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Interview mit Campino zum neuen Album - Teil 1

"Glück ist ein total prostituiertes und geschändetes Wort"

(Alle Fotos: Slavica)

??? Campino, warum habt Ihr Euch entschieden, das neue Album "Zurück zum Glück" zu taufen?

Campino: Wir haben uns für diese Parole entschieden, weil wir glauben, dass sie die aktuelle Stimmung in Deutschland beschreibt. Alle haben Angst vor morgen, vor der Zukunft. Und jeder möchte sich daran festhalten, was er gestern hatte, zurück zu den glücklicheren Zeiten. Wir mochten dabei vor allem die Vorstellung, dass das Glück etwas Greifbares ist, zum Beispiel eine Person, bei der man einfach klingelt und fragt, ob man für zwei Stunden vorbeikommen kann. Wir selber waren ja auch schon mal auf dem "Kreuzzug ins Glück" in den 90ern. Heute lachen wir darüber und sagen: Da haben wir wohl den Trend verloren. Wir wollten sogar schon eine Zeitungsanzeige schalten: "Die Toten Hosen suchen den Trend. Bitte im JKP-Büro abgeben!"

??? Wenn der Slogan "Zurück zum Glück" also ironisch gemeint ist, was ist denn dann Deine persönliche Definition von Glück?

Campino: Es hört sich immer sehr banal an, was man als persönliches Glück bezeichnet. Man kommt doch immer wieder darauf, dass man sich wünscht, dass man gesund bleibt. Dass ich von meiner Leidenschaft leben kann, ist sicherlich ein Glück, aber das hört sich ja auch schon kitschig an (lacht). Ich finde, dass Glück ein total prostituiertes und geschändetes Wort ist, von der Werbung missbraucht. Man kriegt es doch überall in die Fresse gehauen: Glück, glücklich sein, jung und glücklich. Es gibt plötzlich nichts anderes Erstrebenswertes als DAS GLÜCK. Was soll das denn eigentlich sein?

??? Was an Deinen Texten auf dem neuen Album auffällt, ist, dass Du insgesamt sehr viele Fragen aufwirfst. Hast Du in der Zwischenzeit schon Antworten auf die Fragen gefunden?

Campino: Ich habe das beim Schreiben gar nicht realisiert. Das ist mir erst jetzt aufgefallen, nachdem ich ein paar Gespräche mit Journalisten hatte. Ja, ich würde heute komplett neue Texte schreiben. Das sind alles Momentaufnahmen, die eine Befindlichkeit ausdrücken. Die meisten Sachen sind vor anderthalb Jahren entstanden. Das war bei mir selber eine konfuse Zeit. Wir hatten gerade wieder eine Tournee hinter uns, ich wusste so für mich nicht, wie es weitergeht und habe dann gedacht: Jetzt fliegst du mal nach Australien, nimmst dir einen Jeep, fährst zum Ayers Rock und wirst dort eine Erleuchtung haben. Dann bin ich da hingefahren – und nichts hat Klick gemacht! Ich hatte lauter Fliegen in der Nase, im Mundwinkel und in den Ohren und musste einsehen: Da hättest du auch in Flingern bleiben können! Ich bin nach Hause gekommen und hatte auf der Reise nichts gelernt, außer: Du kannst soweit fahren, wie du willst, wenn du ein Problem hast, kriegst du es nicht durch Kilometerfressen gelöst.

??? Und was war das für eine Zeit, in der Du die Texte geschrieben hast?

Campino: Es sollte letztendlich nicht wichtig sein, in welcher Verfassung ich mich da befunden habe. Jedes Lied hat natürlich so ein Korn Wahrheit. Davon ausgehend entwickle ich aber meistens Geschichten, die mit dem Ursprung nichts mehr zu tun haben, aber immer einen Grund, warum sie da sind. Das sind meine und unsere Lieder, so lange wir die im Proberaum spielen. Aber wenn die CDs dann ins Presswerk gehen, sind die Stücke für alle freigegeben. Und wenn irgendein wildfremder Mensch da draußen das Lied hört und eine eigene Interpretation davon hat, dann besitzt die dieselbe Gültigkeit wie meine eigene auch. Da darf es nicht mehr wichtig sein, warum ich die Sachen geschrieben habe.

??? In einem Fragebogen hast Du kürzlich unter dem Punkt "Was ich mag" angegeben: "Psychotherapiesitzungen". Wie regelmäßig gehst Du zu Deinem Psychologen?

Campino: Ich war schon lange nicht mehr da, aber ich kann es jedem empfehlen. Diese Sachen sind in Deutschland ja mit so einem Tabu belastet – eigentlich alles, was Seele und Geist betrifft. Für jeden Schnupfen gehen die Leute zum Hausarzt und lassen sich irgendein blödes Mittel verpassen, obwohl es nichts bringt. Aber wenn sie ein seelisches Problem haben oder einen Knoten im Kopf, dann meinen die meisten immer noch, sie müssten das mit sich selber ausmachen. Wer die Hilfe von jemand Außenstehenden annimmt, gilt als verweichlicht. Dabei gibt es wirklich sehr viele Menschen, die Erfahrung im Auflösen von Problemen geistiger Art haben. Wir Menschen denken immer, wir seien so individuell oder so eigen, aber die Probleme, die wir haben, die haben Hunderttausende da draußen auch. Und die waren alle schon vorher bei dem Typen im Besprechungsraum, und der hat eine gewisse Erfahrung, kennt unsere Denkweisen. Selbst unsere ganzen Träume sind irgendwelche Schemen, das geht alles nach einem speziellen System. Wenn ich ein dickes Problem habe, und da ist ein Profi, dann lasse ich mir doch von dem Profi helfen. Dann will ich doch nicht, dass mir irgendein Amateur im Kopf rumfummelt.

??? Woher stammt Dein großes Interesse für die Psychoanalyse?

Campino: Mich hat das interessiert, seitdem ich Zivildienst gemacht habe, weil ich da auch einmal wöchentlich zu diesen Sitzungen hingegangen bin, freiwillig. Da gab es für die Studenten immer solche Sitzungen, zu denen Patienten gekommen sind und über ihre Krankheitsbilder gesprochen haben. Die sind vorne vom Arzt interviewt worden, und ich fand das immer faszinierend. Das hat mich immer weitergebracht. Die Zeit in der Psychiatrie war für mich genial.

??? Gab es eigentlich eine Phase in Eurer Bandgeschichte, die Du als Deine kreativste Zeit bezeichnen würdest?

Campino: Es gibt jede Menge dunkle und graue Momente, aber auch immer wieder Lichtblicke: Und irgendwann reißt der Himmel auf und du hast eine gute Idee. Selbst wenn ich in diesem Interview behaupte, dass ich die alten Lieder heute nicht mehr so schreiben würde, haben sie für mich immer noch eine Gültigkeit, weil ich in dem Moment genau so empfunden habe. Man kann auch überhaupt nicht berechnen, wann man ein Lied schreibt, das gut wird. Wenn ich das könnte, würde ich versuchen, dauernd gute Lieder zu schreiben (lacht).

??? Gab es mal einen Moment in den letzten 22 Jahren, in dem Ihr wusstet, dass Ihr gerade etwas Besonderem beiwohnt?

Campino: Ich erinnere mich an eine Session bei den Aufnahmen zum "Horrorschau"-Album. Da habe ich das Lied "Mehr davon" eingesungen, und es war einer der wenigen Momente in meinem Leben, dass mir ein "first take" gelungen ist. Die Anderen saßen alle in dem Abhörraum nebenan, und als ich fertig war, hat keiner irgendwas gesprochen. Es war irgendwie allen klar, dass wir da gerade einen echt guten Moment für uns erwischt hatten. Und das war einer der emotionalsten Momente, die ich je im Studioleben hatte. Ein anderes Lied, bei dem ich mich erinnern kann, dass hinterher auch Ruhe herrschte, war "Nur zu Besuch". Das ist auch ein Moment, den ich nicht vergessen werde.

??? Du hast neulich mal gesagt, dass die Hosen einen Teil ihrer Existenzberechtigung daraus ziehen, dass sie das beste Stück, zumindest inhaltlich, vielleicht noch nicht geschrieben haben.

Campino: Das ist meine Hoffnung. Das machen uns ja viele Schriftsteller vor, die im Alter immer besser und abgeklärter werden, die es verstehen, Spannungsbögen aufzubauen und nicht mit dem Kopf durch die Wand rasen. Wenn wir schon körperlich irgendwann an eine Grenze kommen, wo wir nicht mehr so wild rumrotzen können, dann denke ich, dass wir gedanklich noch alle Möglichkeiten haben, unsere Grenzen auszutesten. Wenn ich nicht hoffen würde, dass wir noch mal lichte Momente haben, dann würde ich auch nicht weitermachen wollen. Es geht darum zu verhindern, dass man sich nur noch selbst verwaltet.

??? Was Euch zuletzt mal wieder unterstellt worden ist, dass Ihr "Kontrollfreaks" seid. Stimmt der Eindruck?

Campino: Wir haben gar nicht so viel unter Kontrolle, wie wir gerne hätten. Man muss einfach Vertrauen haben in die Leute, mit denen man arbeitet. Und da haben wir im Laufe der Jahre sehr viele Vertraute und Freunde dazu gewonnen, die versuchen, das in unserem Sinne zu handhaben. Dass wir auch immer wieder Opfer von irgendwelchen Sachen werden, das sehen die Leute oftmals gar nicht. Das war zum Beispiel so, als hier diese Tageszeitung angerufen hat und meinte: "Wir wissen, dass Ihre Freundin schwanger ist! Was sagen Sie dazu?" Ich hatte dann eine halbe Stunde Zeit, um mich zu entscheiden, was ich mache. Ich wusste, dass das auf jeden Fall am nächsten Tag in der Zeitung stehen würde, ob ich mich äußere oder nicht. Um diese "Exklusivstory" zu torpedieren, haben wir dann eine dpa-Meldung herausgegeben. Das hatte zur Folge, dass manche Fans dachten, warum ich es nötig habe, solche privaten Sachen zu erzählen. Und andererseits hat die Zeitung noch mal angerufen und uns bedroht, weil wir ihre Geschichte kaputt gemacht hätten. Wir würden schon sehen, was wir davon hätten, wenn wir uns mit denen anlegen.

??? Warum lasst Ihr Euch denn dann gerade jetzt für die MTV-Show "Friss oder stirb" beobachten?

Campino: Die MTV-Geschichte ist ja keine Container- oder eine 24-Stunden-Kontroll-Situation. Wir lassen die Kameramänner zwar nah ran – aber immer in dem Wissen, dass wir noch "Stopp" rufen können. Sonst würden wir das gar nicht machen! Und wir nehmen dabei auch in Kauf, dass wir dabei nicht immer spitze aussehen, dass sie Schwächen von uns zeigen und in Momenten drauf halten, die nicht gerade bejubelnswert sind. Das machen wir alles, um ein authentisches Bild hinzukriegen, was einer Rockband in Deutschland so passieren kann. Dass dabei gewisse Grenzen trotzdem bestehen bleiben, das ist selbstverständlich.

??? Breiti hat ja durchaus ein Problem mit der allgegenwärtigen Kamera. Wie geht Ihr damit um?

Campino: Ich finde es gut, dass wir jemanden in der Band haben, der bei diesem Thema ein bisschen als Bremse fungiert, weil man manche Sachen in der Euphorie vielleicht wirklich übertreibt. Dadurch wird eine Diskussion freigesetzt, die im Zweifelsfall nur gut sein kann. Ich weiß auch, dass ich am Anfang viel naiver an die Sache rangegangen bin. Ich habe mir gedacht: Wir haben doch schon Theater und Radio gemacht, jetzt spielen wir halt ein bisschen mit der Kamera rum. Ich habe inzwischen gemerkt, dass wir uns da mit einem Medium beschäftigen, von dem wir nicht immer so eine Ahnung haben.

??? Du hast gesagt, dass Du Dir so eine Show, wie ihr sie gerade auf MTV habt, auch über eine andere deutsche Band angeschaut hättest. Wo unterscheiden sich die Hosen von anderen deutschen Bands?

Campino: Das weiß ich nicht, weil ich ja nie in einer anderen Band war außer ZK (lacht). Ich habe schon davon gehört, dass die Bandstruktur bei anderen Gruppen eine andere ist. Wir teilen ja zum Beispiel immer alles, was wir so verdienen. Das habe ich von anderen Bands bisher noch nicht gehört. Selbst wenn ich in irgendeine Talkshow gehe, und da werden 1000 Euro bezahlt, dann wandert das in die Bandkasse. Dasselbe machen wir mit Autorenrechten und mit Lizenzen für Stücke. Und das ist nur ein Beispiel dafür, dass es uns um eine demokratische Fairness innerhalb der Band geht. Jeder hat auch immer dasselbe Stimmrecht. Ich glaube schon, dass das bei anderen Gruppen ergebnisorientierter ist. Außerdem kann ich von uns sagen, dass wir noch Freunde sind. Wie da die Konstellation z. B. bei den Fanta 4 oder Ärzten ist, dazu kann ich überhaupt nichts sagen. Da stecke ich nicht drin.

??? Das wichtigste Werkzeug, um Euer Ding durchziehen zu können, ist Eure eigene Plattenfirma JKP. Die habt Ihr in den 90ern gegründet, um nicht mehr auf die großen Labels angewiesen zu sein. Welche Funktion hat sie heute?

Campino: Heutzutage möchte man eigentlich gar nichts mehr machen wie die Major-Labels (lacht). Wir haben als Plattenfirma schon sehr viel früher angefangen, das zu machen, was eine Plattenfirma von heute eigentlich tun sollte. Eine Plattenfirma muss heute viel mehr sein, als sie das im klassischen Sinne eigentlich war. Es geht in diesem Haus mehr darum, verschiedene Dinge miteinander zu kombinieren, alles unter einem Dach zu sein: ein bisschen klassische Plattenfirma, aber auch Anwalt in diversen Streitfragen, Promotioninstrument, Musikverlag, Ideenpool und Basislager für viele Aktionen. Es reicht nicht mehr aus, das Bindeglied zwischen Presswerk und einer Band zu sein und zwei, drei Flyer rauszubringen. Es muss eine andere Existenzberechtigung her für die Plattenfirmen. Es geht darum, sich zusätzliche Serviceleistungen für die Leute draußen und für die gesignten Bands auszudenken.

??? Wie unterscheidet sich JKP davon?

Campino: Die Leute von JKP essen die Ideologie der Band mit Löffeln in der Mittagspause. Wenn hier angerufen wird, weiß die Sekretärin eigentlich schon, ob wir absagen oder mitmachen, weil sie unser Gedankenprinzip versteht. Jede Menge Müll bleibt dann ja schon hängen, ohne dass es überhaupt besprochen wird. Hier kommen ja die abstrusesten Anfragen rein – von Werbung bis hin zu einem Engagement bei den Kommunalwahlen. Und wie viele Bundesligaklubs uns schon für ihre Vereinsfeier haben wollten, damit wir "Bayern" zum Besten geben. Das ist eine Zahl, die bei Uli Hoeneß Grauen hervorrufen würde (lacht).

??? Du hast in diesem Jahr gesagt, dass sich nun fast jeder eine Meinung über Euch gebildet hat. Gelingt es Dir gegenüber Journalisten noch, das eine oder andere Klischee aufzubrechen?

Campino: Letztendlich ist es so: Es ist alles gesagt. Die Journalisten, die keinen Bock auf uns haben, setzen sich auch gar nicht mehr mit uns an einen Tisch. Ich will meine Kraft aber auch nicht mehr damit verschwenden, mit Leuten zu reden, die nicht zuhören wollen. Ich finde es eigentlich toll, mit Leuten zu reden und könnte das endlos tun, wenn es um Musik geht. Aber ein Gespräch besteht aus einem Dialog, aus gegenseitigem Interesse und Respekt. Und wenn der nicht da ist, und man einfach nur vom Boss geschickt wurde, weil man seine Zeilen haben will, dann ist das Zeitverschwendung. Das ist auch das Gute an unserer Fernsehsendung: Wir bestimmen alle Themen selbst und das ist – bei aller Mühe – eine großartige Chance, so einen Quatsch zu machen.

??? Wer auch in der MTV-Show auftaucht, sind Bands aus einer jüngeren Generation wie die Donots oder Beatsteaks. Was hat es Dir bedeutet, als die Beatsteaks bei "Rock am Ring" ein Stück von Euch gecovert haben?

Campino: Das Alter von den Bands ist mir egal. Ich bin einfach nur froh, dass es in Deutschland auch noch andere Gruppen gibt, die eine Musik machen, die in meinem Herzen noch was bewegt, halt auch Gitarrenmusik. Ich finde zum Beispiel auch die letzte Sportfreunde-Stiller-Platte echt gut. Dass die Beatsteaks ein Lied von uns gecovert haben, war ein guter Moment für uns, weil das auch ein Zeichen von Respekt ist. Das macht ja keiner älteren Band Spaß, wenn da eine junge Band sagt: "Die alten Säcke hauen wir jetzt weg!" Dann müsste man sich immer wieder beweisen und sagen: "Hört mal zu, Bürschchen, schaut Euch mal an, was wir losmachen!" Und das wäre doch leicht pubertär (lacht). Mir macht das wesentlich mehr Spaß, am Nachmittag zu denen in die Garderobe zu gehen, mit denen zu lachen. Und dann schauen wir uns deren Auftritt an, hinterher sind die auch noch bei uns und nachher wird was getrunken. Das ist eine andere Generation, aber von der Seele her wären wir in denselben Lagern gewesen, wenn wir zur selben Zeit aufgewachsen wären.

??? Ist es also jetzt an der Zeit, dass auch die Opinion-Leader die Hosen nicht nur respektieren, sondern auch richtig cool finden können?

Campino: Ich bin der Letzte, der etwas dazu sagen kann, ob man uns cool finden kann. Ich kann da immer wieder nur das Beispiel AC/DC anführen. Zuerst waren die nur großartig, dann waren sie out und galten als lächerlich und peinlich – und irgendwann drehte sich das dann wieder. Die sind schließlich Kult geworden, weil sie so lange immer dasselbe gemacht haben. Und heute sind die jenseits von Gut und Böse.

??? Spätestens seit der Geburt Deines Sohns Lenn Julian musst Du zwischen Düsseldorf und Berlin pendeln. Wie hältst Du die Balance zwischen Band und Familie?

Campino: Das funktioniert bisher sehr gut, weil meiner Freundin und mir klar war, dass das toughe Zeiten werden. Die Platte war ja letztendlich länger geplant als das Kind. Und wir wussten, dass wir da jetzt durch eine harte Brandung gehen müssen. Aber wenn man sich sicher miteinander ist, wenn man Vertrauen hat und das zusammen durchziehen will, übersteht man so etwas auch locker. Ich habe wahnsinnige Lust, dann alles mit meinem Sohn zusammen zu erleben. Wo das Wesen jetzt da ist, möchte ich sehen, wie es sich entwickelt und Freude an kleinen Sachen haben. Ich freue mich jetzt jedes Mal, wenn ich nach Hause komme.

??? Wo ist denn zur Zeit "zu Hause" für Dich?

Campino: Zu Hause ist immer da, wo meine Freundin und mein Sohn sind! Und es tut immer weh, aus der Tür rauszugehen und sich abzuseilen, weil man wieder auf Tour geht oder längere Zeit weg ist. Es ist aber auch irgendwie ein großartiger Schmerz; einen solchen hatte ich noch nie. Ich bin vorher noch nie aus einer Tür gegangen, und es hat einen Stich gegeben. Wenn ich dann wieder unterwegs bin, ist das aber auch mein Leben. Ohne dieses ständige Unterwegssein könnte ich halt auch nicht existieren. Ich habe jetzt beide Seiten. Und das ist ein Plus in meinem Leben. Da ist weit und breit kein Minus zu sehen.

??? Ist der Eindruck richtig, dass Du mittlerweile eine Geisteshaltung erreicht hast, die Dich mit vielen Dingen entspannter umgehen lässt?

Campino: Das können eigentlich nur Leute beurteilen, die mehr mit mir zu tun haben. Ich würde mich freuen, wenn es so wäre, aber ich habe manchmal den Verdacht, dass es nicht so ist. Ich würde aber auf jeden Fall dran arbeiten wollen. Ich finde es gut, in einem Spiel bis zur 90. Minute zu laufen und zu kämpfen. Das erwarte ich auch als Zuschauer. Aber nach der 90. muss es auch mal gut sein! Und wenn man verloren hat, kann man einmal "Scheiße" rufen, dann Mund abwischen und weiter. So sehe ich das auch in meinem Leben. Letztendlich kippt kein Sack Reis davon um, ob die neue Platte gut gefunden wird oder nicht. Natürlich wollen wir immer nur das Beste, geben uns totale Mühe, aber es ist auch nicht das Zentrum der Welt. Das muss man zwischendurch auch immer wieder mal relativieren.

Teil 2 des Interviews findet ihr hier.

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