Manchmal sagt er nicht die Wahrheit...
Interview mit Faust, ehemaliger Hosen-Busfahrer und Soundmischer, zum Tour-Inventar gehörend, neuerdings Besitzer der Kneipe "Dr. Faust" in Wanne-Eickel (im Februar 2001)
Am 29.10.2009 starb unser alter Freund und Weggefährte Faust. Er war ein Mitglied unserer Familie.
Seit 1982 gab es fast kein Konzert von uns, an dem er nicht in irgendeiner Form beteiligt war. In den frühen 80er Jahren, als es für uns nahezu unmöglich war, eine PA für unsere Konzerte aufzutreiben, weil die normalen Verleihfirmen ihr Equipment nicht an Punkbands wie uns vermieteten, war er der Erste, der den Mumm hatte, den Toten Hosen seine Anlage zur Verfügung zu stellen. Als unser PA-Verleiher und Soundmixer ist er mit uns jahrelang durch die Clubs der Republik gezogen, gemeinsam haben wir legendäre Schlachten geschlagen. Als aus den Clubs Hallen wurden, sattelte er um und wurde für tausende Kilometer quer durch Europa unser eiserner Bandfahrer. Später wechselte er auf die Trainerbank, wo er sich als Bandbetreuer, Doktor und Mann für alle Fälle während der Tourneen um das allgemeine Wohlergehen der Band und gute Laune bei der gesamten Crew kümmerte.
Er war eine Legende. Auch als Faust in den letzten Jahren durch mehrere schwere Erkrankungen zusehends geschwächt wurde, setzte er alles daran, uns weiter auf den Konzerten zu begleiten. Wir sind sehr dankbar, dass wir auf unserer Tournee noch bis zum Juli gemeinsam unterwegs waren und Zeit miteinander verbringen konnten. Mit Faust geht ein Teil von uns und unserer Geschichte. Als Freund, Charakter, Original und großer Geschichtenerzähler werden wir ihn in Erinnerung behalten.
Wir sind sehr traurig und zutiefst getroffen von dem zweiten großen Verlust für uns in diesem Jahr.
Die Toten Hosen
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??? Wann hast Du die Kneipe "Dr. Faust" eröffnet?
Faust: Ich habe den Laden am 22. Dezember 2000 eröffnet, denn ich wollte unbedingt noch vor Weihnachten aufmachen, weil ich mir diese 14 Tage nicht entgehen lassen wollte. In der Kneipe, in der ich früher immer abgehangen und einmal die Woche auch gearbeitet habe, war über Weihnachten immer die Hölle los. Da habe ich mir gedacht: Das musst Du rechtzeitig fertig kriegen! (im Hintergrund wird laut gesägt)
??? Wieso bist Du Kneipier geworden?
Faust: Tja, die Tour ist ausgefallen. Das waren 30, 40 Konzerte, die für mich weggefallen sind. Da ich bislang nur Geld verdient habe, wenn ich auf Tour war, war das ein enormer finanzieller Ausfall für mich. Und weil wir 2001 auch nicht auf Tour gehen wollten, habe ich mir gedacht: Du musst irgendwas machen! Ich bin jetzt 45 Jahre alt und wollte eigentlich schon immer eine Kneipe haben (im Hintergrund wird laut gebohrt). Dann habe ich diesen Laden hier gesehen - aber leider außer acht gelassen, dass sich nebenan ein Krankenhaus befindet und direkt gegenüber der Oberarzt mit seiner 90-jährigen Mutter wohnt! Toi, toi, toi, bisher ging trotzdem alles gut. Und immerhin habe ich jetzt auch mal Nebeneinkünfte, um mein normales Leben außerhalb der Tour bezahlen zu können.
??? Wieso hast Du Dir ausgerechnet eine Kneipe in Wanne-Eickel gesucht?
Faust: Ich war ja schon früher der "Bürgermeister von Wanne-Eickel" - aber nur wegen meines Mantels. In den 70ern hatte ich immer so einen Fischgräten-Mantel von meinem Vater an. Ich kenne hier ja fast alle - und die ich nicht kenne, kennen mich. Wanne ist das Dorf im Ruhrgebiet - mit knapp 100.000 Einwohnern - aber leider ziemlich vernachlässigt worden, als wir Herne angegliedert wurden. Wir hießen dann ja auch "Herne 2". Und es gab kurz nach der Neuen Deutschen Welle auch mal eine Band namens "Herne 3", die sangen: Immer wieder aufstehen, immer wieder sagen: es geht doch! Das alles hier hat den Dorfcharakter bis heute behalten: die betonierte Fußgängerzone, ab 19 Uhr niemand mehr auf der Straße, reihenweise gehen die Läden pleite - und nach zehn musst Du auf der Hauptstraße mit Prügel rechnen! Ich natürlich nicht, ich kenne ja alle großen Brüder...
??? Was gibt es denn Schönes in Wanne-Eickel?
Faust: Vielleicht Fußball. Hier gibt es den DSC Wanne, der auch schon mal Zweitligaklub war. Unser Lieblingsgegner war damals natürlich immer Westfalia Herne. Und dann haben wir noch die Cranger Kirmes. Was sonst noch? Da gibt es nichts. Höchstens noch den Stadtteil, in dem ich geboren wurde, eine Bergarbeiter-/Malocher-Siedlung. Ich habe meine ganze Jugend hier eher unauffällig verbracht, bis ich dann anfing zu pubertieren. Das äußerte sich nach außen so: lange Haare, Jeans, alter Parka, stellenweise auch mal zwölf Zentimeter Lackstiefel oder sogar Mata-Hari-Schlangenstiefel. Ich bin eigentlich immer rumgelaufen wie ein bunter Hund. Gott sei Dank existieren da keine Fotos von!
??? Wie kamst Du zur Musik?
Faust: Ende der 60er fing ich an, komische Musik zu hören. Frank Zappa, Led Zeppelin, Pink Floyd. Anfang der 70er ging es weiter mit Yes, Genesis, Iggy und den Stooges und noch mehr Zappa. Bis 1976 hörte ich sehr viel Kunstrock wie Collosseum oder Blood, Sweat & Tears, Jazz-Rock und Funk-Rock. Dann kam der Punk-Rock - und ich hatte einen kleinen KLM-Plattenkoffer, mit dem ich immer, wenn ich blau gemacht habe, bei Karstadt gesessen habe. Die Verkäuferin in der Plattenabteilung hat immer genau das bestellt, was ich hören wollte. Und wurde dadurch zum Geheimtipp! Diese Platten haben dann wahrhaftig auch ein paar andere Freaks gekauft. Damit war meine ständige Anwesenheit auch gegenüber dem Geschäftsführer gerechtfertigt, der mich schon achtmal rausgeschmissen hatte. Bei Karstadt gab es damals noch eine richtige Plattenbahn mit Kopfhörern. Und zwischendurch bin ich immer auf den Lokus zum Kiffen...
??? Selbst hast Du noch keine Musik gemacht?
Faust: Ich wurde zunächst einmal mit meinem Plattenkoffer zum Partyschreck, weil alle anderen immer nur ihre Disco-Scheiße hören wollten und ich dann mit meinen komischen Platten ankam. Irgendwie habe ich immer überall die Musik übernommen, später auch in Läden in Herne und Gelsenkirchen gearbeitet und aufgelegt. Ich galt immer als der laute Alternativ-Jockey, der jede Tanzfläche leer spielen konnte und dem Geschäftsführer noch ein "Fick Dich!" entgegenbrüllte. Erst als der Punk-Rock kam und ich mir Konzerte neuer Bands wie den Radio Stars oder von Johnny Thunders angeguckt habe, habe ich begonnen, selbst einzugreifen. Die erste Band, bei der ich immer dabei war, war eine Symbiose aus mehreren Künstlern aus Wanne und hieß Piet Kröte´s Peepshow. Die haben alte Rock´n´Roll-Songs trashig-punkig aufbereitet.
??? Wie bist Du dann zu ihrem Soundmischer geworden?
Faust: Anfang der 80er ist meine Mutter gestorben und ich habe ein bisschen Geld geerbt. Alle haben sich gefragt: Holt der sich jetzt einen Daimler oder noch mehr zu Rauchen? Ich wollte aber ein Mischpult haben und habe mir für ein Schweinegeld ein richtig gutes Gerät geholt. Ich wollte eins, wo sich auch was verändert, wenn ich mal an den Knöpfen drehe! Dazu kamen noch ein paar Mikros und Boxen - und so habe ich dann lokal als Soundmischer rumgemacht. Und ich habe Elmar, der in einem Essener Plattenladen gearbeitet hat, kennen gelernt, wir haben einen geraucht und waren von da an Partner. Elmar hat dann auch mit mir die Anlage weiter ausgebaut und Gruppen wie Geier Sturzflug oder die Pussy Krull Band angeschleppt. Ich war außerdem Anfang der 80er mit "Vorgruppe" unterwegs, die ihre Drums auf Tape aufgenommen hatten und auf ihren Casios spielten und verrückte Texte dazu sangen. Die waren einfach hoffnungslos ihrer Zeit voraus - und haben manchen Saal leergespielt. Das war Krach und sehr experimentell.
??? Wie bist Du an die Hosen geraten?
Faust: Jochen Hülder hat in dem Essener Plattenladen - bei unserem Kumpel Jim - die Bose-Boxen für Theatre of Hate ausgeliehen. Nachdem ich ein paar Sets für ihn gemacht hatte, kam er an und meinte: Ich habe da so ein paar Jungs, die heißen "Die Toten Hosen" - willst Du es nicht mal mit denen versuchen? Das war 1982 und praktisch Liebe auf den ersten Blick. Das erste Konzert, bei dem ich dabei war, war in einer Aula von irgendeiner Realschule. Da habe ich dann auch Jon Caffery kennengelernt, der auch mit den Einstürzenden Neubauten arbeitete und dann zum Produzenten der Hosen wurde. Es war Liebe auf den ersten Blick und seitdem bin ich mit den Hosen durch dick und dünn gegangen.
??? Worauf gründete sich diese Liebe?
Faust: Die waren genauso bekloppt wie ich in den 70ern! Die haben alles falsch gemacht - ebenfalls wie ich in den 70ern. Die trugen Lackschuhe und haben ihre Klamotten auch in Gelsenkirchen-Schalke am Güterbahnhof gekauft. Ich konnte mein Leben also noch einmal von außen miterleben und auch öfter sagen: Tut das nicht! Natürlich haben auch wir trotzdem manchen Saal leergespielt, aber es ist alles gewachsen. Elmar und ich haben zu der Zeit parallel immer noch ein paar sichere Nummern eingeschoben, die Adicts, Stiff Little Fingers, Peter and the Test Tube Babies oder Sinead O´Connor, um zweigleisig zu fahren. Die Hosen waren die Hobby-Band, bei denen immer nur einer von uns mitgefahren ist. Stellenweise waren Elmar und ich die einzigen, die Geld bekommen haben. Schließlich haben wir die Kilometer abgerissen und konnten dann nicht immer bei irgendwelchen Punks pennen. Im Tour-Reader stand dann: Faust: Kolpinghaus; Hosen: Kennt Ihr in Stuttgart Leute? Wenn nein, müsst Ihr ganz schnell welche kennenlernen! Erst ab 1989 wollten und konnten die Hosen uns dann beide bezahlen. Das war einerseits klasse, andererseits haben wir das Pech gehabt, dass wir dafür alle anderen Bands aufgeben mussten und nie wieder ins Geschäft reingekommen sind. Parallel hatte dann auch noch jeder Laden plötzlich seine eigene PA.

??? Du warst 1988 auch bei der Aufführung von "Clockwork Orange" im Schauspielhaus Bonn mit von der Partie...
Faust: Da habe ich die ganze Rockproduktion besorgt - auch wenn das bis heute keiner wahrhaben will! Die Hosen sollten am Anfang vom Theaterstück mit "Alex" hochgefahren kommen. Ich hatte ein Budget vom Schauspielhaus, um eine Anlage anzumieten, wollte die Kohle aber nicht irgendeinem Unternehmen in den Rachen werfen. Also habe ich uns ein eigenes Mischpult in England bestellt und bin außerdem mit Elmar nach Berlin gefahren, um eine Prozessor-Anlage abzuholen. Auf der Hinfahrt fiel uns ein, dass wir noch gar nicht über das Licht geredet hatten. Theater-Licht ist ja viel langsamer als Rock-Licht. Ich habe dann an jeder Raststätte mit Jochen Hülder telefoniert und von unterwegs Fluter, Stroboskope und Audience Blender bestellt. Um drei Uhr nachts waren wir zurück am Theater, haben die ganze Nacht das nagelneue Mischpult festgelötet und waren um halb acht fertig, als dann auch das Licht kam. Das war am Tag der Generalprobe und alles sollte funktionieren! Ich habe mich dann noch mit dem Regisseur Bernd Schadewaldt und dem Intendanten angelegt. Trini meinte: Jetzt weiß ich, was das heißt: "Was ein Theater!"
??? Wie bist Du eigentlich zu Deinem Namen "Faust" gekommen?
Faust: Auch wenn es keiner glaubt, das ist mein wirklicher Nachname. Schon im Schauspielhaus hatte ich meine eigene Umkleide mit einem Schild, auf dem stand: "Dr. Faust - alle Kassen". Ich hatte zwei Kühlschränke, einen Videorekorder und alle hingen immer bei mir ab statt in der Theater-Kantine. Da war Ralf Richter dabei, Ingolf Lück, Achim Strietzel und Uwe Fellensiek.
??? 1989 erschien der Videofilm "Drei Akkorde für ein Halleluja", in dem Du als Busfahrer deftige Kommentare abgibst...
Faust: Das war ja so eine Art Zusammenfassung der ersten Phase der Hosen, entstanden aus Videomaterial, das wir unterwegs aufgenommen hatten: Die Fahrt nach Helgoland oder unsere frühen Konzerte im Ostblock, in Polen und Ungarn. Ich bin auch einmal in Frankreich in den falschen Ort gefahren, weil es den Ortsnamen zweimal gab - aber wo ich hingefahren bin, gab es auf jeden Fall mehr Wein! Das ist aber eben auch Rock´n´Roll: Sperr fünf Wahnsinnige sechs Stunden lang im Wagen ein, gib ihnen viel zu saufen, lass sie nicht pissen - und dann schick sie raus auf die Bühne, das ist das Explosivste, was es gibt!
??? Was war der beste Magical Mystery-Gig, bei dem Du dabei warst?
Faust: Der Klassiker ist wohl das Konzert beim Sohn vom Ministerpräsidenten Albrecht. Den Sohn kannten wir; wir wussten nur vorher nicht, dass das Ganze wirklich in dem privaten Luxus-Parkettboden-Anbau von seinem Vater stattfinden würde. Am Eingang gab es sogar Wachtürmchen vom Bundesgrenzschutz! Vorher hatten wir bei einem Malocher-Mädel gespielt, wo die Leute echt ihr Herzblut gegeben und die letzte Pulle Sekt aus dem Keller geholt hatten. Beim Albrecht standen dann so Platten mit Frikadellchen und komischen Brötchen herum. Campi meinte: Eure Schinkenbrote schmecken aber nach Fisch. Und ein Kellner antwortete: Das sind Lachs-Canapés! Der Tag eskalierte unvermeidlich, als Wölli diesen großen Teller geworfen hat, das Hochzeitsgeschenk von irgendwem.
??? Was hat sich seit diesen Tagen auf Tour verändert?
Faust: Heute sind wir auf Tour insgesamt 80 Leute, die die ganze Produktion besorgen. Trotzdem gibt es immer wieder Höhepunkte, macht es immer noch Spaß - auch wenn es hin und wieder Attentate auf mich gibt: Anfang der 90er habe ich mit Elmar auf der Bühne die "Wildecker Herzbuben" gegeben. Der wahre Heino war halt nicht mehr dabei und die Hosen brauchten Ersatz. Ich war mir vorher sicher, dass Elmar nicht mitmachen würde und dass die Jungs die Kostüme nicht auftreiben könnten, was sich aber als doppelter Trugschluss herausstellte. Eine andere Mutprobe war es, bei der Tour mit U2 im Zugabenprogramm als Elvis aufzutreten und "Love me tender" zu singen. Ich hatte immer einen Riesenzettel mit dem Text dabei, trug einen Bademantel, ein Rüschenhemd, Sonnenbrille und Boxershort. Klar, dass Bono das von da an jede Nacht sehen wollte -ich habe ihn aber immer nur mit "Bruno" angeredet!
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