"Kommt mal raus aus Eurem Keller!"
Interview mit Carmen Knoebel, ehemalige Inhaberin des Ratinger Hof, heute Kunstmanagerin (im Dezember 2003)
Campino: "Die ersten Punk-Cliquen im Ratinger Hof bestanden aus Kids, die nicht viel anders waren als
ich - höchstens älter. Man traf sich jeden Nachmittag auf der Ratinger Straße, hing gemeinsam ein paar
Stunden ab, wühlte in den Plattenregalen vom 'Rock On'. Wir waren wohl irgendwie befreundet. Wir waren
es nämlich meist nur hier, in der Altstadt, selten zuhause. Jeder ist hinterher wieder allein nach Hause
gegangen, wenn er das Gefühl hatte, für heute genug gelabert, gesoffen und gepöbelt zu haben."
??? Im Jahr 1974 haben Sie eine neue Ära in der Düsseldorfer Altstadt eingeläutet...
Carmen Knoebel: 1974 haben wir, meine Kollegin Ingrid Kohlhöfer und ich, den Ratinger Hof
übernommen. Ich würde aber heute rückblickend sagen: Das war ein Schuss, der nach hinten losgegangen
ist. Das Domino, das wir vorher betrieben haben, war eigentlich viel besser. Das war ein Laden von
30 Quadratmetern, mit Riesenboxen drin. Die Musik war das Wichtigste und hat alles beherrscht. Der
Ratinger Hof war da eine ganz andere Nummer, erforderte zum Beispiel viel mehr Personal. Und zu dem
Zeitpunkt, als wir ihn übernahmen, war der Hof eher noch eine Hippie-Kneipe mit Teppichen auf den
Tischen und jointsgeschwängerter Luft. Ab 1974 wurde er aber dann eine ziemlich hippe Sache für
Düsseldorfer Verhältnisse.
??? Welche Probleme hatte die Künstlerkneipe Ratinger Hof in den 70er Jahren in der Altstadt?
Carmen Knoebel: Damals musste nur einer mit einem Bier vor der Kneipe stehen, dann war die
grüne Minna da. Wir hatten wirklich erhebliche Probleme damit, dass wir von der Polizei beobachtet
wurden, weil man uns für terroristenfreundlich hielt. Außerdem spielten natürlich auch die sogenannten
Drogen eine Rolle. Wir waren für die Verbrecher! Die Polizei setzte uns immer wieder erheblich unter
Druck und sagten, sie würden uns nicht mehr so aufmerksam beobachten, wenn wir doch mit ihnen
zusammenarbeiteten. Und wir sollten Ausschau nach Dealern halten. Wir haben aber immer nur gesagt:
Bei uns gibt es keine Dealer, so ein Blödsinn!
??? Wer hat denn den Ratinger Hof eigentlich besucht, bevor er zum Punkschuppen wurde?
Carmen Knoebel: Das waren Künstler wie Palermo, Polke, Katharina Sieverding
und mein Mann Imi natürlich. Und sogar Joseph Beuys war ab und zu da. Studenten
von Beuys haben
damals im Ruhrpott das Küchentheater gehabt und sind dann mit ihren Stücken auch
bei uns aufgetreten.
Wir haben immer versucht, uns zu öffnen, und in den Hof noch mehr kulturelles
Leben reinzubringen. Bei
uns gab es dazu als feste Veranstaltung die "Sonntagsgespräche", außerdem ist
das Düsseldorfer
Stadtmagazin Überblick bei uns gegründet worden, und der Keller wurde ab 1977
von vielen Punk-Bands
als Proberaum genutzt.
Der Ratinger Hof: Ende der 70er Jahre eine der Keimzellen der deutschen Punkbewegung
??? Wie hat sich der Ratinger Hof unter Ihrer Leitung sonst noch verändert?
Carmen Knoebel: Den Kahlschlag haben wir Anfang 1977 vorgenommen, den ganzen Kitsch rausgeschmissen
und Neonröhren eingebaut. Die normalen Altstadtbesucher hatten spätestens ab dem Zeitpunkt Angst, bei
uns reinzukommen (lacht). Drinnen konnte sich von da an nicht mehr verstecken, man war gefordert! Und
das machte auch die besondere Atmosphäre aus. Die ersten Punks in Deutschland haben sich ja auch sehr
von den Punks in England unterschieden.
??? Wie waren die Düsseldorfer Punks der ersten Stunde gestrickt?
Carmen Knoebel: Die kamen aus ganz anderen, besseren Elternhäusern als die
aus England. Es spielte sich alles mehr im Kopf ab, als dass es nur der Frust
von Kids war, die nicht angehört wurden. Das
waren zum großen Teil sehr liebe Leute, die einfach einen Ort suchten, wo sie
mal explodieren konnten.
Und da haben sie bei uns eine offene Tür gefunden. Die ersten Punks wie Peter
Hein, die haben ja noch nicht einmal Alkohol getrunken (lacht). Und mir hat
das natürlich auch gut gefallen: Wenn ich da schon
hinter der Theke arbeiten musste, wollte ich wenigstens, dass anständige, selbstbewusste
Gäste hinkommen.
Es ging mir ja nie ums Geldverdienen.
??? Wer hat die ersten Punk-Platten in den Ratinger Hof gebracht?
Carmen Knoebel: Die ersten Platten hat wohl Peter Hein mitgebracht. Hinterher war es aber vor
allem Jürgen Krause, genannt "Der Kamener". Der wohnte in Kamen, kaufte seine Platten aber immer in
Düsseldorf ein. Weil er zwischen Plattenladen "Rock On" und Ratinger Hof keine Möglichkeit hatte, die
Neuerwerbungen zu Hause abzustellen, brachte er sie zwangsläufig mit. Wer sich auch immer sehr gut
auskannte, das war Markus Oehlen aus Krefeld, der an der Kunstakademie studierte. Den habe ich dann
irgendwann gefragt, ob er nicht bei uns Platten auflegen wolle. Und bei mir selbst hat es Klick gemacht,
als ich zum ersten Mal das Hammer-Album "The Modern Dance" von Pere Ubu hörte.
??? Wie wurde der Ratinger Hof dann zum legendären Konzertort?
Carmen Knoebel: 1977 kamen diese ganzen Nachrichten aus England und Amerika. Endlich passierte mal
etwas in der Musik. Wir haben damals ja auch regelrecht darauf gewartet, dass da mal etwas Anderes kommt
als das tägliche Eingelulle. Und ich fand dann Ende 1977, dass die ganze Musik bei uns nur noch Sinn
machte, wenn man auch live auftreten konnte. Wo später die Konzerte stattfanden, hatte sich vorher ein
kleiner Western-Saloon befunden. Da haben wir dann die Billardtische zusammengeschoben, und ich habe zu
den lokalen Punk-Bands gesagt: Kommt mal raus aus Eurem Keller!
Campino Ende der 70er: Hier etwas unscharf, aber schon "frech und charmant"!
??? Wie war das Publikum beschaffen?
Carmen Knoebel: Wenn wir für Wire mal neun Mark Eintritt genommen haben, gab es gleich ein
unglaubliches Gemecker an der Tür (lacht). Die Mischung des Publikums war hinreißend, auf der einen
Seite die ganz jungen, die eifrig Musik machten, auf der anderen Seite wir, die zehn bis 15 Jahre
Älteren. Und wir fanden es ganz toll, mit welcher Frische die auf die Bühne stiegen, ohne wirklich
ihre Instrumente zu beherrschen. Wir hatten Jimi Hendrix und Frank Zappa gesehen, aber das war trotzdem
auch für uns wahnsinnig interessant. Und was uns besonderen Spaß machte, das waren die Texte. Ich
glaube, dass im deutschen Punk die Texte auch viel wichtiger waren als die Musik.
??? Stimmt es also nicht, dass der Düsseldorfer Alltag so war, wie es zuletzt im Buch
"Verschwende Deine Jugend" beschrieben: Schlägereien, zerschlagene Bierflaschen, überall Blut?
Carmen Knoebel: Das hat mich an dem Buch etwas erschreckt: Der Gewaltaspekt war total
übertrieben dargestellt. Was ich eher in Erinnerung habe, ist eine Grundfröhlichkeit, die bei
uns herrschte. Mir kann ja auch keiner erzählen, dass er gerne dahin geht, wo er regelmäßig aufs
Maul bekommt. Einmal ging es allerdings wirklich hart zur Sache, aber da hatte die Band Minus
Delta T den Boden bereitet: Die hatten vorher bei ihrem Auftritt Eis zerschlagen und mit Tierkadavern
rumgespielt. Man darf halt nie vergessen, dass "Verschwende Deine Jugend" ein Roman ist. Beim
Beschneiden der Interviews ist eine Menge unter den Tisch gefallen. Und trotzdem war das Buch ganz
wichtig.
??? Wie war denn damals Ihr erster Kontakt mit ZK, der Vorgängerband der Hosen?
Carmen Knoebel: Die haben mir mal in einer ganz schnellen Aktion die ersten
Graffitis an die Wände des Hofs gesprüht. Da habe ich dann auch mal ein bisschen getobt! Das
haben die aber gar nicht richtig verstanden. Ich habe nämlich nicht grundsätzlich getobt, weil sie
das gemacht hatten, sondern weil ich die Graffitis einfach nicht gut genug fand
(lacht). Zu der Zeit wurden die jungen Bands dann langsam auch musikalisch besser, und man pendelte
dann eben zusammen zwischen Ratinger Hof und Okie-Dokie in Neuss.
Carmen Knoebel betrieb von 1978 bis 1985 das Label "Pure Freude"
??? Wodurch haben sich Campino und Co. von den anderen jungen Punks unterschieden?
Carmen Knoebel: Campino fiel schon damals besonders auf. Der war eigentlich
von Anfang an eine Persönlichkeit. Und der war eigentlich auch von Anfang an ein Frontmann. Der
war frech, aber auch charmant. Eigentlich war er sogar gut erzogen (lacht).
Und dabei war er immer sehr aufmerksam und beobachtete genau, was so im Hof abging. Ich denke,
er hatte auch Vorbilder in den anderen Gruppen, zum Beispiel den Peter Hein. Er hat sich immer
sehr genau angeschaut, was die so machten. Und das war rückblickend sicherlich kein Fehler.
??? Wie haben Sie die anderen zukünftigen Hosen wahrgenommen?
Carmen Knoebel: Andi war auch so jemand, der sich im Ratinger Hof ganz
genau umschaute und wahnsinnig neugierig war. Diese neugierigen Gäste sind mir auch immer mehr
aufgefallen als diese coolen Konsumenten. Trini war etwas älter als Campino oder Andi und hat
deshalb ganz andere Erfahrungen mitgebracht. Er war eigentlich schon damals
diese sehr auffällige, unbestechliche Persönlichkeit, die er bis heute geblieben ist.
??? Was war das Besondere an den Konzerten von ZK?
Carmen Knoebel: Der größte Pogo ging immer bei ZK ab, mehr als bei jeder
anderen Band. Campino
hatte bereits die nötigen Entertainer-Qualitäten, und die Musik war auch entsprechend
angelegt. Andere Bands dieser Zeit wie zum Beispiel S.Y.P.H. haben ihre Musik
an Stellen, wo es abging, eher
mal intellektuell gebrochen. ZK kamen da schon eher aus der Rock-Ecke. Die kamen
einfach von Anfang
an mehr von der Musik, während die anderen Bands ja erst mit der Zeit einen Musikanspruch
kriegten.
Kinderkonzert mit ZK: Carmen Knoebels Tochter mit Kuddel, Fabsi und Campino auf der Bühne
??? Was war das unvergesslichste Konzert mit ZK?
Carmen Knoebel: Das Kinderkonzert. Da haben ZK am Nachmittag im Okie-Dokie
nur für Kinder
gespielt und abends gab es dann ein normales Konzert für die Punks. Das Kinderkonzert
haben sie
wirklich hinreißend gestaltet, sind unter anderem im Clownskostüm aufgetreten.
Den Kindern hat
das so richtig gefallen, die durften dann auch mal auf die Bühne und auf der
Blockflöte spielen.
Dann haben sich die Musiker auch noch an die Wand gestellt - und die Kinder durften
Berge von
Negerküssen auf sie werfen. Das fand Anfang der 80er Jahre statt, und das hatte einfach
Größe, so
etwas zu veranstalten, während andere Bands nur an das abendliche einen Draufmachen
dachten.
??? Sie haben von 1978 bis 1985 das Label "Pure Freude" und zeitweise in Düsseldorf den
gleichnamigen Plattenladen betrieben. Seither sind Sie als Managerin Ihres Mannes, des Malers
Imi Knoebel, tätig.
Carmen Knoebel: Die Endsiebziger waren insgesamt eine unglaublich schnelle Zeit. Und als
ich 1979 im Ratinger Hof ausstieg, habe ich gedacht: Das war es! Jetzt fängt eine andere Zeit an.
Ich habe dann mit meinem Label die Band Belfegore erfolgreich nach Amerika gebracht, bin aber an
Red Crayola pleite gegangen. Jetzt arbeite ich seit fast zwanzig Jahren ebenso selbständig, aber
eben auf einem anderen Gebiet..
??? Haben Sie Gemeinsamkeiten in der Punk- und Kunstwelt feststellen können?
Carmen Knoebel: Es gibt gleiche Gedanken bei Musikern wie Künstlern. Dass man Dinge
herausfordern möchte, dass man Dinge nicht erlauben möchte, dass man als Person seinen klaren
Vorstellungen folgen möchte. Die Ausdrucksformen sind zwar verschiedene, aber die Persönlichkeiten
ähneln sich schon sehr, sind auch gleichermaßen schwierig (lacht). Außerdem hat der Punk die Kunst
ja sehr angeregt. Die "Jungen Wilden" kamen nach dem Punk und nicht umgekehrt. Es musste also erstmal
so etwas Freches auf der Bühne stattfinden, damit die Künstler damals komplett neue Bilder in den Kopf
kriegen konnten.
??? Wie haben Sie den Aufstieg der Hosen zur erfolgreichsten deutschen Rockband erlebt?
Carmen Knoebel: Mit viel Freude. Um die Ecke von meiner Wohnung gibt es noch ein Graffiti von
meiner Tochter: "Die Toten Hosen - Panks forever!" Punks hat sie damals noch mit "a" geschrieben.
Und komischerweise ist das immer noch da (lacht). Das ist der wirklich berechtigte Erfolg der Toten
Hosen. Die haben immer weiter gemacht und versucht, sich weiterzuentwickeln, und das alles: zusammen.
Und anders geht das in einer Band auch nicht. Ich schätze, dass die Hosen über die Jahre ähnliche
Probleme gehabt haben wie jede andere Band auch. Aber die haben das immer gut in den Griff gekriegt,
sich miteinander auseinanderzusetzen.
Zwischen Punk- und Kunstwelt zu Hause: Carmen Knoebel
??? Wie beurteilen Sie denn aus der Kunstsicht das Band-Design der Toten Hosen, den charakteristischen
Totenkopf oder Adler?
Carmen Knoebel: Die empfinde ich als sehr englisch - und die Engländer sind ja auch alle sehr
kitschig und verstaubt (lacht). Dem Andi kann man aber schon mal mit moderner Kunst kommen, der hat
da einen Sinn für. Aber zur Musik passt wohl immer noch eher der englische Muff. Und da habe ich dann
auch nichts dagegen.
??? Zuletzt haben die Hosen für das Plattencover von "Reich & Sexy II" mit dem Fotokünstler
Andreas Gursky zusammengearbeitet. Wie hat Ihnen dieses Bild gefallen?
Carmen Knoebel: Das Gursky-Foto fand ich von der Idee her richtig klasse, war dann aber wütend,
dass diese gute Idee auf so einen glatten Prada-Stil reduziert wurde. Ich hätte mir da eine andere
Coleur von Frauen gewünscht. Ich hätte mir auf keinen Fall gewünscht, dass die alle die gleichen Maße
haben! Da fehlt mir einfach auch die kleine Dicke dabei. Letztendlich ist es trotzdem eher ein gutes
als ein schlechtes Cover geworden. Aber es hätte auch ein sensationelles werden können.
Mehr über die Carmen Knoebel:
Carmen Knoebels Label "Pure Freude": www.purefreude.de
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