"Billy Corgan, der Elefant und ich"
Interview mit Jens Geiger, Reiseleiter der "Auswärtsspiel"-Tour (im März 2003)
??? Du lebst abwechselnd in Deiner Heimatstadt Hannover und in Los Angeles - warum?
Jens: In der Regel arbeite ich mit amerikanischen Bands wie Blink 182, Korn,
Marilyn Manson, Rage Against The Machine oder The Smashing Pumpkins; mit den
Hosen war das jetzt eine Ausnahme. Der Kontakt in die USA hat sich 1993 mit
Bad Religion ergeben, hinterher habe ich auch die komplette Warped Tour
gemacht. Und seitdem rufen mich immer wieder amerikanische Agenten an, und
ich betreue in deren Namen die Bands. Die haben halt in den USA keinen Kiki.
??? Wie bist Du in Hannover in das Musik-Business geraten?
Jens: Ich war immer schon bei Konzerten, mochte diese Atmosphäre, die Kisten, die
Absperrgitter, die VW-Kombis. Ende der 80er Jahre habe ich dann über eine
Freundin Kiki kennen gelernt, der damals noch Tourleiter für
unterschiedlichste Punk-Rock-Bands war. Ich habe dann versucht, etwas
Ähnliches aufzuziehen, was aber in Hannover schwierig war. Deshalb
habe ich dann eine Zeit lang einen kleinen Band-T-Shirt-Versand betrieben
und die T-Shirts in Düsseldorf drucken lassen. Und nebenher war ich Tourbegleiter
für Jäcki Eldorado, der früher auch für die Hosen gearbeitet hat.
??? Was hast Du bei Jäcki Eldorado genau gemacht?
Jens: Ich bin eigentlich zwei Jahre lang nach Hamburg gefahren, habe in seinem
Büro gesessen, in meinem Auto gepennt und umsonst für ihn gearbeitet. Der
hat damals die Goldenen Zitronen, Einstürzenden Neubauten, Abwärts und Rocko
Schamoni vertreten. Mein normaler Werdegang wäre gewesen, in der Uni zu
sitzen. Ich war nämlich zuerst bei einer Bank angestellt - und habe dann
Wirtschaft studiert. Die Sache mit den Bands fand ich dann aber doch
aufregender. Exmatrikuliert habe ich mich übrigens erst vor ein paar Tagen,
über die Semesterzahl will ich nicht reden (lacht).
??? Hast Du das Studium mit 37 Jahren geschmissen, weil Du mittlerweile einen
sicheren Job hast?
Jens: Wer weiß! Es ist halt Musik - und von heute auf morgen kann da alles ganz
anders aussehen. Es geht nicht immer alles so konstant, wie das in
Düsseldorf läuft. Die Bands, für die ich in den letzten drei Jahren
gearbeitet habe und die alle ziemlich groß waren und viel verkauft haben,
sind vielleicht übermorgen gar nicht mehr da. Es gibt kaum irgendwo so eine
Fluktuation wie in der Musik, das Geschäft ist kurzlebig.Wenn eine Band auf
den Musikkanälen rauf- und runtergespielt wird, muss sie sehr pfiffig sein,
um sich etwas Dauerhaftes aufzubauen.Die Realität ist, dass viele Bands nach
ein paar Jahren gar nicht mehr miteinander reden.
??? Was sagt Dir die Ortsangabe "Stade - Schlachthof"?
Jens: War ich da schon mal? Ach, das war 1988 mein erstes Konzert auf meiner
ersten Tour mit Fury In The Slaughterhouse. Damals sollte ich den
Gitarren-Roadie spielen und hatte mir deshalb von Hosen-Roadie Bollock extra
Kuddels kleines Stimmgerät ausgeliehen. Das Ganze schien mir total einfach
zu sein, weil da rote und gelbe Punkte aufleuchteten, wenn die Gitarre
richtig gestimmt war. Bollock hatte mir aber nicht erzählt, dass es sechs
verschiedene Saiten gibt (lacht). Das ging so vier, fünf Wochen gut, dann
war ich aber so schlecht, dass die Band sich entschlossen hat, jemanden zu
nehmen, der wenigstens eine Gitarre halten kann. Ich habe dann auf dieser
Tour nur noch T-Shirts verkauft.
??? Mit welchen deutschen Bands warst Du anfänglich auf Tour?
Jens: Ich war Anfang 20, als ich mit den Einstürzenden Neubauten, Goldenen
Zitronen und vor allem mit Abwärts unterwegs war, zum Beispiel 1990, als
deren Platte "Ich seh die Schiffe den Fluss herunterfahren" auf dem
damaligen Hosen-Label Totenkopf erschienen war. Damals hatte man das
Selbstverständnis "Sechs Freunde ziehen um die Welt", nur dass die Welt
irgendwo zwischen Peine und Minden lag. 1993 übernahm Kiki dann das Booking
von Abwärts, die Platte hieß "Willkommen im Irrenhaus" - und ich blieb
trotzdem dabei. Zufällig waren Abwärts in diesem Jahr bei ein paar Konzerten
Vorgruppe von Bad Religion. Und so kam dann der Kontakt zu Bad Religion
zustande, mit denen ich seit 1993 mehrmals in den USA, Kanada, Australien,
Japan und Südamerika unterwegs war.
??? Wie lief in den Anfangstagen der erste Kontakt zu einer neuen Band ab?
Jens: Es war schon schwierig, wenn man die Musik selbst auch gut fand, dann aber
so einer eingeschworenen Hamburger oder Berliner Gruppe gegenüberstand. Da
war ich dann immer "der Neue". Diese Berührungsängste legten sich aber auch
immer ziemlich schnell. Heute ist das irgendwie dasselbe, irgendwie aber
auch nicht: Ich musste mich zum Beispiel gerade Marilyn Manson vorstellen.
Da hast du also irgendwelche Typen vor dir, die du nur von Pressefotos
kennst und dann beschnuppert man sich halt gegenseitig. Früher hatte man
über den Punk-Rock noch einen gemeinsamen Konsens, hat sich auch mal in der
Kneipe oder bei einem Konzert getroffen. Heute bin ich im Musikgeschäft.
Heike Kraemer
??? Wie läuft die Jobvermittlung heute für Dich?
Jens: Ich habe seit mittlerweile zwölf Jahren meine eigene Firma, zusammen mit
meiner Partnerin Heike Kraemer. In den USA bekomme ich dann oft einfach den
Anruf von einer Agentur, die mir mitteilt: "In zwei Tagen müssen Sie in
Detroit am Flughafen sein!" Das war zum Beispiel bei Korn der Fall. Das geht
wirklich von heute auf morgen. Da steht man dann am Flieger, irgendwelche
Leute, die man vorher noch nie gesehen hat, steigen aus - und dann versteht
man sich miteinander oder nicht. Du bist als Tourleiter ja hinterher wie so
eine Mama, musst nicht nur mit dem Sänger auskommen, sondern auch mit der
Sound- und dem Lichtmann. Schließlich ist man eine längere Zeit auf ziemlich
engem Raum zusammen.
??? Du warst auch von Anfang an bei der Vans Warped Tour dabei...
Jens: Ich habe über Bad Religion Mitte der 90er Jahre die amerikanische Agentur
CAA kennen gelernt, die weltweit Touren bucht. Ich habe dann über die die
Telefonnummer von Kevin Lyman, dem Gründer der Warped Tour, bekommen. Und
der kam direkt ganz unkompliziert bei mir vorbei, hatte einen Zettel mit
Terminen dabei und hat gesagt: "Mach mal!" Und das war dann gleich ein
Engagement für vier ganze Jahre. Die Vans Warped Tour fing damals im Sommer
1997 in Europa an, mit Pennywise, Sick Of It All oder Blink 182. Dann ging
es nach Japan, Australien, Amerika - und dann warst du auch schon wieder in
Europa. Das war ein ständiges Rotieren. Heike betreut übrigens bis heute das
amerikanische Produktionsbüro.
Buchen Jens immer wieder gerne: Darryl Eaton (CAA) & Kevin Lyman (Vans Warped Tour)
??? Was war für Dich das Besondere an der Vans Warped Tour?
Jens: Es war die beste Möglichkeit für Bands, die das sonst nicht konnten,
weltweit zu touren. Die Leute sind dahin gekommen, weil das Eventcharakter
hatte. Punk-Rock und Skateboarden wurden miteinander verbunden. Die Kids
sind alleine wegen der Rampen gekommen. In Deutschland waren wir ja damals
"nur" mit 15 Bands unterwegs, in Amerika haben über 50 Stück am Tag
gespielt. Ich hatte da als Tourmanager sozusagen täglich 600 Leute zu
bedienen. Und die haben auch nie in einer festgelegten Reihenfolge gespielt,
das war jeden Tag anders. Das Publikum wusste nie, wer als nächstes auf eine
der zehn Bühnen kommt. Einlass war immer um zehn Uhr morgens, Ende bei
Einbruch der Dunkelheit. Und das haben die Organisatoren auch mal 19 Tage am
Stück durchgezogen, weil jede Band sowieso nicht länger als eine halbe
Stunde spielen durfte.
??? Welche Bands hast Du Dir selbst besonders gerne angesehen?
Jens: Es gab wirklich jedes Jahr eine Band, die ich besonders gemocht habe - und
für die habe ich mir immer die Zeit genommen, um sie mir anzusehen. Letztes
Jahr, als ich noch mal in den USA vorbeigeschaut habe, fand ich AFI und Good
Charlotte sehr gut. Und bei einer anderen Tour waren Blink 182 meine
Favoriten. Mit denen bin ich dann auch später alleine durch die USA und
durch Deutschland getourt. Bands wie Limp Bizkit und Sugar Ray waren auch
schon dabei und gehörten zu meinen bevorzugten Live-Acts.
Mit den Hosen auf Tour: Jens mit Faust und Tom Nulty
??? Wie kam es, dass die Toten Hosen 1998 an der Vans Warped Tour teilnahmen?
Jens: Die Tour sollte mal wieder nach Europa führen - und deshalb habe ich damals
Kiki angerufen, ob die Hosen daran Spaß hätten. Wir haben dann ausgemacht,
dass sie erstmal in Neuseeland, Australien und Japan mitspielen, um sich das
Ganze anzuschauen. Und ich weiß noch genau, wie die in Neuseeland bei uns
ankamen. Wir waren gerade mit dem Müllwagen Bier holen, da kam uns deren
Minitransporter entgegen. Die Hosen haben dann mit ihren Schlafsäcken mitten
auf einem Schafsfeld übernachten müssen. Einen wirklichen Campingplatz gab
es da nämlich nicht, und dass man Zelte gebraucht hätte, wusste einfach
vorher keiner. Dafür hatten sie auf jeden Fall engere Hosen an als die
anderen Bands, an den Röhrenjeans anstatt den Shorts konnte man sie immer
erkennen (lacht).
??? Was unterscheidet eine Tour mit den Hosen von einer Tour mit einer
amerikanischen Band?
Jens: Erstens sind die in meinem Alter, da gibt es dann auch mal etwas, worüber
man sich unterhalten kann (lacht). Die "Auswärtsspiel"-Tour hat mir wirklich
viel Spaß gemacht. Das war zwar ein Arbeitsverhältnis, aber irgendwie auch
wieder nicht. Wir haben einfach zu viele Gemeinsamkeiten, da hatte man auch
"nach Geschäftsschluss" etwas zum Quatschen. Ein typischer Arbeitstag begann
übrigens mit dem morgendlichen Anruf von Vom: "Where are my shoes?" Dann
verging eine halbe Stunde, dann meldete sich meistens derselbe, der seine
Schuhe nicht finden konnte, weil er auch seinen Pullover nicht finden
konnte. Und eine Viertelstunde vor Abfahrt des Busses kam dann zuverlässig
der dritte Anruf. Da war Vom meistens auf der Suche nach seinem
Backgammon-Spiel.
Backstage mit der Security
??? Was macht für Dich den Reiz aus, ständig auf Tour zu sein?
Jens: Ich liebe es einfach, auf Konzerten zu arbeiten. Ich liebe die Atmosphäre in
der Konzerthalle oder auf dem Open-Air-Gelände - und ich bin auch gerne mit
den Leuten aus diesem Bereich zusammen. Irgendwie sind die alle ähnlich,
egal ob sie den Bus fahren oder den Sound machen. Ich gehe auf Tour einfach
gerne ins Catering und unterhalte mich mit den anderen Crew-Mitgliedern,
weil das immer so eine ähnliche Wellenlänge ist. Der Schauspieler Armin
Müller-Stahl hat mal gesagt, dass er viele "projektbezogene Freundschaften"
hat. Und das ist in der Musik genauso wie beim Film. Dazu erlebt und sieht man
in den unterschiedlichen Ländern natürlich auch immer eine Menge. Ich war zum
Beispiel mal mit den Smashing Pumpkins auf einer Safari in Südafrika. Da
hätte ich vielleicht mal ein Foto machen sollen: Billy Corgan, der Elefant
und ich.
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