Freunde des Hauses //
Chaos

"Ich habe ein neues Berufsbild kreiert"

Interview mit Chaos, Hosen-Reiseleiter und kellnerndes Unikum
(im Mai 2001)


??? Wie lief die Party zum 5555. Tag des Pinguin-Clubs am 6. April 2001?

Chaos: Es war von vornherein klar, dass nur "Pinguine" das Programm bestreiten sollten, das heißt: alle auf der Bühne mussten zwingend irgendwas mit meinem Laden zu tun haben. Ich - als Wirt - war auch fällig und habe mit meiner Band, den Peace Brothers gespielt. Campino hat bei uns "Teenage Kicks" von den Undertones gesungen - zusammen mit Mark Reeder, der früher im Pinguin gearbeitet hat, und Trevor Wilson vom Columbia Fritz als "Pissed-off-Choir". Ein angemessener Name, denn das war von der Textkenntnis her wieder mal ein großes Abenteuer! Rod von den Ärzten hatten wir bei unserer Coverversion von "Word up" dabei, Alex Hacke von den Einstürzenden Neubauten bei "Kung-Fu Fighting" und außerdem noch eine Bauchtänzerin. Die letzten Gäste sind um halb sechs Uhr morgens rausgetragen worden...

??? Du hast schon in mehreren Bands gespielt, von der Ruckizucki Stimmungskapelle über die Imperial Dance Band bis hin zu den Peace Brothers. Eine Entwicklung vom Deutschpunk zur Coverband...

Chaos: Anfang der 80er Jahre hatte ich mit der Ruckizucki Stimmungskapelle den großen Hit "Niederschlag im Sonderangebot", ein lyrisches Meisterwerk. Zuletzt habe ich mit den Peace Brothers begonnen, Stücke von Metallica, Madonna und Uriah Heep nachzuspielen. Dabei behalten wir den jeweiligen Text bei, verändern allerdings die Musik. Brother Louie von Modern Talking spielen wir mehr im Sinne von Iggy Pop. Zuletzt sind wir in Berlin auch vor den Leningrad Cowboys aufgetreten. Das Projekt läuft nach dem Motto: Friede den Hütten - die Peace Brothers in den Rockpalast!

??? Über der Kneipentür hängt ein Schild mit der Aufschrift "Treffpunkt der Künstler". Hat das eine tiefere Bedeutung?

Chaos: Hier wird natürlich kein Tee gekocht und bestimmt nicht über die neuesten Malereien von irgendwem diskutiert. Lesungen finden eigentlich auch ziemlich selten statt (lacht). Es sind aber in der Tat viele Künstler hier, aus den verschiedensten Sparten: bildende, musikalische, Filmleute - oder auch Lebenskünstler. Klar, dass wir für irgendwelche künstlerischen Veranstaltungen auch immer offen sind, nur: Teekochen ist nicht! Ein Gästebuch haben wir auch nie geführt. Ich wollte, dass die Leute einfach so hierhin kommen können und dann auf keiner Bühne stehen, falls sie denn zufällig prominent sind. Mir sind alle Gäste gleich wichtig; wir sind ja nicht das Hard-Rock-Café.

??? Die Ärzte haben ihre erste goldene Schallplatte bei Euch gefeiert?

Chaos: In der ersten Phase des Ladens hatten wir einen Stammtisch, bei dem auch der Felsenheimer als aktives Mitglied dabei war. Da haben wir uns jeden Montag getroffen und unser Stiefelchen getrunken. Er hat das aber irgendwann zeitlich nicht mehr auf die Reihe gekriegt, regelmäßig bei uns anzutreten.

??? Habt Ihr bei der Einrichtung ein bestimmtes Konzept verfolgt?

Chaos: Die Einrichtung ist so alt, da kann sich keiner von uns mehr dran erinnern. Früher hieß der Laden "Harlekin" und war angeblich eine Rock´n´Roll-Kneipe. Hier hängen deshalb immer noch ein paar alte Helden wie Elvis oder Bill Haley an der Wand. Nur Egon Olsen von der Olsen-Bande hängt wegen mir hier. Das ist so eine Reminiszenz an meine Kindheit, weil ich diese dänischen Krimikomödien immer im Ostfernsehen gesehen habe, obwohl ich natürlich selbst aus dem Westen kam. Ansonsten meine ich aber, dass man einem Laden die Seele rausreißt, wenn man zu viel verändert.

??? Die Berliner Zeitung hat Euren Laden die "Antithese zur neuen Mitte" genannt...

Chaos: Wir halten die Fahne hoch wie zu den Zeiten, als die Welt noch in Ordnung war. (lacht) Es war halt so, dass nachdem die Mauer nicht mehr stand, alles nach Mitte und zum Prenzlauer Berg geflitzt ist. Am Wochenende ist bei uns auch nicht mehr so viel los wie früher; unter der Woche hat sich das aber nicht groß verändert. Aber auf Gewinnmaximierung war ich hier sowieso nie aus.

??? Wie hat sich Berlin für Dich in den letzten zehn Jahren verändert?

Chaos: Es ist zweifellos alles größer geworden; wir haben sicherlich ein paar neue Auftrittsorte für die Peace Brothers gefunden (lacht), aber mich betrifft das eigentlich gar nicht. Ich war noch nie auf der Siegessäule und auf dem Ostberliner Fernsehturm war ich auch erst einmal - noch zu Mauerzeiten. Egal ob man nun in so einer Millionenstadt wohnt oder in einem Dorf wie die Hosen, hat man nun mal sein Umfeld von vielleicht hundert, zweihundert Leuten. Für die Hatz nach ständig etwas Neuem bin ich außerdem auch zu alt. Ich weiß, dass ich nichts verpasse; ich habe alles schon gehabt.

??? Du giltst seit diesen Zeiten als "kellnerndes Berliner Unikum"...

Chaos: Früher kam ich mir im Pinguin-Club im Winter wie am Polarkreis vor; da habe ich durch meine Arbeitszeiten drei Monate lang kein Tageslicht gesehen, weil es im Laden keine Fenster gibt. Ich bin ansonsten ein eingeborener Berliner, habe hier mein Abi gebaut und war dann ein paar Jahre lang Karteileiche auf der Uni. Die Studenten waren mir ein zu schräges Volk, mit denen wollte ich nicht in einen Topf geworfen werden. Von 1982 bis 1989 habe ich dann als Tagelöhner im Loft gearbeitet. Im Kommunikationszentrum (KZ) 36 waren auch immer dieselben Leute. Dort haben wir auch immer mit den ganzen Berliner Punk-Rock-Bands gespielt und sind sogar auf einem Sampler gelandet.

??? Kennst Du die Toten Hosen aus dieser Zeit?

Chaos: Zum ersten Mal habe ich die 1982 gesehen. Da haben die vier Tage lang eine kleine Berlin-Tour gespielt, unter anderem auch im "KZ 36", das Teil des Frontkinos in Kreuzberg war. Ich weiß noch, dass das am 29. Dezember war, denn da habe ich Geburtstag. Danach haben wir noch ein Bierchen getrunken und uns immer mal wieder gesehen, etwa wenn Campino wegen der Lurkers nach Berlin kam. Dass ich mit den Jungs durch die Gegend fahre, wenn sie in Deutschland unterwegs sind und in den großen Hallen spielen, hat sich erst 1990 ergeben. Länger mache ich das noch nicht. Elmar, Faust und Kiki von der Crew kenne ich aber schon lange, noch aus den Zeiten im Loft. Elmar und Faust waren mit ihren verschiedenen Bands andauernd in Berlin. Und Kiki hat damals als Tourleiter unter anderem Alien Sex Fiend, Ramones, Bad Brains und die Toy Dolls betreut.

Weiße Dreadlocks +
lockeres Mundwerk =
Chaos

??? Was sind Deine genauen Aufgaben auf Tour?

Chaos: Zunächst habe ich mich um das Merchandising gekümmert, dann habe ich mich beruflich verändert (lacht). Ich habe ein neues Berufsbild kreiert, nämlich das des Reiseleiters für Kapellen. Das stand irgendwann mal in der Bravo und da habe ich zu den Jungs gesagt: Das ist ein Titel, den will ich haben! Und seit der "Learning English"-Tour von 1992 war ich der Hosen-Reiseleiter. Das war für mich dann auch wesentlich interessanter, weil ich mir von da an auch die Vorbands angucken konnte. Zweimal bin ich ins Ausland mitgefahren, einmal nach Istanbul - und die Ramones wollte ich mir 1996 in Argentinien auch nicht entgehen lassen. Um Südamerika zu finanzieren, habe ich ein Tourtagebuch über die Erlebnisse in Argentinien und Chile für das Magazin "Rock Hard" verfasst. Mein Fazit lautete: Ich würde mich bei einem Konzert in Südamerika nicht in die erste Reihe stellen. Da wird man derart vollgerotzt, dass man denken könnte, der Argentinier an sich ist ein Lama. Das ist dort ein Volkssport.

??? Welche Hosen-Vorband war über die Jahre Dein Favorit?

Chaos: Eigentlich quer durch den Gemüsegarten: Ich wüsste nicht, wer mir nicht gefallen hätte. Die Begeisterung für neue Bands ist aber nicht mehr die gleiche wie früher. Wenn ich mir heute aber wieder einmal die Dickies anschaue, weiß ich, das wird ein Gottesdienst für mich. Die verehre ich mittlerweile seit über zwanzig Jahren! Bleibenden Eindruck haben bei mir aber China Drum hinterlassen. Was der Schlagzeuger bei denen angestellt hat, da habe ich mit offenem Mund dagestanden. Der hat getrommelt wie ein Berserker und dazu noch völlig komplizierte Linien gesungen! Und mit alten Punkern wie den Lurkers oder U.K. Subs habe ich auch viele lustige Sachen erlebt.

??? Ein Beispiel?

Chaos: Charlie Harper war teilweise als Gast dabei und sollte am Ende des Hosen-Sets auf die Bühne kommen, um einen Song mitzusingen. Aber Charlie Harper ist ein Typ, bei dem der Spruch gilt: Kommst Du heute nicht, kommst Du morgen. Und wenn Du dann nicht kommst, ist übermorgen auch noch ein Tag. Das Problem war also, dass Charlie Harper nie pünktlich am Bühnenrand war. Ich habe mir dann irgendwann Handschellen besorgt und mir Charlie immer eine halbe Stunde vor dem Termin genommen, ihm die Handschellen angelegt - und bin nur noch zusammen mit ihm durch die Halle gegangen! Bei einer Show hat uns Campino auch mal zusammen auf die Bühne geholt und gesagt: "Chaos hat es geschafft, dass Charlie endlich mal pünktlich auf der Bühne ist!" Einmal hat mich dann aber Charlie zurückverarscht: Denn weil ich ihm nicht weh tun wollte, habe ich die Handschellen natürlich nie richtig fest zugemacht. Einmal hatte ich ihn an die Bühne angekettet. Und als ich wiederkam, hatte er sich befreit und hinter einer Kiste versteckt, um sich mein blödes Gesicht anzusehen...

??? Sind die Hosen auf Tour pflegeleichter als Charlie Harper?

Chaos: Einmal hatten wir ein Konzert in München, danach war Dreh für einen Tatort, bei dem Christian Müller Regie geführt hat, der Co-Autor von Gerhard Polt. Das war ein Kriminalfall über einen Mord in der Volksmusikszene und die Hosen haben da als Shanty-Chor ein Seemannslied geschmettert. Hinterher waren wir dann auf dem Weg nach Neumarkt, was bei Nürnberg liegt, also nur 150 Kilometer entfernt. Alle waren völlig entspannt, weil alles reibungslos funktioniert hatte und wir voll im Zeitplan waren. Wir sind dann halt noch irgendwo in München eingekehrt, haben Schweinsbraten gegessen, und sind dann weitergefahren. Vor Ort sind die Jungs ausgestiegen, haben Fußball gespielt, es war blendendes Wetter. Ich saß in meinem Räumchen, machte die Gästeliste fertig, als Wölli reinkam und mich total anpupte: "Chaos, bist Du zu blöd zum Zählen?" Ich wusste überhaupt nicht, was er wollte, dachte es ginge um die Rechnung für seine Minibar im Münchner Hotel. Da warf er mir einen Autoschlüssel hin, außerdem das Kuvert von einer Autovermietung. Und ich dachte: Was hat der Mann für ein Problem? Ich hatte wohl tausend Fragezeichen in meinem Gesicht stehen, was dann irgendwann auch Wölli merkte und fragte: "Hat eigentlich irgendwer bemerkt, dass ich nicht im Bus war?!" So viele sind es bei den Hosen ja eigentlich auch nicht, aber Wölli war in München kacken gegangen. Da muss ich dann aber auch sagen: Selber schuld! Die erste Regel lautet: Beim Reiseleiter meldet man sich zum Kacken ab.

??? Immerhin hat er es alleine zurück zur Band geschafft?!

Chaos: Das war lustig, als er hinterher erzählte, wie es ihm ergangen ist. Er sah den Bus abfahren, ist noch hinterher gerannt, hat ihn aber nicht mehr erreicht. Dann hat er Autofahrer angehalten und gesagt: "Ich bin der Schlagzeuger von den Toten Hosen, folgen Sie diesem Bus!" Die haben ihn aber ausgelacht und gedacht: "Armer alter Mann!" Er hat sich dann halt eine Karre gemietet. Und wir haben hinterher noch tagelang rumgescherzt, was gewesen wäre, wenn er uns hupend auf der Autobahn überholt hätte. Elmar im Bus: "Hey, gib Gas, da fährt einer, der sieht aus wie Wölli." - "Wölli, komm mal nach vorne!" - "Der sieht doch aus wie Du." - "Wölli?!" In den folgenden Tage kam Wölli immer, wenn der Bus angelassen wurde, sofort um die Ecke gesprintet. Da wurde damals auch die Idee geboren, ein Adventure-Spiel für dem Heimcomputer zu entwickeln - mit verschiedenen Schwierigkeitsstufen. Die leichteste Stufe wäre Wölli selbst gewesen: Keine weite Entfernung, er wusste, wo er war und wo er hinmusste, er hatte eine Kreditkarte und einen Führerschein. Das schwierigste Level hätte damals Kuddel verkörpert: Von Marzahn nach München, weite Strecke, Kuddel weiß nie, wo er ist und wo er hinmuss, hat nie eine Kreditkarte dabei - und hatte damals auch noch keinen Führerschein. Die Geschichte, so lustig sie im Nachhinein klingt, zeigt aber auch, warum ich die Hosen so schätze. Denn bei irgendeiner Pussy-Band hätte ich mir danach wohl die Papiere holen können!

??? Was erlebt man noch als Reiseleiter bei den Hosen?

Chaos: Einmal haben mich mal ein paar weibliche Fans angesprochen und erzählt, dass sie mich seit einer Woche beobachten und nun endlich wüssten, was mein Job ist: "Du bist doch derjenige, der die Mädchen aussucht!" Ich habe das zuerst überhaupt nicht geschnallt. Die dachten, ich würde nach dem Konzert die Backstage-Pässe an die hübschesten Mädchen verteilen, die dann zu den Hosen dürfen. Das macht aber keiner bei uns. Da hat mich auch noch keiner aus der Band drauf angesprochen. Ich habe den Mädels dann gesagt, dass ich selten eine Band getroffen habe, die ihren Namen so verdient wie die "Toten Hosen"! In Chile haben wir damals im Goethe-Institut einen Zeitplan für unseren Aufenthalt bekommen. Ich weiß noch, wie Faust sich totlachte, weil dort zum Beispiel drin stand: "Mittwoch, 12 bis 12.30 Uhr: Freizeit". Faust hat damals gefragt: "Was glauben die Idioten denn, wann ich aufstehe?" Unvergessen sind auch die Steaks, die wir in Argentinien - mehrmals täglich - gegessen haben. Die sehen zwar von außen aus wie ein Kohlebrikett, zergehen aber wie nichts anderes auf der Zunge. Da haben einige Herden wegen uns ihr Leben lassen müssen.

??? "Weiße Dreadlocks + lockeres Mundwerk = Chaos", diese Gleichung hat der Guide Berlin aufgestellt. Passt das?

Chaos: "Weiß" stimmt nicht ganz, noch nicht. Das lockere Mundwerk hängt von der Tagesform ab. Manchmal wenn mir einer einen Ball zuwirft, kann ich ihn schon zurückwerfen. Als die Hosen in Berlin für Radio Fritz ihre Radio-Show betrieben haben, hieß das Thema einmal "verrückte Hobbies". Da habe ich gegenüber Breiti so überzeugend davon erzählt, dass ich ein Trekkie sei, dass andere in der Band das wirklich geglaubt haben. Außerdem gab es eine Sendung zum Thema Coverversionen - mit dem Titel: "Erkennen Sie die Melodie?" Da haben wir zum Beispiel "Paranoid" als irisches Traditional gespielt und uns immer selbst angerufen, um die ursprüngliche Band zu nennen. Nur nachdem "Alex" von den U.K. Subs gelaufen war, meldete sich dann scheinbar niemand im Funkstudio. Da "mussten" wir ein paar Mädels aus dem Nachbarstudio holen, die die richtige Lösung parat hatten: "Fanta 4".


Mehr über Chaos:

Pinguin Club: www.pinguin-club.de
Peace Brothers: www.peacebrothers.de

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