"Jede Band träumt davon, ein Nummer-Eins-Album zu haben..."
Interview mit Chris Cheney, Sänger von The Living End (im Januar 2001)
??? Euer Debütalbum war 1998 gleich in der ersten Woche auf Platz eins der australischen Charts. Wie war Eure Reaktion?
Chris Cheney: Es war wirklich erstaunlich. Jede Band träumt davon, ein Nummer-Eins-Album zu haben. Eigentlich hatten wir unseren Erfolg immer daran gemessen, ob wir einen guten Song geschrieben haben, aber der Charterfolg war definitiv ein netter Bonus. Insbesondere vor dem Hintergrund, dass wir unseren 50er Rockabilly- und Psychobilly-Kram zuvor in kleinen Kneipen vor einem Punk-Publikum gespielt haben. Dann plötzlich auf Nummer eins zu stehen, war wirklich verblüffend. Dafür sind wir dankbar, aber es ist auch klar, dass das nicht immer so weitergehen wird. Also muss man das Beste aus dieser Zeit machen. Und es gibt weiterhin genug andere Dinge, aus denen man eine innere Befriedigung ziehen kann, so dass es egal ist, ob das nächste Album wieder auf Nummer eins geht oder nicht.
??? War der Charterfolg denn eine totale Überraschung für Euch?
Chris Cheney: Wir wussten schon, dass es ganz gut laufen könnte. Wir hatten vor dem Album mit "Prisoner of Society" die bestverkaufte Single des Jahres herausgebracht. Die Single erschien auf einem Independent-Label, wir spielten immer noch in Kneipen - und dann wollte plötzlich jeder dieses Stück hören. Ende 1998 erschien dann unser erstes Album.
??? Wie reagierte Euer traditionelles Publikum auf den Erfolg?
Chris Cheney: Ein paar Leute aus der Rockabilly-Szene haben uns das wohl übelgenommen, dass wir plötzlich eine Mainstream-Band waren und vor so vielen Leuten spielten. Aber man kann nicht sein Leben lang an einem Punkt stehen bleiben und immer vor denselben Leuten spielen. Es kamen dann auch einige Typen zu den Konzerten, die ich noch aus meinen High-School-Tagen kannte und die immer über meine verrückte kleine Band gelacht hatten. Doch plötzlich war es eine große Band! Es war natürlich sehr befriedigend, dass sich plötzlich viele Leute für das interessierten, was wir machten. Für viele war das auch eine brandneue Musikrichtung. Die Kids haben sich vorher eher für Soundgarden und Nirvana interessiert, und nun kamen wir mit unserer Mischung aus Rockabilly und Punk und dem Kontrabass daher. Ich bin wirklich glücklich, dass wir mit diesem Sound so viele Menschen begeistern können.

??? Hat das Tradition in Australien, dass eine Band aus der Subkultur so schnell nach oben gespült wird oder habt Ihr von Bands wie Green Day oder Offspring profitiert?
Chris Cheney: Es gibt jede Menge Bands in Australien, die nie die Aufmerksamkeit bekommen haben, die wir jetzt bekommen. Ich denke, dass es eine Rolle gespielt hat, dass wir schon so viele Jahre lang immer wieder live gespielt hatten. Und dass wir schon zu diesen Zeiten viele Fans hatten, die zu jedem Konzert gekommen sind, lange bevor unsere Stücke im Radio liefen. Das ist sehr wichtig in Australien. Die Leute mochten uns, weil wir sehr aggressiv spielten - und das war auch nicht nur auf das Punk- und Rockabilly-Publikum beschränkt. Sicher hat uns die amerikanische Punk-Explosion der 90er auch geholfen und Türen geöffnet. Das entwickelt sich in der Musik immer weiter. Mittlerweile werden schon Bands von den Plattenfirmen unter Vertrag genommen, die sich auf uns berufen!
??? Was sind die größten Schwierigkeiten, wenn man als unbekannte Band in Australien auf Tour geht?
Chris Cheney: Bevor wir in Kneipen gespielt haben, sind wir bei Hochzeiten und Parties aufgetreten. An Touren war zunächst gar nicht zu denken. Wir kommen aus Melbourne und bis zur nächsten großen Stadt, Sydney, fährt man neun Stunden. Es war von Vorteil, dass wir einer speziellen Szene entstammten - mit Punks, Rockern, Skinheads und Psychobillys. Wenn damals 200 Leute zu unseren Konzerten kamen, waren wir glücklich. Aber oft genug waren es viel weniger. Es ist gut, diese Zeit miterlebt zu haben, um die heutige Situation richtig schätzen zu können. Denn wenn wir heute spielen, kommen Tausende von Leuten.
??? Eure größten Einflüsse aus dem Rockabilly-Bereich?
Chris Cheney: Eine Menge europäischer Bands aus den frühen 80ern, die 50er mit der "American Explosion": Johnny Burnett Trio, Buddy Holly, The Crickets, frühe Elvis-Sachen, außerdem Bands wie The Batmobile, Frenzy, Coffin Nails. Früher gingen wir immer in einen bestimmten Shop in Melbourne und kauften all diese Platten. Das war Anfang der 90er, also erst ein paar Jahre her, auch deshalb ist die Entwicklung von The Living End wirklich verblüffend. Unsere Wurzeln als Teenager waren die 50er. Die Typen aus dieser Zeit hatten Speed, verrückte Haarschnitte und Tattoos. Sie waren allesamt nicht unbedingt die perfekten Musiker, aber mit der richtigen Einstellung ausgestattet.
??? Wie seid Ihr mit englischen Punk-Bands wie The Clash in Berührung gekommen?
Chris Cheney: Viele Psychobilly-Bands sind vom Punk beeinflusst worden. Ich habe mir dann mal ein paar Platten angehört und war beeindruckt von den wirklich intelligenten Texten. Unser Bassmann Scott hat auch immer englische Bands wie Madness und The Cure gehört. Es war immer unser Wunsch, verschiedene musikalische Stile auf unseren Alben zu vereinen. Das reicht von 50er/60er-Rock´n´Roll über Punk, Ska und Mod bis hin zum klassischen Rock. Nur in eine Richtung zu gehen, würde einen viel zu sehr einschränken und uns sicherlich auch langweilen.
??? Ihr habt mit "Tainted Love" auch eine Coverversion in Eurem Programm...
Chris Cheney: Da gab es in den Frühachtzigern eine Psychobilly-Band namens The Bluecats, die mir ein Freund mal eines Nachts vorspielte. Ich kannte natürlich die bekannte Version von Soft Cell. Aber seit dieser Nacht haben wir begonnen, das Stück live zu spielen. Und die Leute sind durchgedreht! Außerdem covern wir Adam and the Ants und Elvis Costello. Es ist immer interessant, einen Popsong in einem anderen Stil zu spielen. Wir haben bestimmt schon 150 Stücke gecovert, aber die meisten Texte und Melodien wieder vergessen.
??? Einige Eurer Songs wie zum Beispiel "Prisoner of Society" klingen wie klassische Punktitel - ist das beabsichtigt?
Chris Cheney: Es ist eine Kombination aus mehreren Dingen. Ich möchte immer einen guten Titel haben, weil ich, wenn ich mir ein Plattencover angucke, immer zuerst die Titel einer Band durchlese. Eigentlich sollte man es natürlich nicht davon abhängig machen, ob man eine Platte kauft... Man braucht alles: gute Musik, gute Texte und gute Titel. Es gibt bei uns aber - wie in unserer Musik - unterschiedliche Arten von Titeln. Es ist mir lediglich wichtig, dass sie möglichst direkt und nicht so diffus sind.
??? Wie haben die Kids reagiert, als Ihr 1996 noch unbekannt wart und mit Eurem Kontrabass vor Green Day gespielt habt?
Chris Cheney:Für uns war es natürlich fantastisch, weil es die erste nationale Tour war, die wir überhaupt gemacht haben. Die Kids im Publikum waren eigentlich genauso alt wie wir - und wir hatten den Kontrabass und zu der Zeit auch noch einen Stand-up-Drummer. Damals waren wir noch viel mehr von Psychobilly beeinflusst. Mit der Musik, die wir heute machen, wären wir bestimmt besser angekommen. Die Reaktionen waren aber auch so durchweg positiv. Es gab keine andere Band in Australien, die einen ähnlichen Sound spielte. Deshalb wirkten wir wohl so erfrischend auf die Leute. Heute kriegen wir Post von Kids, die sich Kontrabasse kaufen und statt amerikanischem Punk-Rock lieber 50er-Rock´n´Roll anhören.
??? 1998 habt Ihr dann zum ersten Mal in Deutschland spielt - vor den Toten Hosen...
Chris Cheney: Das war ähnlich wie bei Green Day - ein völlig neues Publikum. Wir haben schnell gelernt, dass wir nicht zu lange zwischen den Songs warten durften, weil sonst die Menge "Hosen, Hosen" rief. Die Reaktionen der Fans und der Hosen selbst waren aber sehr positiv, was vielleicht an unserem musikalischen Background liegt, der in Europa sicherlich noch mehr Leuten etwas sagt als in Australien. Manche Leute meinen in diesen Tagen, dass es schrecklich sein müsse, aus Australien zu kommen, wo wir vor 20.000 Zuschauern spielen, und dann hier alleine womöglich vor 20. Ich finde aber, dass das auch eine Chance und allemal gut für den Charakter ist, dass wir uns in Deutschland erstmal ein Publikum erspielen müssen.
??? Wie hat Ihr die Hosen kennengelernt?
Chris Cheney: Wir haben auf der Warped Tour in Australien mit ihnen gespielt. Wir hatten zu
dem Zeitpunkt lediglich die "Prisoner of Society"-Single veröffentlicht und ausschließlich in
Melbourne und Sydney gespielt. Dann trafen wir also auf die Toten Hosen, ohne zu wissen, wer
sie sind. Ich hielt sie zunächst für eine Kleinstadtband aus der Tschechoslowakei oder so, bis
wir irgendwann hörten, dass sie eine der größten Bands Deutschlands sind. Wir haben sie
uns dann angeschaut - und es war so erfrischend für uns! Ich habe nie The Clash live gesehen, aber wie Campino auf der Bühne rumlief und überall herumsprang wie ein Verrückter, so ähnlich muss das gewesen sein. Das hat uns echt umgehauen. Die Hosen haben sich dann unseren Gig ebenfalls angesehen und wir haben uns hinterher unterhalten. Es war sehr schmeichelhaft, dass sie uns sehr mochten, denn sie spielen schließlich in ganz Europa, sehen etliche andere Bands und haben dann ausgerechnet an einer Band aus Melbourne Interesse gefunden! Bei einem Bootsausflug mit Barbecue für alle Bands habe ich dann mit Campino geredet - und er lud uns ein, mit auf Tour zu gehen. Ein paar Monate später kam tatsächlich der Anruf und Weihnachten haben wir dann in Deutschland gespielt.
??? Demnächst geht es auch nach Neuseeland und Japan - Deine Eindrücke auf der letzten Japan-Tour?
Chris Cheney: Das Land ist komplett verrückt, die Leute sind auch verrückt, aber absolut liebenswert und enthusiastisch. Klar, dass alle Fotos und Autogramme von uns wollten, das ist da nunmal so. Eigentlich haben wir hauptsächlich in kleinen Läden gespielt und zusätzlich bei einem Sommer-Festival - vor 40.000 Leuten. In Japan gibt es halt so viele Menschen, dass sich für jede Szene ein paar finden - sei es für Technologie, Kunst oder Musik. Auch wenn es eine komplett andere Sprache ist, haben sie unseren Stil verstanden und waren geradezu fasziniert. Die Japaner mögen laute Gitarrenmusik halt sehr gern und lieben darüber hinaus alles, was mit Punk zu tun hat.
??? In Australien werdet Ihr mit AC/DC touren - was bedeutet diese Band für Euch?
Chris Cheney: AC/DC waren eine sehr wichtige Band für mich, als ich aufgewachsen bin. Die liefen eigentlich immer im Hintergrund. Jeder in Australien ist mit denen aufgewachsen. Sie sind sozusagen die australischen "Hosen"... Sie sind eine großartige Rock´n´Roll-Band, die wirklich spielen kann und weiß, was Rock´n´Roll bedeutet. Es ist für uns ein Traum, der wahr wird. Und egal, wie es für uns auf der Bühne läuft: wir werden sie uns jede Nacht ansehen und das reicht uns eigentlich auch aus. Das ist auch einer der Punkte, warum es sich lohnt in einer Band zu sein - seine Helden kennenzulernen.
??? Und wie denkt Ihr über Australiens zweite große Band Midnight Oil?
Chris Cheney: Sie sind eine wirklich kraftvolle Band, haben musikalisch alles drauf und die internationale Anerkennung bekommen, die sie verdienen. Die Gitarrenspieler von Midnight Oil sind unglaublich und die Texte wirklich gut. Dazu kommt, dass die Band bis heute beinahe in Originalbesetzung zusammen ist. Wenn wir nur halb so erfolgreich werden wie Midnight Oil, wären wir zufrieden...
??? Welche anderen australischen Bands kannst Du empfehlen?
Chris Cheney: Es gibt wirklich einige sehr gute Bands in Australien, zum Beispiel Area 7, Jebediah, Bodyjar und Powderfinger. Es gibt wirklich viele gute Bands in Australien.
??? Wie wichtig ist das Internet für Euch?
Chris Cheney: Ich habe Computer früher immer gehasst. Das ist nunmal so: Wenn Du etwas nicht verstehst, hasst Du es, weil Du Dich bedroht fühlst. Das beginnt aber, sich zu ändern. Wir betreiben unsere Website sehr gewissenhaft und versuchen, sie möglichst aktuell zu halten. Es macht mir wirklich Spaß, die Kommentare unserer Fans zu lesen, ihre Konzertberichte und ihnen auch mal zurückzuschreiben. Ich glaube, es kann sich keine Band mehr leisten, keine eigene Homepage zu haben.
Mehr über The Living End:
Offizielle Homepage: www.thelivingend.com
Deutsche Plattenfirma: www.wea.de/thelivingend
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