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Das große Halbzeit-Interview 2002

Das große Halbzeit-Interview 2002 - Teil 2

??? Die Best-Of-DVD enthält 28 Videoclips von 1982 bis heute. Campino, Du hast gesagt, dass Euch in den Anfängen nicht klar war, dass Videoclips ein regelmäßiger Begleiter Eurer Karriere sein würden...

Campino: Dass wir ein Video zu unseren Stücken machen mussten, war uns schon ziemlich früh klar, wir haben uns nur längere Zeit keine Mühe damit gegeben. In Zeiten von "Hier kommt Alex" haben wir echt nur Blech abgeliefert. Mit der "Kauf Mich"-Platte und dem Lied "Wünsch Dir was" haben wir es dann aber zum ersten Mal geschafft, einen Regisseur zu finden, der das Ganze auf ein Level hob, mit dem das Lied durch das Video bereichert wurde. Alles davor hat heute den Charme der vergangenen Zeit. Dass das damals so amateurhaft war, darüber kann man heute schmunzeln.

??? Wie hoch war damals Euer Budget für einen Video-Clip?

Breiti: Es lag natürlich auch mit daran, dass wir überhaupt kein Geld hatten, um aufwändige Videos zu machen. Da hieß es dann eben: Wir stellen uns mal eben auf das Dach vom Büro, filmen das Lied ab, machen das dreimal und sind in drei Stunden fertig. Das hatte dann sicherlich seinen eigenen Charme, konnte aber natürlich nicht mit den anderen Videos mithalten, die auf den Musikkanälen liefen. Erst als wir dann mehr Platten verkauft haben, konnten wir auch mehr Sorgfalt auf die Videos verwenden, denn auch da wollen wir immer etwas abliefern, was in unseren Augen Qualität ist. Es ist ja auch immer so etwas wie die Visitenkarte einer Band, die viele Leute sehen, die nicht zu den Konzerten kommen. Deswegen suchen wir uns jetzt schon seit einigen Jahren bei jedem Stück sehr genau aus, wer der beste Regisseur dafür sein könnte und was die beste Idee dazu ist.

??? Welche Probleme habt Ihr auch heute noch mit der Videoproduktion?

Campino: Es ist nach wie vor krank, wenn man sich klarmacht, dass ein Video so teuer ist, wie der ganze Studioaufenthalt für ein Album. Das ärgert mich jedes Mal aufs Neue. Es muss halt sein, ein Liebesverhältnis werde ich zu diesem Medium aber nie entwickeln. Mich nerven schon die Videodrehs. Man legt sein ganzes Vertrauen in die Hände von anderen Leuten. Du bist darauf angewiesen, dass der Regisseur und der Kameramann irgendwie Ahnung von der Sache haben. Ich fühle mich dabei aber nie richtig wohl. Die ganze Angelegenheit wird für mich immer ein Auswärtsspiel bleiben.
Breiti: Wenn du ein Lied aufnimmst und zwei Tage später nicht mehr damit zufrieden bist, dann nimmst du es eben noch mal auf. Ein Video jedoch machst du nur einmal. Du kannst das nicht wiederholen, weil der Aufwand viel zu groß wäre. Wie es im Endeffekt geworden ist, kann man erst abschätzen, sobald man die erste geschnittene Version gezeigt bekommt. Ich hätte nach meinen Erfahrungen mit Dreharbeiten auch niemals den Ehrgeiz, Filmregisseur zu werden. Man muss sich beim Dreh einfach mit zu vielen Unwägbarkeiten herumschlagen, die hinterher nicht mehr auszubügeln sind.

??? Lässt sich die Videoclip-Geschichte der Hosen in drei Abschnitte einteilen? Die ersten Clips wie "Reisefieber" in der Vor-Musikkanal-Zeit, die zweiten, die in Zusammenarbeit mit einem festen Kreis Euch schon vorher bekannter Regisseure entstanden sind, und zuletzt die Zusammenarbeit mit Koryphäen wie Peter Lindbergh und Wim Wenders?

Campino: Ich glaube einfach, dass die allgemeine Bedeutung von Videos gestiegen ist. Als wir als Band angefangen haben, gab es MTV und VIVA noch gar nicht. Das hat sich dann immer mehr hochgeschaukelt - und wir haben versucht, mit dieser Entwicklung Schritt zu halten. Mit "Wünsch Dir was" hatten wir uns die Latte sehr hochgelegt. Und dieses Niveau wollten wir dann auch möglichst halten.

??? Ihr habt mittlerweile Videos in New York, Rio de Janeiro und Los Angeles gedreht. Wie wichtig ist der Ort, an dem das Video gedreht wird? Welche Rolle spielen die Dinge, die rund um einen Dreh passieren?

Campino: Wenn man sich so ein Video anschaut, fällt einem als erstes ein, wie kalt es in der Halle war, in der du nackt und mit Dreck eingeschmiert rumgestanden hast. Das war damals bei "Nichts bleibt für die Ewigkeit" der Fall. Der Videodreh mit Ronnie Biggs in Rio kam mir dagegen wie Ferien vor. Und dann gab es andere Sachen, die waren knochenharte Arbeit.

??? In den Videoclips zu "Jägermeister" und "Kein Alkohol (ist auch keine Lösung)!" seid Ihr als Band gar nicht aufgetaucht und ausgerechnet für die habt Ihr hinterher ein paar Preise eingeheimst...

Campino: Jetzt kann man sagen, das sind die Sauflieder, die die Preise gewinnen, oder man kann sagen, dass es daran liegt, das wir nicht dabei sind. Wenn das der Grund wäre, dann würden wir ab sofort darauf verzichten, selbst mitzumachen. Das wäre toll. Ich habe aber den Verdacht, dass das etwas anders liegt... Es ist aber auch so, dass selbst ein Preis für ein Video, bei dem wir mitgemacht haben, nicht uns zusteht. Du holst dir da einen Preis ab, der der Arbeit des Regisseurs, des Kameramanns und der Leute gebührt, die das Video geschnitten haben.

??? Haltet Ihr Euch heute für bessere Schauspieler als vor zwanzig Jahren?

Breiti: Ich war nie ein Schauspieler und von einmal von rechts nach links laufen und zum Playback Gitarre spielen wird man sicher auch kein Schauspieler!
Campino: Was sich bei mir gebessert hat, ist die Einsicht, dass ich es nicht bin. Früher hatte ich ja mal eine Phase, in der ich dachte, ich könnte da irgendwie mitmachen. Die Erfahrungen aus dem Film "Langer Samstag" oder der Folge vom "Fahnder", in der ich aufgetaucht bin, haben mich gelehrt, dass man dafür großes Talent braucht und hart dran arbeiten muss. Das fällt einem nicht einfach in den Schoß, mir schon gar nicht. Und dennoch sage ich ganz ehrlich: Wenn jetzt ein Regisseur käme, der mir was bedeutet, und der hätte ein ganz tolles Drehbuch, und wenn der auch noch meinte, ich könnte das bringen, was er verlangt, würde ich wahrscheinlich wieder schwach werden. Eigentlich ist es ja eh wichtiger, mit wem man was macht, als was man macht...

??? Wie sucht Ihr heute die Regisseure für Eure Videos aus?

Campino: Bei Wim Wenders war es zum Beispiel die Idee unseres Managers Jochen Hülder, ihn wegen "Warum werde ich nicht satt?" zu fragen. Jochen ist der totale Wim-Wenders-Fan, hat jeden Film von ihm gesehen und war sich sicher, dass dem das Stück gefallen würde. Er hat es ihm dann einfach mal so zugeschickt. Und da kam dann als Antwort ein zwölfseitiger Brief, in dem Wenders schon detailgetreu beschrieben hat, wie er sich das Video vorstellt. Er hat auch mit keiner Zeile Geld erwähnt, er hatte da wohl einfach Lust drauf.
Breiti: Beim Video zu "Bayern" war uns klar, dass das Video unbedingt Bolzplatzcharme haben musste. Da hatten wir dann sofort den Kinofilm "Bang Boom Bang" im Hinterkopf und haben beim Regisseur nachgefragt. Und das war dann eben Peter Thorwarth.

??? Wie liefen die Dreharbeiten zum aktuellen Video "Frauen dieser Welt"?

Campino: Das haben wir in St. Peter Ording in Norddeutschland gedreht, und das war wieder mal ein hartes Stück Arbeit! Es hat geschifft wie Sau, dauernd musste die Kamera getrocknet werden, immer wieder Zeitverzögerung. Und wir hatten ja auch noch hundert Komparsen dabei, alles Männer. In dem Video taucht ja keine einzige Frau auf, nur am Schluss mal ganz kurz. Es war eine Mordskälte, der kälteste Tag des Jahres da oben - und es hat wirklich niemandem Spaß gemacht, da herumzustehen und immer nur zu warten. Der Dreh ging von morgens um sieben bis nachts um zwei. Da hatten wir dann endgültig alle die Schnauze voll. Das wird bestimmt keine schöne Erinnerung sein, wenn wir uns in ein paar Jahren mal wieder den Clip anschauen.

??? Was sind Eure fünf Lieblingsvideos aller Zeiten?

Campino: "Pushed Again", "Wünsch Dir was", "Punk was" mit Ronnie Biggs aus sentimentalen Gründen, weil das so eine schöne Zeit war, "Steh auf" - und über "Kein Alkohol (ist auch keine Lösung)!" kann ich auch sehr lachen. Dass das zum "Video des Jahres" gewählt worden ist, war für mich der Beweis, dass die Leute nicht unbedingt immer nur die Musiker sehen wollen, sondern dass die auch mal einen Witz erkennen können.
Breiti: Für mich zählt auf jeden Fall auch noch "Warum werde ich nicht satt?" dazu, weil ich das Lied sehr gerne mag, und weil wir dabei Wim Wenders kennen gelernt haben, mit dem wir seitdem ziemlich gut befreundet sind. Seine Frau Donata war im letzten Jahr auch mit uns auf Kuba und hat alle Fotos gemacht, die im Booklet der "Auswärtsspiel"-CD zu finden sind.

??? Für das Bilder-Buch "Ewig währt am längsten - DTH in Farbe und Schwarz-Weiß" müsst Ihr lange im Fotoarchiv gewühlt haben. Wo kommen die ganzen alten Fotos her?

Campino: Die Hauptarbeit haben Carmen und Carla gemacht. Ich hatte plötzlich zehn zusammengeschusterte Seiten in meinem Fach liegen - mit irgendwelchen Fotos, die ich länger nicht mehr gesehen hatte. Und die sahen sehr nett arrangiert aus. Die Beiden hatten das mal aus Spaß für uns gemacht, aber gleichzeitig auch dazugeschrieben, dass sie sich vorstellen könnten, ein ganzes Buch in dieser Form zu produzieren. Wir haben gesagt: Versucht es doch einfach mal! Und dann haben die sich wochenlang in unserem Keller vergraben, wo die Fotokisten stehen. Während das Buch gewachsen ist, wurden wir immer mal wieder zu ihnen gerufen und bekamen die neuesten Seiten serviert.

??? Wann habt Ihr aktiv eingegriffen?

Breiti: Wir mussten natürlich oft helfen, wenn Fotos richtig zugeordnet werden sollten. Es gibt zum Beispiel ein uraltes Foto im Buch, da sitzt die ganze Band in Schlafsäcken nebeneinander. Das war 1982 in Kassel, wir sitzen gerade vor dem Fernseher, weil Deutschland gegen England spielt. Und durch solche Kleinigkeiten haben wir uns dann auch immer wieder daran erinnert, wo das eigentlich gewesen ist - auch wenn wir die Fotos teilweise seit 15 Jahren nicht mehr gesehen hatten.
Campino: Für mich ist genau das der Spaß daran, das Buch zu durchblättern: "Weißt Du noch? Schau mal hier!" Das Buch ist eine Mischung aus den guten Bildern und einem Familienalbum. Wir haben letztendlich auch in unserem Privatbestand gewildert, wie noch nie zuvor.

??? Das Buch wirkt beinahe wie der Katalog zu einer Ausstellung über "20 Jahre Die Toten Hosen"...

Breiti: Mir kommt diese Art, unsere Geschichte zu erzählen, sehr entgegen. Es ist nur sehr wenig Text drin und auch sehr wenig erklärt. Mich langweilt das sowieso immer, alles erklären zu müssen. Wenn eine neue Platte rauskommt, meine ich auch immer, dass der Text und die Musik eigentlich für sich sprechen müssten. Immer wieder dieselben alten Geschichten zu erzählen, ist auf Dauer genauso langweilig. Hinzu kommt, dass in dem Buch jegliche Chronologie fehlt, so dass man Zusammenhänge ganz anders sehen kann, als man es bisher getan hat.
Campino: Ich glaube, dass der Reiz der Sache ist, dass das mal ein völlig anderer Ansatz ist. Wir haben unsere Geschichten und Geschichtchen wirklich zum Erbrechen erzählt. Man sieht so auch viel besser, dass es zwischendurch ganz schön gestunken haben muss, und kann erahnen, wie der Geruch und der Geschmack einer jungen Rockband in Deutschland gewesen sein kann.

??? Habt Ihr das Foto mit den Zigarren auf Kuba 2001 in direkter Anlehnung an das von 1983 vor der Düsseldorfer Pfandleihe gemacht?

Campino: Das war reiner Zufall. Auf Kuba rauchen Männer wie Frauen nun mal viel Zigarre. Das sieht man da dauernd auf der Straße. Wir haben da dann auch eine Zigarrenfabrik besichtigt und waren alle voll in dieser Stimmung, Zigarren zu rauchen. Da saßen wir dann so in dieser Ecke, und Donata hat das zufällig erwischt. Das war eine zufällige Sache, die Carmen und Carla aufgefallen ist, als sie in den Fotokisten herumgekramt haben - und dann haben sie das alte und das neue Foto auf einer Doppelseite gegenübergestellt.

??? Das Buch vermittelt überhaupt sehr gut die Gegensätzlichkeit der Toten Hosen, auf der einen Seite der Auftritt auf dem Karnevalswagen beim Düsseldorfer Rosenmontagszug, auf der anderen der Gig bei der Demonstration gegen den Castor-Transport. Ist das ein Teil des Konzeptes von "Ewig währt am längsten"?

Campino: Bestimmte Sachen musste man schon zusammenhalten. Ich hatte zum Beispiel das Gefühl, dass man auch etwas von ZK zeigen sollte, weil es ohne die die Hosen nie gegeben hätte. Dabei war dann sofort klar, dass das nicht mitten im Buch auftauchen sollte, sondern wirklich vorne weg. Eishockey und Kuba waren wiederum Sektionen, die wir auf Doppelseiten abgehandelt haben, weil viel Fotomaterial da war. Es war aber unwichtig, an welcher Stelle im Buch das auftaucht. Nur bei der Sektion zum 1000. Konzert war es mir wichtig, dass auf der nächsten Seite kein witziges Bild kommt, sondern eine angemessene Überleitung geschaffen wird.

??? Was sind Eure Pläne für das Jahr 2003?

Campino: Nächstes Jahr wollen wir uns extrem zurücknehmen, nach außen sowieso. Ich denke, wir haben uns die volle Kante gegeben, und wir haben die Leute beballert mit unserem Zeug - bis zur Schlussminute. Jetzt ist es für beide Seiten mal ganz gut, eine Pause zu machen. Ich denke, ein oder zwei Konzerte wird es geben, um die gröbsten Entzugserscheinungen zu verhindern, aber keine Tour und auch keine Platte. Für uns ist das die Gelegenheit, mal durchzuatmen. Jeder wird - zum ersten Mal seit zwei Jahren - mal wieder alleine wegfahren können. Es geht darum, die Batterien wieder aufzuladen, in sich selber reinzuhorchen und Ideen zu sammeln, was das Nächste sein könnte. Wenn das Früchte trägt, dann wird im darauffolgenden Jahr sicher wieder was von uns zu hören sein.

Teil 1 des Interviews findet ihr hier.

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