Kuddel - Der stille Klampfer (Aus: Guitar 01/2000)
Normalerweise hält sich Kuddel bei Interviews zurück und überlässt Campino, Breiti und Andi den
Vortritt. Wenn aber das Thema Gitarren zur Sprache kommt, taut der Linkshänder auf - und entpuppt
sich als ebenso amüsanter wie kompetenter Gesprächspartner.
Du bist ein echter Gitarren-Freak, sammelst Instrumente und beschäftigst dich intensiv mit dem
Thema. Das wird aber nie propagiert, weder von dir noch von der Band.
Kuddel: Warum das so ist, weiß ich nicht. Das Thema Gitarren interessiert mich halt,
mittlerweile hat man so ein bisschen Ahnung von verschiedenen Konstruktionen und hört Unterschiede.
Aber ich habe kein Interesse daran, das an die große Glocke zu hängen. Mir ist es ganz lieb, dass
ich so ein bisschen der Unbekannte bin und im Hintergrund bleibe.
Bei der Foto-Session hast du auch die ganze Zeit rumgedudelt.
Kuddel: Wenn ich keine Gitarre habe, klopfe ich rum und nerve alle.
Hast du zu Hause ein Musikzimmer?
Kuddel: Ich hab eines, in dem ich Musik mache. Dann aber sehr leise und auch nicht so oft.
Zum Austoben gehe ich in den Proberaum. Zu Hause will ich eher meine Ruhe haben. Wenn, dann spiele
ich auf meiner Akustik rum. Und ich habe ein 8-Spur, das Roland VS-880, falls mir mal eine Idee kommt.
Bist du der musikalische Direktor der Hosen?
Kuddel: Mittlerweile hat sich innerhalb der Band da viel getan. Vielleicht war es früher so,
dass ich derjenige war, der, naja, ein oder zwei Akkorde mehr konnte als die anderen. Aber jetzt machen
auch Breiti und Andi zu Hause mit ihrem 8-Spur rum und kommen dann mit fertigen, guten Stücken an.
Auch mit Campino fällt das Arbeiten unheimlich leicht. Wenn er eine Melodie im Kopf hat, weiß ich, was
er meint. Unser Zusammenspiel klappt sehr gut, obwohl er kein Instrument spielt.
Welche Gitarren hast du auf 'Unsterblich' eingesetzt?
Kuddel: Momentan spiele ich die Reissue Fender Strat von '62 [aus der American Vintage Serie].
Das sind die besten, die sie je gebaut haben.
Benutzt du alle drei Single Coils?
Kuddel: Ich hab den mittleren überbrückt. Wenn ich auf Mittelposition stelle, habe ich die
Kombination aus Steg- und Hals-Tonabnehmer - das ist sehr gut für die etwas klareren Melodie-Geschichten.
Du hast also den Pickup-Schalter ausgetauscht.
Kuddel: Genau. 3-Weg-Schalter statt 5-Weg-Schalter. Das habe ich bei allen Strats gemacht,
denn der mittlere Pickup bringt nichts. Ich kann das jedem empfehlen. Soundmäßig ist das einfach viel
besser, es hat große Ähnlichkeit mit einer Telecaster.
Was hast du außer den Strats benutzt?
Kuddel: Für die Rhythmus-Geschichten meistens eine Gibson Goldtop, ein Nachbau aus den
späten Fünfzigern, ich glaube von '57, mit dem etwas fetteren Hals. Die habe ich mir vor einigen
Jahren im Guitar Shop in New York gekauft. Ihre Pickups waren zwar schon sehr gut, trotzdem habe
ich Antiquity-Tonabnehmer von Seymour Duncan eingebaut. Dieses Lefthand-Modell gab es, glaube ich,
nur auf dem amerikanischen Markt. Außerdem habe ich eine Gitarre in Telecaster-Form von Michael
Schneider [s. Kasten], mit gibsonmäßiger Hardware und Seymour Duncan Pearly Gates Pickups. Die ist
sehr geil, hat einen fetten Sound und zusätzlich einen Akustik-Pickup. Man kann also in allen
möglichen Varianten kombinieren.
Im Video von "Schön sein" spielst du auch eine Telecaster.
Kuddel: Das ist eine alte 73er Fender Tele. Die habe ich auch auf dem Album gespielt.
Da ist ja einiges zusammen gekommen.
Kuddel: Manchmal haben wir drei verschiedene Gitarrensounds pro Song: Die Gibson ist schön
fett, die Strat etwas brillanter und die Tele dünn und gemein.
Was hat es mit den Gitarren von Michael Schneider auf sich?
Kuddel: Die Schneider-Gitarren kamen bei den Aufnahmen oft zum Einsatz; vor allem die Tele,
aber auch das neue Modell [Sterling Joymaker] ist auf einem Track drauf. Sie hat einen schönen drahtigen
Twang und besitzt Tonkammern. Das hat mir Michael jedenfalls erzählt. Es ist so eine Art Prototyp.
Die nimmt er in sein Programm auf, allerdings mit einer anderen Bestückung.
Wie bist du auf ihn gestoßen?
Kuddel: Er hat mal inseriert, es ging um eine Werkstatt für Linkshändergitarren.
Das ehrt ihn.
Kuddel: Ja, das ehrt ihn. Geheiligt werde sein Name. Er hat mir eine gretsch-mäßige
Halbakustische mit Höfner-Holz gebaut; eine blau-grüne Rockabilly-Gitarre, die supergenial geworden
ist.
Stehst du auf deckende Lackierungen?
Kuddel: Absolut. Eine Gitarre mit Sunburst-Lackierung wirkt auf mich immer so, als wäre der
Gitarrist bei der George Baker Selection ausgebrochen. Das hat immer was von Tanzmucke. Deckend
lackierte Gitarren sind einfach cooler.
Du bist generell auch von diesen Festklemm-Vibratos weg.
Kuddel: Es war für Live-Sachen immer ganz nett. Aber jetzt kann ich diesen Sound nicht mehr
hören. Da finde ich ein Bigsby mittlerweile viel interessanter.
Bist du einer, der auf der Bühne nach jedem zweiten Stück eine neue Gitarre nimmt?
Kuddel: Nein, nur wenn eine Saite reißt. Ich spiele am liebsten mit einer Klampfe durch.
Es sei denn, wir nehmen ein paar Akustik-Sachen mit rein. Es ist nicht mein Ding, nach jedem Song
die Klampfe zu wechseln, nach dem Motto: Guck mal, wie viele Gitarren ich hab.
Wie sieht's in Sachen Verstärkung aus?
Kuddel: VHT Pitbull und Engl Richie Sambora, oder wie der heißt.
Ritchie Blackmore.
Kuddel: Ritchie Blackmore, genau, hähähä. Den Amp finde ich einfach gut - er klingt schön
offen und mittig. Und sonst halt Marshalls. Den 800er und den 2000er, 3-kanalig, mit 100 Watt.
Ich hab mal ein Foto gesehen, auf dem du einen Vox AC30 spielst.
Kuddel: Ich liebe ihn auch über alles, aber gegen die Verzerrung der Marshalls kommt er
nicht an. Wir haben ihn daher nur bei den klaren Swing-Geschichten verwendet. Live benutze ich den
VHT, dazu einen Marshall oder Engl. Auf der nächsten Tour werde ich wohl auf den 2000er zurückgreifen.
Wirst du auch Bodentreter einsetzen?
Kuddel: Ich weiß noch nicht, ob ich wieder das DD5 Delay von Boss nehme, wahrscheinlich nicht.
Ich benutze den GE-7 Equalizer von Boss. Auch meinen TC Chorus habe ich noch. Breiti und ich nehmen
ihn aber nur noch zum Splitten: Die eine Seite geht in den Pitbull und die andere in den Marshall.
Außerdem setze ich einen Ibanez Tube Screamer ein. Ich benutze den EQ und den Verzerrer auch, um zwei
verschiedene Möglichkeiten des Boostens zu haben. Dezent, da der Gitarren-Sound ja schon sehr dick ist.
Wenn ich einen cleanen Sound will, drehe ich an der Gitarre zurück, sonst booste ich mit einem oder beiden
zusammen. Das schafft Varianten.
Wie würdest du deinen Sound beschreiben? Arbeitest du mit sehr viel Verzerrung und Kompression
oder versuchst du, es relativ gering zu halten?
Kuddel: Es geht schon über Crunch hinaus, ist aber kein Super-Leadsound. Ich habe Luft zu
beiden Richtungen. Wenn der Preamp bei einem 800er Marshall auf Anschlag ist, Volume neun Uhr oder halb
zehn anzeigt und der Rest verhältnismäßig neutral ist, dann reicht das schon. Damit habe ich einen
schönen, fetten Grundsound, der aber auch noch Nuancen zeigt und mir zu beiden Seiten Spielraum lässt.
Auf welche Gitarristen stehst du zur Zeit?
Kuddel: Brian Setzer. Das ist zwar einer, der auch ein bisschen viel rumdudelt, aber bei dem
funktioniert's halt. Den kann man sich anhören. Damals wie heute. Auch wenn der schon ein paar
Aussetzer gehabt hat mit seinen Solo-Platten. Aber jetzt das mit seinem Orchester höre ich sehr gerne.
Im Interview sagte Andi mal, dass ihr während des Songwritings teilweise im Proberaum gewohnt habt
und du die Truppe bekocht hast. Was kochst du denn in solchen Fällen?
Kuddel: Alles Mögliche. Ich koche alles was satt macht - nicht unbedingt große Gänsebraten,
die kann ich nicht so gut. Aber es geht über Fischstäbchen oder Miracoli hinaus. Kochen macht richtig
Bock.
Quellenverweis GUITAR 1/00, Autor Chris Hauke.
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