Die DTH Interview Serie 2006

Teil 2 - Breiti

Wenn es um eine neue Platte oder ein Fazit der letzten Tour geht, ist Campino häufig das Sprachrohr der Band. Wir wollen die Bandpause nutzen, einmal jedes Bandmitglied alleine zu interviewen und dabei auch mal unbekannte und private Sachen anzusprechen.

Diesmal haben wir unsmit Breiti unterhalten. Das Gründungsmitglied der Hosen erzählt in dem aktuellen Interview über die unterschiedlichen Charaktere in der Band, von seiner ungestillten Sehnsucht nach Südamerika und wie er sich irgendwann das Leben nach dem Musikmachen vorstellt.

> Teil 1 mit Vom
> Teil 3 mit Andi
> Teil 4 mit Kuddel
> Teil 5 mit Campino

Du giltst als der Statistiker in der Band. Weißt Du, wie viele Konzerte Du schon mit den Hosen gespielt hast?

Ich habe keine Ahnung. Wenn es um offizielle Konzerte geht, habe ich aber noch so alte Terminkalender. Da blättere ich manchmal drin rum, um mir die Städte in Erinnerung zu rufen – und meistens fällt mir dann auch noch ein, was für eine Halle das war und mit welchen Bands wir gespielt haben. Somit trifft das auch nicht ganz zu, dass ich „der Statistiker“ bin. Da hat innerhalb der Band jeder seine Spezialgebiete: Bei dem Einen ist das Archiv mit den Bootlegs fast vollständig. Und der Nächste kann sich dann doch einfach besser erinnern, wie es in der einen oder anderen Stadt wirklich war (lacht).

Ihr habt jetzt nach fast 25 Jahren die erste richtige Bandpause eingelegt. Was vermisst Du am meisten?

Bis jetzt vermisse ich überhaupt nichts. Eigentlich wollte ich die Monate bis zur WM gar nicht hier sein, sondern mal richtig lange wegfahren. Das war leider nicht möglich, weil jemand in meiner Familie krank geworden ist. Wenn man viel unterwegs ist und lange nicht zu Hause war, gibt es aber genug Dinge, auf die man sich freut. Es ist schön, wenn man sich mal mit vielen Dingen beschäftigen kann, für die sonst keine Zeit bleibt. Ich habe neulich auch mal nachgeguckt in diesen ominösen Terminkalendern und dabei ist mir aufgefallen, dass ich seit über zwanzig Jahren nicht mehr so lange am Stück in Düsseldorf war.

Wie nutzt Du die ungewohnte Freizeit?

Die Bandpause gibt mir die Gelegenheit, Leute regelmäßig zu treffen, die ich sonst nur alle paar Wochen oder Monate sehe. Dann bastle ich mit einem Freund aus London so ein bisschen an elektronischer Musik rum. Das Schöne daran ist, dass ich da völlig naiv dran gehen kann. Mir kann völlig egal sein, was das für ein Stil ist und ob das schon mal jemand gemacht hat. Ob wir die Sachen dann irgendwann mal irgendwo auflegen, eine Platte damit machen oder das Ganze im Papierkorb verschwinden lassen, ist ganz egal. Das ist einfach eine gute Abwechslung. Ich merke jetzt aber auch schon langsam, wie die Lust wächst, mal wieder auf einer E-Gitarre rumzuhacken und mit einem richtigen Schlagzeuger zu spielen, also nicht immer zu einem programmierten Beat.


>> Ich merke jetzt aber auch schon langsam, wie die Lust wächst, mal wieder auf einer E-Gitarre rumzuhacken und mit einem richtigen Schlagzeuger zu spielen << (Foto: Kai Müller)

Wie groß ist ansonsten die Sehnsucht nach den anderen Bandmitgliedern?

Campino habe ich ein paar Mal gesehen, zuletzt beim Eishockey-Halbfinale gegen Köln, wo er natürlich hingekommen ist. Mit Vom spiele ich ab und zu Billard. Mit Kuddel habe ich ein paar Mal telefoniert – nur mit Andi ging das nicht, weil er schon etwas länger in der Welt unterwegs ist. Es ist aber schön zu sehen, dass der Kontakt nicht abrupt abbricht, wenn die Band mal nicht zusammen ist. Es ist eben so, dass bei uns mehr da ist, als das, was wir mit der Band zusammen machen.

Ursprünglich war die Band für Dich auch mal Privatleben; der Beruf ist erst später daraus geworden. Was hat sich dadurch für Dich verändert?

Bei uns kam der Erfolg nach und nach – und damit nicht so plötzlich, wie das bei manchen anderen Bands der Fall ist. Für die ist das oft gar nicht so einfach, sich auf die Situation einzustellen, weil da auf einmal extrem viel auf sie einstürzt. Weil wir unsere ganze Zeit und Energie sowieso von Anfang an immer in die Band gesteckt hatten und die Band immer wichtiger war als Schule, Ausbildung oder jede Freundin, war es natürlich super, dass wir nach den ersten Jahren Durststrecke irgendwann davon leben konnten. Und das hat uns die Möglichkeit gegeben, das Ganze noch intensiver weiterzumachen. Deshalb hat sich in meinem Bewusstsein gar nicht so viel verändert. Die Band ist auch heute noch bei allen genau die Sache, die wir machen wollen. Es ist wirklich nicht so, dass man jemanden motivieren müsste, damit es mit der Band weitergeht. Es geht lediglich immer darum, wie es weitergeht und was wir als Nächstes machen.

Was waren die schwierigsten Stufen Eurer Entwicklung?

Als es Ende der 80er immer größer wurde, war das schon manchmal schwierig. Da ging es plötzlich gar nicht mehr darum, ob man zum Beispiel in der Bravo stehen wollte. Die haben ab einem gewissen Punkt über einen geschrieben, ob man wollte oder nicht – und dann natürlich Sachen, die garantiert nicht stimmten, aber für die wir uns dann wieder dauernd rechtfertigen mussten. Daraus haben wir den Schluss gezogen, begrenzt mit solchen Medien zusammenzuarbeiten, damit wenigstens das stimmt, was sie über uns schreiben – auch wenn wir anfangs in der Bravo gar nicht vorkommen wollten. Es gab Probleme, dass immer mehr Leute zu den Konzerten kamen und Fans der ersten Stunde beleidigt waren, weil der Nachbar, den sie immer blöd fanden, jetzt plötzlich auch dahin ging. Wir haben auch sehr lange versucht, uns für den Erfolg zu entschuldigen. Heute denke ich, dass das völliger Unsinn war, weil wir schließlich bis heute Sachen machen, zu denen wir stehen und nichts tun, wofür wir uns verbiegen müssen. Deswegen freue ich mich heute auch darüber, dass wir so erfolgreich sind.

Du hast nach all den Jahren mit den Hosen finanziell ausgesorgt, Ihr habt zusammen fast alles erreicht – was treibt Euch noch an?

Ich habe keine Ahnung, was das ist. Wir haben ja nicht mit der Band angefangen, um Geld zu verdienen oder irgendwann Goldene Schallplatten zu haben, sondern weil wir das einfach unbedingt machen wollten. Offensichtlich sind wir da immer noch nicht befriedigt in dem Punkt. Oder der Antrieb ist immer die nächste Platte, die besser werden soll als die letzte, speziell wo der eine oder andere von uns mit dem letzten Studioalbum nicht so zufrieden war. Da gibt es auch meiner Meinung nach, noch etwas gut zu machen. Wenn wir untereinander reden, müssen wir uns den Antrieb nie erklären. Es geht immer nur um das „wie“.

War in all den Jahren nie jemand von Euch amtsmüde?

Anfang der 90er gab es mal eine Periode, wo wir eine Menge Drogenprobleme hatten, die bei dem einen schwächer und bei dem anderen stärker ausgeprägt waren. Das hat uns so ein bisschen an den Rand des Abgrunds getrieben. Das war nicht leicht, da wieder rauszukommen und wieder eine wirkliche Band zu werden. Es war aber nie so, dass jemand gesagt hätte: „Ich möchte hier nicht mehr mitmachen.“ oder „Ihr kotzt mich an.“ oder „Ich mache jetzt einen Blumenladen auf.“ Das gab es nie, nicht einmal ansatzweise. Warum das so ist, weiß ich auch nicht. Ich sage jetzt einfach mal, weil das eine glückliche Kombination von Leuten ist, die sich da gefunden hat.


>> Anfang der 90er gab es mal eine Periode, wo wir eine Menge Drogenprobleme hatten, die bei dem einen schwächer und bei dem anderen stärker ausgeprägt waren. << Foto: Donata Wenders


Welche Rolle hast Du gespielt, als Ihr diese Bandkrise durchstehen musstet?

Warum wird dann der eine drogensüchtig und der andere nicht? Das kann ich nicht sagen. Ich glaube nicht, dass ich eine sehr suchtgefährdete Person bin. Irgendwie natürlich auch, aber bei mir gab es immer so einen Punkt, wo ich nicht mehr so fit war oder auf Dauer nur noch Matsch in der Birne hatte, dass ich auch die letzten Reste weggeschmissen habe, die ich noch zu Hause hatte. Darüber habe ich mich vielleicht dann eine Woche später geärgert, aber ich habe dann wirklich versucht, mich wieder auf die Reihe zu kriegen. Bei anderen ist das offensichtlich nicht so.

Könnte das daran gelegen haben, dass Du reflektierter bist als andere in der Band?

Zu der Zeit war ich das auf gar keinen Fall. Ich habe nicht besonders viel über mich nachgedacht – und wenn, wahrscheinlich oft in die falsche Richtung. Das war so ein Punkt bei mir, der immer automatisch erreicht worden ist, wenn ich auf dem Fußballplatz oder auf der Bühne gemerkt habe, dass ich nicht mehr das bringen konnte, was ich von der Kondition her gewohnt war. Das war für mich immer der entscheidende Punkt, wo ich versucht habe, mich besser zu kontrollieren oder die Drogen ganz wegzulassen.

Habt ihr Euch in dieser Phase gegenseitig geholfen?

Am Anfang ging es eher darum, alles auszuprobieren; da haben wir damals richtige Rituale draus gemacht. Nur irgendwann hat sich das umgedreht, als wir gemerkt haben, dass der eine oder andere ohne Drogen gar nicht mehr aus dem Haus konnte und für ihn die Drogen wichtiger waren als das, was wir mit der Band machten. Es gab dann so komische Diskussionen, die wir davor noch nie hatten, weil dann einer unbedingt seine Idee durchdrücken wollte, zum Beispiel dass ein Lied unbedingt so und so auf die Platte kommt. Als wir gemerkt haben, dass da ein bestimmter Punkt überschritten ist, haben wir natürlich versucht, denen mit den größten Schwierigkeiten weiterzuhelfen. Das ist ja dann immer so eine Mischung aus „in den Arsch treten“ und „Du, hör doch mal! Wäre es nicht vielleicht besser, wenn…?“

Wie wichtig war diese Zeit für den Zusammenhalt der Band?

Es war eine echte Hürde, die wir genommen haben, die uns aber auch gut hätte auseinander bringen können. Die jeweilige Frau oder Freundin ist bei so etwas bestimmt genauso wichtig, wenn nicht noch wichtiger, um jemanden zum Beispiel von Drogen runter zu bringen und ihm klarzumachen, wo er wirklich steht. Schon vor zehn Jahren kannten wir uns in der Band so lange, dass – wenn dir einer gesagt hat, was ihm nicht an dir passt – das zum einen Ohr rein und zum anderen wieder raus ging. Man hatte das halt schon tausendmal gehört und irgendwann ignorierte man es dann. Was jeder von uns zu dieser Zeit für Freunde hatte oder was für eine Freundin, das war auch extrem wichtig.

Wie werden bei Euch Meinungsverschiedenheiten ausgetragen?

Da gibt es die verschiedensten Arten, das hängt auch immer ein bisschen vom Thema ab. Wer sich am meisten für etwas interessiert, hat bei dem Thema auch die meiste Autorität. Wenn der dann bei irgendeiner Sache sagt, dass er es anders besser findet, dann sagen die anderen manchmal entspannt: „Ja, dann machen wir das so.“ oder leicht beleidigt: „Na gut, dann machen wir das so.“ Manchmal wird aber auch erst durch die Gegend gebrüllt und geguckt, wer was warum verbockt hat, statt zu schauen, wie es jetzt weitergehen könnte. Es gibt unterschiedliche Vorgehensweisen, je nachdem, ob es im Studio ist, ob es um irgendwelche Live-Sachen geht oder wann die Platte raus kommen soll. Wenn der Jochen von Jochens kleiner Plattenfirma und Patrick, der auch in der MTV-Serie zu sehen war, mit am Tisch sitzen, sieht das wieder etwas anders aus. Im Prinzip hat jeder eine Stimme und letztendlich entscheidet die Mehrheit. Praktisch wird dann aber oft so lange geredet, bis entweder die Minderheit platt geredet oder tatsächlich überzeugt ist. Und am nächsten Tag fangen wir wieder von vorne an, weil die Hälfte über Nacht die Meinung geändert hat.

So wie Du es nacherzählst, klingt das nicht, als wärest Du einer der Wortführer…

Ich bin tatsächlich oft Beobachter. Was mir häufig total auf die Nerven geht, ist vor allem dieses Gerede, wer wann etwas verbockt hat. Das kann man ja einmal feststellen, aber man muss nicht anderthalb Stunden damit verbringen! Da interessiert mich mehr: „Wie ist die Situation jetzt – und wie geht es weiter? Kann man noch das Beste draus machen?“ Da beteilige ich mich dann auch gar nicht mehr dran, sondern versuche lieber dazu beizutragen, dass es vorwärts geht.

Hat es auch mal einen richtigen Streit gegeben?

Den gibt es dauernd. Das war eine der guten Sequenzen in dieser MTV-Serie, wie wir uns über die Frikadellen bei „Rock am Ring“ unterhalten haben, also was wir unseren Gästen da gerne vorsetzen wollten. Die Möglichkeiten, sich zu streiten, reichen also von der Pizzabestellung bis hin zur Frage, wie das Plattencover aussieht. Da kann es bei uns immer Auseinandersetzungen geben, auch über totalen Quatsch.

Wie siehst Du rückblickend die MTV-Serie?

Ich war zuerst nicht unbedingt begeistert von der Idee, aber im Nachhinein waren die Dreharbeiten eine interessante Erfahrung. Wir haben echt viel dazu gelernt, wie man Sachen dokumentiert oder was man aus dem „wahren Leben“ zeigen kann. Das hatten wir uns um Einiges leichter vorgestellt. Die Schwierigkeit ist: Manchmal muss man eine Sequenz einfach zwei, drei Minuten laufen lassen, um eine Situation zu erklären, das ist im Fernsehen aber so schnell dermaßen langweilig, dass man kaum mal die Chance hat, das wirklich mal zu machen. In ein paar Sendungen ist uns das trotzdem gelungen, in anderen weniger.

Du hast Dich im Steckbrief auf der Homepage selbst als „zurückhaltend“ beschrieben und Dich auch hier unverkennbar im Hintergrund gehalten…

Es ist halt überhaupt nicht mein Ding, immer mit einer Kamera in der Nähe herumzulaufen. Ich mag es nicht, ich kann es nicht und offensichtlich lerne ich es auch nicht mehr (lacht). Ich muss auch nicht immer im Mittelpunkt stehen. Mir macht das einfach keinen Spaß. Vom ist da zum Beispiel viel lockerer. Der schaltet dann einfach einen Schalter in seinem Kopf um, auch wenn er vielleicht gerade mal keine Lust hat.

Ist es Dein Glück, dass Du Dich in der Öffentlichkeit hinter Campino verstecken kannst?

Campino liegt das einfach besser. So hat jeder seine Rolle in der Band. Genauso wie du nicht mit elf Mittelstürmern antreten kannst, kannst du in einer Band auch nicht fünf haben, die die gleiche Aufmerksamkeit für sich beanspruchen. Für mich ist das tatsächlich eine total komfortable Situation, denn der ist im Fernsehen viel lockerer und macht das gut. Ich quäle mich da eher immer so hin. Und ich merke das auch, wenn ich in Südamerika während der Konzerte mal Ansagen machen muss: Ich habe es lieber, wenn ich nichts sagen muss, nur Gitarre spiele und mir nicht während des Lieds schon überlegen muss, was ich als Nächstes sage. Es hat auch seinen Reiz, wenn du etwas sagst und 20.000 Leute jubeln los. Das ist irgendwie ja auch nicht schlecht, aber das ist halt nicht so mein Ding.


Live in Argentinien >> Es hat auch seinen Reiz, wenn du etwas sagst und 20.000 Leute jubeln los. Das ist irgendwie ja auch nicht schlecht, aber das ist halt nicht so mein Ding. << Foto: Reiner Pfisterer

In Argentinien bist Du automatisch der gefragteste Interviewpartner, weil Du als Einziger in der Band Spanisch sprichst. Das ist also überhaupt nicht reizvoll für Dich, auch mal der Wortführer der Band zu sein?

Entweder macht irgendetwas Spaß oder nicht. Ich freue mich, wenn etwas funktioniert, wenn das Spanisch richtig war und der Inhalt auch gepasst hat, aber es drängt mich nichts dahin. Ich weiß nicht, woran das liegt, aber es ist halt so. Die Leute sind halt verschieden und der eine macht eben gerne den Clown, hält Volksreden oder hat ein natürliches Talent, etwas vor Publikum zu machen. Das habe ich nicht. Ich besitze zum Beispiel auch gar kein schauspielerisches Talent. Und jeder Sänger, der gut auf der Bühne rüberkommen will, muss das einfach haben.

Der Letzte, der bei Euch dazu gekommen ist, war 1998 Vom. Glaubst Du, dass es für ihn ein Problem ist, dass er bis heute nicht bei der „Blauen Stunde“ dabei sitzt?

Er ist wohl eher ganz froh, dass er da nicht hin muss. Es würde auch nicht viel Sinn machen, denn er versteht zwar viel auf Deutsch, aber viele Feinheiten dann eben doch noch nicht. Und wenn man dann jemandem viele Sachen übersetzen muss, hilft das auch nicht unbedingt weiter. Stundenlange Sitzungen und Unterhaltungen sind auch nicht so sein Ding. Es gibt ja noch genug Sachen, die wir zusammen besprechen, an denen Vom beteiligt ist. Ich habe auch nicht das Gefühl, dass es ihn dahin drängt, über jeden Schwachsinn zu reden, aber er ist dann halt doch erst viel später dazu gekommen. Was wir mit Jochen und JKP machen, damit hat Vom ja im Grunde nichts zu tun. Als Bandmitglied ist er aber absolut vollwertig. Wenn es um Live-Konzerte, die Platten oder auch T-Shirt-Entwürfe geht, ist Vom natürlich mit dabei.

Die Gründung von JKP hatte den Hintergrund, alles selbst unter Kontrolle zu haben. Wann seid Ihr als Band mal so richtig übers Ohr gehauen worden?

Ein beliebtes Modell zur Zeit der „Opel-Gang“ war: Ein Label oder Vertrieb brachte eine Platte raus, verkaufte 20.000 Stück, ließ seine GmbH Pleite gehen und machte die drei Tage später unter einem etwas veränderten Namen wieder auf. Und alle Bands, deren Platten dieser Vertrieb verkauft hatte, guckten in die Röhre und bekamen nie ihr Geld. Dann sind auch manchmal irgendwelche Lieder auf irgendwelchen Compilations rausgekommen, wo es vorher hieß, wir schicken Euch alle drei Monate eine Abrechung. Alles, was dann kam, war die Rechung für den Kaffee im Studio… Dass wir uns vor JKP auch eine zeitlang mit Totenkopf Schallplatten selbst drum gekümmert haben, war zunächst gar nicht aus dem Gedanken heraus: „Wir wollen es unbedingt selbst machen.“ Es blieb uns einfach gar keine andere Möglichkeit, weil niemand etwas mit uns machen wollte. Die großen Plattenfirmen schon gar nicht. Das war letztendlich aber ein Glücksfall, weil wir so beizeiten viele Sachen gelernt haben, die wir später noch gut gebrauchen konnten.

Eine bekannte Baustelle von Dir ist heute „Pro Asyl“. Wie sieht die Zusammenarbeit genau aus?

Wir treffen uns regelmäßig, alle paar Monate. Da sind außer mir dann noch einige von JKP dabei sowie mehrere Mitarbeiter von Pro Asyl. Wir tauschen uns da dann über alles aus, was zurzeit ansteht und überlegen uns dann, wo wir etwas zusammen machen können. Die fragen uns auch bei manchen Sachen nach unserer Einschätzung, auch was die Öffentlichkeitsarbeit angeht. Wir haben ja seit etlichen Jahren damit zu tun. Bei diesen Treffen entstehen dann für beide Seiten jede Menge Anregungen. Eigentlich gibt es einen regelmäßigen Austausch.

Woran merkst Du, dass sich Deine Bemühungen lohnen?

Bei vielen Sachen, die wir machen, hat jeder seinen Öffentlichkeitsgradmesser, also durch Leute, die ihn auf irgendwas anquatschen. Bei Pro Asyl ist das nicht anders; viele Leute sprechen mich darauf an, viele Leute interessieren sich dafür. Die Mitarbeiter von Pro Asyl, die immer an dem Info-Stand bei den Konzerten stehen, meinen auch, dass sich über die Jahre sehr viel verändert hat. Die Leute sind viel besser informiert, stellen gezielte Fragen und es kommen viel weniger mit den üblichen Vorurteilen wie: „Asylbewerber sind doch eh alles kriminelle Schmarotzer!“ Insofern scheint sich das zu lohnen. Manchmal sieht man da auch einen direkten Zusammenhang: Wenn ich in einer Radio- oder Fernsehsendung die Gelegenheit hatte, etwas länger darüber zu reden, kriegen die gleich viel mehr E-Mails und es melden sich Leute, die Mitglied werden wollen. Für viele Leute fehlt oft einfach nur der Anstoß, wohin sie sich wenden können, wenn sie aktiv werden wollen.


>> Ich habe ganz viele gute Freunde durch die Band kennen gelernt, was vielleicht das Wichtigste ist – außer dem, was wir untereinander immer hatten << Foto: Donata Wenders

Es gibt auch andere Musiker, die sich über die Musik hinaus engagieren. Wie beurteilst Du die Arbeit von Bob Geldof?

Im Zusammenhang mit „Live 8“ haben auch Zeitungen, die sich sonst für seriös halten, Bob Geldof in ein schlechtes Licht gerückt. Ich frage mich bis heute, was die Beweggründe dafür waren. Für mich steht jedenfalls fest: Was der geleistet hat und was er für eine Energie und Intelligenz besitzt und wofür er die eingesetzt hat, verdient absolute Bewunderung. Ich verstehe auch nicht, warum in Deutschland jemand, der mit Musik erfolgreich ist, keine politische Glaubwürdigkeit haben darf. Gerade wenn sich jemand in so etwas dermaßen reinhängt und seine ganze Zeit und Energie da reinsteckt wie Bob Geldof, sollte man das auch einfach mal anerkennen. Man kann über den Sinn und Unsinn bestimmter Entwicklungsprojekte reden, aber solchen Leuten jegliche Glaubwürdigkeit abzusprechen, das verstehe ich überhaupt nicht. Ich finde ihn absolut bewundernswert und abgesehen von den direkten Erfolgen seiner Arbeit hat er es geschafft, zig Millionen von jüngeren Menschen in den Industrieländern für ein Thema zu interessieren, das wohl sonst an denen vorübergegangen wäre.

Musstest Du Dich auch schon mal für Dein soziales Engagement verteidigen?

So etwas gibt es immer wieder mal. Es gab mal einen Castor-Transport nach Ahaus, für den sich irgendwie niemand interessiert hat. Wir sind dann von den Organisatoren des Widerstands gefragt worden, ob wir irgendwas machen könnten, um doch noch ein paar Leute auf die Beine zu kriegen. Weil wir schon öfter an solchen Sachen teilgenommen hatten, haben wir da gerne gespielt, auf einem Lastwagen an der Bahnstrecke. Das Konzert ist natürlich nach einem halben Lied von der Polizei beendet worden. Und wir haben im Vorfeld Radiosendungen zu dem Thema gemacht, Interviews gegeben und damit versucht, noch etwas Öffentlichkeit zu erzeugen. Da mussten wir uns hinterher anhören, dass wir das nur zu Reklamezwecken gemacht hätten! Das scheint ein besonderes deutsches Problem zu sein. Wenn man zu „Live 8“-Zeiten in Großbritannien war, konnte man feststellen, dass die englische Presse mit dem Thema ganz anders umgegangen ist: viel differenzierter. Man hat jeden Tag substantielle Berichte und Reportagen über Entwicklungshilfe gelesen, in denen das Für und Wider erörtert wurde.

Im Steckbrief auf der Homepage nennst Du Gandhi und Guevara als Deine Vorbilder. Wie stark hast Du Dich mit den Beiden beschäftigt?

Die habe ich extra gegenüber gestellt, weil die dieselben Ideale hatten, aber komplett unterschiedliche Vorgehensweisen. Was Gandhi versucht hat und was er für eine Wirkung damit erzielt hat, ist natürlich einzigartig: Gewaltlosen Widerstand zu leisten und das auch durchzuhalten, egal was man persönlich für Opfer dafür bringen muss. Das hat eine riesige Faszination. Che Guevara hat im Gegensatz dazu die Gewalt als Mittel gewählt. Die Gründe, warum er Kuba verlassen hat, sind zwar bis heute nicht richtig geklärt, aber auch danach hat er versucht, seine Ideale weiter zu tragen, ob in Afrika oder Bolivien. Er hat immer versucht weiterzumachen und weiter dafür zu kämpfen – und das hat auch eine große Faszination. Nicht umsonst ist er so ein Idol geworden, wobei man sicher sagen muss: Eine gewalttätige Revolution kann nie gerecht sein. Man muss sich im Klaren drüber sein, dass das eine blutige Angelegenheit ist und deswegen verbietet sich da auch jede Romantik.

Die Philosophie von Gandhi steht Dir also näher?

Schwer zu sagen. Wir leben hier in einer absolut privilegierten Situation. Ich kenne aber von meinen Reisen durch Südamerika genug Menschen, die unter politischen Repressalien zu leiden haben oder unter wirtschaftlicher Not. Da kann ich schon nachvollziehen, dass es für viele Leute keine andere Alternative gibt, als Gewalt anzuwenden. Die Zustände im Nordosten Brasiliens wird man mit friedlichen Mitteln kaum ändern können. Demokratie und Meinungsfreiheit gilt dort für 80 Prozent der Bevölkerung nicht, geschweige denn Chancengleichheit. Ich weiß aber auch nicht, ob eine bewaffnete Revolution zu einer Verbesserung für alle führen würde oder nur zu einer weiteren Verschlechterung. Das sind ganz schwierige Fragen und das muss jeder aus seiner Situation heraus entscheiden.

Ist es für Dich vorstellbar, eines Tages in Südamerika zu leben?

Das war für mich lange sehr gut vorstellbar. Hätte es die Band nicht gegeben, wäre ich vor zehn, zwölf Jahren sofort nach Rio gezogen. Da ich heute wie damals weiß, was mir die Band bedeutet, wie wichtig mir die ist, mache ich mir darüber keine Gedanken mehr, solange wir weitermachen. Und den Rest lasse ich dann auf mich zukommen.

Was macht für Dich die Faszination von Südamerika aus?

Brasilien war für mich privat immer etwas ganz Besonderes, weil ich die Art gemocht habe, wie die Leute miteinander umgegangen sind. Wenn du dort auf der Straße in die Bar an der Ecke gehst, ist es erstmal ganz egal, woher du kommst, was du für eine Hautfarbe hast und ob du die Sprache sprichst. Jeder quatscht dich voll. Und Brasilianer scheinen ein Talent dafür zu haben, immer optimistisch zu bleiben und aus Nichts noch das Beste zu machen. Wenn du länger da bist, findest du natürlich auch wieder ganz viele Sachen, die dir auf die Nerven gehen – weil es den idealen Ort einfach nicht gibt. Aber ich hätte es gerne mal versucht, etwas Anderes kennen zu lernen und einen anderen Blickwinkel zu kriegen. Für uns als Band war natürlich immer Argentinien das wichtigste Land und da haben wir die faszinierendsten Sachen erlebt. Was wir dort für ein Verhältnis zu den Leuten haben, das ist schon einzigartig. Was auch noch dazu kommt, ist die Landschaft und Natur. In den argentinischen Anden würde ich gerne mal wochenlang einfach nur durch die Gegend fahren und zwischendurch auch mal an einem bestimmten Ort bleiben, solange es mir passt.

War es die beste Entscheidung Deines Lebens, Spanisch gelernt zu haben?

Wenn du oft da bist und weißt, dass viele Menschen kein Englisch können, hast du natürlich mehr davon, wenn du ein paar Wörter Spanisch sprichst. Aus den Wörtern werden dann ganze Sätze – und dann denkst du dir: „Jetzt lerne ich den Rest auch noch!“ Ich war dann mal zweieinhalb Wochen auf einer Sprachschule, damit ich das einigermaßen flüssig sprechen konnte. Und jedes Mal bevor ich wieder hinfahre, versuche ich mit ein paar spanischsprachigen Menschen, die ich kenne, wieder auf den Stand zu kommen.


>> Das Leben nach der Band ist für mich absolut vorstellbar, aber ich freue mich, dass ich mir noch keine Gedanken drüber machen muss. << (Foto: Donata Wenders)

Die Anderen aus der Band hat das nie interessiert?

Das kostet halt schon eine Menge Zeit. Und außer mit der Band waren die privat ja eigentlich noch nie in Südamerika. Deswegen hatten die nicht die Energie, das letztendlich doch zu machen, auch wenn fast jeder bei jedem Rückflug wieder sagt: „Bis zum nächsten Mal lerne ich es aber!“

Ist ein normales Leben nach der Band schon irgendwie vorstellbar für Dich?

Das Leben nach der Band ist für mich absolut vorstellbar, aber ich freue mich, dass ich mir noch keine Gedanken drüber machen muss. Wir haben noch genug Pläne, die wir verwirklichen wollen. Früher habe ich oft drüber nachgedacht, was ich mache, wenn die Band mal nicht mehr ist. Heute lasse ich das einfach auf mich zukommen. Länger als zwei, drei Jahre kann man eh nicht in die Zukunft planen. Hinterher ist doch alles wieder ganz anders.

Was hat Dir die Band persönlich noch gebracht?

Ich habe ganz viele gute Freunde durch die Band kennen gelernt, was vielleicht das Wichtigste ist – außer dem, was wir untereinander immer hatten. Diese ganzen Leute, die ich auf der ganzen Welt kennen gelernt habe, die hätte ich sonst nie getroffen.

In welche Städte dieser Welt würdest Du am liebsten wieder mal hinfahren?

Rio und New York. Eine Zeit lang war ich oft und regelmäßig da und hatte dort auch gute Freunde. In den letzten Jahren ist das etwas zerbröselt, weil ich aus den unterschiedlichsten Gründen nicht mehr dazu gekommen bin. Jetzt würde ich gerne mal wieder hin, und um zu sehen, wie es sich verändert hat, auch wenn ich nicht mehr die engen persönlichen Kontakte habe.