„Jeder darf ein bisschen seinem Irrsinn freien Lauf lassen“
Interview mit Silvia Stantejsky, stellvertretende Geschäftsführerin des Wiener Burgtheaters (im Oktober 2005)
In dieser Spielzeit laufen im Burgtheater Stücke von Frank Grillparzer, Elfriede Jelinek und Thomas Bernhard. Wie passen da die Toten Hosen rein?
Wir versuchen als Theater eine Bandbreite zu finden zwischen Leuten, die traditionell ins Theater gehen und die neuen Inszenierungen mit älteren vergleichen, und solchen, die eine Hemmschwelle haben und denken, dass alles, was im Burgtheater stattfindet, irgendwie alt ist. Denen versuchen wir zu signalisieren: Wir machen auch etwas, was Euch interessiert. Und da ist ein Konzert der Toten Hosen ein guter Einstieg, um die Angst vor dem Plüsch und Kristallglas zu nehmen. Wir machen sehr viele Dinge, die nichts mit Theater zu tun haben. Wir veranstalten zum Beispiel auch Lesungen von Autoren, die Romane schreiben.
Dazu passt, dass Sie im Burgtheater auch ein spezielles Modell für Ihre Eintrittskarten haben…
Unsere definitiv teuersten Karten kosten 48 Euro. Das geht runter bis hin zu Sitzplatzkarten, die für nur sieben Euro zu haben und tadellos sind. Außerdem gibt es Stehplätze für 1,50 Euro, von denen aus man ebenfalls sehr gut sieht. Und wenn noch Sitzplätze frei sind, darf man sich mit denen sogar hinsetzen. Im Vorverkauf bieten wir ansonsten auch noch Studentenkarten für sieben Euro an. Zu jeder Vorstellung, egal ob ausverkauft oder nicht, gibt es in allen Kategorien Kontingente, so dass Schüler, Studenten und Arbeitslose für sieben Euro ins Theater gehen können. Und da sitzt man dann auch mal in der ersten Reihe, weil wir eben wollen, dass junge Leute kommen. Die Stehplätze haben wir natürlich auch beim Unplugged-Konzert angeboten.
Campino ist vorher gefragt worden, warum die Hosen ihr Unplugged-Konzert ausgerechnet in Wien spielen. Und er hat gesagt: „Als wir über Unplugged nachgedacht haben, gab es drei Möglichkeiten: ein Gefängnis, ein Irrenhaus oder das Burgtheater.“
Ja, das Burgtheater ist halt von allem ein bisschen (lacht). Es ist ganz sicher ein Irrenhaus, in dem an allen Spielstätten zusammen 630 Leute arbeiten. Und jeder, der an einem Theater arbeitet, muss ein wenig wahnsinnig sein. Woanders kann man im Regelfall mehr verdienen, hat mehr Freizeit – und weiß vor allem, wann man mehr Freizeit hat. Wenn bei uns eine Premiere verschoben wird, kann man seine freien Wochenenden vergessen. Und freie Abende kann man natürlich grundsätzlich vergessen. Trotzdem lässt es einen nicht mehr los. Man bleibt einfach hier: nicht, weil man wie im Gefängnis nicht raus kann, sondern weil man innerlich nicht mehr raus kann.
Ihr erstes Gastspiel haben die Hosen im Jahr 2001 mit Gerhard Polt und den Biermösl Blosn absolviert. Wie ist das zustande gekommen?
Das ist damals über den Michi Well von den Biermösl Blosn gelaufen. Die hatten vorher schon sehr oft mit dem Gerhard Polt etwas bei uns gemacht. Das Ganze lief dann als sogenanntes „Vorbühnenprogramm“, bei dem normalerweise die für die Proben aufgebaute Dekoration stehen bleiben kann. Damals hat Zadek gerade den „Juden von Malta“ probiert. Es hat sich dann aber herausgestellt, dass auch für „Abvent“ eine Probe nötig wurde. Es war ja allein schon für den Sound ein ziemlicher Aufbau. Da haben dann einige unserer älteren Techniker schon sehr skeptisch geschaut, ganz nach dem Moto: Ja, sollen die denn wirklich in unserem Burgtheater spielen? Es hat sich dann aber so entwickelt, dass die gemerkt haben, dass die Toten Hosen sehr nett sind. Und ich denke, dass das gute Miteinander auch ein Grund dafür war, dass jetzt auch das Unplugged hier stattgefunden hat.
Welche Erinnerungen haben Sie an die Premiere von „Abvent – ein vorweihnachtlicher Abend“, mit dem die Hosen jetzt auch auf Tour gehen?
Das Ganze ist anfänglich als klassisches Vorweihnachtsprogramm aufgebaut – mit Musik von den Biermösl Blosn und ein bisschen Gerhard Polt dazwischen. Die Toten Hosen gehen als Musiker erstmal nur unerkennbar mit den Biermösl Blosn mit und musizieren ebenfalls in dieser Richtung. Langsam kippt das dann aber, bis irgendwann nur noch die Weihnachtslieder der anderen Art gesungen werden. Und darauf steigen dann wiederum die Biermösl Blosn ein. Das Stück war ein echtes Wechselbad, aber immer miteinander verzahnt und irgendwie sehr schön.
Man spricht immer vom „altehrwürdigen“ Burgtheater. Was macht die Ausnahmestellung dieser Institution aus?
Das Burgtheater ist im 18. Jahrhundert gegründet worden. Wir haben also genauso wie die USA bereits unseren 200. Geburtstag gefeiert. Es war das k-und-k-Hoftheater, stand aber damals noch nicht an dem Platz, wo es jetzt steht, sondern war Bestandteil der Wiener Hofburg. Es ist dann später ins große Haus am Ring übergesiedelt, allerdings in den letzten Kriegstagen fast komplett zerstört und zwischen 1945 und 1955 wieder aufgebaut worden. Wir feiern also in diesen Tagen den 50. Jahrestag der Neueröffnung – und fanden es besonders schön, dass unsere Jubiläumssaison mit den Toten Hosen eröffnet worden ist. Insgesamt haben wir heute vier Spielstätten. Das große Haus am Ring ist dabei das eigentliche Burgtheater, mit über 1000 Plätzen.
Durch die Geschichte bedingt, gab es im Burgtheater ja eine Besonderheit, die erst vor 25 Jahren abgeschafft wurde…
Die Schauspieler waren früher Angestellte des Hofes. Und daraus entstand auch das sogenannte „Vorhangverbot“, das bis in die 80er Jahre Bestand hatte. Nach der Vorstellung ist der Vorhang gefallen – und nicht wieder aufgegangen. Das Publikum konnte klatschen, wie es wollte, es ist ganz sicher kein Schauspieler aus dem Ensemble vor den Vorhang gekommen und hat sich verbeugt. Das war historisch: Ein Schauspieler seiner Majestät des Kaisers musste sich nicht vor dem normalen Volk verbeugen. Das war nicht vereinbar mit seiner Stellung. Und das wurde erst 1979 aufgehoben. Natürlich ging erstmal ein Sturm der Entrüstung durch ganz Wien…
Sie haben ja mit der Band auch einen Rundgang durch das Theater gemacht, in dem es einen Geheimgang und eine besondere Frischluftzufuhr gibt…
Als das Burgtheater gebaut wurde, hat man eine Art Air-Condition eingebaut. Es gibt außerhalb so etwas Ähnliches wie einen Ansaugstutzen, der die Frischluft für den Zuschauerraum ansaugt. Und dorthin führt ein Gang unter der Straße her, der schon ein wenig gespenstisch wirkt. Der schaut ein bisschen aus wie „Der dritte Mann“. Einmal waren rund um diesen Ansaugstutzen ein paar Motoren aufgebaut, die mit Benzin betrieben wurden, und im Zuschauerraum sind alle halb kollabiert, weil kein Mensch daran gedacht hatte. Einen Wahnsinnsblick hat man bei dem Rundgang schließlich auch noch vom nicht frei zugänglichen Dach. Von dort aus kann man sogar die Spitze des Stephansdom sehen. Und ich denke, dass das auch den Toten Hosen sehr gut gefallen hat.
Wie ist es denn beim eher traditionellen Publikum angekommen, dass die Toten Hosen hier jetzt mit eigenen Stücken auftreten wollten?
Das ist absolut positiv aufgenommen worden. Es sind ja nicht alle Karten in den freien Verkauf an der Theaterkasse gegangen, aber die Leute, die sich bei uns dafür interessiert haben, waren komplett unterschiedlichen Alters. Unter dem Direktor Gerhard Klingenberg hat es angefangen, dass am Burgtheater mit ganz anderen Regisseuren gearbeitet wurde, mit ausländischen, die teilweise nicht mal Deutsch konnten. Da gab es große Empörung: Wie sollen denn die in der Burgtheater-Sprache inszenieren können? Dann kam Achim Benning mit sehr vielen modernen Autoren und Uraufführungen. Da gab es auch Widerstand, aber der wurde so Stück für Stück abgebaut. Dann kam die Zeit unter Claus Peymann und der hat noch mal ganz andere Dinge aufgeführt. Er hat Marian Faithful und Konstantin Wecker auftreten lassen – und irgendwann gehörte das einfach dazu.
Wie haben sich die Toten Hosen auf das Unplugged-Konzert vorbereitet?
Wir haben oben im Burgtheater einen Probenraum für die Band reserviert gehabt. Sie sind schon etwas früher gekommen, weil noch nicht alles fertig war und sie vor Ort jede freie Bühnenminute nutzen wollten. Und während unten an der Technik gearbeitet wurde, haben sie auch noch weiter am Programmablauf gefeilt. Es war schon zu merken, dass es alles nicht ganz so locker war wie damals bei „Abvent“. Obwohl auch da niemand wusste, wie das alles gehen sollte, waren alle sehr entspannt. Das war eher so ein lockerer Blindflug. Wir haben der Inspizientin am Technik-Pult noch zehn Minuten vor Beginn die letzten Informationen zugerufen. Diesmal haben sich alle sehr konzentriert vorbereitet, damit alles einwandfrei funktioniert, natürlich auch deshalb, weil das für die Nachwelt aufgezeichnet wurde. Dadurch hatte die ganze Geschichte irgendwie etwas Endgültiges.
Wie haben Sie den Ansturm der Hosen-Fans auf Ihr Haus erlebt?
Am Abend vor den Konzerten hatten wir noch einmal einen richtigen Durchlauf, bei dem nur die Beteiligten anwesend sein durften. Am Vorstellungstag gab es dann sofort einen riesigen Trubel rund um die Kartenvergabe, weil über 1000 Leute kamen, die Reservierungen hatten, aber noch keine Karten. Kiki Ressler hat schon Tage vorher Patience-mäßig jeweils über 1000 Karten zurechtgelegt. Für unsere Kassierer war das Spektakel auch eher ungewöhnlich, normalerweise verkaufen die abends nur noch 30, 40 zusätzliche Karten. Im Foyer war jedenfalls ab 16 Uhr die Hölle los. Da waren auch viele dabei, die bei der Lotterie nicht gewonnen hatten und nun warteten, ob irgendjemand nicht kommt und doch noch eine Karte frei wird. Im Theater hatten wir anschließend ein wirklich gemischtes Publikum: Leute, die so aussahen, als würden sie ins Burgtheater gehen, und Leute, die definitiv nicht so aussahen, als ob. Und im Park vor dem Burgtheater standen Wohnwagen, vor denen die Leute auf Campingstühlen saßen.
Wie waren die Zuschauerreaktionen auf die musikalische Darbietung?
Jeder wusste schon vorher, dass Unplugged einfach anders ist als andere Konzerte, aber es war dann schon lustig zu sehen, wie das Publikum langsam darauf eingestiegen ist. Die Stücke wurden anders gesungen, sie waren anders arrangiert und alle von der Band haben gesessen. Vor allem Campino war wirklich sehr lustig. Er saß auf einem Teil, dass wie ein Barhocker aussah, und irgendwie hatte man pausenlos das Gefühl: Jetzt springt er gleich auf, jetzt geht´s nicht mehr mit Sitzenbleiben! Die Fans haben sofort darauf reagiert, wenn eine etwas ruhigere Nummer gekommen ist und haben auch wirklich akzeptiert, dass es ein ganz anderes Konzert war. Natürlich sind sie aber irgendwann auch auf die Theatersitze gestiegen…
Wie haben Sie sich selbst mit der Musik der Toten Hosen arrangiert?
Ich bin einfach so theaterfixiert, dass ich im musikalischen Bereich noch nie so richtig Fan gewesen bin. Wenn man aber irgendwelche Künstler kennt, hat man eine ganz andere Beziehung zu den Dingen. Ich war jetzt im Frühjahr auch beim Konzert in der Wiener Arena. Das war sehr lustig, weil ich weder alters- noch Outfit-mäßig so ausschaue wie der klassische Tote-Hosen-Konzertbesucher. Ich habe mir damals vom Burgtheater aus ein Taxi genommen. Und es war ein sehr junger Taxler (österr. für Taxifahrer). Die Vorband hat schon gespielt und man hat da schon meilenweit entfernt gehört. Er hat mich dann gefragt, wo ich denn hingehen würde. Und ich habe gesagt: Ich gehe zum Konzert der Toten Hosen. Da hat er sich ruckartig umgedreht, mich von unten bis oben angeschaut und gesagt: Na, so was, ich gratuliere!
Wie hat der Belegschaft des Burgtheaters jetzt das Unplugged-Konzert gefallen?
Wir haben sowohl bei „Abvent“ wie jetzt beim Unplugged ein paar Karten bekommen haben, die wir an Schauspieler weitergeben konnten. Die standen dann mittendrin unter den Tote-Hosen-Fans. Das ist natürlich schon etwas Besonderes, wenn derjenige, der gerade bei uns den Don Carlos spielt, dann auch bei den Hosen auf irgendeinem Sitz steht. Mein Lieblingsstück beim Unplugged war wieder mal „Nur zu Besuch“, bei dem ich immer schwer gefährdet bin, gleich loszuheulen. Das erklärte Lieblingsstück der gesamten Burgtheater-Belegschaft heißt allerdings „Kein Alkohol ist auch keine Lösung“ und hat sehr mit unserem Zustand hier zu tun. Das ist unsere geheime Hymne (lacht).
Mit welchen Marotten von Künstlern haben Sie Tag für Tag zu tun?
Ich bin jetzt schon 25 Jahre an diesem Haus beschäftigt, direkt nach dem Studium hierher gekommen. Da kennt man dann die Leute schon sehr gut. Man weiß eigentlich alles über sie, auch vieles, was man gar nicht wissen will. Man muss sich dann leider auch mal drum kümmern, ob das neue Kindermädchen gut ist oder wie die Beziehung gerade läuft. Wenn Regisseure für eine Inszenierung hierher kommen, steht für sie eine wunderschöne Wohnung bereit. Aber diese Wohnung hat dann einen grünen Vorhang. Und mit diesem grünen Vorhang wird dann auch manchmal nichts draus! Dann muss man eine andere Wohnung suchen. Oder da gibt es Christoph Schlingensief, der eine leise, leise, leise Wohnung braucht. Und wenn dann der Mistkübelmann (österr. für: die Müllabfuhr) kommt, kriegt man von ihm auch mal eine genervte SMS: „Jetzt entleeren sie gerade die Flaschen.“ Wenn man aber so lange wie ich am Theater arbeitet, kriegt man selbst genug Marotten. Man verbringt einfach mehr Zeit miteinander als in anderen Berufen, alles ist etwas intensiver und es kommt dadurch auch häufiger zu Krächen. Jeder darf ein bisschen seinem Irrsinn freien Lauf lassen.
Homepage des Wiener Burgtheaters: www.burgtheater.at
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