Die DTH Interview Serie 2006

Teil 1 - Vom

Wenn es um eine neue Platte oder ein Fazit der letzten Tour geht, ist Campino häufig das Sprachrohr der Band. Wir wollen die Bandpause nutzen, einmal jedes Bandmitglied alleine zu interviewen und dabei auch mal unbekannte und private Sachen anzusprechen. In der ersten Folge haben wir uns mit Vom getroffen und über seine ersten sieben Jahre bei den Hosen, seine aktuelle Zweitband Spittin´ Vicars und das gelegentliche Heimweh auf Tour unterhalten.


> Teil 2 mit Breiti
> Teil 3 mit Andi
> Teil 4 mit Kuddel
> Teil 5 mit Campino

Du bist gerade von der Tour mit deiner Zweitband, den Spittin´ Vicars, zurückgekehrt. Was sind die größten Unterschiede zu einer Tour mit den Hosen?

Bei den Touren mit den Spittin´ Vicars gibt es überhaupt keinen Luxus. Wir haben keine Crew. Wir machen alles selbst. Ich war gleichzeitig der Tourmanager und der Roadmanager, habe mich um die Backline gekümmert und mit den Veranstaltern gesprochen. Es hat trotzdem sehr viel Spaß gemacht. Und wir hatten ausverkaufte Konzerte in Flensburg, Bremen und Düsseldorf. Es ist großartig, wenn man als Band zusammen bei null anfängt und dann solche Reaktionen bekommt. So ähnlich muss es bei den Hosen früher auch gewesen sein. Zu unseren Konzerten sind natürlich auch viele Hosen-Fans gekommen, worüber ich mich sehr gefreut habe. Die Hosen haben natürlich auch in der Zukunft Priorität für mich, aber ich hoffe, dass ich weiterhin in beiden Bands spielen kann.


The Spittin' Vicars: >> Es ist großartig, wenn man als Band zusammen bei null anfängt und dann solche Reaktionen bekommt. So ähnlich muss es bei den Hosen früher auch gewesen sein. <<


Du bist jetzt seit 1999 festes Bandmitglied bei den Hosen. Was hat sich seitdem in deinem Leben verändert?

Ich wohne jetzt mit meiner kleinen Familie in einem Haus und fahre ein besseres Auto (lacht). Durch das Haus ist das Leben viel einfacher geworden. Ich muss jetzt nicht mehr vier Stockwerke hochsteigen, um in meine Wohnung zu kommen. Ich kann einfach durch die Haustür gehen. Ich habe allerdings auch viel mehr Arbeit, auch weil ich noch so viele Seitenprojekte nebenher laufen habe. Mein kleiner Sohn Jez ist jetzt sieben Jahre alt. Und ich bin immer noch verheiratet. Ich denke, es hat sich nicht wirklich so viel verändert, seitdem ich bei den Hosen eingestiegen bin.

Sind die letzten Jahre denn so verlaufen, wie du es erwartet hattest?

Nein, es sind ziemlich viele wirklich gute Sachen passiert, viele verschiedene, wie zum Beispiel das Unplugged-Konzert. Ich bin sehr glücklich, dass ich das gut hingekriegt habe. Großartig war zuletzt auch die Tour mit Gerhard Polt und den Biermösl Blosn. Und seitdem „Friss oder stirb“ im Fernsehen lief, werde ich überall, wo ich hinkomme, angesprochen und allen hat das offenbar auch gut gefallen. Die letzte Tour mit den Spittin´ Vicars war wie erwähnt auch fantastisch und die Konzerte gut besucht. Es ist zuletzt wirklich alles sehr, sehr gut für mich gelaufen. Es ist aber auch wirklich einfach mit den Hosen zu arbeiten, und zwar mit jedem aus der Band. Zu Beginn war es allerdings hart, erstmal alles zu lernen und mich an das Gefüge anzupassen. Heute ist das alles viel einfacher geworden.

Du hast mit der Band mittlerweile drei reguläre Platten aufgenommen: „Unsterblich“, „Auswärtsspiel“ und „Zurück zum Glück“. War das immer derselbe Prozess im Studio oder hat sich das über die Jahre entwickelt?

Die „Unsterblich“ haben wir zu großen Teilen im Proberaum in Düsseldorf aufgenommen. Für die „Auswärtsspiel“ und „Zurück zum Glück“ sind wir an verschiedene Orte gefahren und haben versucht, daraus Inspiration zu ziehen, dass wir weit weg von allem waren. Ich weiß nicht, wie wir es bei der nächsten Platte machen werden, möglicherweise genauso.

Hältst du es denn für ein gutes Prinzip, so zu arbeiten?

Ich mag es überhaupt nicht, fort von meiner Familie zu sein. Ich mag es nicht, fern von Düsseldorf zu sein. Wenn es aber für die Anderen so besser funktioniert, werde ich wieder mitfahren müssen (lacht). Ich mag es wirklich nicht, weg von zu Hause zu sein, auch wenn es sich für die „Auswärtsspiel“ wirklich gelohnt hat. Ich denke, es hat einfach sehr viel damit zu tun, ob man Kinder hat. Wahrscheinlich wird sich die Einstellung dazu auch bei Campi bald ändern. Es muss für Kuddel früher immer sehr hart gewesen sein, von seinen Kindern getrennt zu sein. Ich habe erst in letzter Zeit realisiert, wie hart das für ihn gewesen sein muss. Es ist aber auch nicht so, dass ich das Wegfahren überhaupt nicht mag. Aber es müssen ja nicht gleich drei Wochen am Stück sein. Nach ein paar Wochen kriege ich neuerdings automatisch Heimweh. Das war früher ganz anders, aber jetzt habe ich eben Jez.


>> Ich wusste, dass es letztendlich funktionieren würde, aber ich habe manchmal die Panik und den Zweifel in Campis Gesicht gesehen, wenn er sagte: „Vom, you must remember this, Vom, you must remember this.“ << (Foto: Donata Wenders)

Was war die längste Zeit, die du in den letzten beiden Jahren von deiner Familie getrennt warst?

Das war wahrscheinlich zu der Zeit, als wir „Zurück zum Glück“ geschrieben haben, auf Ibiza in Spanien. Das waren ungefähr dreieinhalb Wochen. Die Touren sind natürlich auch immer sehr schwierig. Wir sind auf der letzten aber immer wieder zwischendurch nach Hause gekommen, was sehr gut für mich war. Es war also nicht so schlimm wie bei Bands, die ein ganzes Jahr auf Tour gehen. Ich könnte das auch nicht mehr machen. Ich würde noch nicht einmal mehr sechs Monate am Stück auf Tour gehen wollen!

Wenn du auf Tour bist und zwischendurch nach Hause kommst, ist das manchmal auch ein zu starker Gegensatz?

Wenn wir mal drei Tage am Stück frei haben, bin ich davon für gewöhnlich anderthalb im Bett und nur anderthalb bei meiner Familie (lacht). Man muss sich während der Tour einfach damit arrangieren. Normalerweise schlafe ich dann immer abwechselnd zwei Tage zu Hause und zwei Tage in einem Hotel in einer anderen Stadt. Und es braucht dann schon jeweils seine Zeit, bis ich mich wieder zu Hause akklimatisiert habe. Bei der letzten Tour war das sehr gut aufgeteilt – aber es gab ja im letzten Jahr nicht nur eine Tour. Da waren dann ja auch noch das Unplugged-Konzert und die Tour mit Gerhard Polt. Das war ziemlich viel, aber alles durchaus entspannt. Und wir sind eben immer zwischendurch nach Hause gefahren.

Welche Erinnerung hast du an die Zeit der Proben für das Unplugged-Konzert?

Nicht in der Lage zu sein, den Song so zu spielen, wie ich ihn beim Mal zuvor gespielt hatte, aber sicher zu sein, dass ich das am Ende hinbekommen würde. Ich wusste, dass es letztendlich funktionieren würde, aber ich habe manchmal die Panik und den Zweifel in Campis Gesicht gesehen, wenn er sagte: „Vom, you must remember this, Vom, you must remember this.“ Aber das ist ja auch der Grund, warum man probt. Da ist eben noch nicht alles perfekt. Es ist lediglich eine Frage der Zeit, dass man am Ende dahin kommt, wo man hin möchte. Es gab zwar einige Zweifel auf dem Weg dahin, aber das Ergebnis war hinterher noch besser, als ich es erwartet hätte.

Hast du nach sieben Jahren mit der größten deutschen Band herausgefunden, was das Geheimnis ihres Erfolgs ist?

Ich glaube nicht, dass sich ihr Erfolgsgeheimnis in den letzten sieben Jahren verändert hat. Sie machen einfach immer damit weiter, gute Lieder zu veröffentlichen, arbeiten hart, sind immer gut zu ihren Fans. Sie halten im Vergleich zu anderen Bands die Eintrittspreise für die Konzerte, für die CDs und für das Merchandise niedrig. Sie spielen lange Konzerte, bei zwei Stunden und 15 Minuten bekommt man viel für sein Geld. Und sie kommen immer wieder mit neuen Ideen an. Das ist wirklich sehr wichtig. So etwas hält eine Band oben.


>> Die größten Probleme hatte ich mit mir selbst, weil ich mich anfänglich unter einen unheimlichen Druck gesetzt habe. Ich wollte natürlich immer gute Konzerte geben. << (Foto: Donata Wenders)

Normalerweise gründet man eine Band zusammen mit anderen Musikern und startet zusammen von derselben Stufe. Du bist dagegen zu einer bereits existierenden Band gestoßen. War das jemals ein Problem?

Es ist immer schwierig, wenn du irgendwo dazu kommst, wo alle es gewohnt sind, auf eine bestimmte Weise zu arbeiten und bereits an die anderen Mitglieder gewöhnt sind. Es ist wirklich hart. Man kommt in eine völlig neue Welt. Ich glaube, es hat ganz gut gepasst, weil wir schon vorher Freunde waren. Die größten Probleme hatte ich mit mir selbst, weil ich mich anfänglich unter einen unheimlichen Druck gesetzt habe. Ich wollte natürlich immer gute Konzerte geben. Und wusste dabei, dass die Fans genau gucken würden, ob ich so gut wie Wölli bin. Ich weiß, dass ich Wölli natürlich niemals ersetzen kann. Ich mache mein eigenes Ding, was einfach etwas anders ist als bei ihm und was auch die Band in mancher Hinsicht verändert hat. Ich versuche einfach, mein Bestes zu geben – und wenn die Anderen damit glücklich sind, bin ich es auch. Es war hart am Anfang, aber es hat nicht so lange gedauert, bis dann alles gepasst hat.

Fühlst du dich genügend dafür gewürdigt, dass sich die Band musikalisch verbessert hat, seitdem du dabei bist?

Einige Leute kommen zu mir, besonders oft, wenn sie betrunken sind, und sagen: „Die Band war viel besser, bevor du dazu gekommen bist.“ Andere Leute sagen: „Ich mag es heute lieber.“ Die Meinungen sind wohl geteilt. Ich für meinen Teil mag die alten punkigen Songs sogar lieber als die neuen. Und ich spiele die schnellen und einfachen Spaß-Stücke auch live viel lieber als die neuen. Deshalb hasse ich es, wenn mir Leute vorwerfen, ich wäre dafür verantwortlich, dass sich die musikalische Richtung der Band geändert hat. Die Band hätte sich auch ohne mich auf ganz natürlich Weise in diese Richtung verändert. Es hatte wirklich überhaupt nichts mit mir zu tun. Ich denke, dass mein Stil zu spielen, sicherlich etwas rockiger ist. Das war aber nicht vorsätzlich. Nicht ich habe versucht, die Band in eine andere Richtung zu drängen, sie ist freiwillig in diese Richtung gegangen. Das ist einfach passiert und war ein Reifungsprozess innerhalb der Band. Sie sind ja eigentlich schon bei der „Opium fürs Volk“ etwas ruhiger geworden und haben sich vom alten Kram verabschiedet. Andererseits klingen einige Lieder von der „Auswärtsspiel“ und der „Friss oder stirb“-Single wieder ein bisschen wie früher. Die Band verändert sich ständig. Alleine der Unterschied zwischen der „Unsterblich“ und „Auswärtsspiel“ ist gewaltig, was die Qualität der Lieder angeht. Ich glaube wirklich nicht, dass sich das erst von dem Tag an verändert hat, als ich dazu kam.

Wenn du sagst, dass sich die Hosen ständig verändern, glaubst du, dass das in Deutschland wahrgenommen wird?

Seit der Zeit, als ich in die Band gekommen bin, haben immer mehr Leute angefangen, die Band zu mögen. Ich sehe da einen Wechsel in der Einstellung. Zu den Konzerten kommen viel mehr junge Menschen, was wirklich sehr, sehr großartig ist. Natürlich hassen auch ein paar Leute die Hosen, speziell wenn sie Stücke wie „Schieb den Wal zurück ins Meer“ hören. Dann kommen sie auf der Tour mit den Spittin´ Vicars schon mal zu mir und erzählen mir, was das für eine riesengroße Scheiße ist. Und dann kommen andere Leute, die das Stück lieben. Die Band ist auf eine bestimmte Weise so verschiedenartig, dass ein Stück von manchen Leuten gehasst und von manchen Leuten geliebt wird. Ich habe zum Beispiel auch komplett unterschiedliche Reaktionen zu den Liedern vom Unplugged-Konzert bekommen. Einige Leute mochten den „Bofrost-Mann“, andere hielten ihn für ein schreckliches Lied. Und dasselbe geschah auch mit „Weltmeister“. Das ist echt komisch. Schließlich kamen diese Kommentare alle von Fans der Hosen. Es hat aber eben auch bei denen jeder einen anderen Geschmack, und es ist toll, dass sie alle immer wieder zum Konzert kommen und unsere Platten kaufen.

Gab es einen bestimmten Moment, ab dem du dich als richtiges Bandmitglied gefühlt hast?

Ich nehme an, dass es die „Friss oder stirb“-Single war, die mich dazu brachte, mich zu Hause zu fühlen. Das lag daran, dass ich mich da zum ersten Mal richtig einbringen konnte. Ich bin normalerweise nicht allzu sehr in das Schreiben der Stücke eingebunden. Das ist auch der Hauptgrund, warum ich die Spittin´ Vicars nebenher mache. Da kann ich meine Aggressionen und Punk-Songs loswerden. Bei „Friss oder stirb“ fühlte ich mich wie ein richtiger Teil der Hosen. Sie versuchen das auch immer, dass ich mich als Teil des Ganzen fühlen kann, aber manchmal fühle ich mich auch heute noch wie der eine, der von außen zuschaut. Ich habe ja auch nichts mit den finalen Entscheidungen und Diskussionen zu tun, weil sie ihre Treffen nach wie vor ohne mich abhalten.


>> Ich möchte auch nicht vier Stunden in einem Meeting sitzen und darüber diskutieren, welche Suppe es backstage gibt. << (Foto: Donata Wenders)

In der Fernsehserie „Friss oder stirb“ konnte jeder sehen, dass du als einziges Bandmitglied nicht bei der sogenannten „Blauen Stunde“ dabei bist.

Irgendwie bin ich aber auch froh, dass ich nicht an den Treffen teilnehmen muss. Ich sitze dann lieber zu Hause und schaue Fernsehen. Sie machen das schon so lange Zeit und es ist und bleibt ihre Band. Ich ärgere mich wirklich nicht darüber, nicht dabei zu sein, solange ich die Konzerte spielen kann, was mir von allem am meisten Spaß macht. Ich möchte auch nicht vier Stunden in einem Meeting sitzen und darüber diskutieren, welche Suppe es backstage gibt (lacht).

Wie hat dir die Produktion von „Friss oder stirb“ für MTV gefallen?

Es war teilweise ein hartes Stück Arbeit, dauernd von Kameras verfolgt zu werden – oder Sachen fünfmal zu machen, die spontan aussehen sollten (lacht). Das Meiste war aber wirklich spontan. Wenn du aber auf der Straße die ganze Zeit von einer Kamera begleitet wirst, du also andauernd drei Big Brothers um dich herum hast, verlierst du irgendwann deine Privatsphäre. Es war aber sehr angenehm, mit Stefan Kloos und allen aus seiner Firma zu arbeiten. Mein Höhepunkt war der Camping-Ausflug. Da hat sich jeder gehen lassen, und das war ein großer Spaß. Wenn man dagegen hungrig und müde durch Budapest laufen muss und es dann noch regnet, bedeutet das definitiv etwas weniger Spaß. Da hat man sich schon mal gefragt: „Was zum Teufel mache ich hier?“ 80 Prozent waren aber wirklich sehr unterhaltsam. Ich habe es besonders gemocht, wenn ich mein eigenes Ding durchziehen konnte. Als wir das Bonusmaterial für „Rock am Ring“ aufgenommen haben, hat mir das sehr viel Spaß gemacht und ich bin dadurch auch in die richtige Stimmung für das Festival gekommen.

Es scheint dir immer sehr leicht zu fallen, vor der Kamera zu agieren.

Ich denke, ich kann mich glücklich schätzen, dass ich es so aussehen lassen kann. Manchmal fällt es mir überhaupt nicht leicht, aber dann versuche ich halt, eine Show abzuziehen. Wenn es sowieso schon gemacht werden muss, dann aber richtig. Dann muss ich mich manchmal nur etwas aufwärmen und dann läuft das schon. Ich verwandle mich dann in eine andere Persönlichkeit und sage zu mir selbst: „Hey, this is Vom, the clown. Here we go! We have two days to do it. Let´s do it!“ Das ist meine Einstellung zu solchen Geschichten vor der Kamera. Es bringt ja auch nichts, wenn wir hinterher zu wenig Material haben…

Durfte sich dein Sohn eigentlich schon die Camping-Folge anschauen?

Ich denke, er hat sie sich noch nicht angeguckt. Es wäre wohl auch etwas verstörend für ihn gewesen, wenn er den Frosch in meinem Mund gesehen hätte (lacht).

Es ist sehr auffällig, dass du einen besonderen Humor besitzt. Weißt du, woher du den mitbekommen hast?

Es war ein harter Ort, an dem ich in England aufgewachsen bin, aber der Humor war wirklich gut dort. Wenn da irgendwelche Leute auf der Straße waren, die dich zusammengeschlagen haben, dann waren das zumindest immer extrem lustige Menschen (lacht). Mein Vater war auch ein richtiger Komiker. Ich habe da sicherlich viel von ihm geerbt.

Wie wichtig waren deine Eltern für deine Karriere als Musiker?

Mein Vater hat mich für gewöhnlich zu den ersten Konzerten gefahren, als ich noch in Bands in Essex spielte. Und meine Eltern ließen mich Schlagzeug spielen, was ja auch überhaupt nicht selbstverständlich war. Das hätten viele andere Eltern nicht mitgemacht. Sie haben mir das Geld geliehen, damit ich mir mein erstes Schlagzeug kaufen konnte. Ich hatte zu der Zeit überhaupt kein Geld und sie haben mich immer unterstützt. Es gab nur einmal einen Zeitpunkt in meiner Punk-Zeit, als meine Mutter genug hatte und mein Vater beinahe genug. Es war auch wirklich eine sehr chaotische Zeit, in der es bei den Konzerten immer viel Ärger und Gewalt gab. Als ich dann bei Doctor & the Medics anfing, hat sich alles geändert. Wir hatten plötzlich unseren Nummer-eins-Hit und ich war ein lokaler Held. Da haben sie gedacht, dass das mit Musik vielleicht doch nicht so schlecht ist. Als ich dann aber ohne Geld aus der Sache rauskam, weil wir einen schrecklichen Plattenvertrag hatten, meinte meine Mutter, ich solle mir doch mal einen richtigen Job suchen. Die meiste Zeit haben sie mich aber zu 100 Prozent unterstützt.


>> Natürlich war jeder überrascht, der die „Heimspiel“-DVD gezeigt bekam. Die Leute denken ja eher, ich würde noch in lokalen Kneipen auftreten. << (Foto: Slavica)


Du hast ein Diplom in Betriebswirtschaft gemacht und danach auch mal bei einer Versicherung gearbeitet.

Das Diplom auf dem College hat zwei Jahre gedauert und war eigentlich totale Zeitverschwendung. Ich hatte aber die zwei Jahre lang trotzdem viel Spaß, weil ich nicht arbeiten musste und viele nette Menschen getroffen habe. Und ich konnte weiter Full-Time-Punk-Rocker sein genauso wie die zwei Jahre zuvor. Nicht dass ich hinterher Part-Time-Punk-Rocker war, aber ich hatte nach der Schule einfach nach einer Möglichkeit gesucht, um jeder Art von Arbeit aus dem Weg zu gehen. Die zwei Jahre waren eine gute Atempause für mich. Und außerdem hatten wir eine sehr günstige Bar im College, wo ich meine meiste Zeit verbrachte (lacht). Danach hieß es erstmal: Willkommen in der richtigen Welt! Und das Einzige, für das ich qualifiziert war, war irgendwas mit Finanzen. Doch schon wenige Wochen, nachdem ich bei der Versicherung angefangen hatte, stieg ich bei Doctor & the Medics ein. Wenn wir dann von einem Konzert in Bradfort kamen, war ich um vier Uhr im Bett und musste um acht oder neun Uhr im Büro sein. Nach einem Jahr habe ich gesagt: „Das kann ich nicht mehr so weitermachen. Ich werde lieber arm sein, aber glücklich.“ Und dann wurde die Band plötzlich groß und wir spielte jeden Abend für viel Geld…

Wie denken deine Eltern heute über deinen Beruf?

Sie erzählen es jedem und sie zeigen allen die Videos und DVDs. Natürlich war jeder überrascht, der die „Heimspiel“-DVD gezeigt bekam. Die Leute denken ja eher, ich würde noch in lokalen Kneipen auftreten. Das haben sie von früher in ihrem Kopf. Unter einer „großen Band“ verstehen sie eine, die in einem vollen Pub spielt. Wenn sie aber die Bilder von „Rock am Ring“ oder „Heimspiel“ sehen, sind sie total erstaunt und aufgeregt. Und meinen Freunden in England geht es genauso. Sie können nicht verstehen, wie groß das alles ist. Es ist jedes Mal wieder großartig, sie mit einer neuen DVD zu schockieren. In England ist Punk-Musik schon seit den 80er Jahren ausgestorben, also zu einer Zeit, in der es in Deutschland gerade richtig losging mit den Hosen und den Ärzten.

Beim „Heimspiel“ hast du mit deinem Vater „Blitzkrieg Bop“ von den Ramones gesungen. Wer hatte die Idee zu diesem gemeinsamen Auftritt?

Ich habe zu Campi gesagt: „Mein Vater ist hier. Soll ich ihn hoch holen?“ Campi suchte nach irgendwas, was ein bisschen anders war. Und ich dachte mir, dass das ein guter Lacher sein könnte. Mein Vater fand die Idee auch sofort klasse, aber er kannte das Lied überhaupt nicht. Also sind wir erstmal runter in die Bar gegangen und haben dort ein bisschen geübt. Er hat den Text aber natürlich gleich wieder vergessen, aber das war ihm auch egal. Er ist dann auf der Bühne einfach ein bisschen rumgehüpft und hat „Hey ho, let´s go“ gerufen. Das war ein guter Spaß. Und in England haben sie natürlich alle ganz besonders gelacht, als er das seinen und meinen Freunden zeigte.

Man sagt dir nach, dass schon mit jedem englischen Musiker in einer Band oder in einem Proberaum gespielt hast. Wie hast du Depeche Mode kennen gelernt?

Ich lebte damals in Stanford Le Hope in Essex und Depeche Mode lebten in Basildon, was nur fünf Minuten mit dem Auto voneinander entfernt ist. Deshalb bin ich da damals öfter hin. Ich bin dann mal von einem Mädchen von meinem College zu einer Geburtstagsparty eingeladen worden und habe mich ordentlich betrunken. Dabei habe ich mich wie üblich zum Affen gemacht, steckte meinen Kopf in eine Torte und stolperte über die Blumen. Und ich kann mich noch daran erinnern, wie Vince Clarke zu mir ankam und sagte: „You fucking hooligan, don´t ever come back to Basildon again!“ Ich kam aber wieder, und zwar jede Woche, weil es dort im Gegensatz zu unserem Ort ein großes Einkaufszentrum gab, und ich traf dort auch immer wieder Andy Fletcher. Als ich sie zuletzt nach ihrer Show in Dortmund wieder gesehen habe, war das großartig. Ich konnte mich bei Martin Gore endlich für einen Song bedanken, den er geschrieben hat, und der für mich und meine Frau eine spezielle Bedeutung hat. Wir haben uns sehr gut verstanden und ich freue mich schon darauf, sie wieder zu sehen.

2002 hat Robbie Williams deiner Frau und dir in der Arena AufSchalke den Song „She´s the one“ gewidmet. Wie häufig seht ihr euch?

Als Robbie letztens in Düsseldorf war, habe ich schon gedacht, vielleicht ruft er mal an. Aber er ist einfach so beschäftigt. Er hat keine Zeit mehr, um die sozialen Kontakte zu pflegen. Aber immer wenn irgendwo wieder mal eine Preisverleihung ist, zum Beispiel der Comet, unterhalten wir uns gut. Und auch vor dem Konzert auf Schalke haben wir damals miteinander geredet. Ich habe ihm dann erzählt, dass ich an diesem Tag genau zehn Jahre mit meiner Frau zusammen bin. Und dass ich ein Bier für jedes Jahr trinken würde, das wir zusammen sind. Zu diesem Zeitpunkt war ich allerdings schon bei Bier Nummer fünf angelangt. Hinterher hatte ich dann insgesamt 14 getrunken, wahrscheinlich, damit auch die nächsten vier Jahre alles gut läuft (lacht). Bevor er dann „She´s the one“ sang, hat er diese Ansage gemacht. Es wurde für mich und meine Frau auch deshalb zum besten Tag, den wir jemals gehabt hatten.

Zusammen mit dem Bassisten von Doctor & the Medics existiert das Projekt „Wet Dog“, ab Ende Mai bist du wieder mal mit T.V. Smith unterwegs und außerdem produzierst du die junge Punk-Band „Kind im Magen“. Brauchst du niemals eine Bandpause?

Ich bräuchte eigentlich eine. Das letzte Jahr mit den Hosen war ein hartes Jahr. Und dann kamen die Spittin´ Vicars und dann die Produktion mit „Kind Im Magen“. Ich bräuchte wirklich mal einen Monat ohne irgendwas. Ich fühle mich etwas ausgelaugt zurzeit. Ich werde es jetzt einfach mal für ein paar Wochen etwas lockerer angehen lassen.

Auch wenn du viel jünger aussiehst, bist du mittlerweile 41 Jahre. Gibt es für dich in absehbarer Zeit irgendeine Alternative zum Schlagzeugspielen?

Ich möchte nichts Anderes machen. Es ist alles, was ich tun möchte. Mit der Familie zusammen zu sein und Schlagzeug spielen, ist alles, was ich beherrsche. Und es ist ein großartiger Job, wenn man davon leben kann. Ich bin wirklich sehr glücklich, wie die Sache in den letzten Jahren gelaufen ist.

Was denkst du, wie dein Leben gelaufen wäre, wenn du nicht im Musikzirkus gelandet wärst?

Ich wäre heute im Gefängnis oder ein Krimineller oder tot (lacht). Wenn ich mal eine Woche lang kein Schlagzeug spiele, werde ich verrückt. It really helps me mentally.