Freunde des Hauses //
Gerhard Polt

"Eine Inflation von Nikoläusen"

Interview mit dem Kabarettisten Gerhard Polt (im November 2001)

??? Mit den Biermösl Blosn und Toten Hosen treten Sie im Burgtheater Wien bei einem "vorweihnachtlichen Abend" auf. Dabei haben Sie mal gesagt: "Der Nikolaus ist die erste Autorität, die für mich gefallen ist."

Gerhard Polt: Das ist eine Geschichte von mir, "Die erste Revolution". Eine Geschichte darüber, wie ich als Kind im Alter von sieben Jahren nach München gekommen bin, und dann eben erlebt habe, dass der Nikolaus in der Stadt eine ganz andere Bedeutung hat als auf dem Land. In München waren es Studenten, die ihr Geld damit verdient haben, als Nikolaus aufzutreten - auf dem Land war das wirklich noch der Pfarrer, der als Nikolaus erschienen ist. Das ist aber lange her, das war 1949. Das war sozusagen noch vor dem Korea-Krieg.

??? Die aktuelle CD "Abfent, Abfent...!" versammelt Ihre besten Beiträge zum Thema Weihnachten. In der Geschichte "Sankt Nikolaus" geht es um das vorweihnachtliche Pflichtprogramm...

Gerhard Polt: Der Nikolaus ist halt ein Ritual, das teilweise bis heute beibehalten wird. Das wird dann absurd, wenn keine Mythologie mehr vorhanden ist, wenn zum Beispiel ein Kind heute sagt: "Es gibt gar keinen Nikolaus." Wenn das Kind das genau weiß, dann braucht man ihm keinen Nikolaus mehr schicken. Und auch kein Nikolausgeschenk. Man muss dem Kind den Glauben aber auch nicht predigen. Entweder es gibt ihn oder es gibt ihn nicht.

??? Früher war das anders?

Gerhard Polt: Zu meiner Zeit war die Gesellschaft noch anders religiös gebunden, traditioneller. Man hat sehr auf diese Rituale geachtet. Das war eine ganz andere Gesellschaft als heute. Wahrscheinlich überall, in Bayern aber besonders. Als ich ein Kind war, war die Gesellschaft in Bayern noch viel agrarischer und handwerklicher geprägt. Es gab noch keine Mediengesellschaft wie heute.

??? Wie erlebt ein Kind heute den Nikolaus?

Gerhard Polt: Heute sieht ein Kind einen roten Farbtupfer in einem Kaufhaus, den Nikolaus als Werbeträger. Der wird halt irgendwie an die Pralinenschachtel drangebunden, an Parfüm oder Scheißpapier, ich weiß es nicht. Irgendwo hängt halt immer der Nikolaus. Es ist eine Inflation von Nikoläusen da. Man muss sich durch diese Nikoläuse erst durcharbeiten, die hängen ja überall. In der ganzen Stadt stolpert man über Nikoläuse. Dabei sind das ja noch nicht einmal Nikoläuse. Richtiger wäre zu sagen: Das sind Weihnachtsmänner. Der Weihnachtsmann ist ja eigentlich die protestantische Tradition, der echte Nikolaus aber kommt aus der katholischen. Der war wirklich ein Bischof. Der Weihnachtsmann mit der roten Mütze ist eigentlich eine komplett andere Figur.

??? In der Geschichte "Abfent, Abfent...!" begibt sich ein Radioreporter auf brauchtumsmäßige Forschung beim Gschwendtner-Bauern...

Gerhard Polt: Es wird nachgehakt, wie das Ritual auf dem Land denn heutzutage sei, ob denn auch noch alles seine Richtigkeit habe. Und der Reporter hat geglaubt, er hätte im Gschwendtner-Bauern einen Vertreter der alten Gläubigkeit gefunden. Es stellt sich aber heraus, dass das auch nur ein besoffener Kerl ist, der eigentlich lieber die Sportschau anschaut. Das Brauchtum interessiert ihn gar nicht.

??? In "Der Einsame" will eine Familie ihre vorweihnachtliche Nächstenliebe unterstreichen, indem sie einen "Einsamen" bei sich aufnimmt. Es darf aber "koa Ausländer, Raucher, Jugendlicher oder Tatterer" sein...

Gerhard Polt: Es gibt einige Hürden zu überwinden, bevor einer als "Einsamer" durchgeht. Solche Familien, die einen aufnehmen wollen, gibt es bestimmt: "Macht hoch die Tür!" Das ist ein altes Thema. Es gab auch mal ein Theaterstück, in dem eine Familie einen Kriminellen aufnimmt, um ihn zu resozialisieren. Ich bin überzeugt, bald werden sie auch kommen und sagen: Nehmt doch mal einen Taliban auf! Dieser Adoptionsgedanke ist hierzulande weit verankert, kommt stark aus der amerikanischen Moral.

??? 1998 wurde das Thema Weihnachten von Ihnen zum ersten Mal zusammen mit den Hosen thematisiert - beim "Duell der Volksmusik" im Münchner Volkstheater. Wie sah damals das Programm aus?

Gerhard Polt: Das war damals eine relativ improvisierte Geschichte. Es wurde aber aufgenommen. Jetzt haben wir es uns vor der Wiederholung in Wien nochmal angeschaut - und haben gesehen, dass das wirklich ganz gut zusammenläuft. Und dass diese zwei Musikrichtungen der Blosn und Hosen auf merkwürdige Art und Weise gut zusammenpassen. Es ist ja kein Programm, das man ständig zusammenspielt, aber als mehr oder weniger einmaliges Erlebnis ist das sehr witzig, weil jeder die Möglichkeit hat, seinen speziellen Gaudi zu machen. Und die Zuschauer haben die Möglichkeit, diesen Kontrast mal live zu erleben. Wir haben versucht, die verschiedenen Lautstärken miteinander zu verbinden, einen gemeinsamen Nenner der Dezibel zu finden.

??? Welche Rolle spielt im Verbund mit den beiden Bands Gerhard Polt?

Gerhard Polt: Wir persiflieren zusammen die "Weihnachtslesung". Das ist ein Ritual speziell aus dem bayerischen Raum, dass Firmen solche Weihnachtslesungen fördern. Für die Betriebsangehörigen gibt es Betriebsweihnachtsfeste, um diese Beschaulichkeit im Firmenbereich aufrechtzuerhalten. Dabei tritt oftmals ein Volksschauspieler auf, der die Weihnachtsgeschichte vorträgt. Enden tut das meist mit einem Riesenbesäufnis, die Betriebsangehörigen brechen irgendwann zusammen vor lauter Glühwein - aber vorher werden ernste Reden gehalten, die besinnlich wirken sollen. Es wird das Resümee gezogen: "Wie war das Jahr? Wie ist die Moral? Wie viele Leute werden entlassen?"

??? 1990 war bereits "Willi - Ein Verlierer" - als Drama in drei Akten - auf dem Hosen-Album "Auf dem Kreuzzug ins Glück" erschienen. Wie haben Sie die Toten Hosen kennengelernt?

Gerhard Polt: Ich hatte die Toten Hosen vorher wenig wahrgenommen, bin kein ausgesprochener Rockmusikfan. Kurz vor den Aufnahmen zum "Willi" habe ich den Campino in München getroffen. Die Geschichte ist damals extra für die Platte entstanden und hat wohl ganz gut zu den Liedern gepasst. Aufgenommen haben wir das im Studio von meinem Co-Autoren Hans Christian Müller. Einige Leute waren durchaus überrascht, dass sie meine Stimme plötzlich auf einer solchen Rockplatte hörten. Die fanden aber auch, dass das zusammen gut funktioniert hat. Mir hat an den Hosen gefallen, dass es durch ihre Musik eine Reibung gibt, dass der Jugendliche merkt, dass er einem strengen Elternhaus nicht alleine gegenübersitzt.

??? Ist der "Willi" auch heute noch aktuell?

Gerhard Polt: Das ist ja schon wieder zehn Jahre her. Und wenn man so alt ist wie ich, merkt man schon die verschiedenen Phasen, die es in der Erziehung gegeben hat. Zunächst die anti-autoritäre - und heute teilweise schon das genaue Gegenteil von der früher üblichen repressiven Erziehung. Ein Laisser-faire, das teilweise auch erschreckend ist. Das Elternhaus hat an Autorität eingebüßt, den strengen Übervater mit dem Rohrstock wie bei Wilhelm Busch gibt es nicht mehr. Ich persönlich habe nicht bewusst "erzogen"; wir haben einfach mit unserem Sohn zusammengelebt. Das ist Erziehung genug.

??? Sie selbst sind in Altötting großgeworden - in einer Metzgerei...

Gerhard Polt: Es ist schwierig, das verständlich zu schildern, weil das damals eine andere Welt gewesen ist. Es ist ja schon für einen heutigen Menschen sehr schwierig, sich überhaupt eine Metzgerei vorzustellen. Und wenn ich dann erzähle, dass ich schon als 5-Jähriger mit einem Schussapparat ein Schwein erledigt habe, versteht das keiner mehr. Ich durfte es dann auch als Belohnung mit dem Messer aufschneiden, weil ich das Schwein so schön erschossen hatte. Das Blut floss in Strömen. Doch wie vermittle ich das heute irgend jemandem? In der heutigen Gesellschaft haben viele Menschen ja noch nie ein lebendiges Huhn gesehen, geschweige denn ein Schwein. Schlachten ist für viele Menschen ein rein virtueller Vorgang, den man vielleicht im Fernsehen aber nicht in der Wirklichkeit sieht. Ich kenne kaum noch Leute, die den Geruch von Blut kennen. Und deshalb ist es auch so schwer zu erzählen, was eine Metzgerei ist. In Schweden habe ich mal erzählt, dass ich in Altötting groß geworden bin, in einem katholischen Wallfahrtsort. Das kann sich in einem protestantischen Umfeld auch keiner vorstellen, was das bedeutet.

??? Zumindest der Katholizismus ist in Bayern erhalten geblieben?

Gerhard Polt: Der hat sich auch gewandelt. Die tiefe Gläubigkeit, die einstmals geherrscht hat, gibt es nicht mehr. Es gibt natürlich noch Katholizität, aber die Bedeutung eines Pfarrers in einem Dorf ist nicht mehr dieselbe. Es gibt auch "das Dorf", in dem eine geschlossene Dorfgemeinschaft lebt, nicht mehr. Heutzutage leben da meist Pendler, die jeden Tag 50 bis 100 Kilometer fahren müssen. Und es gibt fast keine Bauern mehr - mit ihrer bestimmten Mentalität. Das sind heute auch alles Betriebe. Zu meiner Kinderzeit lebten diese bäuerlichen Existenzen partiell noch ähnlich wie im 19. Jahrhundert. Das hat sich in den letzten 40 Jahren rapide geändert.

??? Hat die Gläubigkeit bei Ihnen damals auch Ängste erzeugt?

Gerhard Polt: Meine Eltern haben mich nicht repressiv behandelt, das war die Gesellschaft. Ich habe als kleines Kind natürlich noch daran geglaubt, dass es einen Teufel gibt. Ich war voller Ängste. Das Fegefeuer und die verschiedenen Teufel, die Dich nach unten holen würden, wenn Du irgendwas Böses denkst. Als ich nach München gekommen bin, gab es da Kinderbanden, die den Nikolaus verprügelt haben! Das war für mich unvorstellbar. Deshalb habe ich die Geschichte mit dem Nikolaus geschrieben.

??? Sie haben den bayerischen Literaturpreis 2001 verliehen bekommen. In einer Würdigung hieß es: "Polt hat nicht nur ein ,Schlaglicht' auf die bayerische Seele geworfen, er hat sie auseinandergenommen, umgekrempelt, den Dreck nach außen gestülpt. Er hat ans Bühnenlicht gebracht, was sonst in kleinen Gemeinden, lokalen Zeitungsredaktionen und an Stammtischen unter Verschluss gehalten wird." Was wird in Bayern unter Verschluss gehalten?

Gerhard Polt: Es ist klar, dass viele Leute wissen, was sie im öffentlichen Leben und was sie nur im privaten Leben erzählen können. Es gibt einfach ganz normale Leute, die bestimmte Dinge nie öffentlich sagen würden. Doch wie man so sagt: "In vino veritas." Wenn sie ein paar Maß zu viel haben, erzählt mancher etwas anderes. Da kann man dann sagen, der ist jetzt halt besoffen und wegen Trunkenheit unzurechnungsfähig, oder überlegen, ob das die Wahrheit ist, was er sagt. Es ist das Reizvolle an meinem Beruf, scheinbar fade Menschen spannend rüberzubringen. Das hat mit Überraschung zu tun. Leute, die keine Widersprüche in sich tragen, sind in der Wirklichkeit und auf der Bühne langweilig.

??? Sie haben gerade Ihren vierten Kinofilm abgedreht, vorher vier Jahre am Drehbuch gearbeitet. Was ist die Story von "Germanikus"?

Gerhard Polt: Ein Germane, der in einem Sumpf lebt, verweigert sich dem Krieg. Die anderen Männer sind alle auf dem Kriegszug und die Frauen demzufolge alleine. Da er der einzige Mann ist, wird er verfolgt, entkommt aber den Frauen, weil er römischen Sklavenjägern in die Falle geht. Die bringen ihn nach Rom, wo er zunächst die Existenz eines Sklaven durchlebt - als Besitzgut. Im Endeffekt wird er aber römischer Kaiser und kehrt als Kaiser in das Dorf zurück, wo er hergekommen ist. Ich habe für "Germanikus" wieder mit Hans Christian Müller als Regisseur zusammengearbeitet, mit Gisela Schneeberger - und ich spiele den Sklaven und Kaiser selbst. Es handelt sich um eine Komödie.

??? In Zusammenhang mit "Germanikus" haben Sie gesagt: "Der wahre Mensch ist die Ware Mensch." Wie ist das zu verstehen?

Gerhard Polt: Es war sehr spannend nachzulesen, was Sklaverei in der menschlichen Gesellschaft bedeutet. Eigentlich hat der Mensch nie ohne Sklaverei gelebt. Das war immer das Normalste der Welt. Die Menschen haben immer versklavt. Und die Sklaven fanden das eigentlich auch ganz normal. Es gab kaum Sklavenaufstände mit dem Ziel, die Sklaverei abzuschaffen. Die Sklaven wollten eigentlich immer nur bessere Verhältnisse haben. Und wenn sie mal freigelassen wurden, wollten sie sofort eigene Sklaven haben. Der Mensch hat bis zur französischen Revolution wirklich kaum an der Sklaverei gezweifelt. Die Sklaverei ist in Deutschland auch erst im 19. Jahrhundert abgeschafft worden, das ist noch nicht so lange her. Und das Ganze hat auch eine ungeheure Komik, dass ein Mensch einem anderen gehört. Da stirbt zum Beispiel einer mit einer Riesenbibliothek und vererbt womöglich seinen griechischen Sklaven, einen Philosophen, an seine Tante. Und die ist womöglich Analphabetin.

??? "Wie groß ist die Chance, dass die Leute wieder anfangen, in der Öffentlichkeit Lieder zu singen?" haben Sie einmal gefragt. Wie groß ist sie?

Gerhard Polt: Das wissen wahrscheinlich die Biermösl Blosn besser als ich. Sie haben die traditionelle bayerische Musik hierzulande wieder in das Bewusstsein der Leute gebracht, weil sie neue Texte geschrieben haben, die die Leute ansprechen. Die alten Texte sind ja kaum noch nachzuvollziehen. Ich glaube, dass viele nicht einmal mehr die erste und zweite Strophe von "Stille Nacht" singen können. Es ist traurig, dass nur noch so wenig gesungen wird, weil der Mensch dadurch eine hervorragende Möglichkeit vergibt, seine Seelenlage zu äußern.

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