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Das große Auswärtsspiel-Interview 2002

Das große Auswärtsspiel-Interview 2002 - Teil 2

??? Mit den Zeilen "Unterwegs auf der Straße, die dich nach morgen führt, im Rückspiegel siehst du all die Jahre hinter dir" beginnt das neue Album. Das Lied "Du lebst nur einmal" handelt von jemandem, der auf "all die ganzen Jahre" zurückschaut?

Campino: Es geht darum, nicht zu lange zu warten, bis irgend jemand anders Dich abholt, um die Party zu starten, sondern schon mal alleine anzufangen. Denn da kommt keiner, der Dich aus der Scheiße rausholt. Wenn Du nicht selber den ersten Schritt machst, kannst Du lange warten. Man lebt nur einmal. Die Zeit verfliegt.
Andi: Das ist ungefähr so, wie wenn Du eine gute Flasche Wein geschenkt bekommst, die hinstellst und sagst: "Die trinke ich mal irgendwann zu einem wichtigen Anlass." Trinke sie besser direkt, wer weiß, ob Du es sonst noch erlebst!

??? "Was zählt" ist die erste Single, die Ihr aus der neuen Platte ausgekoppelt habt, und wartet mit starken Bildern auf. Ist der Eindruck richtig, dass die Bibel teilweise Pate stand?

Campino: Die Bibel ist ein tolles Buch und die malt sehr schöne Bilder. Und ich glaube, wenn ich in eine Notlage geraten würde und mir keine Texte mehr einfielen, dann würde ich mich auf diesen Fundus von Ideen stützen. Letztendlich streift die Bibel ja philosophisch gesehen jedes Thema, das uns interessiert. Diese Gleichnisse, die da immer erzählt werden, die sind schon ein sehr gutes Training für die Phantasie. Solche Sprüche wie "von Wasser und Salz leben" kann man da in unterschiedlichsten Variationen finden. Ich kann verstehen, dass man vermutet, dass die bei mir im Hintergrund schwebt. Ich bin aber überhaupt nicht bibelfest, obwohl ich es vorhabe, sie demnächst zu lesen. Es gibt da eine englische Ausgabe, die in einer bodenständigeren Sprache verfasst wurde, ohne all das Pathos.

??? Das Stück "Auswärtsspiel" ist zum Namensgeber für das ganze Album geworden...

Campino: "Das Leben ist ein Auswärtsspiel", das ist ein philosophischer Satz, der nur in Düsseldorf geprägt werden konnte. Deshalb war es logisch, dass dieses Stück irgendwann mal kommen musste. Eine der schwierigsten und wichtigsten Übungen ist es für uns Lieder zu schreiben, die dieselbe Energie wie früher haben, aber mit denen wir uns nicht selbst kopieren. Sprich "Opel-Gang", "Liebesspieler" und so weiter. Ich hoffe, dass uns mit diesem Stück wieder ein Ding von dieser Sorte gelungen ist. Der Refrain "Olé, ola" ist eine ganz klare Referenz an Argentinien, weil unsere Fans dort zwischen den Stücken immer solche Chöre angestimmt haben. Musikalisch geht es bestimmt ein bisschen in Richtung Bad Religion, an denen orientieren wir uns neben New Model Army immer wieder ganz gerne.

??? Ist "Auswärtsspiel" der Fortuna-Song, den Ihr immer schreiben wolltet?

Campino: Es ist ein Lied über Fortuna, aber irgendwie auch über das Leben. Ich habe mich immer schwer getan, eine reine Fortuna-Hymne abzuliefern, weil ich mir denke - bei aller Sympathie - was wollen die Leute in Hamburg damit? Natürlich habe ich, als ich "Auswärtsspiel" geschrieben habe, an F95 gedacht, aber das Stück sollten auch andere für sich gut finden können. Wir sponsern den Verein ja schon, sitzen im Stadion, wenn wir in der Stadt sind, featuren das auch ohne Ende bei Konzerten, wenn die Schals durch die Luft fliegen. Dann noch den ultimativen "Ich latsch zum Flinger Broich"-Song zu schreiben, das wäre nichts für eine normale Hosen-Platte.

??? Du hast Dich zuletzt zum Fansein an sich geäußert. Zitat: "Für uns bedeutet das Wort ,Fan' immer noch ein Bekenntnis, dass man gemeinsam durch dick und dünn geht und seine Band oder seinen Verein auch mal unterstützt, wenn die Dinge schief oder unschön laufen, oder es wirkliche Krisen gibt. Ein schlechtes Spiel oder ein schwaches Konzert sollte jeder Fan seiner ,Mannschaft' verzeihen können, sonst wäre es kein Fan."

Campino: Man muss einfach akzeptieren, dass weder ein Sportler noch ein Musiker ein Leben lang Hochleistungen vollbringen kann. Es ist einfach nicht möglich, seine Bestform ständig zu konservieren, vor allem nicht in zwanzig Jahren. Deshalb ist es ganz klar, dass man mal stärkere und mal schwächere Alben abliefert - und mal stärkere und schwächere Konzerte spielt. Wenn ich das als Fan mitbekomme, dass einer sagt: "Die Vibrators sind aber scheiße geworden, die waren ja heute total blöd." Und vorher hatte der in seinem Leben vielleicht 17 geniale Abende der Vibrators erlebt, dann kann ich das nicht verstehen. Der sollte meiner Meinung nach sagen: "Heute waren sie vielleicht nicht so toll, aber warten wir mal ab, nächstes Mal sind sie vielleicht wieder frischer."

??? Fortuna-Fan zu sein...

Campino: ...ist doch das Bekenntnis: "Ich zieh mir die Scheiße rein, auch wenn es mies wird, auch wenn es weh tut." Und so sehe ich das für eine Band auch. Der Fan sollte die auch in einer Situation verteidigen, in der sie auch mal schwach ist, und sie nicht sofort in Frage stellen. Klar kann man auch eine Initiative machen wie im Fußballverein, wenn die Millionarios nicht mehr laufen: "Schmeißt den Sänger raus! Campino, nimm Dein Geld und geh!" Wenn ich einen anderen Vertrag kriegen würde, würde ich das auch akzeptieren. Nur das Problem ist: Mich will keine andere Mannschaft mehr kaufen.

??? Es gibt eine Coverversion auf dem Album, den Reggae-Klassiker "Cokane In My Brain" von Dillinger, der sich bei Euch ungleich härter anhört. Wieso habt Ihr Euch für dieses Stück entschieden?

Campino: Beim Hamburger Label Echo Beach gibt es eine Compilation-Serie, die "King Size Dub" heißt. Da ist uns dieses Stück aus den 70ern als Remix-Version noch mal aufgefallen. Ich habe das immer gerne gehört, das ist ein altes Lieblingslied von mir. Da habe ich mir gedacht, das kann man doch auch mal wie Rage Against The Machine spielen.
Andi: Punk und Reggae liefen ja früher oft nebeneinander: The Clash haben bekanntlich immer viel Reggae gehört. Und das Stück von Dillinger war schon zu dieser Zeit ein Hit, als Punk losging. Die Originalmelodie haben wir zwar beibehalten, aber wenn man unsere Version hört, wird man schon eine deutliche Veränderung feststellen.
Campino: Das Stück ist kein drogenverherrlichendes Lied, es ist auch kein Anti-Drogen-Lied. Ich kann nicht für Dillinger die Aufgabe übernehmen, es zu interpretieren, aber im Grunde ist es nur die Beschreibung von jemandem, der das Zeug genommen hat, und der durchdreht, weil es ihn auffrisst wie eine Flamme. Ich habe mal gehört, dass die Wirkung von dem Zeug so sein soll (lacht). Unsere Referenz ist aber auf jeden Fall rein musikalisch zu verstehen.

??? Selbstironie beweist Ihr in dem Stück "Graue Panther", das sich um die vermeintlichen Sorgen der "Altpunks" dreht.

Andi: Mit diesem Stück wollten wir die Antwort auf die zu erwartenden Journalistenfragen, ob wir uns nicht zu alt fühlen, vorwegnehmen. Die kommt in unserer Hitparade der blödesten Fragen übrigens direkt nach "Wieso heißt Ihr Die Toten Hosen?" Wenn wir uns wirklich so alt fühlen würden, wie es im Text beschrieben wird, dann hätten wir es sicher nicht auf die Platte gepackt. Es ist eine ironische Betrachtungsweise dieser Thematik.

??? Wie denkt Ihr heute über die Typen, die vor knapp 20 Jahren die "Opel-Gang" aufgenommen haben?

Campino: Ich habe keine Ahnung, wie die Typen von damals uns heute gefunden hätten. Würde mich freuen, wenn sie das akzeptieren würden, was wir veranstalten. Wenn sie anerkennen würden, dass wir uns okay entwickelt haben. Ich würde heute zu denen sagen, wenn ich ihnen begegnen würde, dass sie ein bisschen aufpassen sollten. Und wenn ich zwei Tage mit denen verbracht hätte, würde ich wahrscheinlich sagen: "Anstrengend, das brauche ich nicht mehr, sind aber okay."
Andi: Ich glaube, wenn ich heute einer Band wie den Toten Hosen vor 20 Jahren begegnen würde, dann fände ich das schon okay. Ob ich mit denen aber auf Tour fahren wollte, das weiß ich nicht. Das war damals extrem anstrengend. Wir haben uns da schon die Breitseite gegeben. Ob ich das heute brauche, weiß ich nicht. Ich fühle mich heute gesünder als damals. Wenn ich mir heute alte Interviews angucke, da sehe ich echt nicht gut aus. Und ich habe mich damals körperlich auch oft nicht gut gefühlt. Du hast aber am Anfang auch eine gewisse Naivität und willst Gas geben. Und das tust auch.

??? Eure schlimmste Erinnerung?

Campino: Wenn jetzt die Tür aufgehen würde, und da würden fünf Typen wie wir damals - wahrscheinlich voll bis zum Anschlag - reinkommen, und die würden rumlachen und rumalbern, da gäbe es Momente, da passt das. Und es gibt andere, da würdest Du nur noch betreten gucken und sagen: "Das ist aber ganz schön peinlich jetzt." Das war immer so eine Gratwanderung. Und ich glaube nicht, dass uns alle Leute, bei denen wir damals gepennt haben, freiwillig ein zweites Mal aufnehmen würden! Da muss man ganz ehrlich sein.
Andi: Wir hatten früher wirklich überhaupt kein Geld, um uns ein Hotel leisten zu können. Und wir haben dann vor dem Auftritt immer gefragt, bei wem wir pennen können. Wer keinen Pennplatz bekommen hat, musste dann im Opel Blitz über der Anlage pennen.
Campino: Das war aber auch eine Grundsatzdiskussion, als wir mit den Hotels angefangen haben. Ich fand "privat schlafen" immer besser, denn da hast Du Menschen kennen gelernt, hast in anderer Leuts Kühlschränke geguckt, und gesehen, wo die ihre Zahnbürsten hintun. Das war sehr spannend.
Andi: Das war auf Dauer auf einer Tour aber auch kaum durchzuhalten, denn zwangsläufig war dann jeden Abend irgendwo anders Party angesagt.

??? Eure beste Unterkunft in diesen frühen Tagen?

Campino: Das Manko in der Punkbewegung war: Es haben zu wenige Kinder von reichen Eltern mitgemacht. Sonst hätte man auch mal besser geschlafen.
Andi: Einmal in Stuttgart hatten wir Glück. Da haben wir in einer absoluten Schicki-Villa gepennt, weil die Eltern weg waren. Die hatten Duschen mit acht Massageknöpfen. Das war zusammen mit den Einstürzenden Neubauten, und Mufti hat sich dort das einzige Mal auf der ganzen Tour geduscht.
Campino: Ich war nicht dabei, diese Chance habe ich verpasst. Wahrscheinlich war ich mit Breiti bei diesen zwei Frauen in Tübingen...

??? Oder hast gerade "Das Mädchen aus Rottweil" getroffen?

Campino: Da ist ja nichts draus geworden. Man hat sich halt nur angeschaut. Das Lied ist einerseits eine Spitze auf die Stadt Rottweil, die nur wegen ihrer Hunde bekannt ist, und andererseits geht es um eine Situation, die jeder kennt. Nämlich dass man völlig unvermittelt in eine Person reinrennt und länger hinguckt, als eigentlich erlaubt ist. Das ist schon ein bisschen taktlos, aber man macht weiter und hat nicht den Mumm hinzugehen und die Sache zu klären. Stattdessen fährt man mit dem Auto weiter. Und ärgert sich Stunden später, warum man nichts gesagt hat. Hin und wieder malt man sich dann aus, wie das hätte sein können, und was man wohl verpasst hat.

??? Wie oft ist Dir das in Deinem Leben passiert?

Campino: Hin und wieder. Ich kann wirklich zwei, drei Momente abrufen, die ich nie vergessen werde, wo ich solchen Menschen begegnet bin. In die ich mich innerhalb einer Sekunde verknallt habe, aber nie mit denen gesprochen habe.

??? Warum habt Ihr Euch hier für Zigeunermusik als Stilmittel entschieden?

Andi: Das ist reiner Zufall, aber wir mögen zum Beispiel Emir Kusturica und das No Smoking Orchestra sehr gerne, nicht zuletzt durch den Film "Schwarze Katze, weißer Kater".
Campino: In Deutschland weiß man ansonsten wenig über jugoslawische Volksmusik. Ohne Kusturica nahe treten zu wollen, aber in Jugoslawien spielen sie an jeder Straßenecke diesen Sound. Und die beherrschen das alle in Perfektion. Die Musiker von Kusturica entstammen übrigens teilweise der Punk-Rock-Szene in Belgrad. Eine Zusammenarbeit mit ihnen kam aber aus Zeitgründen nicht zustande.

??? Der Titel "Dankbar" zeigt, dass Ihr aber auch immer noch von so manchen alten Helden beeinflusst seid?

Andi: Ich habe das Stück letztens einem Bekannten vorgespielt, und der hat zu mir gesagt, dass sich das wie eine gute Nummer von The Clash anhört. Da die schon immer zu unseren absoluten Lieblingsbands gehört haben, war das für mich natürlich ein ganz großes Kompliment.

??? Ist "Tier", das kürzeste Stück der Platte , so etwas wie der zweite Teil von "Sonntag im Zoo"?

Andi: "Sonntag im Zoo" war eine Coverversion von Frank Z, "Tier" haben wir selbst geschrieben. Uns erinnert das Stück mittlerweile etwas an frühe Wire-Stücke, weil die auch immer schnell auf den Punkt kamen.
Campino: Bei "Tier" geht es darum, dass man sich selber wie ein Vieh im Käfig fühlt. Im Gegensatz zu Franks Lied latschst Du nicht durch den Zoo und denkst Du bist frei. Frank hat aus der Sicht des Täters geschrieben, wir aus der Sicht des Opfers. Draußen vor dem Käfig stehen die Sieger und schauen sich gelangweilt um, bevor sie zum nächsten Käfig rübergehen. Und Du bist in die Enge getrieben, kannst Dich nicht wehren, weil eben dieser Käfig da ist. Man ist total hilflos, obwohl man eigentlich der Stärkere ist.

??? "Kanzler sein" gehört zu den erwähnten humorvollen Stücken auf "Auswärtsspiel" - seid Ihr Schröder mal persönlich begegnet?

Campino: Ich bin mal in einer Talkshow auf den getroffen. Er hatte gerade die Niedersachsen-Wahl gewonnen und wurde zugeschaltet. Und da haben wir uns halt gegenseitig ein paar Sprüche an den Kopf geworfen. Ich habe ihm einen Joint angeboten und so.

??? Die Scorpions haben vor der letzten Bundestagswahl ja den politischen Doppelpass mit Schröder gespielt...

Andi: Das hätten wir nie gemacht. Das Lied ist ja auch keine Lobeshymne auf den Bundeskanzler. Es geht ja eher um die ganze Problematik seines Jobs, mit einem gewissen Humor betrachtet. Wir haben uns nie für irgendeine Partei hingestellt und gesagt: "Ihr müsst jetzt alle diesen Kanzlerkandidaten wählen!" Wir sagen sehr wohl, wo wir politisch stehen, und was wir für eine Meinung haben, aber wir sind nie auf Wahlveranstaltungen aufgetreten. Es besteht nämlich immer die Gefahr, dass Du von solchen Leuten vereinnahmt wirst. Wenn da eine Kamera ist, würde Dir jeder Politiker sofort die Hand schütteln und auf "dufte" machen. Dem sind wir immer aus dem Weg gegangen.

??? Campino, auf "Unsterblich" gab es ein Stück über den Tod Deines Vaters, diesmal singst Du über Deine verstorbene Mutter?

Campino: In "Unser Haus" ging es aber mehr darum, Erinnerungen aus der Jugend zu erzählen. Für "Nur zu Besuch" war die Geschichte mit meiner Mutter der Auslöser, warum ich das so aufgeschrieben habe, aber es geht um etwas Allgemeineres. Jeder, der irgendwie von einem nahestehenden Menschen weggerissen wurde, sollte das Gefühl kennen. Gedanklich ist man noch oft bei der Person. Du kommunizierst auch noch weiter mit ihr, obwohl sie längst tot ist. Es besteht nach wie vor eine Verbindung. Das wollte ich ausdrücken, nicht wer da bei mir wieder gestorben ist.

??? Es kommt aber schon sehr persönlich rüber...

Campino: Es gibt da auch eine verräterische Zeile, über die ich sehr lange nachgedacht habe. Da singe ich ja einmal "Und dein Garten, es geht ihm wirklich gut". Es ist dann schon klar, dass es da in dem Moment nicht um einen von meinen Saufkumpels geht, die sowieso nie einen Garten gehabt haben. Da weiß dann schon jeder, was gespielt wird. Obwohl ich eine zeitlang vorhatte, das zu ändern und den Text belangloser zu machen, habe ich mir gedacht: Steh doch mal dazu! Du hast es ja deshalb geschrieben und irgendwo macht das auch den Reiz aus, dass Du so eine Tür aufmachst, etwas erzählst, was nicht ausgedacht ist, sondern absolut stimmt. Nur so kriegst Du die Intensität hin, die das Lied nun hat, wie ich hoffe.

??? Hat einer von Euch dafür Klavierunterricht genommen?

Campino: Das Klavier hat Hans Steingen eingespielt. Den rufen wir immer hinzu, wenn es ganz filigran wird. Der hat auch die Kontakte zu richtigen Musikern. Wenn wir Arrangements mit Geigensätzen machen, dann ist die beste Mischung, ein, zwei Leute das wirklich einspielen zu lassen, als dass es hinterher nur synthetisch klingt. Hans hat nur bei diesem Stück mitgemacht; ansonsten haben wir viel mit einem Kumpel von T.V. Smith gearbeitet, Tim Cross. Der hat auch einen klasse Job gemacht, bei Sachen, die wir nicht so gut drauf haben, wie zum Beispiel Flöten.

??? Es gibt mit "Daydreaming" ein selbstgeschriebenes englisches Stück auf dem Album, bei dem auch wieder T.V. Smith seine Finger im Spiel hatte?

Campino: Die Tradition der Zusammenarbeit mit T.V. besteht seit der "Pushed Again"-Single. Da haben wir gemerkt, dass das total gut funktioniert, zusammen Sachen zu schreiben. Damals hat er sich bei dem Titel "Revenge" voll miteingebracht. Und auf der englisch übersetzten Platte "Crash Landing" hat er auch unglaublich geholfen. Englische Stücke machen wir immer wieder gerne für unsere Anhänger in den etwas exotischeren Ländern. Man wundert sich ja doch manchmal, wo die Platten überall rumliegen. Es ist einfach nett für die Leute in Japan, mal ein Stück zu hören, das sie wesentlich schneller verstehen als ein deutsches Lied. Ich bediene außerdem damit mein heimliches Bedürfnis, englische Lieder zu singen. Meine ganze Lieblingsmusik kommt schließlich von da: Lurkers, Boys, Adverts. Es fühlt sich für mich auch ganz anders an, wenn ich Englisch singe. Ich weiß, dass wir unsere Existenzberechtigung bei den deutschen Sachen haben, aber komischerweise ist meine Stimme dann ganz anders. Mir fällt es leichter, auf Englisch zu singen.

??? Habt Ihr schon mal darüber nachgedacht, ein Lied auf Spanisch aufzunehmen?

Campino: Wenn wir in Argentinien waren, haben wir uns immer mehrere Sachen übersetzen lassen, zum Beispiel "Viva la Revolution" oder "Liebeslied". Das ist immer sehr gut angekommen, auch wenn sich das bestimmt witzig anhört, wenn ich versuche, auf Spanisch zu singen. Ich habe es zuletzt aber versucht, Spanisch zu lernen. Während unserer Tage in Spanien hatte ich eine Spanischlehrerin. Das hat dann in Kuba auch gereicht, um den Weg zur Post zu erfragen. Doch das ist durch die ganze Zeit im Studio wieder versandet. Es ist mein größter Wunsch, Spanisch sprechen zu können. Das wäre geil, wenn man sich einen Chip kaufen könnte, den man einfach in seinen Kopf schiebt, und dann kann man Spanisch. Ich beneide Breiti sehr darum, dass er das echt fließend spricht.

??? Hast Du für das Stück "Amanita phalloides" eigentlich einfach einen Beipackzettel abgeschrieben?

Campino: Die Bandbreite kriegst Du gar nicht auf einen Beipackzettel. Das sind alles Krankheitserscheinungen, die ich aus dem Ärzte-Fachbuch habe, ein ziemlich trockener Fachstoff. Da geht es nur um Erscheinungsformen von Krankheiten und Gegenmittel. Daher habe ich auch diesen Begriff "Amanita phalloides", was ein Fliegenpilz-Extrakt ist. Es gibt keine größere Lieblingsbeschäftigung von mir, als in Bibliotheken rumzulaufen und den ganzen Tag dort rumzuwühlen, überall Bücher rauszuziehen, darin zu blättern und darin zu versinken.

??? Welche Literatur bevorzugst Du dabei?

Campino: Je abstruser umso besser. Ich habe etwa Wälzer über Psychiatrie gelesen. Es gibt ja Kurzgeschichten und Gedichte von Leuten, die in die Psychiatrie gekommen sind. Da sind super spannende Sachen bei. "Die Fliege" von der "Opium", wie die im Kopf rumkrabbelt, da dachte ich mir auch schon, das kann nur gut gehen, wenn Du echte Fachausdrücke verwendest. Da musste ich mich schon mal umschauen, wie es so aussieht in Schädel und Hirn. Zirbeldrüse und was da alles so los ist. Ohne diese Begriffe wäre das Lied ja langweilig gewesen.

??? In "Depression Deluxe" wird von Euch wieder mal der Selbstmord thematisiert - mit der Zeile "...geh in meinen Schrank und häng mich auf"?

Campino: Dabei geht es um ein Gefühl, dass vielleicht jeder kennt, der mal wirklich runtergezogen worden ist. Eine echte Depression ist ja kein Scherz, das ist auch nicht "Mir geht´s heute nicht so gut". Eine Depression ist etwas, was wie ein Wahnsinnshammer über einen kommt. Da kann man soviel reden und analysieren und sprechen, wie man will, man wird dieses leere Gefühl nicht los. Das ist eine echte Krankheit Da kann es leicht passieren, dass man hin- und herschaltet zwischen Realität und Traum. Man malt sich aus, wie es ist, wenn man sich umbringt.

??? Das Lied "Steh auf, wenn du am Boden bist" ist positiver und besitzt dazu unverkennbaren Hymnencharakter...

Campino: Das ist aus dem Blickwinkel eines anderen, der sieht, dass es jemandem dreckig geht. Und der dann sagt: "Halt den Kopf hoch! Versuch, Dich zusammenzureißen! Es wird schon weitergehen, andere Leute sind auch angeschissen." Es kommt einfach immer auf den Blickwinkel an. Es gibt schon tausend Lieder über die Liebe, und es wird immer mal wieder ein gutes dazukommen, wenn jemand eine neue Perspektive entdeckt. Bei "Steh auf..." geht es eher um jemanden, dem ein Unglück widerfahren ist, dem das Schicksal vor die Beine geschlagen hat.

??? Ist "Steh auf..." auch ein Beitrag zur allgemeinen Wirtschaftslage, angesichts von Rezession und Arbeitslosigkeit?

Campino: Nein! Im Kopf hatte ich immer eine Zeile wie "Walk On With Hope In Your Heart". Und im Englischen ist es nicht peinlich. Ich habe gehofft, dass wir eine ähnliche Sache hinkriegen würden. Das war die Intention von diesem Stück.

??? "Schwimmen" ist ein Beispiel dafür, dass ein Stück auch mal erst im Studio entstehen kann?

Andi: "Schwimmen" ist sicherlich unser experimentellstes Stück auf dem Album. Es ist zufällig im Studio entstanden, als wir in den Pausen im Studio einfach mal auf irgendwelche Metallteile gehauen haben. Das hat uns irgendwann so gut gefallen, dass wir gesagt haben: "Komm, lass es uns auf die Platte nehmen!" Und haben es dann am Anfang mit einer spanischen Gitarre und mazedonischer Volksmusik kombiniert, was für ein Hosen-Stück sicherlich äußerst ungewöhnlich ist.

??? Der Titel "Venceremos - Wir werden siegen" bezieht sich ja ganz klar auf Euren einwöchigen Trip nach Kuba im letzten Jahr...

Campino: Das ist mehr so ein kleiner Reisebericht. In Havanna ist mir aufgefallen, dass an jeder Straßenecke Polizei ist und überall an den Wänden und Häusern stehen Parolen. Fidel Castro oder Che rufen der Menge von den Plakaten aus immerfort zu: "Wir werden siegen, der Kampf geht weiter." Manchmal gibt es die idiotischsten Plätze, an denen diese Schilder herumstehen. Mitten auf dem Land, kilometerweit keine Menschenseele, dann aber ein Riesenschild im Kartoffelacker. Dazu passend dann, dass in den Dörfern nirgendwo ein Bus rumfährt, und dass alle auf der Straße rumsitzen und stundenlang warten. Das Stück ist der völlig wertfreie Versuch einer Situationsbeschreibung. Es ist in 20 Jahren Tote Hosen selten vorgekommen, dass ich mal so ein neutrales Lied geschrieben habe. Vielleicht sollten wir einfach mal öfter verreisen...

??? Stellt "Kein Alkohol (ist auch keine Lösung)!" das obligatorische Trinklied dar, das auf jeder Hosen-Platte drauf sein muss?

Campino: Auf der "Unsterblich" war von dieser Sorte gar kein Lied, und jeder kann sich wohl vorstellen, wie schwer das war, diese vier Jahre durchzuhalten, ohne so etwas von uns zu geben (grinst). Das soll ein Wegweiser sein, dass man immer noch mit uns zu rechnen hat in punkto flaches Liedgut. Wir können es nicht lassen. Und es fühlt sich nach wie vor gut an. Wir haben wieder mal gelacht. Nur weil es sich um Alkohol handelt, muss es ja nicht zwangsläufig stumpf sein. Es kann auch eine lustige Betrachtung dieses sehr wichtigen Faktors im Leben sein. Wenn ich über Liebe singe, weil das in meinem Leben eine Rolle spielt, dann ist wohl auch ein gewisser Prozentsatz über das Trinken genehmigt.

??? "Kein Alkohol" ist ja auch die zweite Single-Auskopplung. Wie seht Ihr die Chancen, den Kölner Bläck Fööss oder Höhner den diesjährigen Karnevalshit streitig zu machen?

Campino: Ich denke, es sind einige Zeilen dabei, die dem normalen Karnevalisten das Lachen im Halse stecken lassen. Diese Zeile "Vatikan und Taliban" wirst Du auf keiner Karnevalssitzung in dieser Form finden. Und die anderen Lieder wie "Bis zum bitteren Ende" oder "Jägermeister" sind längst größere Hits als alles von diesen Kölner Kapellen. Ich kenne die jetzt namentlich auch gar nicht... Die singen halt für ihre Rheinseite, wir für unsere. Und wir singen halt auch noch außerhalb der Saison.

Teil 1 des Interviews findet ihr hier.

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