Freunde des Hauses //
Sven Offen

"Man kann auch mal 'hässliche' Bildausschnitte nehmen..."

Interview mit Sven Offen, Regisseur von Live-Konzerten zwischen Dortmund und Buenos Aires (im Oktober 2003)

??? Du arbeitest als Regisseur, Redakteur und Editor seit 1994 von Wien aus. Warum hast Du Deiner Heimatstadt Hamburg den Rücken gekehrt?

Sven Offen: Ganz banal: wegen Geld. Ich habe in Hamburg für Premiere gearbeitet und dort als Redakteur das tägliche Musikmagazin "Airplay" betreut. Später haben wir das umgestaltet und mit den Fantastischen Vier etwas innovativer betrieben. Die Show hieß dann "Die 4. Dimension" und wurde 1993 unverschlüsselt ausgestrahlt. Zur Produktion davon sollte ich dann eigentlich nur vier Monate nach Wien gehen, doch daraus sind dann mittlerweile zehn Jahre geworden - zuerst als dortiger Geschäftsführer der Produktionsfirma DoRo und jetzt mit der eigenen Produktionsfirma JUST 24/7 Entertainment.

??? Sind ein abgebrochenes Bauingenieurswesen- und Jura-Studium also die optimalen Voraussetzungen für eine solche Medienkarriere?

Sven Offen: Nein, überhaupt nicht! Jura hatte für mich immerhin den Vorteil, dass man dabei lernt, wie man in kurzer Zeit sehr viel über eine bestimmte Sache erfahren kann. Ich hatte einfach Glück, mit diesem Medienkram zu starten, als das Privatfernsehen anfing, und damit erfolgreich zu werden. Mittlerweile gibt es ja überall die Mediengestalter-Ausbildung, aber damals konnte man auch noch nach einem Praktikum einfach irgendwo reinrutschen. Die Macher waren alle sehr offen, da hat kaum mal einer nach Reputationen gefragt.

??? Wann hast Du denn damit begonnen, Konzerte im Bild festzuhalten?

Sven Offen: Kameramäßig hatte ich mich vorher nur mit Fotographie beschäftigt, also Fotos von irgendwelchen kleinen Konzerten gemacht, ob nun in der Fabrik oder in der Markthalle. Die Fotos habe ich ausschließlich für mich selbst gemacht und maximal noch für meine Freunde, die mit mir da waren. Das war überhaupt nicht kommerziell ausgerichtet oder beruflich engagiert. Musikalisch habe ich mich dabei immer für Rock interessiert. Mein erstes Konzert in Hamburg war Ian Gillan im Audimax, irgendwann in den 70ern. Als der Punk aus England rübergekommen ist, war das natürlich auch sehr interessant.

??? Was waren Deine Lieblingsbands?

Sven Offen: Wenn die Ramones gespielt haben, war ich eigentlich fast immer da. Social Distortion habe ich auch sehr gemocht, auch wenn die etwas später kamen. Weitere Favoriten dieser Zeit waren Stiff Little Fingers, Devo, Clash und Damned sowie nebenbei noch Aztec Camera und ABC. Und dann haben mich immer Bands fasziniert, die etwas aus dem Rahmen gefallen sind, wie zum Beispiel GWAR. Meine große Leidenschaft ist aber schon immer der Punk gewesen - von lokalen Bands wie Die Golden Zitronen oder Rocko Schamoni bis hin zu allem, was so in der Gegend gespielt hat.

??? Wie bist Du dann zum professionellen Filmen von Live-Konzerten gekommen?

Sven Offen: Seitdem ich zwölf bin, habe ich mich im privaten Bereich mit Musik beschäftigt: Platten kaufen, Platten klauen, das ganze Programm. Während des Studiums habe ich festgestellt, dass ich nicht Jurist werden wollte, und hab dann in meinem jugendlichen Leichtsinn gesagt: "Ich werde jetzt einfach Sportreporter!" Deshalb habe ich mich bei Premiere beworben, weil die zu der Zeit anfingen, Bundesliga-Spiele zu übertragen. Die wollten mich aber nicht haben. Dann hat es sich aber über einen Bekannten ergeben, dass ich als Ausstatter bei der ZDF-Sendung "Die Rote Couch" anfangen konnte. Und dort habe ich den Produzenten kennen gelernt, der hinterher auch für die Musiksendungen bei Premiere zuständig war.

??? Wie bereitest Du Dich heute auf das Abfilmen eines Live-Konzertes vor?

Sven Offen: Wichtig ist natürlich: Wen filme ich gerade? Dazu versucht man sich immer vorher ein Konzert anzuschauen, um zu wissen, wie das Publikum das erlebt. Was passiert auf der Bühne? Gibt es audio-visuelle Verbindungen? Gibt es Dia- oder Filmeinspielungen? Gibt es andere Gimmicks mit dem Licht? Danach versuche ich eine Kameraaufstellung zu machen, die dem Ganzen gerecht wird. Brauche ich zum Beispiel sechs oder zwölf Kameras? Dann versuche ich das Ganze noch mit den Verantwortlichen durchzusprechen, um auch das Licht für die Aktion kompatibel zu machen. Das Kameraauge sieht ja nur 50 bis 60 Prozent vom menschlichen Auge.

??? Wie verhindert Ihr, dass das Konzertpublikum von Euren Arbeiten gestört wird?

Sven Offen: Das hängt stark davon ab, ob man mit klassischen großen Kameras und Kameramännern arbeitet oder zum Beispiel mit einer ferngesteuerten Kamera auf Schienen, mit diversen Kränen oder mit einer Seilkamera. Alles, was ferngesteuert ist und sich bewegt, stört natürlich auch das Publikum weniger. Und Campino hat bei einem Konzert auch mal vorsorglich angesagt, dass sich das Publikum nicht erschrecken soll, dass die Volkshochschule Wuppertal einen kleinen Konzertfilm über sie dreht (lacht).

??? Welche Details sind in der Vor-Konzert-Phase sonst noch wichtig?

Sven Offen: Ich frage mich vorher, ob es irgendwelche Songs gibt, die ich speziell aufschlüsseln möchte. Gibt es ein Stück, bei dem ich nur auf Campino bleiben möchte, weil das dann besonders intensiv wäre? Bei den Hosen-Konzerten ist das für mich relativ einfach, weil ich mittlerweile natürlich sehr viel von denen kenne. Und da passiert auch immer sehr viel im Publikum. Und das ist auch immer ein besonderes Anliegen von mir, zu zeigen, dass sich die Begeisterung auf der Bühne auf das Publikum überträgt und ein großes Miteinander entsteht. Wenn man so eine gute Interaktion hat, versucht man das natürlich auch zu bebildern und im Schnitt zu transportieren: mitsingende Fans, Stagediven, auf den Armen liegen, Pogo tanzen. Bei anderen Künstlern zeige ich das Publikum viel reduzierter. Und auch bei Herbert Grönemeyer ist das eine ganz andere Sache: Da zeige ich zwar auch sehr viele Fans. Da geht es aber nur um das Mitsingen und die Identifikation mit dem jeweiligen Song, aber überhaupt nicht um die Energie, die in der Halle steckt. Das ist bei den Hosen schon sehr speziell.

??? Bei welchem Stück wusstest Du sofort, dass Du Campino in Großaufnahme zeigen wirst?

Sven Offen: Bei zwei Stücken sollte man immer unbedingt auf Campino achten. Einerseits bei "Böser Wolf", weil das ja ein sehr kritischer Text ist, so dass ich immer versucht habe, den Ausdruck im Gesicht des Künstlers zu zeigen. Das ist keine Nummer, die einfach nur energetisch nach vorne geht, das Stück ist ja auch etwas anders aufgebaut. Und der zweite Song, bei dem man immer auf Campino achten sollte, ist "Mehr davon". Dabei ist er eigentlich immer am meisten rumgeturnt, unter die Decke geklettert oder ins Publikum gesprungen. Ein anderer Song, bei dem er oft ins Publikum springt, ist auch noch "All die ganzen Jahre". Das sind auf jeden Fall alles Stücke, bei denen ich vom ersten Ton an auf Campino achte, damit er mir nicht wegläuft, und ich womöglich hinterher nicht mehr weiß, wo der Künstler steckt (lacht).

??? Es ist also auch für Euch jedes Mal wieder eine Überraschung, was auf der Bühne passiert...

Sven Offen: Da ist nichts abgesprochen. Ich versuche das zwar beim Soundcheck immer etwas einzugrenzen, was am Abend alles möglich ist, kriege dann von den Hosen aber immer nur ein nicht genau zu definierendes "Ja, kann sein..." als Antwort. Das lässt sich auch überhaupt nicht voraussagen, sondern entwickelt sich einfach innerhalb eines Konzerts. Es gibt aber immerhin ein paar kleine Hilfen für uns: Wenn zum Beispiel Andi ohne T-Shirt zur Zugabe kommt, dann besteht die Chance, dass er an diesem Abend mit dem Bass ins Publikum springt. Und dann sind wir darauf natürlich vorbereitet...

??? Für das Video "Im Auftrag des Herrn" habt Ihr 1996 in fünf verschiedenen Hallen gefilmt. Wie viele Kameras habt Ihr damals eingesetzt?

Sven Offen: Es gab damals ein Hauptkonzert, das in der Dortmunder Westfalenhalle stattgefunden hat. Und dafür haben wir ein sehr mutiges Konzept entwickelt: Wir haben nur einen professionellen Kameramann mitgenommen und ansonsten alles auf Hi-8-Basis gedreht, damit es fast so wirkte, als wäre es ein Bootleg. Der Kameramann auf der Bühne hatte eine selbstgebaute Steadycam-Vorrichtung, so dass die Bilder sehr ruhig wurden. Alle anderen Kameras waren hingegen fixe Optiken und wurden von Cuttern und Redakteuren bedient. Die wussten damit schon professionell umzugehen, waren aber eben keine gelernten Kameraleute. Dafür waren es aber alles Leute, die auf den Sound der Hosen standen und an ihren Konzerten Gefallen gefunden hatten. So hatten wir in Dortmund zehn Kameras im Einsatz. Und dann sind wir noch zwei Tage auf Tour mitgefahren, mit jeweils zwei Kameras.

??? Und Ihr habt Euch bei den Dreharbeiten auch weiterhin experimentierfreudig gezeigt...

Sven Offen: In Wien haben wir ein paar Sonderschüsse ausprobiert und dafür kleine Funk-Fingerkameras an die Instrumente geschraubt. Das haben wir dort zum ersten Mal ausprobiert, um zu testen, ob die Gitarren oder der Bass dadurch nicht zu schwer werden und ob man da überhaupt noch greifen kann. Wir hatten zwischendurch natürlich auch schon das vorhandene Material gesichtet und geschnitten - und wussten daher, welche Aufnahmen uns noch fehlen. In Berlin haben wir die Fingerkameras dann Andi, Breiti und Kuddel für jeweils ein paar Nummern dran geschraubt. Man kennt diese Einstellung vielleicht aus dem Video-Clip zu "Thunderstruck" von AC/DC.

??? Welchen visuellen Vorteil bringt dieses Verfahren für den Betrachter des Live-Videos?

Sven Offen: Der Raum bringt die Bewegung, der Musiker fegt über die Bühne oder über das Publikum hinweg, aber die Kamera bleibt immer gleich. Dadurch, dass man sehr weitwinklig arbeitet, sieht man dann auch Kuddel ins Bild kommen oder wie sich Andi um die eigene Achse dreht, alles in schneller Reihenfolge hintereinander weg. Im Video-Clip wirkt so eine Geschichte dagegen manchmal doch sehr inszeniert. Und wir waren damals in Deutschland sicherlich die Ersten, die das für eine Live-Produktion eingesetzt haben.

??? In der Westfalenhalle warst Du ja auch selbst an der Kamera...

Sven Offen: In Dortmund hatten wir auf ungefähr einem Meter Höhe, also auf halber Höhe zur zwei Meter hohen Bühne, ein langes Podest montiert - über die komplette Breite der Bühne. Wir wollten so nah wie möglich an den Musikern sein, aber nicht auf der Bühne, damit die Fans nicht auf zwei Kameraleute gucken mussten. Der Band hat es natürlich auch gefallen, dass wir versteckt von unten gearbeitet haben, weil sie ihr Konzert spielen konnten, ohne auf uns Rücksicht nehmen zu müssen. Wir sind aber durch dieses Podest auch sehr, sehr nah rangekommen. Und deshalb ist dann auch Wölli am Schlagzeug im Hintergrund nicht verschwommen, sondern ebenso scharf zu sehen wie Campino.

??? Wie hast Du das Konzert im Graben selbst erlebt?

Sven Offen: Man hat mal gesehen, wie anstrengend es überhaupt ist, auf der Bühne zu stehen, mit dem ganzen Licht und dem was aus dem Publikum zurückkommt. Ich habe eine Bühnenseite bearbeitet und war nie fix an einem Platz. Man ist einfach ständig in Bewegung. Um auch noch andere Blickwinkel zu bekommen, sind wir dann auch noch auf die PA gegangen, was ja sonst nur Campino macht (lacht). Es war die ganze Zeit über extrem spannend. Und ich habe mich echt gewundert, wie schnell diese zwei Stunden und fünfzehn Minuten vorbei waren.

??? Wie ist die Zusammenarbeit mit den Hosen im Vergleich zu anderen Bands?

Sven Offen: Mittlerweile sehr, sehr einfach, weil ich schon sehr viele Konzerte mit ihnen gemacht habe. Jeder Künstler hat natürlich erstmal Angst, dass Kameras auf der Bühne die Show stören. Sie wissen aber mittlerweile, dass ich da nur sehr erfahrene Leute hinstelle, die sich nicht in den Fokus drängen. Die Zusammenarbeit ist sehr angenehm, weil man die Chance hat, immer mal was Neues auszuprobieren. Man kann sehr wild mit Kameras arbeiten, man kann auch mal "hässliche" Bildausschnitte nehmen, einen Kamerawischer oder ein verwackeltes Bild. Live-Videos von Kylie Minogue sind ja immer sehr sauber. Wenn man im Gegensatz dazu mal was Rotziges machen kann, weil es auch irgendwie zur Band passt, gefällt mir das umso besser.

??? Auf dem Video gibt es auch sieben Bonus-Tracks. Gehörten die zum Konzept oder sind die bei der Arbeit entstanden?

Sven Offen: Damals war die DVD ja noch nicht erfunden, deswegen hat man so Szenen noch nicht automatisch dazu gedreht. Es gab aber schon die Idee, dass wir ein paar Specials drehen wollten, um den Fan-Charakter des Live-Videos noch zu unterstützen. Wir sind dann mit Kuddel in Wien zum Tätowieren gegangen, haben im Hotelzimmer gefilmt und auch das "Terrorzentrum" dokumentiert. Die Band hat sich da ja immer vor den Konzerten warmgespielt und das per Monitor vor die Halle übertragen. Wir haben das dann drinnen und draußen gleichzeitig gefilmt. Und die Hosen sind deshalb zu sehen, wie sie eine Coverversion von "Wild Thing" spielen, mit Campino am Schlagzeug.

??? Welche Pannen habt Ihr miterlebt?

Sven Offen: In Karlsruhe wollten wir die Band unbedingt filmen, wie sie aus dem Backstage-Bereich auf die Bühne geht. Wir hingen hinten rum, schauten Bundesliga im Fernsehen, als plötzlich das normale Gemurmel aus der Halle aufhörte und die Auftrittsmusik der Hosen ertönte. Aus unerklärlichen Gründen war wohl das Hallenlicht ausgegangen und daraufhin hatte irgendwer das Intro gestartet. Sofort sprangen alle auf, rannten ganz hektisch Richtung Bühne, die Gänge wurden wirklich in Rekordzeit durchquert. Das Bildmaterial war allerdings so verwackelt, dass wir das nicht benutzen konnten.

??? Nach dieser ersten Zusammenarbeit warst Du 1996 auch für das 1000. Konzert im Rheinstadion verantwortlich...

Sven Offen: Das ist damals live bei Premiere ausgestrahlt worden; wir wollten aber eigentlich auch eine VHS-Produktion daraus machen. Wir haben deshalb drei Leute mit Kameras in die Züge gesetzt, mit denen die Fans aus Berlin, München und Hamburg angereist sind. Wir haben mit Super-8 gefilmt, wie die Hosen mit den "Black Devils" auf Motorrädern zum Stadion gefahren sind. Und wir haben den Aufbau dokumentiert. Es passierte dann aber bekanntlich dieses tragische Unglück, dass ein Mensch gestorben ist, wovon wir im Übertragungswagen aber zunächst nichts mitbekommen haben. Als Feuerwehr und Polizei kamen, haben wir uns eigentlich erstmal nur gefragt: "Sind wir zu laut?" Wir haben dann aber über die Monitore gesehen, dass die Band von der Bühne gegangen ist und Campino backstage mit einem Polizisten gesprochen hat. Das Konzert ist ja dann mit deutlich angezogener Handbremse weitergelaufen. Und auch bei uns war die Stimmung sehr, sehr gedämpft, nachdem Kiki uns die traurige Nachricht überbracht hatte. Wir saßen hinterher nur noch kurz im Hotel, waren total fertig und sind alle früh ins Bett gegangen. Danach stand das auch nie mehr zur Debatte, dass wir das Konzert für ein Video schneiden sollten. Und ich hätte das auch gar nicht gewollt.

??? Du hast danach 1998 und 1999 zwei Weihnachtskonzerte in der Philipshalle live aufgezeichnet. Das Konzert vom 26.12.1998 hast Du auch für das VHS-Video "Wir warten auf's Christkind" zusammengeschnitten.

Sven Offen: Die Weihnachtskonzerte haben immer sehr viel Spaß gemacht, weil die Hosen ja kein klassisches Weihnachtsfest feiern. Auf der Bühne standen immer Weihnachtsbäume oder hingen Christbaumkugeln. Und einmal musste sogar die komplette Crew in Weihnachtsmannkostümen rumlaufen! Wenn man das dann auch nur am Bildrand gezeigt hat, brachte das natürlich auch auf dem Video eine besondere Atmosphäre. Das zweite Konzert wurde damals sogar live auf VIVA ausgestrahlt. Und das war natürlich eine besondere Herausforderung, weil wir es live schneiden mussten und trotzdem ein typisches Hosen-Konzert transportieren wollten. Und dazu gehören nun mal auch sehr schnelle Schnitte.

??? Auf dem Video gab es als Bonus noch den Video-Clip und das "Making Of" zu dem Stück "Auld Lang Syne" zu sehen, an dem Du maßgeblich beteiligt warst...

Sven Offen: Damals war ich noch bei der DoRo und habe ab und zu Clip-Regie gemacht. Ich habe dann den Song zugeschickt bekommen und mit einem Kollegen ungefähr 25 Konzepte dazu geschrieben - von der klassischen Auflösung bis zu ganz skurrilen Geschichten, die nur ganz entfernt etwas mit Weihnachten zu tun hatten. Da hatten die Hosen dann die Idee, das Video mit Freunden auf der Skihütte zu drehen, und wir haben daraufhin diese abgewandelte Version von "Last Christmas" von Wham geschrieben: Skifahren, feiern, Spaß haben, aber weg von dem sauberen Model-Look mit Fondue-Essen, sondern alles viel mehr Hosen-mäßig! Vor Ort - wir haben in einem relativ schneesicheren Gebiet in Österreich gedreht - hat sich dann ergeben, dass ich mehr oder weniger auch die Regie geführt habe, zusammen mit Norbert Heitker. Den Live-Part haben wir damals im "Chelsea", einem kleinen Club in Wien, gedreht. Es war ein richtiges Konzert, bei dem die Hosen unter anderem Namen aufgetreten sind. Und das Ganze ist wohl bis heute eines der wenigen Kneipenkonzerte, die jemals aufgezeichnet wurden.

??? Was war das Besondere an den Aufnahmen zur DVD "En Misión del Señor - Live in Buenos Aires" im März 2000?

Sven Offen: Das war sicherlich auch deshalb spektakulär, weil da am ersten Tag die Bühne zusammengefallen ist. Wir haben an dem Abend sehr schnell die Information bekommen, dass es nicht weitergehen konnte - und wussten nicht, wie die argentinischen Freunde darauf reagieren würden. Am zweiten Tag haben wir dafür Bilder aufgenommen, die man in der Form in Deutschland nicht bekommen kann. Die Fans, die Stimmung und die Gesänge sind in Argentinien schon wirklich extraordinär! Die sind schon vorher total abgegangen und haben schon vor der Halle gesungen. Und es war auch erstaunlich, was da an Aufputschmitteln zu sich genommen wurde. Da sind auch viele Jungs dabei, die auf Klebstoff sind. Und auch vor dem Konzert war schon eine unglaubliche Energie zu spüren, weil die Gesänge sehr laut, sehr lang und sehr enthusiastisch waren. Da wurde natürlich auch schon vor dem Konzert Pogo getanzt - und viele Fans trugen selbstbemalte T-Shirts. Das war ein bisschen wie zu Anfang der Punk-Rock-Zeit hierzulande.

??? Was waren Deine spektakulärsten Bilder?

Sven Offen: Wenn man in einem Land ist, in dem man sich als kompletter Tourist fühlt, und mitbekommt, dass die Hosen auf der Straße erkannt und mit Freundlichkeiten überhäuft werden, dann ist das immer wieder faszinierend. Wir haben beim Konzert natürlich viele Aufnahmen vom Publikum gemacht, um das ganze Chaos zu dokumentieren. Das "Museum" war eine Halle mit drei Galerien und auf die oberste haben wir einen Kamerakran hochgetragen. Dadurch hatten wir eine extreme Hoch-Tief-Bewegung, die man sonst nur ganz selten hinbekommt. Und dadurch entstanden wahnsinnige Bilder, zum Beispiel von diesen Fans, die da mit den Fackeln durch die Halle gelaufen sind, mit bengalischen Feuern, was in Deutschland sofort zum Abbruch des Konzerts geführt hätte. Ein ganz starkes Bild ist natürlich auch, wie Campino in die Masse springt.

??? Habt Ihr noch mehr von Südamerika gesehen?

Sven Offen: Wir sind mit den Hosen auch nach Uruguay rübergefahren, wo sie ein kleines Konzert in Montevideo gespielt haben. Das haben wir auch zu Dokumentationszwecken gefilmt. Der Club lag im Souterrain - und plötzlich setzte ein wahrer Monsun-Regen ein. Es war unglaublich, was da an Wasser runtergekommen ist! Zu Anfang hat man versucht, mit Besen dagegenzuhalten, denn es war leicht abschüssig und lief alles auf den Eingang zu. Im Kassenhäuschen standen aber schließlich 50 Zentimeter Wasser. Und das ist auch alles in den Club reingelaufen. Da hat sich natürlich die gesamte technische Abteilung der Hosen große Sorgen gemacht. Und es wurde dann versucht, das Wasser mit Eimern wieder rauszuschöpfen. Wir haben gedacht, wenn wir jetzt irgendwo den Stecker reinstecken, sind alle gegrillt. Das Konzert hat dann aber erstaunlicherweise doch relativ pünktlich angefangen.

??? Wie hast Du das abgebrochene Konzert in Kuba im Jahr 2001 erlebt?

Sven Offen: Da bin ich privat mitgefahren, habe nur beim Konzert die Kameras ein wenig koordiniert. Als Campino von der improvisierten Bühne auf das Vordach des Jugendklubs geklettert ist, auf der Brüstung stand und eine Milchglaskugel mit seinem Kopf zerschlagen hat, hieß es damals einfach: "Jetzt ist das Konzert aber definitiv zu Ende!" Diesen Aufruf zur ekstatischen Freude konnte die kubanische Polizei einfach nicht mehr erlauben. Das Konzert hat im Endeffekt nur knapp 40 Minuten gedauert.

??? Welche Projekte verwirklichst Du neben Deinen Jobs für die Hosen?

Sven Offen: Ich mache sehr viel Live-Regie für andere Künstler wie Herbert Grönemeyer, Heather Nova, Die Fantastischen Vier, Everlast oder Papa Roach, außerdem aber auch für Opernaufführungen, für Kabarettprogramme oder zuletzt für "MTV-Designerama". Das ist aber normalerweise alles sehr durchinszeniert. Bei Punk-Rock sehe ich dagegen immer gleichzeitig zehn Bilder und kann mir die beste Einstellung auf dem Monitor auswählen. Da ist man einfach im Moment kreativer, während bei anderen Sachen die Kreativität vor allem in der Vorbereitung liegt.

??? Hast Du eine Wunschband, die Du mal gerne abfilmen würdest?

Sven Offen: Social Distortion. Und natürlich hätte ich gerne mal die Ramones gefilmt. Da habe ich aber damals nur ein Interview zustande gebracht. Wenn man noch weiter zurückgeht, hätte ich auch sehr gerne mal eine Visualisierung für Velvet Underground gemacht. Von den neueren Bands würde ich sehr gerne mal Me First And The Gimme Gimmes filmen, auch wenn die Säcke nie nach Europa kommen!

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