Kultur. Kultur. Es lebe der Orient.

Unser Backstageraum in Samarkand von außen.

Auch drinnen herrscht eine kuschlige Atmosphäre.

Samarkand: Das Gelände sah aus wie beim ZDF-Fernsehgarten. Die Stimmung war allerdings deutlich besser.

Die hiesige Punkszene war vollzählig vertreten.

Here we go again.

Nicht alle können über Wasser gehen.

Der Wassergraben von Samarkand.

You Nutter...

Schön sein...

Ob ihrs glaubt oder nicht, wir haben dafür auch Blumen bekommen.

Nicht jeder Polizist konnte sich für Kuddels Autogrammstunde erwärmen.

Die Busreise nach Tadschikistan: Breiti schaut sich interessiert die Gegend an.

Erster Zwischenstopp nach 5 Kilometern. Schande kümmert sich um die Federung.

Ihm gehts zu langsam: Vom übernimmt das Steuer.

Letzter Pinkelstopp vor der Autobahn.

Unglaublich: Billige Sonnenbrillen im Orient. Und alles vom Originalhersteller.

Die Tadschikistan-Ultras.

Einlass in Duschanbe.

Die schönste Kartenabreisserin der Tour.

Sie waren auch dabei.

Viva la Revolution.

Interview mit Campino zum ersten Teil der "Schall und Rauch"-Tour 2010

Knapp zwei Wochen sind die Hosen jetzt unterwegs und haben auf ihrer "Schall und Rauch"-Tour einiges erlebt. Wir telefonierten mit Campino beim Zwischenstopp in Istanbul:

Schall und Rauch - Bildergalerien

Teil 1 - Die Toten Hosen in Zentralasien 1 »

Teil 2 - Die Toten Hosen in Zentralasien 2 »

Teil 3 - Die Toten Hosen in in der Türkeo, Jordanien und Amman »

Gestern seid Ihr aus Zentralasien wieder zurück nach Europa gekommen, wie wars?

All unsere Hoffnungen und Erwartungen sind bei weitem übertroffen worden. Der einzige Wermutstropfen bleibt, dass wir Kirgistian wegen der angespannten politischen Lage vor Ort absagen mussten. Ansonsten war jeder Tag aufregend und eine bleibende Erinnerung für uns.

Kasachstan, Usbekistan, Tadschikistan: Was waren die Highlights, was ist Dir besonders im Gedächtnis geblieben?

Das lässt sich nicht in zwei Sätzen sagen. Für mich persönlich war es wohl Tadschikistan, auch wenn dieses Konzert ständig in Gefahr war, abgebrochen zu werden. Mit der Polizei hatten wir Konfrontationen und Diskussionen an fast jedem Abend, aber dort war man besonders nervös. Überall war Hysterie im Raum, beim Publikum und den Sicherheitskräften. Es war eine Gratwanderung, diesen Abend durchzuziehen, ohne ihn zum Kippen zu bringen. Tadschikistan ist sicherlich das ärmste Land in Zentralasien und nichts läuft dort ohne Korruption. Die Polizei in Duschanbe baut zum Beispiel ständig Straßensperren auf, verlangt willkürlich irgendwelche Wegezölle und Strafgelder. Die Autofahrer diskutieren auch gar nicht mehr, sondern haben alle Ihre Scheine bereit, öffnen nur das Fenster und werfen das Geld raus. Sie rufen „Für den Tee“ und es kommt anscheinend auf die Autogröße an, welche Summe man zu zahlen hat. Normal ist in Tadschikistan auch, dass überall Minensuchgeräte unter die Autos gehalten werden: an allen öffentlichen Gebäuden, am Hotel, an der Halle. Immer wieder sieht man Sprengstoffhunde und man muss dauernd durch irgendwelche Kontrollkabinen gehen, weil die Sorge vor einem Terroranschlag begründeterweise allgegenwärtig ist. Aber die Einheimischen gehen erstaunlich locker damit um.

Wie kann man sich ein Konzert in Tadschikistan vorstellen?

Nun, es hat dort noch nie ein Rockkonzert gegeben. Wir spielten in einem großen Kongresszentrum mit schönen Plüschsitzen und einem wundervoll orientalisch bemalten Bühnenvorhang. Als das Publikum rein kam, so um die 2.000 Leute, haben die sich auch erst mal alle auf ihre Plätze gesetzt. In der Stadt hatte man allerdings versucht, Schwarzmarkttickets nachzudrucken und so gab es am Eingang Gedrängel und Verzögerung und wir haben mit halbstündiger Verspätung angefangen.

Bei den ersten Tönen sah das für die Sicherheitsbeauftragten alles noch ganz ordentlich aus, da haben sie sich erst mal entspannt. Aber im letzten Refrain von „Strom“ sind dann erst drei Leute aufgesprungen, dann 30 und dann plötzlich 300 innerhalb von Sekunden - die Polizei war völlig überfordert. Die konnte dann in dem Moment niemanden mehr zurückdrängen, weil die die Bühne sofort in Beschlag genommen war. Dann haben die Polizisten von den Seiten versucht, eine Schneise zu bilden, was ihnen aber nicht gelungen ist. Nach ungefähr 20 Minuten trat jemand an mich heran und sagte, wir müssten unterbrechen, da der Sicherheitschef eine Durchsage machen wolle. Wenn die Leute nicht sofort von den Sitzen stiegen, würde das Konzert sofort abgebrochen werden. Daraufhin habe ich erwidert, dass ich die Durchsage gerne selber machen würde und die uns an der Bühne zur Seite stehende Dolmetscherin gerufen. Ich habe sie gebeten, Wort für Wort das zu übersetzen, was ich jetzt von mir geben würde und nichts anderes. Das hat sie dann mit zitternder Stimme getan und wir machten uns daran, mit dem Programm fortzufahren. Doch hinter der Bühne brach sofort wieder großes Geschrei aus: Diese Durchsage war dem Hallenchef definitiv nicht hart genug. Ein in weiterer Offizieller mit Schlips und Kragen lief auf die Bühne, um seinerseits eine Durchsage zu machen. Minutenlang herrschte ein völliges Chaos. Es wurde keine Musik mehr gespielt, überall nur Geschrei. Eigentlich haben alle rumgeschrien: das Publikum zur Bühne, die Polizei von der Bühne, die Polizei untereinander, zu unseren Roadies und zum Veranstalter und irgendwo mittendrin saß die Übersetzerin, hatte einen Nervenzusammenbruch und weinte. Als die Situation völlig zu eskalieren drohte, haben wir einfach wieder angefangen, ein langsames Lied zu spielen und alles beruhigte sich vorerst wieder. Wir schafften es dann tatsächlich, unser ganzes Programm durchzuspielen und überrumpelten die Sicherheitskräfte, die ja auch noch nie ein Rockkonzert gesehen hatten, sogar noch mit einer Zugabe. Als wir abermalig von der Bühne gingen, wurde der Saal dann aber im Nullkommanichts geräumt.

Wie war das Publikum?

Es war ein bunter Haufen: Metal- und Rockfans, hundertprozentige Tote Hosen Fans und jede Menge Neugierige, die sich dieses Spektakel nicht entgehen lassen wollten. Wo wir auch hinkamen, wir wurden oft angesprochen, haben CDs von lokalen Rockbands überreicht bekommen und hier und da ein paar Kontakte knüpfen können.

Was war in diesen Tagen die größte Katastrophe?

Unser Lichtmann Stuart hat sich verletzt, als unser Bus nachts mit 100 Sachen von der tadschikischen Grenze nach Duschanbe unterwegs war und über ein Schlagloch fuhr. Mehrere von uns sind mit den Köpfen ans Busdach geprallt, aber ihn hat es am unglücklichsten erwischt und der Aufprall hat eine alte Verletzung an seiner Schulter wieder aufgebrochen. Er musste daraufhin leider sofort nach England ausgeflogen werden.

Das Schönste an dieser Reise waren für mich die Fahrten durch die unendlichen Steinwüsten im Gebirge und meine Spaziergänge durch die Städte und über die dortigen Märkte. . Ich war beeindruckt von der Begeisterung und der Dankbarkeit der Menschen.

Seid Ihr immer nur im Bus gefahren?

Nein, wir mussten oft mit dem Flugzeug fliegen, weil die Distanzen einfach zu groß waren. Kasachstan ist das siebtgrößte Land der Erde, das kriegt man überhaupt nicht anders hin. Da, wo es ging, haben wir versucht, uns mit dem Bus durchzukämpfen – unter anderem die Strecke von Usbekistan/Samarkant nach Tadschikistan/Duschanbe. Das war eine 16-Stunden-Busfahrt, allein an der Grenze haben sie uns dann dreieinhalb Stunden aufgehalten. Es gibt zwischen diesen beiden Ländern keine Flugverbindung oder irgendeinen Linienverkehr. Man fährt entweder mit dem eigenen PKW oder dem Taxi hin und her. Beide Länder sind im ständigen Konflikt um Wasser und Energieressourcen und leben in einer Art kaltem Krieg. Ein Grenzübertritt gestaltet sich deshalb als schwer. Wir mussten vor dem Schlagbaum alle aussteigen, unsere Koffer nehmen und dann 800 Meter durchs Niemandsland tragen, bis wir dann auf der tadschikischen Seite empfangen wurden. Die dortige Einlassprozedur erinnerte mich sehr an modernes Wegelagertum…

Gab es brenzlige Situationen, habt ihr mal Angst gehabt?

Nein, überhaupt nicht. Das hat aber auch mit der unglaublichen Unterstützung der Mitarbeiter von der Deutschen Botschaft zu tun. Die haben uns wirklich überall geholfen, wo es nur ging und ohne sie wären wir niemals so glatt über die Runden gekommen. Allerdings muss man sich darüber im Klaren sein, dass öffentliche Veranstaltungen mit vielen Menschen und einem gehörigen Polizeiaufgebot immer eine Gratwanderung sind. Die Situation kann jederzeit kippen und wenn es erst dazu kommt, dass Menschen abgeführt werden, wird es für die Betroffenen sehr unangenehm und die Folgen sind kaum zu überschauen. Aber ich muss hier relativieren: In Guatemala oder Venezuela war die Angst vor Gewalt in den Straßen um ein Vielfaches stärker zu spüren.

Wie habt Ihr Euch vor Ort verständigt?

Wie immer auf solchen Reisen waren es Esperantoabende. Wir haben es auf Deutsch und auf Englisch versucht, jede Menge Russisch mit eingebaut und hier und da lokale Redewendungen dazugenommen. Wer uns dann immer noch nicht verstanden hat, konnte sich wenigstens mit uns über die Musik einigen…

Es sind ja eine ganze Reihe Fans aus Deutschland mitgereist, was habt ihr davon mitbekommen?

Wir haben uns fast an jedem Showtag getroffen und unsere Erlebnisse und Geschichten ausgetauscht. Auf solchen Reisen rückt man einfach zusammen. Dem einen oder anderen konnten wir mit unseren Verbindungen zur Botschaft helfen. Da ging es um Visa- oder Geldprobleme und andere Angelegenheiten. Viele von ihnen haben die Strecke auf noch abenteuerlichere Art zurückgelegt als wir, sind mit Bus und Bahn hinterhergekommen und haben Unglaubliches erzählt. So wurde einem Fan die Einreise nach Usbekistan nur im Austausch mit der „Auto Bild“ bewilligt.

Während der Konzerte habe ich die Ultras oft irgendwo mitten in der Menge gesehen beim Tanzen, Singen und Reden mit irgendwelchen Einheimischen. Das hat mich unheimlich gefreut. In Samarkant wurde ihnen verboten , ihre Fahnen mit reinzunehmen. Was haben die gemacht? Sie haben ein großes Transparent ausgerollt, auf dem stand „Ich schwenke eine Fahne“ und überall daneben wurden Zettel hochgehalten „ich auch“, „ich auch“, „ich auch“. Wir mussten wirklich lachen. Eine geniale Idee…

Was ist die Bilanz nach Eurer Zentralasienreise?

Sie war ein voller Erfolg und wir würden gerne noch mal wiederkommen. Diese Tour war wieder mal ein Beweis für mich, dass Musik universell funktioniert und mehr sagt, als Tausend Worte. Auf diese Weise die Welt zu entdecken, ist für mich das Beste, was es gibt. Man läuft über den Markt und jemand schreit „Where are you frooom???“ Du rufst zurück „Germany! Almania!“ und mehrere antworten „Ohhhh, Olli Kahn, Olli Kahn!“ Besser geht’s nicht!

Während der langen Busfahrten habe ich oft darüber nachgedacht, wie einseitig wir damals in Westeuropa und der Bundesrepublik mit Vorurteilen über die Sowjetunion gespeist wurden. Es wurde den Menschen bei uns ein absolutes Bösewichtbild vermittelt, das einfach nicht hinkommt. Diese riesige Region Zentralasien zu befrieden und dafür zu sorgen, dass alle Menschen irgendwie ihr Auskommen haben, ist eine unglaubliche Leistung gewesen. Der Rückzug der Russen aus diesen Gebieten hat jedes dieser Länder in eine schwere Krise gestürzt, von der sie sich nur sehr langsam erholen. Ich glaube, wir müssen aufhören, den Ländern in dieser Region unsere westliche Vorstellung von Demokratie aufzuzwängen. Das kann hier nicht funktionieren, denn eine Jahrtausende alte Tradition der Clan-, Familien- und Stammespolitik kann auf diese Weise nicht aufgebrochen werden.

Fühlt Ihr Euch in irgendeiner Form als Botschafter?

Ich würde das Ganze nicht so hoch hängen, aber es ist klar, dass wir Deutschland repräsentieren, wenn wir im Ausland spielen. Wir haben mit unserer Musik jetzt über 50 Länder besucht, und das, was wir in unserer Sprache nicht rüberbringen konnten, hat die Musik vermittelt. Dadurch hatten wir auch immer die Möglichkeit, an die einfachen Menschen heranzukommen. Wenn wir eine Theatergruppe wären, liefe das sehr viel schwieriger ab.

Des Öfteren waren wir auf unseren Reisen auf die Hilfe der Deutschen Botschaft oder des Goethe-Institutes angewiesen und nicht selten haben sich diese Institutionen sehr weit für uns aus dem Fenster gelehnt. Im Gegenzug haben wir versucht, zuverlässige Partner zu sein und so haben wir auch angespannte Abende gemeinsam immer wieder gut überstanden.

Was passiert in den nächsten Tagen?

In Istanbul hatten wir zwei Tage Zeit zu verschnaufen und Kraft zu tanken für den zweiten Teil der Tour. Jeder ist für sich alleine ein bisschen durch die Straßen gelaufen und es war lustig, sich dann doch wieder an irgendeiner Hausecke entgegenzukommen, um dann gemeinsam die Suche nach einem Restaurant fortzusetzen.

Wir bleiben alle ganz ruhig, keine wilden Partys. Zwischendurch ein paar Interviews für Polen und Israel, ansonsten viel schlafen. Was uns in Jordanien erwartet, weiß keiner und Israel wird natürlich auch noch mal ein besonderer Abend. Danach werden wir in Polen wohl das Gefühl haben, wieder nach Hause zu kommen. Wir hoffen doch sehr, dass wir dort einen richtigen Hexenkessel erleben.

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