"Ich habe auf Tour schon Kopien von meinen Hemden gesehen"
Interview mit Susy Hertsch, verantwortlich für Bandbekleidung und Tour-Merchandise der Hosen (im September 2002)
??? Du kennst das "Tourleben" ja eigentlich schon von Kindesbeinen an.
Susy: Ich bin in Bayern geboren, in Texas aufgewachsen - und wohne jetzt auf der
Kiefernstraße in Düsseldorf. Während meiner Jugendzeit sind wir andauernd
umgezogen, weil mein Vater bei der Bundeswehr ist, wir waren ein Jahr hier,
ein Jahr dort. Die längste Zeit am Stück habe ich in Soest verbracht, es war
schrecklich. Als meine Eltern dann wieder nach Amerika gegangen sind, habe
ich mich mit sechzehneinhalb Jahren abgesetzt und bin erst mal auf einem
Hippie-Bauernhof gelandet.
??? Wann bist Du ins Rheinland übergesiedelt?
Susy: Mitte der 80er Jahre bin ich nach Düsseldorf gezogen, weil ich dachte, dass
es mal an der Zeit wäre, einen Job zu erlernen. Ich habe dann eine
Ausbildung als Erzieherin gemacht und darüber hinaus die Kiefernstraße für
mich entdeckt. Die war in den 80ern die Düsseldorfer Ausgabe der
Hafenstraße, ein großer Spielplatz. Ich wohne noch heute in einem der
ehemals besetzten Häuser, weil wir irgendwann Mietverträge bekommen haben.
Die Stadt meinte damals wohl, es wäre besser, diese Verrückten in einer
Straße zu lassen, als sie über die ganze Stadt zu verteilen (lacht).
??? Was hat Dir an der Kiefernstraße besonders gefallen?
Susy: Ich war dort nie besonders politisch unterwegs. Was mir nicht gefallen hat,
dagegen habe ich mitgemacht, ansonsten habe ich es halt bleiben lassen. Was
es ausgemacht hat? Ich konnte auf dieser Straße verrückt sein, da waren
lauter Pippi Langstrümpfe und Huckleberry Finns. Die Kinder haben auf der
Straße gespielt. Eigentlich herrscht auf der Kiefernstraße bis heute der
Ausnahmezustand. Ich bin auch immer gerne ins AK-47 gegangen, um mir
unbekannte Punk-Bands anzuschauen. Ich kann mich grundsätzlich schlecht an
Bandnamen erinnern, aber einige von denen habe ich hinterher im Fernsehen
wiedergesehen.
??? Was hast Du nach Deiner Ausbildung beruflich gemacht?
Susy: Ich habe mich in der Tanz- und Theater-Szene getummelt, weil ich damals
schon Künstlerin werden wollte. Und weil ich keinen Chef ertragen kann, der
mir ständig sagt, was ich zu tun habe, musste ich immer alles allein machen.
Ich habe mein Geld mit wirklich obskuren Ideen verdient, zum Beispiel als
die Techno-Szene mit ihren grellen Klamotten aufkam. Da habe ich einfach
alles, was an Stoffen auf dem Dachboden herumlag, zusammengeschustert und
sehr erfolgreich auf dem Trödelmarkt verkauft. Ich war zu der Zeit der
bunteste Stand.
??? In dieser Zeit hast Du auch zum ersten Mal mit den Hosen zusammengearbeitet?
Susy: Die Hosen wollten damals für ihre Tour Batik-T-Shirts haben, die gab es aber
nur in England. Da bin ich nach Hause gefahren, habe mal versuchsweise ein
T-Shirt in den Topf geworfen und war plötzlich die "Batik-Firma". Ich weiß
nicht, wie viel tausend Batik-T-Shirts ich danach hergestellt habe, meine
ganze Bude war auf jeden Fall voll damit. Der Kontakt zu den Hosen war
zustande gekommen, weil ich vorher schon deren Merchandise-Pakete gepackt
hatte, um mir Geld für eine Reise nach Indonesien zu verdienen. 1987 bin ich
dann auch zum ersten Mal mit auf Tour gefahren, um T-Shirts zu verkaufen.
Ich bin zusammen mit der heutigen Frau von Kuddel immer im VW-Bully hinter
den Jungs hergezockelt.
??? Wie kam es dazu, dass Du Dich dann auch um die Bandoutfits gekümmert hast?
Susy: Andi hat bis Ende der 80er Jahre noch selbst Handsiebdruck gemacht und
T-Shirts hergestellt. Er hatte dann aber irgendwann keine Zeit mehr und hat
mir gezeigt, wie das geht. Ich habe dann auch die Klamotten dazu eingekauft,
die Ideen für das Material kamen aber weiterhin von ihm. Die einzelnen
Bandmitglieder haben sich dann Sprüche ausgedacht oder Sterne angeschleppt,
die sie darauf gedruckt haben wollten. Erst seit der letzten Tour liegt
eigentlich alles in meiner Hand, weil ich die Band mittlerweile einfach
schon ganz gut kenne und einschätzen kann, was jedem Einzelnen gefällt. Ich
würde sagen, dass ich den Stil, den Andi vorgelegt hat, zu meinem eigenen
gemacht und ihn weiterentwickelt habe.
??? Wie hast Du die Klamotten, die die Jungs auch auf der "Auswärtsspiel"-Tour
getragen haben, hergestellt?
Susy: Ich nähe die Klamotten nur selten selbst. Die Grundlage ist meistens ein
fertiges Hemd, das ich komplett auseinandernehme und neu zusammensetze. Ich
brenne auch schon mal Hemden an. Zur aktuellen Tour hatte ich komplett freie
Hand und habe ein Bandmitglied nach dem anderen abgehakt. Ich habe bestimmt
zweieinhalb Monate für 50 Hemden gebraucht, dazu kamen die Hosen und
T-Shirts. Es gibt Hemden, für die ich eine Woche brauche, wenn ich die
dreimal färbe, zehnmal mit Wachs drübergehe und fünfmal mit dem Pinsel.
Hinterher habe ich der Band alles vorbeigebracht, ohne irgendwas zu
kennzeichnen. Es hat sich aber jeder genau das ausgesucht, was auch für ihn
bestimmt war. Und das war auch eine schöne Bestätigung für meine Arbeit.
??? Welche Stichworte fallen Dir zu den aktuellen Hosen in modischer Hinsicht
ein?
Susy: Andi: Dressman, kann eigentlich alles tragen, besonders hochgeschlossene
Hemden im englischen Stil, der einfachste Fall in der Band, weil er immer
genau weiß, was er will.
Campi: Prinzessin und Erbse gleichzeitig, muss sich wie ich in seinen
Klamotten einfach wohlfühlen, was man halt nicht immer genau begründen kann,
schwierig, aber hat auch geklappt.
Breiti: "Mach ma - Nee, so nich - kannste anders!"
Vom: Der klassische Punk-Rocker - mit Gesichtscreme.
Kuddel: Western-Landcowboy-Elvis-Typ
??? Wie empfindest Du das Tourleben heute?
Susy: Ich schätze es sehr, dass einem innerhalb der Crew auch mal schlechte Laune
zugestanden wird. Es ist insgesamt alles eine sehr ehrliche Sache auf Tour,
im Büro oder in einem normalen Beruf müsste man sich wahrscheinlich in einem
solchen Moment zusammenreißen. Ich gehe heute immer noch auf Tour, obwohl
ich es wohl nicht mehr nötig hätte, weil vom Herzen und vom Menschlichen bei
den Hosen alles stimmt. Sehr gut gefallen hat mir auch mal eine Tour mit den
Einstürzenden Neubauten - vom Geist her. Mit denen war ich 1993 auf der
"Tabula Rasa"-Tour durch ganz Europa. Und die haben mir noch mal ganz neue
Welten eröffnet, neue Ideen vom Leben.
??? Hat Dich diese Erfahrung auch künstlerisch beeinflusst?
Susy: Ich bin noch einmal der alten Tanzgeschichte nachgegangen. Ich dachte mir,
wenn der Blixa Bargeld schräge Texte spricht und ein anderer dazu schräge
Musik macht, könnte ich mich dazu vielleicht schräg bewegen. Ich habe dann
relativ spät noch eine Tanzausbildung angefangen, hatte aber schon ein
Bühnenstück im Kopf, das ich umsetzen wollte. Zwei Monate später stand ich
dann wirklich in meinem eigenen Stück auf der Bühne, habe es nur ein
einziges Mal aufgeführt und damit war es dann auch gut. Zu der Zeit habe ich
mir meine Tanzprojekte ausschließlich mit dem Geld finanziert, das ich bei
den Hosen verdient habe.
??? Welche Projekte haben Dich sonst noch neben dem Tanzen interessiert?
Susy: Es ist in meinem Leben ständig etwas Neues passiert. Mit Film- und
Fernsehleuten, die auf meiner Straße wohnten, habe ich zusammengearbeitet,
Ausstattung für Kinofilme und Werbespots gemacht. Das Kulturbüro
Kiefernstraße hat Kunstausstellungen veranstaltet, ich habe bei einer
Kunstaktion in einem ehemaligen Schwimmbad in Düsseldorf mitgemacht oder
auch mal in Indonesien Maskentanz betrieben. Sehr viel zu verdanken habe ich
dem Manager der Hosen, Jochen Hülder, ohne den ich manches Projekt nicht
hätte realisieren können. In den letzten Jahren habe ich auch im Malkasten
und mk-2 an der Gestaltung mitgewirkt.
??? Wie sieht Dein typischer Arbeitstag auf Tour mit den Hosen aus?
Susy: Mehr zu tun habe ich an Tagen, wenn wir in großen Hallen wie in Stuttgart,
Köln oder Dortmund spielen, weil ich mich dann um drei Verkaufsstände
kümmern muss. Das Personal hinter dem Merchandisestand sind bei uns übrigens
immer Freunde von Freunden von Freunden. Damit wollen wir uns von den
üblichen Merchandisefirmen abheben, bei denen sich die Mitarbeiter für jeden
fehlenden Cent rechtfertigen müssen. Bei uns kriegen die so viel Vertrauen,
dass die gar nicht bescheißen wollen (lacht). Wenn es ein Konzert in einer
700er-Halle gibt, mache ich auch mal wieder alles alleine, nehme meinen
Karton mit und verkaufe den Kram selbst.
??? Wie ist die Reaktion auf die Fan-Artikel?
Susy: Es gibt immer mal jemand, der sagt, etwas wäre zu teuer. Die Hosen liegen
aber sicherlich in einem Bereich, der klar unter vergleichbaren Bands liegt.
Probleme gibt es natürlich mit Betrunkenen, die gleichzeitig das T-Shirt
anziehen, Geld rausholen und ihr Bier festhalten wollen (lacht). Es geht auf
Tour ja nur um Artikel, die man auch vor Ort anziehen kann: T-Shirts, Caps
oder auch mal ein Zippo-Feuerzeug. Den Adler als Motiv finde ich Kult, auch
der Totenkopf ist nicht so schlecht. Wenn es nach mir ginge, würde ich gerne
irgendwann noch mal das alte T-Shirt mit der Aufschrift "Ficken - Bumsen -
Blasen" dabei haben.
??? Welche Projekte willst Du in Zukunft angehen?
Susy: Ich denke darüber nach, mich im nächsten Jahr mal auf eine Sache zu
konzentrieren. Wenn sich jemand bei mir meldet, weil er zehn Hemden haben
will, würde ich das wohl auch gerne machen. Ich kann es mir aber nicht
vorstellen, eine richtige Firma dafür aufzumachen. Ich würde auch kein Hemd
zweimal herstellen. Ich habe auf Tour schon Kopien von meinen Hemden gesehen
und wusste nicht ob ich das jetzt gut oder schlecht finden sollte. Ich hätte
ansonsten gerne eine Hütte in Österreich, um dort meine anderen bekloppten
Objekte herzustellen. Es ist mir dabei immer wichtig, dass es den Leuten
gefällt, ob es nun etwas anzuziehen oder etwas zum Hinstellen ist. Ich mache
Gebrauchsgegenstände.
Mehr über Susy:
Susys Modelabel "Misprint": http://www.misprint.info
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