kam im Bayern-Trikot an, ich im Fortuna-Trikot - und dann habe ich ihn abgezogen. Bei 7:1 für mich war wieder Schluss. Aber Kreutzer war okay. Allen Ernstes müsste man schwachsinnig sein, wenn man behaupten wollte, die Leute seien auch im Privatleben beknackt. Trotzdem: Nur weil einige Personen sich Respekt erarbeiten, brauche ich nicht den Spott gegenüber der Institution Bayern München einzustellen. Bayern bleibt Bayern, "mir san mir" oder wie die sagen. Das ist Programm.

WZ: Was bedeutet das für dich?

Campino: Hoeneß prescht immer vor und fordert Eliten wie eine europäische Liga. Am liebsten würde der nur haben, dass die Kasse rauscht. Der sagt doch, alles was unter dem zwölften Platz ist in der Bundesliga, weg damit reine Zeitverschwendung, dahin zu fahren. Die Liga soll verkleinert werden. Dass die Liga erst interessant wird durch Außenseiter, durch Überlebenskampf, das Tabellenende, sieht er nicht. Und wenn er es kapiert hat, dann versteckt er es verdammt gut.

Hochgradig unsympathisch ist das - und für mich die Berechtigung, die Bayern anzuschießen. Das würde ich nicht singen, wenn wir aus Dortmund kämen. Das hätte den Beigeschmack, die direkte Konkurrenz anzumachen. Als Düsseldorfer kann ich mir das erlauben wie der Hund, der den Mond anbellt.

". . . einen Vertrag zu unterschreiben . . ."

WZ: Die Bayern sind euer Kindheitstrauma?

Campino: Bei Breiti haben die wirklich Schäden hervorgerufen.

WZ: Und man kann das Lied mit den Kölnern singen.

Campino: Düsseldorfer und Kölner haben in so was ja Übung, sich auf das Härteste anzupflaumen und sich zwischendurch auch mal zuzuzwinkern. Ich musste selber drüber grinsen, als ich das erste Mal beim Eishockey hörte, wie die Kölner sangen "Am Arsch der Welt liegt Düsseldorf". Man muss doch mal dem Gegner für einen guten Joke Respekt zollen. Wenn man darüber nicht mehr lachen kann, ist man der wahre Verlierer. Ich will doch als DEG-Fan gegen den KEC gewinnen und nicht gegen irgendwelche Münchner Barone, die ständig einen neuen Namen haben und die man nicht als fest und treu verankertes Feindbild hat.

WZ: Die Bayern sehen das nicht?

Campino: Viele Bayern-Fans checken das schon. Sepp Maier hat sich doch lustig geäußert. Auch 1860 zieht mit, die Fans haben beim Derby ein Riesentransparent ausgerollt: "1860 grüßt die Toten Hosen".

WZ: "Bayern" wird aber in den Stadien nicht gespielt.

Campino: Das Lied fällt unter die Rubrik "unsportlich". Ich weiß von den Leverkusenern, dass sie es okay finden. Aber sie dürfen es nicht spielen, sonst langt irgendwann der lange Arm der Bayern zu. Ich weiß, dass "Ran" Informationen über das Lied gesammelt hat, als es gerade raus war und Bayern-Spieler interviewen wollte. Aber der Beitrag ist von Sat 1 nie gesendet worden. Da muss es einen Anruf gegeben haben. Motto: Wenn ihr das Lied nicht ignoriert, gibt es keine Interviews mehr. Die Bremer sind, glaube ich, lockerer, die spielen`s. Arminia Bielefeld hat uns zurückgeschrieben: "Wir können das nicht bringen."

". . . bei diesem Scheißverein."

WZ: Zum Schluss: Wenn die Bayern so grauenhaft sind, warum gibt`s das Lied erst jetzt?

Campino: Das war wirklich überfällig. Man hätte es vor 20 Jahren singen können. Es wäre genauso gültig. Auf der anderen Seite: Es ist eine seltsame Erkenntnis, dass die Leute sich bei solch einem Lied eher aufregen, als wenn wir den Kanzler angreifen würden oder den Papst. Es ist ein Phänomen in unserer Gesellschaft, dass man sich über Trash-Kultur so erregen kann. Ich finde das lustig mit den Bayern - aber ich nehme auch zur Kenntnis, dass es den Leuten mehr ans Herz geht, als wenn wir einen Song über einen Umweltskandal gemacht hätten. Das ist wohl langweilig und interessiert einen Dreck.

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