"Die Hosen decken einen wichtigen politischen Bereich ab"
Interview mit Funny van Dannen, Musiker, Maler und Geschichtenerzähler (Februar 2000)
??? Funny, wann hast Du angefangen, Musik zu machen?
Funny van Dannen: Mit 15 Jahren ging das los - mit Liedern in unserem heimischen Dialekt. Ich habe auch in einer Tanzkapelle gespielt, wo wir so etwas ähnliches wie Rockmusik produziert haben. Damit sind wir auch im lokalen Jugendheim aufgetreten - wo dann eigentlich schon der Punk losging. Doch bei uns im Dorf habe ich keinen gefunden, der so was wirklich hörte. Ich kann mich ansonsten noch an ein Open-Air-Konzert erinnern, wo ich tagsüber die Texte für die Lieder schreiben wollte, jedoch keine Zeit hatte, und dann abends einfach irgendwas gesungen habe. Die Leute waren schon ziemlich verstört deswegen. Im Jahr 1978 bin ich dann nach Berlin übergesiedelt - aber da hat sich eine Band nie kontinuierlich entwickelt.
??? Welche Musikrichtungen hast Du zu dieser Zeit bevorzugt - Jazz und Punk?
Funny van Dannen: Jazz ist eigentlich übertrieben. Es war einfach chaotisches Zeug mit verstimmter Gitarre. Es hörte sich alles etwas wild an. Da sich mit der Musik nichts richtig entwickelt hat, habe ich hauptsächlich gemalt zu dieser Zeit.
??? Wie ging es danach musikalisch weiter?
Funny van Dannen: Dann traf ich die Lassie Singers - und unsere gemeinsame Anfangsphase war wirklich sehr schön euphorisch. Ich bin allerdings zu dem Zeitpunkt, als es richtig losging, gleich wieder ausgestiegen. Das Touren wäre sehr schlecht mit meinem Familienleben zu vereinbaren gewesen. Wir hatten damals drei kleine Kinder, meine Frau hätte das unmöglich alleine geschafft.
??? Wie lange warst Du insgesamt dabei?
Funny van Dannen: Nur drei, vier Monate. Die erste Single war noch ein Stück von mir und sie haben dann in der nachfolgenden Zeit noch drei, vier Stücke von mir übernommen. Ich habe nur ein paar Auftritte mitgemacht - und danach ging alles ziemlich schnell. Die Frauen bekamen den Kontakt zu Sony und hatten einen ziemlich guten Start. Im Prinzip war ich da sowieso unnötig: Es ging um die drei Frontfrauen und es war eigentlich egal, wer da Gitarre spielte! Ich hätte mich damit wohl auch nicht begnügen können und hätte mitsingen wollen. Doch als ich dann damals aufgehört habe, war es schon ziemlich traurig. In der Zeit danach habe ich meine Lesungen fortgesetzt.
??? Waren zu dieser Zeit schon Geschichten von Dir veröffentlicht?
Funny van Dannen: Die Lesungen waren immer sehr schön, aber veröffentlicht wurde lange Zeit gar nichts. Ich habe meistens in irgendwelchen Kneipen gelesen; auf Lesereisen zu gehen, hätte ich mir gar nicht leisten können. Damals hatte ich halt noch kein Buch und keine Popularität - und es tat sich auch nichts, weil ich fern vom Literaturbetrieb war. Dann lernte ich aber Erich Maas kennen und in Zusammenarbeit mit ihm entstand dann 1991 endlich mein erstes Buch. Es ergab sich außerdem, dass ich nach den Lesungen immer noch ein paar Lieder gesungen habe. Irgendwann ist das dann gekippt, da habe ich dann halt immer mehr gesungen als gelesen. Das Bücherschreiben war eben überwiegend eine brotlose Kunst. Denn wenn es hochkam, wurden vielleicht 1000 Stück verkauft.
??? Hast Du zu diesem Zeitpunkt Texte nur für Dich geschrieben oder auch schon für andere Bands?
Funny van Dannen: Eigentlich habe ich nie für andere Bands geschrieben. Ich glaube, ich könnte mich gar nicht so in andere Leute herein versetzen, um etwas Brauchbares abliefern zu können. Und auch andere Texte kann ich nicht auf Bestellung schreiben. Letztens rief mich zum Beispiel einer vom Stadtmagazin an und wollte einen Berlin-Text haben. Diese Erwartungshaltung der anderen hemmt mich in solchen Momenten. Und es gibt deshalb auch nur ganz wenige, denen ich meine Lieder zur Verfügung stelle, etwa den Hosen.
??? Wie kam es dann zu der Zusammenarbeit mit den Hosen. Bestanden da schon früher Kontakte?
Funny van Dannen: Nein, ich glaube, dass sich Campino mit Rocko Schamoni über mich unterhalten und dadurch die Telefonnummer von mir bekommen hat. Die Hosen hatten zuvor ja auch schon mal das Willi Brandt-Lied in ihrer Radiosendung gespielt.
??? Dann hat Campino also angerufen und Ihr habt euch getroffen...
Funny van Dannen: Ja, denn für mich war das Menschliche erst einmal am wichtigsten. Ich könnte nun mal nichts mit Leuten machen, die ich nicht leiden kann. Da gab es aber von Anfang an keinerlei Probleme, im Gegenteil.
??? Campino meinte, dass er für das "Unsterblich"-Album nur die ernsteren Lieder schreiben konnte und Du bei den lockereren, lustigen Liedern eine große Hilfe warst...
Funny van Dannen: Das kann gut sein. Ich finde es sowieso irre, über so eine lange Zeit wie die Hosen etwas abliefern zu können.
??? Wie seid ihr Euch menschlich nähergekommen und wie entstanden die Texte letztendlich?
Funny van Dannen: Er hat mir erzählt, was er gerade so macht, und ich habe ihm ein paar von meinen Sachen vorgespielt. Stücke, von denen ich dachte, dass sie etwas für die Hosen sein könnten, teilweise vielleicht auch nur als Anregung. Beim Titel "Schön sein" war dann ziemlich schnell klar, dass es wirklich etwas für sie ist. Und als ich das dann das erste Mal richtig von ihnen gehört habe, fand ich das auch ziemlich klasse umgesetzt. Ebenso wie das Bayern-Lied natürlich. Ich war mit den Sachen, die die Toten Hosen aus meinen Ideen gemacht haben, sehr zufrieden. "Lesbische, Schwarze, Behinderte" fanden sie dann ja auch noch okay für ihre Platte. Davor war ich eigentlich immer eher unzufrieden damit gewesen, was andere aus meinen Sachen gemacht haben.
??? Wie waren die Reaktionen auf Dein Hosen-Engagement?
Funny van Dannen: In Kassel stand zum Beispiel zuletzt in einer Zeitung, dass ich eine Platte mit den Toten Hosen gemacht habe - und ob ich deshalb überhaupt noch cool bin. Da frage ich mich, wo diese Leute denn eigentlich leben? Die müssen die Toten Hosen nicht lieben, aber alleine aus politischen Vernunftgründen sollte man doch einsehen, dass die Hosen einen wichtigen Bereich abdecken. Denn wenn ich sehe, dass die Böhsen Onkelz mit einer Single auf Platz zwei kommen können, kann ich nicht verstehen, dass diese Leute etwas gegen die Toten Hosen haben. Das ist doch schwachsinnig. Musik ist darüber hinaus eh Geschmackssache. Scheinbar sehen diese Leute nicht, dass die Toten Hosen sich auf ihrem Level nicht mehr so bewegen können, selbst wenn sie es wollten. Ich habe es für mich immer so gehalten, dass ich, wenn ich etwas nicht mag, es mir nicht anhöre und auch nicht darüber spreche.
Funny Painting
??? Welche inhaltlichen Themen würdest Du den Hosen zuordnen?
Funny van Dannen: Ich habe natürlich so ein paar poetische Bilder und Lieder, bei denen klar ist, dass sie vom Text her nichts für die Hosen sind. Und dann gibt es halt auch Sachen, die musikalisch nichts für sie sind. Und dann gibt es eben Sachen wie "Schön sein" oder "Lesbische,schwarze Behinderte", wo man sich vorstellen kann, dass sie von Bands gespielt werden können.
??? Wie hat Dir das Video zu "Schön sein" gefallen?
Funny van Dannen: Ich fand das sehr gut, vor allem auch Ben Becker. Das ganze Konzept musste kurz vorher noch geändert werden, weil die erste Idee nicht funktionierte. Das Ergebnis fand ich dann überaus befriedigend.
??? Wie ist Dein persönlicher Hintergrund für das Bayern-Lied gewesen?
Funny van Dannen: Ich war als Jugendspieler mal beim niederländischen Zweitligisten Sittard zum Probetraining eingeladen - und die hätten mich auch genommen. Nur mein Dorfklub wollte damals leider 11.000 Mark Ablöse haben und Sittard zahlte für Amateurspieler eben nur bis zu 3.000 Gulden. Danach habe ich aufgehört, weil ich gesperrt wurde. Ich hätte das vielleicht schaffen können - aber damals war ich auch schon in der Zwickmühle, ob ich Sport oder Kunst machen sollte, da das schon zwei ganz verschiedene Szenen waren. In Berlin bin ich mit meinem Sohn früher oft nach Hertha gegangen.
??? Hast Du einen Lieblingsspieler?
Funny van Dannen: Ich mag spielerisch gute Leute mit Charakter, wie zum Beispiel Sebastian Deisler von Hertha BSC...
??? ...und diese Spieler sind bei Bayern nicht zu finden?
Funny van Dannen: Ein Spieler wie Scholl konnte bei Bayern sein Potential nie ausspielen, weil er immer zu sehr
eingezwängt war in dieses Starsystem. Ich bin mir sicher, dass er, wenn er beim KSC geblieben
wäre, ein richtiger Superstar geworden wäre. Bei Bayern steigern sich die Leute nicht mehr. Und auch menschlich haut das nicht hin, wenn da 20 Superstars im Kader stehen, die schon gemachte Leute sind. Ich habe etwas gegen dieses System; das ist für den Fußball schädlich. Ich gucke mir Spiele von Bayern München auch nur ganz selten an, weil sie einfach stinklangweilig sind. Da führen die dann 2:0 und schalten einen Gang runter. Super, denke ich dann, das mache ich beim nächsten Konzert auch. Spiele zehn Lieder und den Rest muss sich das Publikum dann denken. Es ist doch so, dass die Leute bezahlt haben - und dann sollen diese Profis auch 90 Minuten lang kämpfen. Ich bin weit entfernt von Hass auf den FC Bayern, aber ich möchte mal wieder interessantere Mannschaften sehen. Das verstehe ich auch bei Hertha nicht: Die kaufen für 15 Millionen einen Brasilianer, anstatt in die eigene Jugend zu investieren.
??? Kannst Du Dir vorstellen, mal im Vorprogramm der Hosen zu spielen?
Funny van Dannen: Nein, ich will eigentlich gar nicht mehr auf die Bühne. Zu einem Konzert im Februar in der Berliner Volksbühne habe ich mich auch nur überreden lassen. Das war erst als eine reine Kunstausstellung geplant.
??? Wie hat sich für Dich in den letzten Jahren das Leben in Berlin verändert?
Funny van Dannen: Nach dem Mauerfall wurde halt der Verkehr hektischer, aber mich hat das nicht sehr interessiert. Die Baustellen faszinieren mich. Das, was es an Kultur gibt, hat es immer schon gegeben. Es wird halt alles nur ein bisschen größer. Hier in der Ecke Kreuzberg ist das Leben schon gleich geblieben, höchstens etwas aggressiver geworden.
??? Zum abschließenden Abschluss: Hast Du einen Lieblings-Hosensong?
Funny van Dannen: Ich fand das Jägermeister-Lied klasse.
Funny van Dannen: (Die offizielle Biografie)
Funny van Dannen, 1958 in Tüddern geboren, sang bereits mit 16 Jahren Lieder zur Gitarre in
süd-holländischem Dialekt. Einige Jahre später spielte er in Berlin bei diversen Punk- und
Jazz-Bands. Er lernte Werbegrafiker, einen Beruf, den er nie ausübte, war Mitbegründer der
Lassie Singers. Ist Vater von vier Kindern - malt schöne Bilder - schreibt anregende Bücher und singt mit Charme und Belcanto zur E-Gitarre mit einer dermaßen natürlichen, logischen Melodiösität, dass es einen von hinten anspringt und nicht mehr loslässt. Scheinbar harmlos und unangestrengt kommen sie daher, diese Songs - aber vorsicht - sie dringen direkt und tief mitten ins Herz. Seine Geschichten sind voller Humor und Poesie - Absurdes und zartbittere Ironie beleben Funnys Welt der kleinen Alltäglichkeit und des großen Zaubers. Unbeirrt singt er von allem, was das Leben ausmacht, von Einsamkeit, Gefühlswirrnissen, Jugenderinnerungen, Großstadtimpressionen und natürlich und immer, und immer wieder von der Liebe. Funny van Dannen ist ein Gefühlstäter - er ist einer der letzten Romantiker und ein Anwalt der Entrechteten. Er ist einer, der nicht nur unfassbare Songs schreibt, sondern diese in geradezu magischer Weise zum Vortrag bringt.
Campino: "Funny van Dannen ist nicht nur ein Musiker, sondern auch Maler und Geschichtenerzähler - und einfach ein Unikum. Ein ganz, ganz, ganz schräger Vogel. Das lohnt sich immer, den zu sehen, wenn der mal irgendwo ein Konzert gibt - das ist wirklich sehr, sehr unterhaltsam. Und wir haben festgestellt, dass wir eine Ebene von Humor haben und eine gemeinsame Sicht der Dinge. Das war für mich ein tolle Entdeckung, mal wieder jemanden zu finden, mit dem man einen derartigen Austausch hat, der sich auch kreativ äußert. Insofern war das eine ganz wichtige neue Begegnung. Funny ist ein wirklicher Gewinn, und es ist auch locker verabredet, dass wir weiter in Kontakt bleiben wollen, um wieder mal etwas gemeinsam aus der Taufe zu heben."
Mehr über Funny van Dannen:
Homepage: www.funny-van-dannen.de
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