All die ganzen Jahre //
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Dokumente, Lobeshymnen und Verrisse:

Die Spur, die die Toten Hosen in Magazinen und Zeitschriften hinterlassen haben.

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DTH - exklusiv von der WM '90 aus Italien

08.06.90

Wer sagt denn, in Italien geht`s unbürokratisch zu? Im Gegenteil! Also, Du willst Dir hier unten noch ein paar Karten für die Gruppenspiele besorgen. Gehst zur banco nazionale del lavoro, Tickets gibt`s nur in der Bank, und stellst Dich erst mal draußen in eine lange Schlange: macht gut fünf Stunden Wartezeit. Weil die den Ausweis sehen wollen und jeden Buchstaben und jede Zahl fein sauber im Computer speichern. Immerhin: Beim Warten kommt man sich näher. Haben schon zwei hübsche Kolumbianerinnen getroffen und gefragt, ob sie denn auch alles durch den Zoll gekriegt hätten. Ist überhaupt nicht angekommen, der Wink mit dem Zaunpfahl.

Und vorgestern in Udine hat `ne Oma randaliert. Die Bank hat zwei Eingänge, für WM-Karten und für normale Kunden getrennt, und ein paar Schlauberger wollten die flotte Tour bringen und innen dann die Schlange wechseln. Da war die Oma vor. Hat heftig mit dem Schirm gegen die Tür geballert und den Geschäftsführer bedroht.: Was das soll und sie wär`s leid. Geht auch zum falschen Eingang rein und hat die geballte Ordnungsmacht in Schwung gebracht: Kommt ein Polizeiauto mit vier Mann, drei sichern die Bank ab, und einer verhört die Oma. Wenn Du`s dann geschafft hast, mußt Du zu drei verschiedenen Schaltern, Name, Geburtsort, Ausweisnummer, die ganze Arie rauf und runter, und jede Nummer des Tickets. Acht Karten brauchen wir jeweils! Und Karten gibt`s nur an den Spielorten! Treffen wir uns halt alle wieder vor einer anderen Bank. Was nix ist gegen die Schwierigkeiten von Fans aus Südkorea oder Arabien. Mit deren Schriftzeichen kann der Computer nämlich nichts anfangen - für die ist die WM jetzt schon gelaufen. Keine Chance.

11.06.90

Nicht schlecht, was der Schillaci mit seinem Tor angerichtet hat: südländischen Begeisterungstaumel der allerfeinsten Güte. Um uns herum tanzen die Leute auf den Tischen, danken Gott auf den Knien, Wein spritzt-einfach genial. Und nach dem Spiel sind die Italiener auch für uns ein heißer Favorit. Argentinien und die UdSSR? Ach nee! Könnte ja sein, daß die Exoten diesmal groß rauskommen. Phantasie jedenfalls zeigen die nicht nur auf dem Spielfeld - Kolumbiens Torwart Higuita taucht schon nach einer Minute per Kopfball an der Mittellinie auf -, sondern auch als Zuschauer. Atemberaubend bunt sind die alle angezogen, wir fallen da mit unseren komischen Klamotten schon gar nicht mehr auf. Sieht aus hier wie `ne gigantische Karnevalsveranstaltung: Beim Spiel der Araber zum Beispiel werden auf der Videowand Kamelrennen gezeigt. Unangenehm wird`s nur, wenn die gotisch-germanischen Völker auftauchen: Deutschland, Holland, England. Furchtbar humorlose Leute, und wenn sie mal tanzen sieht es aus, als ob Prontosaurusse auferstanden wären.

Geht ja auch anders. Die Südamerikaner haben einen Haufen Musikinstrumente dabei und tanzen die ganze Zeit, vor und nach und während des Spiels, völlig friedlich. Kommen natürlich ganze Rudel von Polizisten und stellen sich dazwischen: Tanzverbot. Nur als die unzähmbaren Löwen aus Kamerun das 1:0 machten, tanzte sowieso das ganze Stadion, keine Chance mehr für die Uniformen. Und noch ein tragisches Verbot: Ein Scheich wollte seinen Jagdfalken mit Brilliantenhaube mit auf die Tribüne nehmen. Sofort war der mit seinem Sekretär von 50 Polizisten umringt - NO! Hatte Tränen in den Augen, der Falkner.

12.06.90

Ganz bei Trost können die nicht sein, die alten Herren von der FIFA, dem internationalen Fußballverband. Als ob nicht schon genug verboten wäre bei dieser WM: tanzen, singen, trinken. Und wenn schon drumherum nicht gefeiert werden darf, sollen die da unten auf dem Rasen schon gar nicht. Sauber, ordentlich - fußballernde Finanzbeamte sind da verlangt. Also müssen die Kicker fein brav ihr Trikot ins Höschen stecken, der Stutzen hat akkurat zwei Zentimeter unter der Kniescheibe zu enden - bloß über den Frisuren hängt noch nicht die Schere der FIFA-Paragraphen. Wird nicht mehr lange dauern, dann werden Burschen wie Kolumbiens Keeper Higuita oder der argentinische Flügelfeger Caniggia beim Qaföhr zwangsvorgeführt.

Logisch, daß da auch alle menschlichen Regungen unterbunden werden sollen: Nach einem Tor in die Fankurve laufen? Nix da! Den kongenialen Flankengeber mal eben heftig umarmen? Pfui Teufel! Dieses ganze Geschlecke und Geknutsche zwischen den verschwitzten Leibern - den alten Knackern von der FIFA jagt`s den kalten Schauer übern Rücken. Fußball und Begeisterung, offenbar soll das nicht mehr zusammengehören! Die Wächter über die guten Sitten sind im Stadion leicht auszumachen: In Beerdigungsanzügen nehmen sie feierlich auf der Haupttribüne Platz, und draußen vor dem Stadion stecken sie in Uniformen. Von weitem sehen die Prügel aus wie Luftgewehre, aber wer näher kommt, sieht schwere Waffen und entschlossenen Gesichter, die Dinger auch auf Fans anzulegen.

13.06.90

Es war alles so schön! Plötzlich sitzen wir mitten in der Scheiße! Um uns herum trampeln pubertäre Germanenhorden die Blumenbeete am Gardasee kaputt und spielen Rambo. Hatte denn wirklich niemand damit gerechnet, daß sich nicht nur englische Hooligans, die man vorsorglich auf die Insel Sardinien verbannt hat, mehr für Randale als für Fußball interessieren? Völlig überrascht stehen die italienischen Sicherheitsbehörden dem Problem mit gut geputzten Gewehren gegenüber. Hilflos versuchen sie mit drastischen Strafen einer Sache Herr zu werden, die eigentlich nicht nur jetzt in Italien nach einer anderen Lösung sucht. Aber anscheinend haben sich die Organisatoren der WM im Vorfeld mehr fürs Geld verdienen interessiert als über die für sie nur unangenehme Frage nachzudenken, wie denn die vielen tausend angereisten Jugendlichen betreut werden könnten.

Da sagt uns ein Fan-Betreuer aus Hamburg im San-Siro-Stadion, daß er seit einem Jahr versucht, mit den Verantwortlichen vo DFB und FIFA ein entsprechendes Programm zu erstellen. Vergeblich! Alle Vorschläge: Zeltlager, Konzerte, eigene Fußballspiele für Fans sind gemacht. Reaktion: Nichts als Ignoranz! Klar, über das Thema Fans und Randale kann jeder klugscheißen. Wir wissen zwar nicht, was der Herr DFB empfiehlt, wir empfehlen: Jetzt zeitgleich eine Hooligan-WM in Rom, im traditionsreichen Kolosseum. Vor der Arena Haut-den-Lukas-Geräte in den Farben aller Länder, die kostenlos benutzt werden dürfen. Mal sehen, für welchen Wettbewerb sich die Medien mehr interessieren!

14.06.90

Wollten eigentlich ganz normal mit zwei Autos nach Verona, zum Spiel Belgien - Südkorea. Und dann? Kommt nur eine Karre am Stadion an. An der Autobahnausfahrt ist der Ausflug zu Ende: Sämtliche deutschen und belgischen Wagen werden durchsucht. Da stutzt der Fahnder! Zweihundert (200) Kassetten mit unserem Song "Azzuro", die wir als Gastgeschenke mitgenommen haben. Höchst verdächtig, die ungewöhnliche Fracht! Die Verwirrung ist vollends perfekt, als wir die Kassette abspielen müssen: Kein Wort von unserem italienischen Song haben die Carabinieri verstanden! Einer fuchtelt ständig mit Handschellen vor uns rum. Komplizierte Sachlage, Verstärkung von fünf Zivis wird angefordert; deren geniale Idee: Alle ab zur Wache! Jetzt schwirren Wortfetzen wie Adriano Celentano, Contrabasso und Tifosi cantate hin und her.

Fünfzehn Minuten vor Anpfiff auf dem Revier: Die Zahl der mit dem Fall befaßten Beamten ist auf knappe zwei Dutzend angewachsen. Wild gestikulierend wenden sich die Carabinieri an uns, um dann die Diskussion mit unverminderter Heftigkeit untereinander weiterzuführen. Bis der Chef des Ladens, Typ Lino Ventura im Spätstadium, den Raum betritt: Ruhe! Mit seinem von Hunderttausenden von Überstunden gezeichneten Gesicht bringt er den gordischen Knoten zum Platzen: Promozione ist das Zauberwort, mit dem er die Situation entschärft (Promohschn sagen Engländer). Abschied mit Bruderkuß und Schulterklopfen! Die braungebrannten Zivlfahnder mit ihren Goldkettchen erscheinen uns plötzlich so vertraut und sympathisch wie der Inhaber unserer Stammpizzeria in Düsseldorf. Kurz nach dem Abpfiff sind wir an der Arena Bentegodi. Belgien hat 2:0 gewonnen, vor dem Stadion steht eine Bude mit Hunde-Curry süß-sauer für die Fans aus Asien. Sonst keine besonderen Vorkommnisse hier unten!

15.06.90

Fußball ist Völkerverbindung? Nicht in unserer Pension Concordia! Hier regiert mittlerweile der blanke Haß zwischen den Fans von überall her. Besonders sauer sind die Russen. Sofort stornierten sie ihre zweiwöchigen Pauschalarrangements, soffen schnell die Minibar leer, zogen beleidigt ab.

Im Vollschock befindet sich der ältliche argentinische Schriftsteller im Appartement neben uns: Der wohnt schon zwei Jahre hier, wegen dem guten Wetter, sagt er, das wär gut für sein Rheuma. Nun ist`s auch gut für die Figur, denn zum Abendessen traut er sich nicht mehr: Stundenlang wurde er wüst beschimpft! Von einem litauischen Flitterpärchen, die nach dem Spiel UdSSR - Argentinien ihn und sein Volk als Betrüger und Handballer titulierten. Die Belgier und die Holländer streiten hingegen, wer wohl die Pommes frites erfunden hat.

Nicht weniger interessant: Wer hat die Hotelkasse geklaut? Die Südkoreaner sind entrüstet und streiten alles ab. Für Deutsche wird`s zunehmend ungemütlich, kaum kriegt man noch was zu essen. Außer man gibt sich als Österreicher aus (unser Trick). Opfer der Mailänder Randale: die Vorgartencamper Jürgen und Kurt aus Oggersheim sahen die Rote Karte und mußten ihr Zelt abbrechen. Es richt alles nach schlechter Laune, seit die Einheimischen wegen des Alkoholverbots nach Spaghetti und Lasagne keinen gewohnten Verdauungsgrappa mehr bekommen. Forza Italia!

16.06.90

Skandal! Fehler! Berichtigung! Ein widerwärtiger Übermittlungsfehler entstellte die gestrige Kolumne aufs garstigste! Nicht die fälschlicherweise als solche bezeichnete "Hotelkasse" verschwand, sondern, weit gefehlt, die, alle genau herhören, "Katze! Hotelkatze"! Weshalb ja auch die Südkoreaner in schlimmsten Verdacht gerieten! Völlig zu Unrecht, wie unsere Kolumnisten heute mitteilen, denn: Die Hotelkatze rpt. Hotelkatze ist wieder da! Weniger als 60 Minuten, nachdem die beiden Koreaner erbost die Pension und das Land auf Nimmerwiedersehn hinter sich gelassen hatten, kam "Ciciolina" schnurrend ins Foyer gelaufen.

Mit der glücklichen Rückkehr unseres vierbeinigen WM-Maskottchens stellte sich auch urplötzlich das Fußballfieber wieder ein. Sogar Fußballmuffel Kuddel, der nur aufgrund eines bandinternen, basisdemokratischen Mehrheitsbeschlusses die Reise über den Brenner antreten mußte, wurde vom WM-Virus infiziert. Zum allgemeinen Erstaunen wurde er dabei überrascht, wie er während seiner Lieblingssendung Tutti Frutti heimlich auf den Sportkanal wechselte. Heute hat er sich ersten Mal in seinem Leben Fußballschuhe gekauft. Dabei wurde er von einem quirligen Verkäufer in bester Mittelstürmermanier bedrängt, der ihm die verschiedenen Modelle mit immer neuen Stars auf den Lippen anzupreisen wußte. Lauthals "Van Basten, Van Basten" rufend, hielt er unserem Gitarristen ein Paar unter die Nase. Doch offensichtlich war dieser noch nicht überzeugt, worauf der Verkäufer mit einem schrilllen Schrei "Gullit, Gullit" blitzschnell zwei weitere Modelle aus dem Regal zog. Kuddel entschied sich schließlich für das Modell "Donadoni" mit Treffergarantie, zahlte umgerechnet 280 Mark und bekam von dem Veronesen als kostenlose Dreingabe noch einen WM-Wimpel. Zur Zeit liegt er allerdings nebenan im Bett, um die Knieverletzung auszukurieren, die er sich beim Sturz im Foyer auf dem Marmorboden zugezogen hat. Seine neuen Schuhe hat er immer noch an, um jederzeit einsatzbereit zu sein...Forza Kuddel!

18.06.90

Eine gute Woche nach Anpfiff der WM, und einer der großen Verlierer des Turniers steht bereits jetzt fest: die Schweden. Nicht nur, daß ihre Mannschaft bislang keinen einzigen Punkt ergattern konnte, die mitgereisten Fans hatten auch sonst wenig Grund zur Freude. Sie hatten nämlich gehofft, wenigstens für die Dauer der Kickereien dem grauen Abstinenzleralltag Skandinaviens, wo Alkohol nahezu unerschwingich teuer ist, entfliehen zu können.

Vergebens! Denn auch in Italien, wo aus der Ferne betrachtet Wein und Grappa in Strömen zu fließen scheint, blieben die Tore des Paradieses für sie verschlossen. Und im Gegensatz zu ihrem Heimatland bekommt man hier an den Spieltagen nicht einmal für viel Geld etwas zu trinken! Niente!

Überhaupt ist es hier ein wenig wie in Chicago zu Zeiten der Prohibition; es geht das Gerücht um, daß die Mafia die gesamte WM gekauft hat. Die Russen waren das erste Opfer! Aufgeschnappt haben wir diese Information in einer dubiosen, dunklen Kneipe hinterm Bahndamm in Turin. Wir waren dort Zaungäste beim Spiel der Brasilianer gegen Costa Rica. Während die brasilianischen Spieler auf dem Feld nur das allernötigste tun, geht vor und nach dem Match rund um das Stadion die Riesen-Lambada-Party ab. Die hübschesten Mädchen in den kürzesten Röcken als Gogo-Girls auf einem Lastwagen wiegen die Hüften in den heißen Rhytmen einer brasilianischen Band. Hier verlaufen sich die Spuren von Trini, Breiti und Kuddel. Sie wurden zum letzten Mal bei der Polonäse quer über den Stadionvorplatz gesehen. Basta! So ein Spiel sollte eigentlich eine Pflichtveranstaltung für jeden Fußballfan sein!

19.06.90

Wieder einmal ist die Sonne glutrot in den Gardasee versunken. Wieder einmal sind wir ungeküßt ins Bett gegangen. Wir fragen uns allmählich, ob wir wirklich nur hier sind, um für die taz zu berichten! Also, zum Thema, liebe Leser, oder LeserInnen, wie ihr das immer so schön schreibt. Belgien gegen Uruguay: Die Südamerikaner sind auch nicht mehr das, was sie mal waren. Schon ihr zweites Spiel ohne Rote Karte! Auch das Toreschießen scheinen sie komplett verlernt zu haben! Nur der Anhang der Urus konnte durch frenetisch geschwenkte Totenkopf- und Che-Guevara-Fahnen Punkte für sich verbuchen. Doch angesichts der schon vor dem Spiel bereitgelegten Feuerwehrschläuche, die alsbald in die Richtung der Jubelnden gedreht wurden, fühlen sich die südamerikanischen Fans wie zu Hause und rollten ihre Flaggen wieder ein.

Die belgischen Schlachtenbummler hatten da weniger Probleme. Glückstrunken feierten sie den gelungenen Konterfußball ihrer Mannschaft - keiner hatte ihnen erzählt, daß das Bier im Stadion alkoholfrei war! Doch wie jeden Abend wurde die Stimmung in der Halbzeitpause empfindlich getrübt, als Gianna Nannini mit der offiziellen WM-Hymne über die Anzeigentafel flimmerte. Mittlerweile haben wir herausgefunden, daß die FIFA diesen Begräbnismarsch eigens dafür komponieren ließ, um gegebenenfalls den größten Hexenkessel wieder auf eine für sie angemessene Raumtemperatur zu senken.

Auch für unsere kleinen Fußballfreunde gibt es etwas aufregendes zu berichten: Eine Fledermaus hatte sich ins Stadion verirrt. Ihr Radarsystem, welches es diesen Tieren ermöglicht, sich auch bei völliger Finsternis problemlos zu orientieren, wurde durch das Flutlicht stark beeinträchtigt. Deshalb mußte die Fledermaus schließlich unter dem Dach der Arena schlafen. Gute Nacht!

20.06.90

Was macht man während der Fußball-WM in Italien, wenn man volle 800 Kilometer vom nächstgelegenen Spielgeschehen entfernt ist und die Benzingutscheine ausgegangen sind? Wir jedenfalls haben aufgegeben. Der erste Tag hier unten ohne einen Besuch im Stadion... Flugs wurde ein Aktiv-Programm für die Nervösen unter uns ins Leben gerufen: Die Tagesordnung: 10.00 Uhr Sektfrühstück. 11.30 Uhr Besichtigung der Dali-Ausstellung in der Villa Granole, 11.50 Uhr Besuch der Blauen Grotte am Gardasee, 16.00 Uhr Kaffee und Kuchen beim deutschen Konsul in Mailand, 16.15 Uhr halbe Stunde Freizeit und Shopping in der Altstadt. Am Abend gibt`s wahlweise "Don Giovanni" in der Mailänder Scalöa oder Disco.

Daraus wurde leider nichts. Denn statt zu essen forderten wir den italienischen Koch und die Kellner aus unserer Pension zu einem vorgezogenen Endspiel heraus. In der glühenden Mittagssonne von Verona spielten wir den Gegner mit 9:2 in Grund und Boden. Das Feuerwerk wurde schon in der dritten Minute durch einen Lattenkracher von Bum-Bum-Kuddel eröffnet (leider mußte er zur Halbzeit wegen Blasen an den Füßen ausgewechselt werden). Frisch geduscht und in bester Stimmung versammelten wir uns später zum Abendessen. Aus uns unerklärlichen Gründen wurde jedoch nichts serviert. So zogen wir uns mit leerem Magen in unser WM-Studio zurück, um wahlweise "Tutti Frutti" oder Fußball zu sehen.

21.06.90

Es ist schon fast ein Ritual: Vor jeder längeren Fahrt zu einem Spiel geht es vorher zum Tanken zu Guiseppe. Bei ihm nehmen die Zapfsäulen den geringsten Raum ein. Im Vergleich zu deutschen Tankstellen handelt es sich eher um eine Mischung aus Flohmarkt und KaDeWe für Autofahrer. Während Campino über den Preis für ein Trikot der italienischen Nationalmannschaft verhandelt, streiten sich Kuddel und Wölli darüber, was für eine Schokolade geholt werden soll. Breiti sitzt am Steuer des fertig getankten Wagens und wartet...

Trini tauscht ein Fortuna-Trikot gegen den Kaftan eines Arabers ein, der bereits die Heimreise antritt. Andi interessiert sich für eine größere Auswahl von Hupanlagen. Signore Tankwart läßt sich nicht lang bitten. Lässig führt er ein Kabel an die Batterie, und schon ertönt das Angriffssignal der Kavallerie in voller Lautstärke!! Die umstehendemn Italiener werden aufmerksam: Was für ein herrlicher Krach! Und Breiti sitzt am Steuer des fertig getankten Wagens und wartet...

Inzwischen haben sich Gruppen gebildet. Aufgeregt diskutiert man, welche Hupmelodie zu Andi und unserem Wagen paßt. Immer wieder werden die verschiedenen Typen ausprobiert, man legt den Kopf auf die Seite und wägt ab, während aus den umliegenden Fenstern ein verzweifeltes "Stupido!" ertönt. Und Breiti sitzt am Steuer des fertig getankten Wagens und wartet...

Campino hält stolz ein Trikot hoch. "Grande L" hat man ihm versprochen. Objektiv sieht es klein aus. Kuddel und Wölli haben sich auf Creme-Schokolade geeinigt, Andi hat die Oh-when-the-saints-go-marching-in-Hupe unterm Arm und Trini überlegt, wie man sie am besten anbringt. Alle sind bereit zur Abfahrt. Nur Breiti am Steuer des vollgetankten Wagens scheint eingeschlafen zu sein...

22.06.90

Rätselfrage: Was trägt unten schwarzes Turnhöschen, in der Mitte schwarz-rot-gold-gestreiftes Hemd, ist leicht übergewichtig und hat im Gesicht einen Oberlippenbart? Auflösung: 40.000 deutsche ADAC-Mitglieder im Meazza-Stadion zu Mailand. Verzweifelt und chancenlos suchen sie den richtigen Klatschrhytmus, während sie mit brünftigem "Sieg, Sieg"-Geheul "unser geniales Team" anfeuern, und ihre Impotenz überspielen. Sie bezeichnen ihre Gegner als "Kakteenpflanzer", "Kameltreiber" und "Scheiß-Kommunisten" und wundern sich immer noch unsäglich darüber, daß hier sämtliche Schilder und Wegweiser in italienisch und nicht in deutsch darüber Auskunft geben, wo es zur Toilette und wo es zum Bierstand geht. Das sind die Fans, auf die Lothar Matthäus so stolz ist.

Das es auch anders geht, kann man hier alle Naselang sehen. Beispielsweise die Party beim Schottland-Brasilien-Spiel. Wer hier nun ein Schotte war und wer ein Südamerikaner, das war oft schwer festzustellen, da jeder mit jedem Bekleidung uund Souvenirs tauschte, um sich sogleich in die Arme zu fallen. Brasilianerinnen bringen umherspringenden Briten in ihren Kilts Lambada bei, und nach einem Platzregen liegen alle in einer riesigen Wasserpfütze, spritzen sich gegenseitig voll, bauen Staudämmeoder nutzen einfach mal die Gelegenheit, sich zu waschen. Um solcher Szenen willen sind wir nach Italien gereist. Sie haben zwar schlecht gespielt, diese Schotten, aber es ist ein Jammer, daß sie wohl schon jetzt nach Hause müssen. Auch ihr wahrscheinliches Ausscheiden tragen sie mit Fassung. Nur fünf Minuten sind sie tieftraurig, dann fangen sie wieder an zu feiern. Und freuen sich auf das nächste Mal...

23.06.90

Für vier Wochen ist Italien das Mekka der Autogrammjäger. Kaum zu glauben, wer hier alles Autogramme geben darf. Als Trini letztens unseren Freund Stefan aus Stuttgart zum Flughafen brachte (Maschine verpaßt, nix für ungut, Stefan!), blieb ihm fast das Herz stehen, als plötzlich ein "Signore Pele" ausgerufen wurde.

Sofort ließ er Stefans Koffer fallen (Nochmals: nix für ungut, die Grappa-Flasche ersetzen wir Dir) und hastete zum Wagen zurück, um sein Autogrammbüchlein zu holen. Mit fiebrigem Blick durchkämmte er das gesamte Flughafen-Areal. Keine Spur von Pele. Als Trostpreis gab`s die Kessler-Zwillinge, die sich in der Snack-Bar einen Espresso mit Süßstoff teilten.

Am gleichen Abend stolperten wir über Paul Breitner, der sich als Bild-Kolumnist genauso wie wir taz-Typen in die lange Schlange vor den Stadiontoren einreihen mußte. War ihm seine Presse-Akkreditierungskarte geklaut worden? Wir hatten ja zum Glück nie eine bekommen.

Im Stadion orientierten wir uns bei der Suche nach unseren Sitzplätzen an einer roten Positionslampe. Beim genauen Hinsehen entpuppte sich diese als die Birne von Jupp Heynckes, der vor Zorn über das schlechte Spiel seiner Bayern-Schützlinge zu platzen drohte.

Des weiteren trafen wir: Rod Stewart, Roberto Blanco (der ist ja immer dabei), Günther Pfitzmann, Gina Lollobrigida, Klaus Fischer mit seiner reizenden Tochter (nix für ungut, Klaus!) und viele andere mehr. Nur unsere eigenen Autogrammkarten hätten wir getrost zu Hause lassen können, aber wenigstens sind sie immer noch weicher als das Toilettenpapier der Pension Concordia.

25.06.90

Er kam über Nacht, unangekündigt und hinterhältig: Der Lagerkoller. Dabei hatte der Tag so friedlich begonnen. Gemeinsames Frühstück, keiner drückte sich vorm Spüldienst, selbst das allmorgendliche Trainingsspiel verlief, von kleineren Fouls mal abgesehen, ohne besondere Zwischenfälle.

Doch schon beim Mittagessen kündigte sich das nahende Unheil an. Anstatt des wie üblich einstimmig gewählten Touristen-Menüs (Heute: Spaghetti Vongole, Insalata mista, Tirami-Su) tanzte Breiti plötzlich aus der Reihe und bestand auf Wienre Schnitzel mit Kroketten. "Diva mit Starallüren" und andere Beschimpfungen zerstörten in Sekundenschnelle die Harmonie der letzte Tage:

14.20 Uhr. Kuddel tritt barfuß in eine Glasscherbe und muß sich den Vorwurf gefallen lassen, dies absichtlich getan zu haben, um vorzeitig die Heimreise antreten zu können. Dem Antrag wurde nicht stattgegeben.

15.10 Uhr. Das gemeinsame Erstellen des täglichen taz-Artikels wird von hämischen Sticheleien überschattet. Beleidigungen wie "Analphabet" oder "Schmierenjournalist" fallen.

16.25 Uhr. Es kommt zum offenen Eklat: Das Tipp-Kick-Turnier nach der Mittagspause endet in Handgreiflichkeiten, als England (Campino) gegen Brasilien (Andi) ein Wembley-Tor erzielt. Die bereitgestellten Sicherheitsvorkehrungen (Wassereimer, Salzstangen, Baldriantropfen) erweisen sich als unzureichend. Was auf dem Spielfeld begann, setzte sich auf den Rängen fort. Wie im richtigen Leben hatte man vergessen, die gegnerischen Fanblöcke (Breiti, Wölli, Trini) voneinander zu trennen. Für zerstörtes Mobiliar und eine Komplett-Renovierung des Zimmers berechnete die Geschäftsführung der Pension 215.000 Lire ohne Mehrwertsteuer. Die Hosen schon am Ende? Lesen Sie morgen, warum auch Boris Becker die Pension fluchtartig verließ.

26.06.90

Wie ungerecht ist doch der Fußball-Gott! Die triviale Kleinkunst der argentinischen Mannschaft bolzte die Ballzauberer Brasiliens samt ihres lambadatanzenden Anhangs aus dem Turnier. Pepe aus Sao Paulo, der seinen Gemüseladen verkauft hatte, um zur WM nach Italien fahren zu können, kehrt als gebrochener Mann in seine Heimat zurück, während Carlos Menem, der argentinische Staatspräsident, die Regierungsgeschäfte nun doch bis zum Viertelfinale weiterführen darf.

Aber auch für Maradona & Co. ist spätestens im Halbfinale Schluß. Gegen Italien wird es keine Hand- oder Abseitstore Diegos geben, dafür wird die Camorra schon sorgen. Obwohl sie ihrem neapolitanischen Kuckucksei bis dato das Weiterkommen ermöglicht hat.

Nicht auf die Hilfe der Mafia, sondern auf die Unterstützung einen noch höheren Instanz vertraute Franz Beckenbauer am Vorabend des Schicksalspiels gegen Holland. Sein Beten in der kleinen Kapelle des Trainingslagers wurde erhört und der Herr schickte ihm Erzengel Guido, der zum Matchwinner wurde. Vom Geist Rudi Völlers beseelt, stellte er die Abwehr der Niederlande vor unlösbare Probleme.

Die ganz in orange gekleideten Fans der Holländer (O-Ton Kuddel: Die sehen aus wie bei einem Betriebsausflug der Stadtwerke) müssen die Heimreise antreten, während die deutschen ADAC-Mitglieder geschlossen dem Rudi-Buchwald-Fanclub beitraten.

27.06.90

Konnte ja nichts werden mit unserer taz-Kolumne vorletzte Nacht: Italien steht im Viertelfinale und die ganze Nation Kopf. Sämtliche Hupen des Landes sind seit Stunden ununterbrochen im Einsatz. Rush Hour um 3:40 Uhr morgens. Vor unserer Pension bemüht sich Kuddel gerade, eine fahnenschwnkende ältere Dame sicher über die seit 14 Tagen in "Via Baresi" umgetaufte Straße zu geleiten. (Wie daheim, so gilt auch in Italien: Jeden Tag eine gute Tat! Bravissimio!)

Nach dem Sieg seiner Mannschaft erreicht der Durchschnittsitaliener mühelos einen Lärmpegel, von dem wir bei unseren Konzerten nur träumen können. Schon der Dezibelwert, der an normalen Wochenenden bereits um sieben Uhr morgens herrscht, würde genügen, um in einer beliebigen deutschen Gemeinde unverzüglich die Polizei auf den Plan zu rufen. Autos, Motorräder, Hubschrauber, Speed-Boote, Lautsprecherwagen, Motorsägen, Preßlufthämmer, Obstverkäufer - rund um die Uhr das komplette Programm. Gerade eben hat unser Nachbar seinen Rasenmäher angelassen und rattert mit aufgepflanzter Italienfahne siegestrunken durch den Vorgarten. Das ist das Spektakel, das wir erleben wollten! Wer kann sich nach solchen Nächten noch ernsthaft auf eine WM in Amerika freuen? Forza Italien!

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