Freunde des Hauses //
Steve Hahn

"Kiki hat an uns geglaubt"

Interview mit Steve Hahn, Drumroadie für Vom Ritchie
(im Dezember 2002)

??? Du lebst in Berlin, bist aber wie so viele ein Zugezogener...

Steve: Ich komme eigentlich aus Solingen und bin in Friedrichshafen am Bodensee aufgewachsen, habe da meine ganze Jugend verbracht. Ich habe auch dort schon Musik gemacht und in Punk-Bands gespielt. Die Jugendlichen trafen sich in der "Molke", vom Rocker bis hin zum Punker, alle auf einem Haufen. Dadurch bin ich dann auch in die Punk-Szene reingeraten - obwohl ich vorher mit Kutte rumgerannt bin und mehr der AC/DC-Fan war. Die Punks waren einfach die cooleren Leute und die Musik hatte in diesen Tagen mehr Energie.

??? Welche Bands hast du Dir bevorzugt angehört?

Steve: Die Pistols, Ramones und Peter And The Test Tube Babies fand ich besonders gut. Meine erste eigene Band hieß "Kids Of The Eighties", später habe ich dann auch bei den "Kult-Huren" mitgespielt. 1984 bin ich nach Kempten im Allgäu gezogen, weil da die Szene noch besser war. Da haben auch Bands wie Toxic Reasons oder D.O.A. vorbeigeschaut. Und im Winter 1986 habe ich dann Hals über Kopf die Flucht ergriffen, meine Lehre geschmissen und bin nach Berlin gegangen. Das war eine Entscheidung aus dem Bauch heraus. Meine Eltern fanden das damals natürlich überhaupt nicht gut, und ich rückblickend auch nicht, denn sonst hätte ich heute einen gesicherten Job als Maschinenschlosser (lacht).

??? Du hast es aber weiterhin vorgezogen, bei diversen Bands auszuhelfen?

Steve: In Kempten hatte ich zwischendurch bei "Brutal Verschimmelt", "Betrug" und den "Ewings" mitgemischt. Es war mir einfach wichtig, Musik zu machen, und ich verbesserte mich dadurch natürlich auch als Drummer. In Berlin wollten wir dann noch mal die "Kult-Huren" wiederbeleben, aber da waren dann irgendwann Tom und Sepp vor dem Proberaum, haben heimlich zugehört. Und mit denen habe ich dann 1987 Jingo De Lunch gegründet. Tom und Sepp hatten zuvor zusammen mit Yvonne vorher schon bei der relativ bekannten Hardcore-Band Manson Youth gespielt.

??? Mit Jingo De Lunch konntet Ihr dann die Früchte dieser bewährten Zusammenarbeit ernten?

Steve: Ja, die Geschichte mit Manson Youth hat uns sicherlich den Weg geebnet. Die hatten schon einige Live-Erfahrung, hatten schon außerhalb Berlins gespielt. So hielten wir bereits nach drei Monaten unsere erste Veröffentlichung in den Händen. Es ging Schlag auf Schlag: Da gab es eine Idee, da gab es die Unterstützung der Fanzines, da gab es reichlich Gigs. Und das war für mich eine ganz neue Erfahrung. Es lief alles viel professioneller als bei den Bands, bei denen ich vorher gespielt hatte. Es war die Zeit, als der Cross-Over aufkam, was auch einen Umbruch in der Musikszene bedeutete...

??? ...und Ihr wart die deutsche Band, die - mit der amerikanischen Sängerin Yvonne Ducksworth - so gänzlich undeutsch klang?

Steve: Die Leute haben mir immer erzählt, dass Jingo hierzulande so eine Art Vorreiter für einen gewissen Musikstil war. Ich denke, dass wir auf jeden Fall zur richtigen Zeit am richtigen Ort waren. Jingo De Lunch hatte im Gegensatz zu Manson Youth aber auf jeden Fall mehr Rockeinflüsse, was letztendlich auch unseren Erfolg ausgemacht hat. Der Mix aus Hardcore, Punk und Rock war wohl ausschlaggebend, dass die Leute mitgehen konnten. Ich werde auf Tour mit den Hosen noch heute auf Jingo De Lunch angesprochen, was mich schon wundert, weil das doch jetzt schon wieder ein paar Jahre zurück liegt.

??? Wie hast Du die Hosen kennen gelernt?

Steve: Die Hosen fanden Jingo De Lunch wohl auch ganz gut. Und sie praktizieren das ja bis heute so, dass sie Bands, auf die sie stehen, einfach mit auf Tour nehmen. Wir hatten 1996 das Glück, mitfahren zu können - und außerdem das Team um die Hosen kennen zu lernen, das ist nämlich wirklich einmalig. Ich beobachte auch heute noch, dass jede Vorband überrascht ist, wie gut man behandelt wird. Speziell die Bands aus Amerika sind das überhaupt nicht gewöhnt. Das ist einfach nicht normal, und das zeichnet die Hosen auch ganz besonders aus.

??? Wie lief die Tour im Jahr 1996 für Dich persönlich?

Steve: Wir haben damals zehn Konzerte in den großen Hallen mitgespielt. Es war einfach eine interessante Erfahrung für mich, einmal auf so großen Bühnen spielen zu können. Das war auch noch die Zeit, als man als Vorband gegen die Menge ankämpfen musste, die "Hosen, Hosen" riefen. Und dabei ist mir in Dortmund etwas Tolles passiert: Gerade als wir unseren Gassenhauer "Thirteen" angefangen hatten, ist mir mein Schlagzeughocker zusammengekracht. Es ging Ding-Dong, und alle von der Band haben sich zu mir umgedreht. Wir mussten das Lied natürlich abbrechen, was vor so großem Publikum schon ein bisschen peinlich war.

??? Ist es 2002 für eine Vorband bei den Hosen einfacher?

Steve: Das Publikum war damals vielleicht noch etwas eigener. Mittlerweile ist das Publikum jünger geworden, und die Leute sind einfach etwas offener für Musik. Das hat sich in den letzten Jahren echt entwickelt. Es geht nicht mehr nur in eine Richtung. Was sich die Leute anhören ist viel gemischter. Es ist heutzutage in Ordnung, gleichzeitig HipHop, Metallica und Blink 182 zu hören. Früher war das alles eingefahrener. Heute nimmt das Publikum die Vorband viel leichter an und hat einfach Spaß.

??? Was waren Eure musikalischen Höhepunkte mit Jingo De Lunch?

Steve: Die Tour mit den Hosen gehört sicherlich dazu. Wir waren außerdem mit den Bad Brains und den Ramones auf Tour, haben mit Henry Rollins und Motörhead zusammengespielt, waren Headliner bei der Osterrocknacht in Düsseldorf, mit den Lemonheads, Therapy und NOFX. Mit Bands zusammenspielen zu können, von denen man sich auch Platten kauft, das waren die wirklichen Höhepunkte.

??? Wie seid Ihr mit den Bands ausgekommen?

Steve: Die Bad Brains waren für uns zum Beispiel die absoluten Götter, was man aus unserer Musik sicherlich auch heraushören konnte. Es hat sich dann aber auf Tour leider schnell herausgestellt, dass das ganz schwierige Typen sind. Und auch die Ramones waren natürlich Helden von uns. Die haben uns aber nichts geschenkt. Da musste man schauen, dass man so schnell wie möglich arbeitet, sich durchsetzt und seinen Sound hinkriegt. Da wurde uns knallhart nach einer halben Stunde der Strom abgestellt. Das Problem war nicht unbedingt die Band, sondern wohl eher das Management drumherum.

??? Jingo De Lunch gab es insgesamt zehn Jahre...

Steve: Nach zehn Jahren ist man an so einem Punkt, wo man für immer weitermachen kann oder eben aufhört. Die Ärzte haben ja auch nach fünf, sechs Jahren erstmal Ruhe gegeben und erst danach den ganz großen Erfolg gehabt. Dass die Hosen die ganze Zeit durchgehalten haben, davor ziehe ich den Hut. Wir waren 1997 vielleicht etwas zu voreilig, hätten die Sache einfach mal ein, zwei Jahre ruhen lassen sollen, um dann weiter zu machen. Es ging aber damals in der Konstellation nicht mehr weiter, wir waren ausgebrannt.

??? In der Zeit mit Jingo De Lunch hast Du auch andere langjähriger Mitarbeiter der Hosen kennengelernt...

Steve: Noppa war die letzten drei, vier Jahre als Gitarrenroadie mit uns auf Tour. Kiki hat uns die letzten zwei Jahre sogar gemanagt. Der hat uns unter die Arme gegriffen, weil wir vorher eigentlich nie einen richtigen Manager gehabt hatten. Es war aber leider zu spät, um das Rad noch mal zurückzudrehen. Er hat uns aber viele gute Gigs zukommen lassen. Kiki hat an uns geglaubt.

??? Wie bist Du dann als Backliner bei den Hosen gelandet?

Steve: Ich hatte nach den zehn Jahren mit Jingo erst mal die Schnauze voll und habe angefangen, Vorbands zu fahren. 1997 bin ich Goldfinger gefahren, auf einer sechswöchigen Tour. Die haben ja auch ein paar Mal vor den Hosen gespielt, und da ist der Drumroadie für zwei Tage ausgefallen. Dann habe ich Wölli geholfen und mich dabei offenbar bewährt, so dass ich den Job bekommen habe, als Vom eingestiegen ist.

??? Wie läuft Deine Zusammenarbeit mit Vom?

Steve: Ich habe ihn auf der Weihnachtstour kennengelernt, als er selbst noch Roadie war und ich Living End gefahren habe. Die Zusammenarbeit ist aus meiner Sicht perfekt. Ich glaube, dass Vom mit mir zufrieden ist. Und es macht mir sehr viel Spaß. Unser Verhältnis ist fast brüderlich. Ich bringe ihn auch immer auf die Bühne, wir klatschen uns vor jedem Konzert ab. Während des Gigs stehe ich in Bühnennähe und bin hochkonzentriert für den Fall, dass mal etwas passiert. Ich zeige ihm einfach, dass ich da bin, und das hilft ihm auch über seine Nervosität hinweg. Mittlerweile ist er aber innerhalb der Band auch so gewachsen, dass er mich kaum noch braucht (lacht).

??? Wie hast Du den Zusammenbruch der Bühne in Argentinien 2000 erlebt?

Steve: Ich habe das zweimal erlebt, dass eine Bühne zusammengebrochen ist. Wir haben mal mit Jingo De Lunch in Madrid ein Konzert mit Bad Religion gespielt. Das war aber kein regulärer Konzertraum, sondern eher eine Discothek, in der kein Schwingboden installiert war. Kurz nachdem wir von der Bühne gegangen waren, ist der Betonboden kollabiert. Die ersten Reihen vor der Bühne, insgesamt bestimmt 500 Leute, sind in den Keller gerutscht. Zum Glück gab es keine Toten. In Argentinien lief das dann doch glimpflicher. Die Hosen spielten etwa eine Minute und dann klappte die Bühne einfach in sich zusammen. Ich hatte nur etwas Angst um Vom, weil der da noch relativ lange drauf rumstand. Ich habe ihm zugerufen: "Geh da runter!"

??? Hast Du heute noch Zeit, selbst Musik zu machen?

Steve: Ich habe seit zwei Jahren eine neue Band, Duck'n'Cover, bei der auch wieder der Sepp von Jingo De Lunch mitspielt. Wenn die Hosen im nächsten Jahr weniger Konzerte geben, werde ich mich wieder mehr um die eigene Band kümmern. Ich will mir einen Job in Berlin suchen, im Bühnenbereich, damit ich mich mehr um meinen eigenen Kram kümmern kann. Man muss dafür auch mal länger vor Ort sein. In diesem Jahr war ich ja nur mit den Hosen unterwegs. Ich bin dabei immer wieder beeindruckt, wie die das hinkriegen, dass die Leute jeden Abend aufs Neue zufrieden nach Hause gehen. Die Tour ist für uns alle erfolgreich gelaufen, für das ganze Team.

Steve und Noppa schwer
beschäftigt...

??? Du standest im Laufe der "Auswärtsspiel"-Tour auch ein paar Mal mit auf der Bühne...

Steve: Während der ersten Tourhälfte habe ich den Part übernommen, bei "Reisefieber" an den richtigen Stellen zu pfeifen. Ich habe mir dann aber überlegt, dass ich doch eher Schlagzeuger bin als Pfeifer. Zur Zeit spiele ich auf der Bühne den "Little Drummer Boy" mit. Und vor allem gibt es jetzt die Backline-Band, die immer zwei Songs von AC/DC covert. Da sind die anderen Backliner Noppa und Kathleen mit dabei, und Christof Matthiesen, unser Produktionsmanager. Fischi, der sich sonst um die Monitore kümmert, spielt privat in einer AC/DC-Coverband und kam zufällig bei einem Soundcheck vorbei. Der hat sich spontan das Mikro genommen und losgesungen, was wiederum Campino gesehen hat. Und der meinte dann: "Ihr müsst unbedingt mit uns spielen!"

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